Falsches Leben – Tatort 748 / Crimetime 14

ES 6.12.2009 / Titelfoto (c) MDR, Andreas Wünschirs

Verlaufen, nicht verrant

Zweimal klingelt der Zitatbote, in diesem Fall ist es der ehemalige DDR-Polizist Norbert Zirner (Volkmar Kleinert), er sagt zu Eva Saalfeld (Simone Thomalla): Man kann sich verrennen, aber man sollte sich nicht verlaufen.

Zum Glück ist die Logik des recht komplexen Falles nicht überall so schwach wie in diesem Zitat, das nach der Lebenswirklichkeit umgekehrt lauten müsste. Man kann sich mal verlaufen und zurückfinden auf den richtigen Weg. Irrtum ist möglich, Korrektur machbar. Aber man darf sich nicht verrennen und blind für die Wirklichkeit werden, zum Beispiel, wenn es um die Ermittlung in einem Fall geht. Wenn man zum Beispiel einen bestimmten Schuldigen für einen Brandanschlag auf ein Jugendheim und mglw. Mord haben will, wie Saalfeld den wüsten Jugendlichen Mischa Celinski (Sergej Moya), der sie persönlich beleidigt hat („Bullenschlampe“). Die Ermittler Saalfeld und Keppler (Martin Wuttke) verrennen sich aber nicht, sondern lösen, angeschoben durch einige Zufälle, den Fall.

Eine frohe Botschaft: Trotz später Sendezeit und starker Erkältung sind wir drangeblieben, anders als bei „Nachtkrapp“, dem neuen Fall vom letzten Sonntag, den wir deshalb noch nicht rezensiert haben, weil wir es zweimal nicht geschafft haben, ihn ohne Schlafeinlage durchzustehen. Da bekommt das Wort Betthupferl eine neue Bedeutung und man wird bescheiden. Was 90 Minuten wachhält, kann kein ganz schlechter Tatort sein.

Das ist „Falsches Leben“ auch nicht. Manches wirkt unpassend und unstimmig, aber es gibt auch nette Szenen, starke Momente und einen geschichtlichen Hintergrund, der zwar stärkere Herausarbeitung und mehr Konsistenz in der Darstellung verdient hätte, der aber für Bezug zu Leipzig und für Nicht-DDR-Bürger für mehr Kenntnisse sorgt, wie es dann damals so war, drüben. Interessanterweise wird die Geschichte der alten BRD für die gelernten Ossis nicht auf gleiche Weise aufgearbeitet, offenbar geht man davon aus, dass dort ein stärkeres Interesse am Westen geherrscht hat, immer schon, als umgekehrt, wo solche direkten Bezüge nicht hergestellt wurden wie hier die Sprengung der Leipziger Paulinerkirche.

Vielleicht ändert sich das aber morgen mit dem neuen Borowski-Fall, der immerhin den größten Politskandal der westdeutschen Geschichte einbezieht (die Affäre Barschel von 1987).

Handlung (2 Versionen), Besetzung, Stab:

Ein Jugendzentrum brennt nieder. In dem Gebäude wird die Leiche des 40-jährigen Ulf Meinert gefunden. Zunächst deutet alles darauf hin, dass er den Brand gelegt hat, doch dann finden die Hauptkommissare Saalfeld und Keppler eine Spur, die zu Ludwig Kleeberg und seiner Tochter Nadja führt. Ihnen gehört das Grundstück, auf dem sich das Jugendzentrum befand. Die Kleebergs wollen es verkaufen, denn ihr Auktionshaus ist hoch verschuldet.

Bislang scheiterte das Vorhaben am Widerstand der Betreiber des Jugendzentrums. Haben die Kleebergs die Brandstiftung in Auftrag gegeben, um finanziell überleben zu können? Schnell gerät auch der Boxschulenbesitzer Norbert Zirner ins Fadenkreuz der Kommissare. Genau wie Ludwig Kleeberg war auch Zirner 1968 in die schicksalhaften Ereignisse rund um die Sprengung der Leipziger Paulinerkirche verwickelt.

Diesen wichtigen Hinweis erhalten die Kommissare von der heutigen Kunsthistorikerin Hannah Wessel. Damals gab es Gewinner und Verlierer. Gibt es alte Rechnungen, die beglichen werden müssen? Liegt hier der Schlüssel zur Lösung des Falls?

Hauptkommissarin Eva Saalfeld – Simone Thomalla
Hauptkommissar Andreas Keppler – Martin Wuttke
Kriminaltechniker Wolfgang Menzel – Maxim Mehmet
Dr. Johannes Reichau [Rechtsmediziner] – Kai Schumann
Inge Saalfeld [Evas Mutter] – Swetlana Schönfeld
Prof Hannah Wessel [Kunsthistorikerin] – Thekla Carola Wied
Mischa Celinski – Sergej Moya
N.N – Peter Schneider
Norbert Zirner – Volkmar Kleinert
Ludwig Kleeberg – Dieter Mann
Nadja Kleeberg – Lavinia Wilson
Sybille Schäfer – Katharina Spiering
Katja Celinski – Dagmar Sitte
Lutz Blessing – Hagen Oechel
Schmitz – Dieter Jasslauk

Drehbuch – Andreas Pflüger
Regie – Hajo Gies

(Handlung und Besetzung: Tatort-Fundus)

Rezension

Der Wind der Geschichte weht durch „Falsches Leben“ und prinzipiell finden wir das gar nicht schlecht. Man exemplarisch damit konfrontiert, wie eine Diktatur sich gegen Partikularinteressen ebenso durchsetzt und dabei – so erzählt es jedenfalls der Film – Devisen erwirtschaftet – wie sie den Respekt vor dem verweigert, was der Zweite Weltkrieg an Wurzeln der Vergangenheit übrig gelassen hatte.

Leipzig, die Messestadt, damit Aushängeschild der DDR. Hier fanden die Montagsdemonstrationen 1989 statt, sie sind untrennbar mit dem Namen Nikolaikirche verbunden und in diesem Jahr der Wende schließt sich der Kreis der separaten ostdeutschen Nachkriegsgeschichte, auf dessen etwa hälftigem Umlauf, 21 Jahre zuvor, die  Paulinerkirche auf Anweisung der SED gesprengt wurde.

Eva Saalfeld, gespielt von Simone Thomalla, die tatsächlich aus Leipzig stammt, wird mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. Ihr Vater gehörte zu den Polizisten, die 1968 gegen die Demonstranten vorzugehen hatten, welche für den Erhalt der Paulinerkirche auf die Straße gegangen waren. Alte Seilschaften kommen zutage, Rosen symbolisieren nicht nur die Liebe über den Tod hinaus, sondern auch das Fortwirken alter Beziehungen unter neuen Verhältnissen nach 1989.

Für den Wessi Andreas Keppler – und damit für die Mehrzahl der Tatortgucker – erkärt Kunstprofessorin Hannah Wessel (Thekla Carola Wied), wie es damals gelaufen war, mit der Staatswillkür in Sachen Paulinerkirche wie sie sich einsetzte für den Erhalt des Bauwerks und man ihr dafür den Sohn nahm und ihn in ein Heim steckte, diesen Jungen, der im Jahr 2009, als etwa 40jähriger im Jugendzentrum bei einem Brand ums Leben kommt. Wer nachrechnet, bemerkt, dass er etwas über 40 Jahre alt sein muss, damit das Zeitschema stimmt.

Über die Rosen aus Gold, Grabbeilagen, die sich versilbern lassen, über Kunstschätze, die man im Wege der Kirchensprengung in den Westen verscherbelt hat, kann man geteilter Meinung sein, historisch belegt ist dieser Part wohl nicht. Aber wie die alten Seilschaften alter Männer wirken, wie man die dunkle Macht eines repressiven Staatsapparats und derer, die mit ihm kooperieren spürt, das ist zumindest für uns, die wir’s nicht miterlebt haben, interessant und damit werten wir auch das Aufgreifen der Thematik positiv. In „Nasse Sachen“ erfährt Eva Saalfeld dann noch mehr über ihren angeblich toten Vater Jörg, der, wie der erwähnte Norbert Zirner, Volkspolizist warl und diesen auch kannte. Die etwas zwanghaft wirkende Herstellung einer persönlichen Verbindung des zu lösenden Falls zu Eva Saalfeld und der Vergangenheit ihrer Familie ist allerdings auch eine der Schwächen des Plots von „Falsches Leben“ und trägt dazu bei, dass dieser stellenweise recht konstruiert wirkt.

Er ist aber nicht unübersichtlich und gäbe es nicht einige fragwürdige Verhaltensweisen und ein demgemäß psychologisch ebenso zweifelhaftes Interagieren verschiedener Figuren miteinander, wär’s eine runde Sache geworden, mit „Falsches Leben“, zumal hier die Ermittler gefallen können. Wuttke kann mit kleinen Gesten und Worten sowieso viel machen und Simone Thomalla richtet sich in ihrer limitierten Ausdrucksweise recht behaglich ein, zudem wirkt das Verhalten der beiden Ermittler zueinander nicht so aufgesetzt wie in manchen anderen Folgen.

Aber im Übrigen wird man hier hier viel zu schnell persönlich und verbindlich, so verhalten sich Menschen wohl nicht, die „out of the past“ gerissen werden und im grellen Licht einer Ermittlung um die Aufdeckung ihrer Verstrickungen fürchten müssen. So offensiv oder provozierend zu sein wie Norbert Zirner und gleichzeitig auf einfachste Tricks heutiger Polizisten reinzufallen, die ihn drankriegen wollen, das wirkt etwas zu dumm für einen Ex-Vopo, der sich mit den geheimen Machenschaften der Stasi auskennt. Auch wenn er jetzt als Boxtrainer arbeitet, so sehr Mattscheibe nimmt man diesem Typ nicht ab, der immerhin von Volkmar Kleinert sehr präsent gespielt wird – kantige, markante Figuren mit Glatze sind allerdings tendenziell leichter zu verkörpern als defensiv angelegte Figuren mit weniger ausgeprägter Optik und zurückhaltendem Auftreten.

Mit den feinen Nuancen hat es „Falsches Leben“ ohnehin nicht, dafür ist das Figurentableau zu umfangreich, müssen Sachverhalte zu sehr vereinfacht werden, um ins Zeitschema einer Tatortfolge zu passen. Diese durch Fülle bedingte Knappheit prägt auch die Charaktere, die zwar ihre Aufgaben erfüllen, Täter und Opfer im alten System und Leidtragende in der nächsten Generation zu sein, aber als Studie über echte Menschen jener vergangenen und der heutigen Zeit sollte man sie nicht verstehen. Man hätte das eine oder ander weglassen können, aber Begrenzung aufs Notwendige und genaue Ausführung desselben ist ja bei Tatort-Drehbüchern mittlerweile stark auf dem Rückzug. Da ist die exemplarische Darstellung eines symbolhaften Ereignisses im SED-Staat, die Kirchensprengung von 1968, schon besser gelungen, weil sie nicht stereotyp wirkt, sondern als pars pro toto ihren Zweck erfüllt und man die Botschaft versteht. Für die antiquarischen Hintergründe gilt dies allerdings so nicht.

Fazit

Das einzige Leipziger Original in den heutigen Leipzig-Folgen ist Andreas Kepplers Zimmerwirt Schmitz (Dieter Jasslauk), der darf sogar sächseln und man erfährt in „Falsches Leben“ durch diesen Ureinwohner, dass sogar Kepplers Bude in der Pension einst verwanzt war.

Ja, alles war Stasi und die Stasi war alles, in jenen Jahren, die auf den unbefangenen Westbetrachter ungeheuer düster wirken, wenn man sie mit den Augen der Macher von „Falsches Leben“ sieht. Aber so gehen die meisten heutigen Filme mit der DDR um und wenn wir im Osten Berlins sind, mehr aber noch im Brandenburger Umland, dann sehen wir in der zunehmend gentrifizierten Idylle diese Figuren noch immer, sehen sie auf uns zukommen, gealtert, sie reden mit uns, wir mit ihnen und wir fragen uns unwillkürlich, wer warst du damals, vor 1989? Opfer, Täter, Mitläufer? Hattest du eine Meinung, wofür standest du und warum? Wie sah dein Leben aus? Manchmal sieht man das noch, in diesen alten Häusern, und es wirkt schon verdammt so, wie es die Filme hin und wieder zeigen. Spannend für einen Wessi, der sich Berlin als Wahlheimat ausgesucht hat, es aber vermeidet, Gespräche über damals zu sehr zu provozieren – leider auch aus Zeitgründen.

Schon deshalb sind Tatorte wie „Falsches Leben“ für uns interessant, dienen uns zum Abgleich und zur Abgrenzung von eigenen Erfahrungen, die wir nach der Überwindung der Teilung und nun auch der Distanz machen. Das beeinflusst die Bewertung von „Falsches Leben“ positiv. Mit dem Unterschied, dass die meisten Rezensenten ihre subjektiven Gründe nicht nennen, haben sie alle welche und auch wenn uns die Figuren in „Falsches Leben“ nicht im tiefsten Inneren berührt haben (die Professorin Wessel zum Beispiel hat ein schweres Schicksal, aber es hätte konsistenter referiert werden müssen), halten wir diesen Fall für einen der besseren, die das neue Leipzig-Team bisher zu lösen hatte – dass die Bewertung dennoch insgesamt durchschnittlich ist, liegt an der etwas schablonenhaften Umsetzung eines etwas zerfaserten Drehbuches, beides fällt hinter das Thema und die Ermittlerfiguren zurück.

Wir geben 7,0/10 für „Falsches Leben“.

© 2018, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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