Zerschlagung von ThyssenKrupp: Mit einem Denkmal kann man keine Zukunft bauen (STERN)

Medienspiegel 28

Wir wollen nach dem Statement von Sahra Wagenknecht heute auch die kapitalistische, oder, sagen wir, kapitalnähere Sicht zu Wort kommen lassen, denn es ist ja immer wichtig, zu wissen, wo es herkommt, das Unwesen von Firmen wie Elliott, dem neuen Investor bei ThyssenKrupp. Wer sind beispielsweise in Deutshcland die Apologeten des ungebremsten Raubtierkapitalismus auf journalisticher Seite?

Und es hilft nichts, wer sich die Tendenz des Beitrags vor einem Hintergrund anschauen möchte und nicht ganz unbedarft, der klickt bitte hier zum Autor Horst von Buttlar. Ich habe die „Capital“ selbst während des Studiums gelesen, neben dem „mm“ und dem „Handelsmagazin“- sie haben nun einmal mit ihren Beiträgen, die von unzähligen Wirtschaftsstudenten verschlungen wurden und die oft spannend geschrieben waren den Neoliberalismus ideologisch untermauert. Besonders den Staat, als er noch ein bisschen Power hatte, als ein aufgeblähtes, bösartiges Monstrum darzustellen, das nichts im Sinn hat, als der gestressten Wirtschaft immer weitere Knüppel zwischen die Beine zu schmeißen, war sehr en Vogue. Und was ist heute ThyssenKrupp anderes als ein unbeweglicher, dem Staatswesen sehr ähnlicher Tanker, in dem tatsächlich möglicherweise versucht wird, einen Ausgleich zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgeber zu schaffen, und das in der Stahlindustrie, die seit langer Zeit unter Druck steht. Unternehmerische Fehlentscheidungen gibt es ganz unabhängig von der Organisationsform, das sollten wir mittlerweile ebenfalls gelernt haben. Bei den Konglomeraten mag es ein Stahlwerk in Brasilien sein, das große Probleme verursacht, aber die Abhängigkeit von zu wenigen Produkten und Abnehmern kann auch ins Auge gehen.

Ja, es ist wichtig, die Reste der sozialen Marktwirtschaft zu verteidigen und die sind in der Industrie immer noch eher präsent als im wild wuchernden und mit riesigen Allokationsschwierigkeiten kämpfenden Niedriglohn-Dienstleistungssektor, in dem im Wesentlichen nur noch die verdienen, die On-Demand-Sklavendienst-Apps anbieten. Am meisten aber heimsen offenbar die Datensammler ein, soweit man sie als Dienstleister bezeichnen kann und nicht als Räuber klassifizieren muss, die nichts eigenes schaffen, nicht mal ein Stahlband, sondern mit den Rohstoffen anderer hausieren gehen.

Dass von Butltar die Strategie des Siemens-Chefs Joe Kaeser super findet, profitable Werke wie in Berlin dichtzumachen, überrascht mich nicht. Leipzig, Görlitz gar – ein müdes Lächeln bezüglich der sozialen Verantwortung gerade für Ostdeutschland mit seiner dünnen Industrie-Infrastruktur, von einem Unternehmen, das, wenn man schon von Konglomeraten spricht, auch mit diesen Werken und durch diese Werke sehr profitabel war.

Und nun zum wichtigen letzten Absatz des Stern-Beitrages.

Und, ja, es ist ein Unterschied, ob ein einigermaßen frei und vorsorglich handelndes Management wie das von Bayer hier und da eine Sparte abtrennt und sie so ausstattet, dass sie funktionieren kann oder ob ein Ausschlachter („Geier und Pirat“) wie Elliott-Chef Paul Singer am Werk ist, ein typischer Ex-Wallstreet-Banker und aktiver „Neocon“, Angehöriger des konservativ-liberalen Wirtschaftsflügels der Republikanischen Partei der USA, welcher berüchtigt ist für seine Einflussnahme auf die US-Politik und damit auf Volkswirtschaften außerhalb des Landes.

Der zunehmende Protektionismus in den USA, dessen Beginn nicht etwa auf 2016, der Amtsübernahme von Donald Trump, datiert, sondern schon durch die Krise von 2008-2009 eingeleitet wurde, ist im Grunde wie gemalt dafür, in Deutschland auch endlich einmal rudimentäre Spuren einer strategischen Wirtschaftspolitik in Gang zu setzen, aber auch der Fall Thyssen, wie immer er ausgehen mag, wird eine Kanzlerin nicht  zum Umdenken bringen, von der man, wenn man alle ihre Auffälligkeiten zusammenfügt zu einem psychologischen Bild, auch annehmen kann, dass sie die Überlebensfähigkeit nicht nur der hiesigen Industrie absichtlich beschädigt. Aber ThyssenKrupp wird nicht der letzte Fall dieser Art sein, denn überall bei Unternehmen, die genug Streubesitz aufweisen, von denen genug Aktien umgesetzt werden, kann eine Heuschrecke wie Elliott sensible Umbauprozesse nutzen, um Profit zu generieren, der auf Zerstörung fußt.

Dass man auf einem Denkmal keine Zukuft bauen kann, ist übrigens eine bloße Behauptung, außerdem ist ThyssenKrupp kein Denkmal, also etwas, das nur an die Vergangenheit erinnert, sondern ein aktives Unternehmen mit 160.000 Beschäftigten und damit eines der größten in Deutschland. Selbst den denkmalhaften Bestandteil seiner Substanz kann man sehr wohl in die Zukunft integrieren – mit Eignern ohne jeden Bezug zur Geschichte wie Paul Singer erscheint dies hingegen mehr als zweifelhaft.

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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