Im Visier – Tatort 543 / Crimetime 10

Crimetime 10 / Titelfoto (c) BR/Klick/Hauri

Das Polizeiaufgabengesetz

Der Bauunternehmer Max Claudius trennt sich nach einem Geschäftsessen gereizt von seinem Hausbankier Robert Malberg und seiner Schwester Veronika. In der Vergangenheit hat die „Claudius AG“ durch einen rasanten Kursverlust viele Anleger verprellt. Wenig später wird Max Claudius auf der Auffahrt zu seiner Villa erschossen.

Die 16-jährige Lisa Hirlinger, und ihr älterer Bruder Michael gehen abends miteinander aus: Kino, Eisessen und Disco, sind angesagt. Auf dem Heimweg finden sie in der Nähe ihres Hauses eine Waffe. In derselben Nacht vermisst auf dem Moosbach-Hof die junge Bäuerin Mila ihren Mann. Der Landwirt Benedikt „Ben“ Moosbach hat bei einem Aktiengeschäft mit der „Claudius AG“ den ererbten Hof verloren. Kurz nachdem er verkauft hat, wurde der Grund als Bauland ausgeschrieben. Ben fühlt sich betrogen.

Der Tod ihres Bruders, des Vorstandsvorsitzenden der „Claudius AG“, stellt die Erbin Veronika vor neue Entscheidungen. Zusammen mit Max‘ persönlichem Assistenten Albert Potter schaut man entschlossen in die Zukunft. Max war ein „Menschenfreund“, von einem Komplott gegen Kleinbauern und Anlegern kann keine Rede sein. Auf dem erworbenen Land soll die neue S-Bahn-Trasse gebaut werden. Damit stünde die „Claudius AG“ wieder auf solider Grundlage. Ministerialdirektor Zubrodt, einer der Aufsichtsräte, macht Veronika Claudius Mut.

Die Münchner Kommissare Franz Leitmayr, Carlo Menzinger und Ivo Batic folgen bei ihren Ermittlungen der Spur des Geldes. Wo war Sekretär Potter? Welche Interessen verfolgt Veronika? Sie übergibt ihnen ein Video: Ben Moosbach hatte Max während einer Aktionärsversammlung öffentlich des Betrugs bezichtigt und körperlich angegriffen.

Auf Moosbachs aufgelassenem Bauernhof finden die Beamten in der Mülltonne einen Störsender und eine Sturmmaske, die beim Mord an Max Claudius verwendet wurden. Wo hat Benedikt Moosbach die Tatwaffe versteckt? Als die Kommissare den Verdächtigen festnehmen wollen, flieht Moosbach. Leitmayr will ihn mit seiner Schusswaffe stoppen, doch er zögert den Bruchteil einer Sekunde zu lange.

Völlig überraschend werden Batic und Leitmayr von dem Fall abberufen. Polizeidirektor Huber teilt ihnen mit, dass der gesuchte Moosbach offensichtlich einen Bankraub mit Geiselnahme in Szene gesetzt hat, um wenigstens einen Teil seines verlorenen Geldes wiederzubekommen. Der Bankräuber hat sich im Bankhaus Malberg verschanzt. Eine der Geiseln ist Lisa Hirlinger. Ein Sondereinsatzkommando nimmt Aufstellung. Der Bankräuber fordert Geld und einen Fluchtwagen. In dieser brenzligen Situation lässt sich Franz Leitmayr gegen eine Geisel eintauschen, um Moosbach zur Aufgabe zu überreden.

Die Situation vor der Bank spitzt sich zu. Das Polizeiaufgabengesetz greift. Kriminaldirektor Huber erteilt den Befehl zum finalen Rettungsschuss. Der Ablauf der Situation ist programmiert. 

Rezension

Wir fangen mal so an: Gegenwärtig steht „Im Visier“ auf Platz 53 von über 950 Filmen in der Rangliste des Tatort-Fundus – damit nur auf Platz 9 unter den Münchenern, was für deren überragende Reputation spricht (Stand 09.06.2015). Und das 12 Jahre nach der Erstaufführung des 548. Tatorts, nachdem also viele Fälle hinzugekommen sind, die in der Rangliste ebenfalls ganz oben siedeln. Das hat uns doch etwas überrascht, weil der Film sicher engagiert und auch leidlich spannend ist, aber das Besondere daran ist uns nicht klar geworden.

Außerdem haben uns viele Klischees und Unwahrscheinlichkeiten gestört – vor allem aber die Tatsache, dass manche Bevölkerungsgruppen wunderbar klischeehaft dargestellt werden dürfen, andere natürlich nicht. So versteht es sich beinahe von selbst, dass die Kinder eines Paradeproletariers, der den ganzen Film über dasselbe dreckige, grüne, verrutschte Unterhemd als Oberbekleidung trägt und auch sonst maximal ungepflegt ist, zu Bankräubern werden müssen. Naja, und das so jemand säuft, schlägt, dann wieder sentimental abhängig wirkt, ist ja logisch. Im Grunde hat dieser Mann, der eine Neben-Nebenfigur darstellt, Schuld an dem Teil der Handlung, der sich plötzlich entwickelt und den bisherigen Hauptstrang zur Nebensache macht – auf den man sich aber eingerichtet hat. Der allerdings an der Klischeeverbastelung ebenfalls in beinahe unerträglichem Ausmaß teilnimmt, es aber genau da nicht tut, wo das Klischee mal stimmen würde.

So werden Jungmanager als Denglisch sprechende Arroganzbestien dargestellt, sogar im eher hemdsärmeligen Baugewerbe. Obwohl wir dabei schmunzeln mussten, weil wir diesen verquasten Hohlsprech kennen, wenn auch gerade nicht aus dem Bauwesen, fanden wir den Typ in dieser Firma irgendwie deplatziert. Der eigentliche Bauunternehmer zahlt Bauern nach dem Selbstmord eines von ihnen Geld zurück, das diese verloren haben, weil sie einst Land gegen Aktien der Baufirma an diese abgegeben haben. Da wurden sie eigentlich gar nicht übertölpelt, sondern auch Opfer ihrer Gier, nämlich zu dem eigentlichen Kaufpreis später noch Veräußerungsgewinne einzuheimsen. Dummerweise rauschte aber die Aktie des Bauunternehmens in den Keller. Es handelt sich demnach um eine AG, um ein größeres Unternehmen, in das wohl doch mal so ein Denglischer geschlüpft ist, der vermutlich BWL studiert hat, nicht Bauingenieur o. dgl.

Aber dass der  Miteigentümer umkommt, weil er zu sozial handelt und den rabenschwarzen Mitmanagern ein Dorn im Auge ist, gehört zu einer seltsam unbayerisch anmutenden Märchenstunde. Wir gehen eher mit, wenn die Baubranche so richtig und ausnahmslos als rüde dargestellt wird, denn das ist sie wirklich. Wer da nicht mit maximaler Härte vorgeht, auch gegen die Konkurrenz, wer nicht versucht, Ausschreibungen auf die illegale Tour zu gewinnen, de wird nicht weit kommen. Insofern ist der auf die verlogene Schwester des guten Unternehmers scharfe „Ministerialdirigent“ nicht so unrealistisch, mit seiner Parteilichkeit – vermutlich sitzt er im Bauausschuss der Stadt. Dass er aber dem Polizeichef quasi befiehlt, einen unliebigen Typ umzubringen, den er für den Bankräuber im  zweiten Strang der Geschichte hält, das ist wieder eine dieser uneleganten Überziehungen, die vom eigentlichen Kern des bayerischen Spezitums ablenkt, der gewiss weniger tödlich als seinen Teilnehmern dienlich ist.

Die Verknüpfung zweier oder dreier im Grunde unvereinbarer Themen, von denen eines zurückgedrängt werden muss, damit die Inszenierung des anderen nicht zu rudimentär gerät, macht den Film uneben, und trotz guter Einzelszenen, insbesondere mit den damals noch drei Münchener Ermittlern (Leitmayr, Batic, Menzinger) kann keine maximale Konzentration entstehen, weil man während des Bankraubs immer denkt, was ist denn jetzt mit den anderen Figuren, sind die jetzt ganz raus oder wird’s da auch noch was wie eine Auflösung geben? Wenigstens die eine oder andere Parallelmonatage hätte sein dürfen, das hätte auch die Spannung der Geiselnahme nicht verringert. Man hätte das sogar in einer Art sozialpolitisch relevanten Kontrast setzen können, die armen Kids, die vom Süden träumen und denen ein Raub aus dem Ruder läuft (was soll er sonst tun?) und die Unternehmer und Politiker, die alles haben und deren Gier nicht endet.

Insofern müssen wir das „unvereinbar“ vom Beginn des letzten Absatzes ein wenig relativieren, denn es kommt immer auf das „wie“ an. Man kann alles miteinander verknüpfen, wenn man ein originelles Konzept dafür hat. Bei einer bezüglich des Handlungsablaufes besser organisierten Doppelpoligkeit wäre auch nicht so ins Gewicht gefallen, dass die Polizeipsychologen in diesem Film auf hinterfotzige Weise als überflüssig markiert werden. Oder dass Leitmayr einen Kollegen als SEK-Einsatzleiter wiedertrifft, der mit ihm die Polizeischulbank gedrückt hat und dadurch mit seiner eher mittelmäßigen Karriere konfrontiert wird und damit, dass er auch privat nicht viel erreicht hat. Daraus hätte man deutlich mehr machen können, um seinen Background zu stärken. Einen ähnichen Ansatz für Batic haben wir bisher übrigens in keinem Tatort gesehen.

Angenehm ist die konzentrierte, engagierte, aber auch vergleichsweise zurüchaltende Spielweise der Polizisten, wobei sich uns nicht erschließt, dass Batic den Bauer, den man für den Bankräuber hält, tatsächlich als sein eigenes Gegenbeweisstück zum Ort des Raubes mitbringen muss, damit man ihm endlich glaubt, dass dieser nicht in der Bank sitzt und Forderungen stellt.

Fazit

Stilistisch fällt vor allem die in Sepia gehaltene Farbgebung mit den (zu) starken Belichtungskontrasten bei diesem Tatort auf, allerdings waren die 2000er auch das Jahrzehnt, indem man versucht hat, die Optik der Tatorte an die moderne Videoclip-Ästhetik anzupassen. Es ist aber ein Unterschied, ob man nur einen Clip in übertriebenem oder untertrieben-übertriebenen optischem Layout anschaut, oder ob man diese Farb- und Kontrastverschiebungen mehr oder weniger über 90 Minuten aushalten muss. Da ist die mittlerweile häufig anzutreffende Auswaschung der Farben hin zu einem wunderschönen Blaugrau ebenso stimmungsvoll und vor allem traurige oder kühle Momente unterstützend, ohne dass man ständig denkt, man hat etwas mit den Augen.

Allerdings ist das auch Geschmacksache, wie weit man einem Fernsehrimi einen dezidierten Stil zubilligt, heute geht so Vieles, dass wir die Farbgebung von „Im Visier“ nicht in die Wertung einfließen lassen, sondern beim Inhalt verbleiben.

Im Durchschnitt liegen unsere Bewertungen aufgrund eines anderen Ansatzes etwas über denen, die Tatorte durchschnittlich beim erwähnten „Tatort-Fundus“ bekommen, dieses Mal nicht:

6,5/10 sind wenig, für einen München-Tatort.

© 2018, 2015 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie    Peter Fratzscher

Drehbuch           Sabine Bühring und Peter Fratzscher

Musik   J. J. Gerndt

Kamera                Alexander Fischerkoesen

 

Miroslav Nemec: Kriminalhauptkommissar Ivo Batic

Udo Wachtveitl: Kriminalhauptkommissar Franz Leitmayr

Michael Fitz: Oberkommissar Carlo Menzinger

Carin C. Tietze: Veronika Claudius

Anian Zollner: Albert Potter

Alfred Kleinheinz: Max Claudius

Patrycia Ziolkowska: Mila Moosbach

Winfried Frey: Ben Moosbach

Jessica Richter: Lisa Hirlinger

Vinzenz Kiefer: Michael Hirlinger

Vitus Zeplichal: Vater Hirlinger

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