Tod auf Neuwerk – Tatort 328 / Crimetime 24

Titelfoto (c) NDR

Der Kriminalkommissar auf der Rettungsbarke

Auf der Insel Neuwerk wird der Schifffahrtsdirektor Freimut Drost tot im Watt aufgefunden. Ein Fall für die Hamburger Kriminalpolizei, da die kleine Insel an der Elbmündung politisch zum Bezirk Hamburg-Mitte der Freien und Hansestadt Hamburg gehört. Bei ihren Ermittlungen haben Stoever und Brockmöller einen schweren Stand gegenüber den schweigsamen und eigensinnigen Insulanern. Niemand will gewusst haben, was Drost nach Neuwerk geführt hat.

Während Stoever auf der Insel ermittelt, fährt Brockmöller zurück nach Hamburg und findet dort heraus, dass Drost in mehrere Bestechungsaffären verwickelt gewesen ist, wofür dieser das Geld benötigte, lässt sich zunächst nicht ermitteln. Stoever erfährt inzwischen auf Neuwerk, dass Drost mit einem Kai Helm in Streit um eine Frau geraten ist, was für den Kommissar allerdings kein ausreichender Grund für einen Mord zu sein scheint. Ansonsten hatte Drost angeblich die Vogelkolonien beobachten wollen, doch im Zimmer seiner Pension finden sich nur Seekarten. Die einzige Information, die Stoever zusätzlich aus den verstockten Inselbewohnern herausbringen kann, ist die Tatsache, dass der Tote täglich den Kutter „Xylia“ beobachtet hat, der dem Hamburger Tauchschulbesitzer Knoll gehört.

Brockmöllers Recherchen in Hamburg haben ergeben, dass Drost offenbar auf der Suche nach seinem vor einem Jahr auf Neuwerk spurlos verschwundenen Freund, Jonas Schomann, gewesen ist, wobei die „Xylia“ und ihre Besatzung keine unwesentliche Rolle gespielt haben dürften. Doch Stoever glaubt nicht daran, dass es Drost nur um das Auffinden des Verschollenen gegangen ist. Beim Versuch die Besatzung der „Xylia“ zu belauschen geht Stoever buchstäblich baden und gerät in Lebensgefahr als die Flut eintritt und er nicht rechtzeitig das Küstenufer erreicht. Zum Glück findet ihn ein kleiner Kutter in einer Rettungsbake und bringt ihn an Land.

Rezension

Die Handlung ist, um es kurz zu machen, etwas seltsam. War nun der Fund an Bord des gesunkenen Schiffes diese Summe von 3,5 Millionen, von denen zuvor die Rede war? Und natürlich ist das mehr Geld, als man für die Umrüstung eines Kutters zu einem Schiff braucht, von dem aus man Tauchgänge durchführen kann. Das ist so ein typischer Plot, der dem Drehbuchautor ein bisschen über den Kopf gewachsen ist und natürlich leidet der Film darunter, dass auch die Talking Heads, als die Stoever und Brockmöller sich betätigen, das Geschehen nicht plausibel machen können. Sehr schade, aber das kennen wir von den Fällen der beiden Hamburger: Man verlässt sich so sehr auf deren Persönlichkeiten, dass das, was einen guten Krimi im Ganzen ausmacht, dabei etwas hinten runter fällt.

Aber die beiden können es auch, vor allem miteinander. Ich hatte vorgestern drei Tatorte aufgezeichnet, die alle noch keine Rezension für den Wahlberliner bekamen und wenn nicht der NDR den Sendeplatz falsch angegeben und viel später am Abend als avisiert gesendet hätte, hätte ich dann zunächst zum Odenthal, zum Ehrlicher oder zum Stoever gegriffen? Zum Stoever, ganz sicher, und das ein bisschen zu Unrecht, denn den Odenthal-Fall „Tod im Häcksler“ habe ich mittlerweile durch und als Krimi ist er besser als „Tod auf Neuwerk“.

Was nicht bedeutet, dass dieser keine Highlights beinhaltet. Stoever und Brockmöller gehören noch nicht zu der Generation Tatort-Ermittler, die physisch stark eingebunden werden, die also in Aktion häufig verletzt werden oder in Gefahr geraten.  Aber Manfred Krug im Meer, alle Achtung! Dazu muss man schon ein wenig robust sein, egal, wie man unter der sichtbaren Kleidung angezogen ist. Der Film ist sicher nicht im Winter gedreht worden, aber trotzdem bemerkenswert, wie Krug hier Einsatz zeigt. Und immer mit diesem sonor vorgetragenen Humor, über den sein Partner Brockmöller, also Charles Brauer, wirklich lachen muss, das ist stellenweise auch zu hören. Die beiden müssen nicht geführt werden, daher ist es im Prinzip gleich, wer die Regie innehat, sie kennen genau den Ton, der bei ihren Fans ankommt. Allerdings …

wenn sie zusammen Jazz machen und in dem Fall „Over the Rainbow“ zum Besten geben,  bin ich manchmal im Zwiespalt, ob ich das himmlisch oder gruselig finden soll. Dieses Mal ging die Tendenz zu Letzterem, weil ich „Over the Rainbow“ natürlich im Original kenne, gesungen von Judy Garland und viele andere Versionen von groene Croonern oder hervorragenden amerikanische Jazz-Sänger_innen. Da wirkt der Vortrag der beiden trällernden Cops für mich doch etwas zu karikaturhaft und das Englisch einen Tick zu hart, also zu deutsch, besonders bei Stoever. Andererseits ist dadurch auch immer die Ironie spürbar, man nimmt sich selbst nicht so ernst, obwohl man sehr wohl ganz gut Klavier spiele kann.  Es ist eben ein Stoever / Brockmöller-Krimi aus der späteren Phase der Zusammenarbeit, als die beiden eben immer eine Gesangseinlage in ihre Filme integrierten und Stoever  karierte Sakkos und auffällige Krawatten trug. Und mit dem Klapphandy telefonierte. Das tat eben 1996 noch nicht jeder, aber es erleichtert ungemein das Agieren von Inselchen ohne Festnetz aus. Oft werden ja unglaubwürdige Funklöcher benötigt, um Situationen des Ausgesetztseins herzustellen, hier ist es umgekehrt: Das Netz reichte vor 22 Jahren schon bis in die letzte Ecke.

Nicht verschweigen darf man, dass der Film besonders nordisch ist – so viel Watt war nie zuvor in einem Tatort. Von Insel zu Insel, von Ebbe zu Flut, es gibt Pferdefuhrwerke und Wasser satt. Auch der Hafen, die Hafenpolizei, das Schiffahrtsamt, alles da, was einen  Nordmord ausmachen kann. Trotzdem finde ich den Film nicht besonders stimmungsvoll, ich glaube, das liegt an der nüchternen Inszenierung, an den wenig schillernden Episodenfiguren und daran, dass Stoever und Brockmöller eines sicher nicht sind: Typen, die das Introspektive und das Gefühl für Stimmungen im Zuschauer fördern.  Dafür sind sie einfach zu dominant, wo immer sie in eine Szene gestellt werden und vor allem Manfred Krugs etwas dröhnende Art sorgt dafür, dass die Cops jedes Setting sozusagen absorbieren. Es gibt Ausnahmen wie „Rattenlinie“, in dem Stoever undercover ermittelt und einigeramßen in ein Klosterumfeld eingebettet wird, beim ebenfalls sehr nett gemachten „Undercover-Camping“ ist es schon wieder genau umgekehrt, Stoever ist sofort der King des Campingplatzes.

Ihre Tatorte sind aber auch deswegen in realistisch, weil die beiden äußerst routiniert und gleichmäßig agieren und damit auch viel vom echten Polizeialltag rüberbringen. Albernheiten wie dieser sinnlose Halbsketch mit der Kondom-Packung füllen dann die Handlung und genau die Zeit hätte man in „Tod auf Neuwerk“ verwenden können, um das eigentliche Geschehen plastischer rüberzubringen. Für den allerletzten Stoever-Brockmöller-Tatort „Tod vor Scharhörn“ ist man noch einmal in die hier gezeigte küstennahe Meeresgegend zurückgekehrt.

Finale

Krug und Brauer sind immer sehenswert, es ist nie vertane Zeit, ihnen beim Ermitteln zuzuschauen, aber der Fall „Tod auf Neuwerk“ ist zu verschwurbelt und zieht daher nie so richtig rein. Um richtig nostalgisch zu wirken, ist er noch zu neu, aber die Inszenierung ist auch für den üblichen Modus der Tatorte um 1996 recht konventionell  und passenderweise noch im alten 4:3-Format gefilmt. Für Fans der Reihe und besonders der beiden Swinging Cops ein Muss, aber keine Offenbarung für Menschen, die zum Beispiel einen coolen Plot suchen, um sich fürs Schreiben eigener Krimis inspirieren zu  lassen.

6/10

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie    Helmut Förnbacher

Drehbuch           Raimund Weber

Produktion         Richard Schöps,

Kerstin Ramcke

Musik   Klaus Doldinger

Kamera                Heinz Hölscher

Schnitt  Wiebke Köster

Besetzung

Manfred Krug: KHK Paul Stoever

Charles Brauer: KHK Peter Brockmöller

Werner Eichhorn: Friedrich Schomann

Bernd Herzsprung: Freimut Drost

Michael Lesch: Sven Bolten

Paul Berndt: Fritz Helm

Ulrich Faulhaber: Hans Vogt, Wattfahrer

Peter Buchholz: Kai Helm

Elmar Gehlen: Volker Butt

Manfred Reddemann: Leo

Helmut Förnbacher: Günther Knoll

Karl-Heinz Walther: Gerd Bolten

Karen Friesicke: Annegret Schwarz

Michael Griem: Postbote

Ortrud Spahlinger: Frau Bolten

Sebastian Dunkelberg: Fink, Vogelwart

Heinz-Peter Wurst: Wasserschutzpolizist

Werner Cartano: Bankier, Commerzbank

Joosten Mindrup: Mitarbeiter im Seefahrtsamt

Regine Lamster: Bedienung

Hans Irle: Mietinteressent

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Create a website or blog at WordPress.com

Nach oben ↑

Gentrification Blog

Nachrichten zur Stärkung von Stadtteilmobilisierungen und Mieter/innenkämpfen

- Sascha Iwanows Welt -

Wir können die Gegenwart nur verstehen, wenn wir die Vergangenheit studiert haben, die in einer Klassengesellschaft vorhandenen Gesetzmäßigkeiten kennen und unser Handeln darauf ausrichten. Um die Zukunft gestalten zu können, muss man also die Vergangenheit und die Gegenwart kennen!

AutismusJournal

Perspektiven und Reflexionen

Carolin Schnelle

Jungjournalistin

thomas post

Alternativen

Telepolis

Das Netzmagazin von Thomas Hocke

ScienceFiles

Kritische Sozialwissenschaften

Zusammen gegen #Mietenwahnsinn

Das Netzmagazin von Thomas Hocke

KuBra Consult

Acta, non verba

Nachrichten: ZEIT ONLINE Newsfeed

Das Netzmagazin von Thomas Hocke

Meike K.-Fehrmann (Autorin)

Frieda - Ein Demenz-Krimi / Warum Herr Hagebeck sterben muss / Kakerlaken-Schach / Die Rache stirbt zuletzt

SPIEGEL ONLINE - Politik

Das Netzmagazin von Thomas Hocke

Testkammer

Testen macht süchtig: Filme, Spiele, Bücher etc. im Fokus

Film plus Kritik - Online-Magazin für Film & Kino

„Film is a disease. When it infects your bloodstream, it takes over as the number one hormone. As with heroin, the antidote to film is more film.“

SPD erneuern

Unfrisierte Gedanken zur Wiedergewinnung von Relevanz

Ein Parteibuch

Noch ein Parteibuch

Jan Josef Liefers

Die offizielle Fanseite

%d Bloggern gefällt das: