Zabou – Tatort 232 / Crimetime 16

Crimetime 16 / Titelfoto (c) WDR

Keine Frage – für  Schimanski

Schimanski ermittelt gegen die Drogenmafia. Die Spur führt in einen luxuriösen Club, in dem sich politische Prominenz, Geldadel und Halbwelt ein Stelldichein geben. Doch plötzlich steht er vor Zabou. Er kennt sie von früher, als sie noch ein Kind war, die Tochter seiner Freundin. Damals war er wie ein Vater für sie. Aber was macht sie jetzt hier? Schimanski hat nur einen Gedanken: Sie muß raus aus diesem Sumpf von Rauschgift und Kriminalität, er muß sie retten. Aber Zabou hat gar keine Lust, ihm zu folgen. Im Gegenteil, sie versucht, zwischen Schimanski und Hocks, dem Geschäftsführer des Clubs, zu vermitteln.

Der Kommissar willigt in ein Treffen ein und bemerkt viel zu spät, daß man ihm eine Falle gestellt hat: Er wird mit Drogen vollgepumpt, und plötzlich liegt neben ihm der tote Hocks, mit seiner Dienstwaffe erschossen. Schimanski landet im Krankenhaus, aber nun hat er auch die Polizei gegen sich, denn alle Indizien sprechen für seine Schuld. Thanner nimmt sich des Falles an, aber Schimanski zieht es wieder einmal vor, sich selbst zu helfen. Zunächst sucht er Zabou auf und zwingt sie, sich an der Suche nach den Hintermännern zu beteiligen. Dabei sind sie ständig auf der Flucht – vor der Polizei und vor den Gangstern. Zwischen den beiden entwickelt sich eine starke Spannung. Mal sieht es so aus, als ob Zabou ihn ans Messer liefern wollte, dann rettet sie ihn aus Lebensgefahr. Verbissen ermittelt Schimanski weiter, immer ein Ziel vor Augen: Er muß das Mädchen retten. Bis er am Ende vor der traurigen Wahrheit steht.

Rezension: Thomas Hocke 

Nach „Zahn um Zahn“ ist Zabou der zweite Kinofilm unter den Schimanski-Tatorten, was mir zunächst daran auffiel, dass er mit im damaligen deutschen Fernsehen noch unüblichem Stereoton ausgestattet ist – und am Ende dadurch, dass er von der Bavaria produziert wurde. So deutlich wie in „Zahn um Zahn“ merkt man nicht, dass wesentlich mehr im Budget war als in üblichen Filmen der Reihe, weil es beispielsweise keine Szenen gibt, die im Ausland gedreht wurden („Zahn um Zahn“: Marseille). „Zabou“ geht nur bis Wuppertal, bleibt aber überwiegend in Duisburg, wie es sich für einen anständigen Schimanski gehört.

Ob das ein anständiger Schimanski ist, werde ich trotzdem  hinterfragen.

Einige Highlights hat der Film aufzuweisen, daran besteht kein Zweifel: Thanner, mit Fischen überschüttet oder Schimanski im roten Golf. Verfolgungsjagden wirken in Deutschland immer irgendwie lächerlich, weil kein Auto ernsthaft beschädigt werden darf (außer dem 1987 bereits betagten Golf I-Modell), die riesigen Blechlawinen, die in amerikanischen Filmen bei solchen Gelegenheiten zu Bruch gehen, machen den Reiz doch erst aus. Erstaunlicherweise funktioniert das Ganze dieses Mal trotzdem – weil in dieser Szene Götz Georges schrulliges und überzogenes Spiel als Schimanski durch Humor das rettet, was an Materialeinsatz fehlt.

Die Handlung? Dass selbst ein Schimanski im Lauf der Jahre immer mehr zur Karikatur seiner selbst werden kann, beweist der Film eindeutig. Niemand würde auf diese Weise „ermitteln“ können, das wissen aber auch die Zuschauer, die nicht etwa realistische Polizeiarbeit erwarten, sondern fasziniert auf diesen Abglanz oder Abklatsch amerikanischer Polizeithriller schauen, wie sie in den 1980ern in Mode kamen. Eigentlich schon in den 1970ern, aber der Verzicht auf etwas mehr Logik und Tiefe war auch in den USA typisch fürs Mainstream-Kino des folgenden Jahrzehnts. Filme wie „Die Hard“ haben zwar nicht den deutschen Tatort im Allgemeinen geprägt, aber der WDR hat sich bei dieser einen Schiene genau darauf kapriziert. Götz George füllt die Rolle des Supercops nicht schlecht aus und sagt in „Zabou“ sogar weniger oft „Scheiße“ als in anderen Schimanski-Krimis, über seine verschwitzte Männlichkeit kann man schmunzeln, hinwegsehen oder sie prollig oder etwas ekelig finden, aber einen Aspekt dieser höchst unglaubwürdigen Geschichte können wir nicht aus der Diskussion nehmen: dass Schimanski mit seiner Ziehtochter Sex hat.

Klar muss Schimanski generell seine Potenz beweisen und seine Anziehungskraft auf Frauen, aber an einer Frau, für die er, wie er selbst sagt, Vatergefühle empfindet und die er als etwa 13jähriges Mädchen kannte, weil er mit ihrer Mutter zusammen war? Dass sie nicht seine physische Tochter ist, kann man als mildernden Umstand ansehen, aber wo sind die Vatergefühle, die er doch für sie hegt, als er mit ihr schläft? Nach meiner Ansicht wäre das Ganze zwar immer noch spekulativ, aber nur so wirklich denkbar gewesen: Dass er in dem Moment, in dem er sich auf sie einlässt, noch nicht weiß, dass es sich um seine für ein paar Jahre angenommene Tochter handelt. Sie weiß natürlich, wenn sie vor oder unter sich hat, denn er hat sich ja kaum verändert. Der Schnurrbart ist neu, den musste sich George eigens abnehmen lassen, um die Szenen im Vorspann spielen zu können, der sicher zu den schönsten aller mittlerweile über 1000 Tatorte zählt. Psychologisch, moralisch, wenn auch nicht rechtlich wirkt dieses Verhältnis von Schimanski mit Conny auf den ersten Blick ärgerlich.

Aber schauen wir etwas genauer hin, weil ja sonst nicht viel Inhaltstiefe zu beachten ist.

Schimanski ist Mitte Vierzig, die Frau nun Mitte Zwanzig, etwa das Alter der Darsteller, die hier miteinander so harmonieren müssen, dass sexuelle Anziehung glaubhaft wirkt. Ein solcher Altersunterschied ist heute in beiden Richtungen nicht mehr ungewöhnlich, deswegen kann man also nicht sagen, geht nicht. Denn auch ältere Frauen profitieren mittlerweile davon, dass sie als Sexualpartner für jüngere Männer infrage kommen. Die andere Variante gab es im Film und im Leben immer schon und natürlich spiegeln sich darin männliche Fantasien, das kann man schnell als typische Idee männlicher Filmemacher identifizieren, die genau wissen, was das überwiegend männliche Tatortpublikum sehen will – und es abhaken. Außerdem sind nun einmal die Schimanski-Filme eine Spielwiese für Übergriffe aller Art gewesen in einem Zeitalter, als langsam die PoC am Horizont aufging. Eigentlich ein Rückgriff auf die rotzigen 1970er für Männer, die in den 1970ern oder gar in den 1960ern gerne so gewesen wären, wie Schimanski es in den 1980ern noch ausleben darf. Dass es so radikal darnieder ging mit der offen gezeigten Freizügigkeit, hatte allerdings ab etwa 1985 auch mit dem Aufkommen von AIDS zu tun, der Begriff war also schon bekannt, als „Zabou“ gedreht wurde.

Psychologisch wiederum wird hier der Ödipus- oder Elektra-Komplex ins Spiel gebracht, der natürlich viel reizvoller für den überwiegenden Teil der Zuschauer ist, wenn er eine Frau betrifft und ein Mann das Objekt ist. Es wird im Vorspann deutlich, wie intensiv das einstige Dreieck gewesen sein muss und wie enttäuschend und verletzend die Schimanski-Masche, immer abzuhauen, wenn es ernst wird und er sich wirklich einlassen muss. Dass er gleichzeitig seine aufnahmewillige Ziehtochter mit männlichen Vorstellungen gefüttert und mit ihr ziemlich wild „gespielt“ hat, dürfte die einer 13jährigen schon eigene sexuelle Empfindung angeregt und in Schimanskis Richtung gelenkt haben. Ein intensives Verhältnis, das gleichzeitig ein versagendes ist, das außerdem durch einen schockartigen Verlust endet, kann durchaus einen Menschen so werden lassen, wie Conny in „Zabou“ gezeigt wird.

In Deutschland verweigern wir uns dieser Vorstellung von einer Frau gerne, die sich am Ende als Chefin einer Drogenbande entpuppt, die Männerkohorten wie Marionetten hält und selbst das Bild einer deutschen Unternehmerin ist eher das, dass sie in dieser Rolle sozialer und mitfühlender agiert als ein Mann. Aber warum? Die Realität zeigt, dass Aufsteigerinnen, die sich ohne Feminimus-Förderungsticket nach oben kämpfen mussten, aber auch Feministinnen selbst, alles andere als rücksichtsvoller waren als Männer, um diesen Aufstieg zu bewerkstelligen. In einer Männerwelt sind sie vielfach die besseren Männer, während die immer noch bestehende mehrheitlich patriarchalische Gesellschaft auch schwächere Männer dank guter Seilschaften einigermaßen absichern kann. Aber Frauen, die sich als Politikerinnen, Anwältinnen – vielleicht nicht als Ärztinnen – ein große Renommee erarbeitet haben, kommen mir persönlich nicht weniger hart vor als Männer in solchen Positionen, oft merkt man sogar, dass es eben schwierig war, sich diese Positionen gegen die kungelnden Männer zu erarbeiten. Jedenfalls handelt sich dabei auch meist um hoch intelligente weibliche Personen. Selbst die heutigen Quotenregelungen machen es nicht so viel einfacher, sondern setzen neue Feindstellungen frei.

Besonders aus dem südostasiatischen Kulturraum erhalten wir zudem häufig Meldungen, welch große Rolle Frauen im neuen Unternehmertum spielen. Vor allem in der früher egalitären Gesellschaft der VR China, die politisch von Männern dominiert wird wie kaum eine andere, zeigt sich das auffällig – und warum soll es Unternehmerinnen nicht auch in der dortigen Unterwelt geben. Ich will nicht weiter ausgreifen bis hin zum typischen Masochismus, den z. B. die in den Erfolgszwang und die Konformität geradezu eingeschweißten japanischen Männer häufig zeigen, aber all das Beschriebene kann in dem Verhältnis zwischen Schimanski und seinem Ziehkind eine Rolle spielen.

Mag sein, dass die Interpretation komplexer ist als die Intention der Macher, aber man kann auch auf eine intuitive, gar nicht gedanklich durchkonstruierte Weise Tatbestände schaffen, die auf den zweiten, dritten Blick gar nicht so abwegig sind und zudem, wenn es um starke, prägnante Persönlichkeiten geht, den Sex und die Anziehungskraft als denkbar erscheinen lassen.

Bleibt die moralische Komponente, und die darf man nicht außer Acht lassen, wenn man davon ausgeht, dass nicht jede Person, die den Film anschaut, eine ähnliche Interpretation vornehmen wird, die das Moralische hin den Hintergrund drängt. Die Handlung von Schimanski und Conny unterfällt nicht dem Inzestverbot, aber da hätte sich Schimanski doch vielleicht einmal im Leben beherrschen können.  Vielleicht hätte Conny sich dann am Ende auch nicht erschossen.

Fazit

Manches an „Zabou“ ist klasse gemacht, vom Vorspann mit dem Titellied von Joe Cocker bis zu einigen humorvoll überdehnten Actionszenen, aber da ist auch einiges drin, was man kritisch sehen kann oder muss. Von der Abwesenheit jedweder Handlungslogik bis hin zum sehr angeschrägten Verhältnis zwischen Schimanski und seiner Ziehtochter, das man, wenn man schon so etwas zeigen will, psychologisch sichtbarer werden lassen muss, etwa, indem man ihre Figur besser ausformt.

Die moralische Bewertung wird jedenfalls immer dem Zuschauer überlassen bleiben und mich nervt es durchaus, dass Schimanski sich über wirklich jedes Tabu hinwegsetzen darf und plumpe Männer das auch okay finden. Ich schenke ihm, dass er auch diesmal wieder komplett eben seiner eigentlichen Polizeiarbeit steht und man bei seiner erkennbar geringen Hirnmasse normalerweise gegen ein Verbrechersyndikat höchstens zehn Minuten überlebt, und ich bin auch nicht eifersüchtig auf seinen Sex, aber irgendwie ist das trotzdem alles zu durchschaubar auf unsere primitiven Instinkte ausgerichtet.

Wenn man bedenkt, wie heute jede Regelübertretung von Polizisten in Tatorten eigens diskutiert wird und wie sensibel mittlerweile mit sexuellen Tatbeständen umgegangen wird, ist der Film nicht von gestern, sondern aus einer anderen Epoche. Das trifft mehr oder weniger auf alle Schimanski-Tatorte zu, aber hier ergänzt durch eine Sondersituation, die zumindest bei mir zur Abwertung führt. Nicht in der Form, dass ich den Film deswegen komplett ablehne, aber so, dass am Ende nur 6/10 bleiben, statt der 7 oder7,5, die angesichts des sinnfreien Vergnügens ansonsten doch möglich gewesen wären – weil der Film ja doch überwiegend witzig und spannend ist. Umso mehr muss das tragische Ende nicht nur verblüffen, sondern wird von manchem Zuschauer in unserer etwas zynischen Epoche gewiss als unfreiwillig komisch angesehen werden.

© 2018, 2017 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Schimanski – Götz George

Thanner – Eberhard Feik

Conny – Claudia Messner

Hocks – Wolfram Berger

Melting – Hannes Jaenicke

Schäfer – Dieter Pfaff

Sandrowski – Ralf Richter

Koch – Klaus Lage

 

Regie – Hajo Gies

Buch – Martin Gies

Musik – Klaus Lage

Titelsong – „Now that you´re gone“

Musik und Text – Klaus Lage

Musik und Text – Dehn

Musik und Text – Tony Carey

Musik und Text – Joe Cocker

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Create a website or blog at WordPress.com

Nach oben ↑

AutismusJournal

Perspektiven und Reflexionen

Carolin Schnelle

Jungjournalistin

thomas post

Alternativen

Telepolis

Das Netzmagazin von Thomas Hocke

ScienceFiles

Kritische Sozialwissenschaften

Zusammen gegen #Mietenwahnsinn

Das Netzmagazin von Thomas Hocke

KuBra Consult

Acta, non verba

Nachrichten: ZEIT ONLINE Newsfeed

Das Netzmagazin von Thomas Hocke

Meike K.-Fehrmann (Autorin)

Frieda - Ein Demenz-Krimi / Warum Herr Hagebeck sterben muss / Kakerlaken-Schach / Die Rache stirbt zuletzt

SPIEGEL ONLINE - Politik

Das Netzmagazin von Thomas Hocke

Testkammer

Testen macht süchtig: Filme, Spiele, Bücher etc. im Fokus

Film plus Kritik - Online-Magazin für Film & Kino

„Film is a disease. When it infects your bloodstream, it takes over as the number one hormone. As with heroin, the antidote to film is more film.“

SPD erneuern

Unfrisierte Gedanken zur Wiedergewinnung von Relevanz

Ein Parteibuch

Noch ein Parteibuch

Jan Josef Liefers

Die offizielle Fanseite

Wortwechsel 15

Das Schreibblog von Anja, Armena, Elke und Thomas

The Blog Cinematic

Film als emotionalisierende Kunstform

%d Bloggern gefällt das: