China 2020 = 1984

2018-06-24 KommentarKommentar 37 / China-Reihe (1)

 Als ich diese Nachricht in der FAZ las, dachte ich zunächst, ich sei in einer Zeitschleife gewesen und es ist wieder der erste April. Aber der Beitrag ist mit dem Datum 23.07.2018, zuletzt aktualisiert um 14:48 Uhr gekennzeichnet.

Ich gebe zu, dass sich mein Kenntnisstand über die Datenerfassung seit meiner zwangsweisen Auseinandersetzung mit der DSGVO wegen der Datenschutzerklärungen, die ich für zwei Blogs (mit-) verfasst habe, deutlich verbessert und vor kurzem durch diesen Artikel in der Zeitschrift Rubikon geradezu einen Boost erfuhr. Aber was da in China abläuft, hätte ich auch vorher schon als apokalyptisch empfunden.

Zwischenbemerkunge: Liebe Anni, meine Co-Autorin, liest du diesen Beitrag? Da siehst du mal, wie die Menschen in Ländern ticken, die unsere neuen Verbündeten im weltweiten Handelswettbewerb sein sollen. Die US-Unternehmen versuchen wenigstens noch, uns alle einzeln zu locken und einzufangen, so viel Mühe macht man sich in China gar nicht erst, da wird gleich alles demnächst zentral und staatlich erfasst.

Ich stelle mir jetzt also vor, alle strengen sich mordsmäßig an, möglichst viele Punkte durch Selbstoptimierung aller Art zu bekommen und dann ändert die Regierung das Bewertungssystem und plötzlich sind Produkte, die zuvor für Pluspunkte gesorgt haben, nicht mehr erwünscht. Ausländische Handelspartner, hört ihr die Zeituhr ticken? Aber das ist nur einer von sehr vielen Aspekten dieser Totalüberwachung, zudem ein eurozentristischer.
Dass sich Menschen freiwillig in Orwell’sche Systeme begeben, das wird uns als kritischen Teilnehmern am Medienbetrieb jeden Tag vor Augen geführt und während zum Beispiel meine Co-Autorin zu denen gehört, die sich Absenz vom Datensammelbetrieb weitgehend leisten kann, auch finanziell, außerdem ja mich als Auge und Ohr in diesem Betrieb hat, trifft dies auf die meisten von uns so nicht mehr zu.

Eines ist sicher: Wenn das bei uns auch alles eingeführt wird, kann ich Parship vergessen, denn allein dieses moderat linksversiffte Schreiben hier (da gibt es viel schlimmere Mitstreiter, aber die sind vielleicht auch längst anders versorgt und müssen sich nicht mehr so dem Wettbewerb stellen), also allein dieses Verfassen von Beiträgen hier bringt aus inhaltlichen und anderen Gründen so viele Minuspunkte, das kann ich nicht mal mit 2 x täglich Sport, vegan essen, nur noch Fahrrad fahren und niemals einen Tropfen Alkohol anrühren und endlich den Roman schreiben, in dem natürlich nichts Gesellschaftskritisches drinstehen darf, ausgleichen. Mein Leben ist im Arsch, dank des Punktesystems, und das alles, weil ich nicht mehr anonym blogge, was natürlich auch in Wirklichkeit längst aufgeflogen wäre und wegen der Vertuschungsabsicht extra Minuspunkte bringen würde.

Aber die Krankenkassen dürfen keine Fitnessdaten auswerten – stimmt das wirklich? Ich habe gerade meine neue Gesundheitskarte bekommen. Sieht genau aus wie die vorherige, nur ist die Oberfläche etwas matter – und wichtig ist wohl innen. Sie kann vermutlich viel mehr als die alte, zum Beispiel eben alle möglichen biometrischen Daten sammeln. Und werden die Krankenkassen nicht doch ein System einführen, mit dem man natürlich nur Pluspunkte sammeln kann und keine Minuspunkte? Wobei doch die Absenz von Pluspunkten genau das ist: ein Minus. Das gab es nämlich schon, wenn auch in umständlicher Papierform: Bestimmte Tarife konnten bestimmte Einsparungen erbringen, wenn man dafür bestimmte gesundheitsfördernde Maßnahmen durchführte. Einen solchen Bonus-Tarif habe ich jetzt nicht mehr, aber ich wollte es nur mal erwähnen – dass solche Ideen bei uns auch nicht gerade neu sind.

Aber doch ein Stück entfernt von der einheitlichen Totalüberwachung. Man könnte sagen, die chinesische Methode braucht ja auch Chinesen, die dabei mitmachen und so doof werden wir doch hier nicht sein, gestählt durch viele Jahre Kapitalismus, Kapitalismuskritik, dass wir uns freiwillig den Aluhut überziehen.

Genau das tun aber 90 Prozent der Bevölkerung, die generell nicht daran denkt, Dinge kritisch zu hinterfragen, sofern sie zu einem Narrativ passen, das man reflexartig abrufen kann. Ich meine dabei durchaus auch einige Genoss_innnen. Wenn wir schon dabei sind: Wenn es das alles schon zu Väterchen Stalins Zeiten gegeben hätte! Dann wäre der Realsozialismus später sicher nicht an seiner Ineffizienz zugrunde gegangen, denn die vielen Mindergenoss_innen, die irgendwie keinen Bock hatten, nur noch damit zugange zu sein, dass sie sich täglich selbst optimieren und in Wirklichkeit damit bloß vom Staat gesteuert werden, die wären ja sofort aufgeflogen und auf Listen öffentlich ausgehängt worden. Jeder VEB in der DDR, wo man sich ja in den 1960ern tatsächlich eh mit Kybernetik beschäftigt hatte, hätte eine eigene solche Liste gehabt.

Was ist jetzt übler? Die Entrechtung und Ausbeutung durch Facebook, Google und Co. oder die durch den chinesischen Staat? Im Grunde sind dies nicht einmal zwei Seiten derselben Medaille, es ist dieselbe Seite derselben Medaille, und die heißt Globalsteuerung. Ich weiß, was das ist, ich habe selbst mal so ein System für geschäftliche Vorgänge entwickelt und war außerdem mal im Controlling tätig. Und was wünschen sich Controller mehr, als wirklich alles kontrollieren zu können? Das für mich erstelle private System, das in der Tat auch mit Belohnungen arbeitet, das nehme ich aber nicht hundertprozentig ernst und kann es außerdem selbst ändern. Weil ich das kann, ist mir aber auch klar, wie manipulativ sowas ist, wenn es von oben einfach vorgegeben wird. Und vor allem verbinde ich das System nicht mit meinem Handy, sodass es nicht auch noch Minuspunkte gibt, wenn ich es wage, durch schlechte Gegenden wie Neukölln zu rennen, mich dort entweder in Gefahr zu bringen oder schlechte Menschen zu treffen, die möglicherweise politisch nicht ganz auf Linie sind – und Pluspunkte, wenn ich zu den Witwen von Wilmersdorf einen Kaffee trinken gehe: Korrektur, nur fair getradeten Tee für 17 Euro / 250g, ich glaube, das war auch eine chinesische Idee, den Tee so zu propagieren.

Leider ist es mit Völkern, die in den Kapitalismus kamen, ohne die Demokratiestufe durchlaufen zu haben nochmal leichter. Eigentlich ist diese Art von Dummheit unfassbar und das wirft ein ganz schräges Licht auf IQ-Messungen, bei denen Asiaten prinzipiell sehr hoch liegen: Dort wird vor allem technische Intelligenz aller Art ausgewiesen, nicht aber soziale Kompetenz oder gar ein Denken über den Horizont hinaus, in den man hineingeboren wurde. Nein, kein Vorwurf, wir sind alle nur Menschen und bei uns gibt es genug Nerds und dann noch mindestens genauso viele, die sich gerne etwas bedeckter halten würden, aber ansonsten aus dem Leben fliegen würden, das ja schon so durchtechnisiert ist.

Ich hasse es mittlerweile, jeden Tag unzähligen Datenschutzerklärungen zustimmen zu müssen, die von allen möglichen Netzteilnehmern vors Tun von irgendwas mit ihnen geschoben werden, weil es einfach nur lächerlich ist. Wer irgendeine Leistung in Anspruch nehmen will, und sei sie noch so basic, der gibt sich preis. Und wer jetzt meint, er sei eh auf der Seite, die so viele Punkte gut hat, der soll bitte den oben verlinkten Rubikon-Beitrag lesen. Doch, so viel noch: Die chinesische Methode zeigt, wo es bei uns auch hingehen kann. Nämlich hin zu einem Machtinstrument, das totalitärer ist als alles, was sich klassische Diktaturen bisher ausdenken konnten. Der Konformitätszwang wird alles andere überragen, sämtliche inneren Widerstände schleifen und die Depressionen werden exponentiell zunehmen. Das haben sie vielleicht bei diesem Modell nicht bedacht, aber ist es wirklich so? Nordkorea funktioniert ja auch irgendwie, auch wenn man den Menschen dort mittlerweile ansieht, dass ihre Welt anders tickt als alle anderen Welten.

Jetzt finde ich es doch geradezu wieder sehr edel von dir, Anni, dass du dich da so gut wie möglich verweigerst, denn du würdest zu den Hochprivilegierten gehören. Gutgestellt, aber nicht obszön reich, also nicht so, dass du eigenständige, systemgefährdende Macht erlangen könntest, sportlich, in vieler Hinsicht sehr bewusst lebend, der Mensch, den ich kenne mit den wenigsten schlechten Angewohnheiten und negativen Eigenschaften, rechtlich schon aus Prinzip ganz und gar unauffällig. Tja, jetzt kommt’s aber. Die Pointe.

Du weißt ja, wir brauchen immer eine Pointe, damit eine Gesichte sich bei einem Wettbewerb gut macht: Allein deine Weigerung, dich total überwachen zu lassen, wird dir unendlich viele Negativpunkte bringen. Noch mehr als mir meine Schreibe bei gleichzeitiger Überwachungsbereitschaft. Und jetzt frage ich nicht nur dich, sondern alle – ist das gerecht? Ist das menschlich? Ist das nicht das Ende aller Freiheit? Und haben wir dieses Ende nicht verdient, weil wir nicht gemerkt haben, wie der Hase in Richtung Diktatur rennt, nur, weil er dabei in Europa und den USA ein paar vorgeblich konsumentenfreundliche Haken schlägt? Also, du hättest es nicht verdient, dass du beispielsweise wegen vieljähriger Widerborstigkeit in Form von Facebook-Verweigerung eine hundertprozentige Rentenkürzung hinnehmen musst, wenn es soweit ist.

Ich finde gerade, das Leben im Widerstand ist ganz schön kompliziert. Aber nach China auswandern ist auch keine Lösung. Da darf ich bei meinem sozialen und politischen Profil nicht mal als Tourist rein. Falls ich aber doch einen Weg finde und mit meiner aus Europa altlastweise mitgebrachten Minuspunktezahl doch zu einem Date komme: Ich werde mich an die Chinesin rechts auf dem Bild halten, die hat etwas weniger Punkte, das fördert die Solidarität und sie ist hübscher. Vielleicht ist das Ganze doch demokratisch: Wie schon in der Schule werden die physisch nicht so Bevorzugten sich besonders anstrengen, hohe Punktzahlen zu erreichen und damit eine Menge Boden gut machen können. Ich merke gerade, ich habe gar nicht verstanden, dass dies nur die Digitalisierung uralter Muster ist und die sind universell. Uff, gerade noch die Kurve gekriegt. Hoffentlich gibt das ein paar Pluspunkte.

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) Unsere bisherigen Beiträge zu China:

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