Tod aus der Vergangenheit – Tatort 259 / Crimetime 25

Crimetime 25 / Titelfoto © MDR

Ein ziemlich ehrlicher Ehrlicher

Linde Treu fährt mit der Schwebebahn in Dresden-Loschwitz ins Villenviertel Weißer Hirsch. Kurz darauf wird sie tot auf dem Fußweg vor einem Hochhaus in Dresden gefunden. Kommissar Ehrlicher, der gerade widerwillig in der Kneipe seines Sohnes aushelfen muss und Urlaub hat, überlässt den Fall zunächst Kain.

In dem Hochhaus fand zur Tatzeit eine Eröffnungsfeier statt, auf der das Opfer den Geschäftsführer Prof. Weinkauf vor allen Anwesenden des Patentdiebstahls bezichtigte. Weinkauf geleitet die Frau hinaus; kurz darauf stürzte sie vom Balkon. Die Beweise sprechen zunächst nicht für Selbstmord, wie Weinkauf behauptet.

Bei der Befragung bestreitet Weinkauf weiterhin, Linde Treu vom Balkon gestoßen zu haben. Veigl, der Kain das Verhör nicht allein führen lässt, erfährt außerdem, dass Weinkauf das Projekt „Monitum“ beim VEB Carl Zeiss Jena leitete. In der Forschungsgruppe arbeitete Klaus Treu, der Mann der Toten, als leitender. Er kam im Dezember 1988 bei einem Unfall ums Leben. Linde Treu verklagte daraufhin Weinkauf; verlor allerdings den Prozess.

Ehrlicher, von der Arbeit in der Kneipe genervt, beendet seinen Urlaub und beginnt Kain bei den Ermittlungen zu unterstützen. Eine Journalistin teilt Kain mit, dass sie im Besitz eines Koffers von Linde Treu mit brisanten Informationen ist. Er holt den Koffer am Abend in der Redaktion ab und geht anschließend noch mit der Reporterin essen.

Ehrlicher fährt unterdessen nach Jena, um mehr über Linde Treu zu erfahren. Er befragt außerdem den dritten Mann aus Weinkaufs alter Forschungsgruppe und erfährt, dass Klaus Treu bei dem Unfall umkam, durch den Weinkaufs Frau im Rollstuhl gelandet ist. Nur Dr. Weinkauf blieb unverletzt. Er erfährt außerdem, dass Prof. Weinkauf kein Wissenschaftler war, sondern zum Führungskader gehörte und das Patent nur gestohlen hat. Weiter will er Ehrlicher aber nicht unterstützen.

Handlung und zum weiteren Inhalt: Wikipedia.

Dies ist also der zweite Ehrlicher-Fall aus dem Jahr 1992. Ja, so in etwa hatte ich ihn mir vorgestellt. Düster mit einem Aufguss von Trübsinnigkeit. Die Tendenz, dass die Ehrlicher-Kain-Tatorte mit der Zeit etwas „lichter“ werden, besonders nach dem Umzug von Dresden nach Leipzig im Jahr 2000, war mir zuvor bekannt. Interessant ist aber, dass 1992 noch alles offen schien. Die kurz darauf einsetzende extreme Spiegelung des Ostbefindens, die charakteristisch ist für die Dresden-Tatorte und für die Ehrlicher als General-Ossi so gut geeignet ist, die gibt es hier insofern noch nicht, als „Tod aus der Vergangenheit“ sehr differenziert ist. Aber es gibt neben den Verfehlungen von Kadern aus dem Osten auch schon das kapitalistische Aas, das vor allem daran denkt, wie die Moneten sich vermehrenund dafür, wenn’s sein muss, alle gegeneinander ausspielt. Dass ausgerechnet die filigrane Renan Demirkan, Schimanskis steiler Zahn aus „Zahn um Zahn“, für diese Rolle der West-Investorin ausgewählt wurde, daran musste ich mich gewöhnen, während ich mit Ehrlicher, Kain und dem wunderbaren Walter Nickel vertraut war. Das ist so, wenn man bereits über 600 Tatorte rezensiert hat, darunter geschätzt  mehr als die Hälfte der Ehrlicher-Fälle. Mehr als schätzen geht nicht, da im Moment kein einheitliches Archiv besteht, sondern die Rezensionen aus allen Beitragsclustern zusammengezogen werden.

Wir haben davon auszugehen, dass hier nicht nur der Kommissar den Namen Ehrlicher trägt, sondern dies auch ein recht ehrlicher Filme ist und da alle bei Inszenierung und Produktion Mitwirkenden aus dem Osten kommen, werden sie wissen, worüber sie ein Drehbuch geschrieben haben. Regisseur Hans-Werner Honert hatte bereits von 1980 bis 1987 sechs Filme der Reihe Polizeiruf 110 für den DFF (Deutscher Fernsehfunk) gedreht und war später Geschäftsführer und Produzent der Saxonia Media, die ab 1995 die Tatorte für den MDR gestaltete und dies bis heute tut. Peter Sodann, der den Ehrlicher darstellt, ist ohnehin ein „Mit-Leib-und-Seele-Ossi“, der das auch in den etwas einseitiger gelagerten Fällen der nächsten Jahre besonders gut herausstellte. Aber 1992 wurden noch nicht überwiegend Schuldige dafür gesucht, warum sich die blühenden Landschaften nicht stante pede einstellten, die Helmut Kohl den Menschen in der ehemaligen DDR versprochen hatte, sondern es war eine richtige Übergangszeit. Schon 1993, als die erste Nachwende-Rezession die nunmehr größere Bundesrepublik erfasste und die vielen Probleme der Wiedervereinigung immer deutlicher sichtbar wurden, änderte sich der Tenor. Ab dem Zeitpunkt wäre auch der gemütliche Bayer Veigl als Dienststellenleiter nicht mehr denkbar gewesen. Zu sehr wäre er als Okkupant angesehen worden. Und als Symbol eines nicht sehr glücklichen Vereinigungsprozesses, in dem von Begegnung auf Augenhöhe keine Rede sein konnte. Das Verhältnis Ehrlicher-Kain ist hingegen schon im Wesentlichen so ausgeformt, wie wir es kennen, nämlich in Maßen asymmetrisch und doch kumpelhaft und herzlich.

Dass es in der DDR Unterkommissare gab, weiß ich jetzt auch, weil Kain hier noch als solcher geführt wird und sogar eine Art Viertel-Techtelmechtel mit einer Journalistin haben darf, in dessen Verlauf  er sein schüchternes Gemüt offenbar. Überhaupt reden einige sehr pur und andere ziemlich seltsam aneinander vorbei. Ich habe mich bei den Dialogen stellenweise gefühlt, als hätte ich es mit einer Fremdsprache zu tun oder eher mit einer Geheimsprache.  Vermutlich hatten die Skriptschreiber das so beabsichtigt, um ein Gefühl der kalten Fremdheit zu erzeugen, das schon auf sehr viele Missverständnisse hinweist, die das Ost-West-Verhältnis noch belasten sollten. Bei mir ist ihnen das ganz gut gelungen, ich konnte auch nicht durch alle Anspielungen der Ossis untereinander steigen. Wenn man so will, ist dies ein für den nicht in der DDR sozialisierten Menschen stellenweise recht voraussetzungsreicher Tatort, der mit Andeutungen zugange ist, die zu deuten nicht die einfachste Aufgabe darstellt.

Aber das macht die Figuren auch individuell und interessant. Für mich ist deshalb „Tod aus der Vergangenheit“ auch mehr eine Charakterstudie als ein rasanter Krimi, sehr dialoglastig, alles Wichtige wird ausführlich erklärt, besonders für die überwiegenden Westzuschauer, viele Hintergründe und bewahrt doch einige Interpretationsmöglichkeiten. Ob das schon der Stil des Regisseurs in seinen Polizeiruf-Filmen war, kann ich nicht sagen, bisher hatte ich keine Zeit, mich mit der Parallelreihe zum Tatort ausführlich zu beschäftigen. Die Figuren reizen also zum Nachdenken. Hätte ich den Film schon 1992 gesehen, hätte ich mich wohl am meisten mit Ralf Bohm identifiziert, auch wenn er ein anderer Typ ist, aber der Modus des jungen Entrepreneurs war mir doch vertraut.

Der Film hatte mit 9,88 Millionen Zuschauern ein auch für heutige Verhältnisse, wo Tatort wieder Kult ist, überdurchschnittlich großes Publikum und einen Markanteil von 34,50 Prozent. Die Menschen im Osten wollte sicher sehen, ob sie richtig dargestellt werden und für die Westler war es gewiss faszinierend, Einblicke in die Struktur des Wissenschaftsbetriebs der späten DDR zu erhalten.

Das „Verbrechen oder nicht“ ist hingegen nicht sehr gut geglückt. Die Szene auf der Dachterrassse kriminalistisch zu entschlüsseln, kann nicht so schwierig sein, wie es hier dargestellt wird und dass nur eine Person, nämlich Ralf, etwas mehr mitbekommen hat, ist schon etwas fragwürdig, mehr aber noch der Suizid mit Angstschrei, damit es wie ein Mord wirken soll. Da also die Suizidentin merkt, dass sie gegen den Patentdieb keine Chance hat, stürzt sie sich in die Tiefe, um ihm wenigstens noch die Zukunft zu vermasseln. Hat ja letztlich funktioniert, ist trotzdem ein wenig überdehnt. Denn es war ja ein Dritter anwesend, das hätte sie merken müssen, hingegen konnte sie nicht davon ausgehen, dass der eine Falschdarstellung abgeben würde, um den untragbar gewordenen einstigen Forschungsgruppenleiter auf Anraten der West-Investorin aus dem Business zu drängen.

Ich hatte kürzlich aus demselben Jahr den Odenthal-Fall „Tod im Häcksler“ rezensiert und wenn man nur diese Film zur Grundlage nimmt und dann noch die des Berliner Kommissars Markowitz, der es geschafft hat, die Aufbruchstimmung im nun vereinten Berlin zu einer elegischen Fin-de-Siècle-Atmosphäre hin zu verfremden, hat man wirklich eher den Eindruck, es geht viel mehr zu Ende als neu kommen kann. Der Filmstil dieser Zeit war tatsächlich häufig so; konservativ und geradezu den alten Zeiten nachtrauernd. So, als ob man schon geahnt hätte, es wird noch schwierig und es wird viele geben, die sich ebenjene alten Zeiten zurückwünschen. Und das nicht nur auf der östlichen Seite der ehemaligen Mauer.

Ein Bedauern stellt sich ein, dass es so gelaufen ist, wie es gelaufen ist und doch muss man ehrlich bleiben: Es war kaum anders denkbar. Die Hopplahopp-Vereinigung konnte nicht vermieden werden, sonst hätte sich nach dem Mauerfall die DDR so rasch oder noch rascher entleert als vor dem Mauerbau. Und die DDR-Industrie hatte Überkapazitäten, die im vereinten Deutschland schlichtweg nicht gebraucht wurden. Das heißt nicht, dass alles richtig gemacht wurde, die Geschichte der Treuhand ist ja wieder ein ganz eigenes Kapitel oder Buch mit vielen Kapiteln, aber vieles war durch die Vorgeschichte auch vorherbestimmt. Dass die Verlierer im Systemkampf sich auch als Verlierer der Einheit empfinden würden, wäre selbst dann nicht zu vermeiden gewesen, wenn viele Wessis nicht so großspurig aufgetreten wären. Die Faktenlage war einer auf gleich gestellten Vereinigung komplett abhold und natürlich hatte das System DDR wesentlich dazu beigetragen, dass es so war. Leider macht diese Erkenntnis diesen recht traurigen Film noch etwas trauriger, weil man sich nicht so richtig aufregen kann über das, was man sieht, sondern auch bemerkt, wie das Universelle hinter dem Systemspezifischen hervorkommt und ins Licht tritt. Jedes bisherige System kannte Profiteure und Ausgenutzte, weil Menschen dazu neigen, Vorteile für sich selbst gerne anzunehmen, wenn sie sich bieten. Welche Implikationen das für mich in Bezug auf die aktuellen Bewegungen in der Politik hat, darüber schweige ich hier lieber, sonst schlägt die Stimmung in einem Film von 1992 ungefiltert auf mein persönliches Befinden in 2018 durch.

Finale

Dies ist also ein Aufarbeitungs-Krimi, der sich noch viele Zwischentöne leisten kann, aber keine leichte Kost, nur, weil er vor mehr als einem Vierteljahrhundert gedreht wurde. Man kann heute noch vielem nachspüren, was damals vor sich ging und wie es auch in das Bewusstsein der Menschen von heute wirkt. Dass heute so viele im Osten rechts wählen, hat vor allem den Grund, dass sie noch ein Trauma mehr zu bewältigen haben als wir im Westen – und das ist für viele zu viel, auch wenn dieses Trauma für die Jüngeren schon ein tradiertes ist und sie den Alltag in der DDR gar nicht mehr aus eigener Anschauung kennen.

7,5/10

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie    Hans-Werner Honert

Drehbuch           Hans-Werner Honert

Produktion         Hans-Werner Honert, Elke Lepke

Musik   Christian Steyer

Kamera                Jürgen Heimlich

Schnitt  Margrit Schulz

Besetzung

Peter Sodann: Hauptkommissar Ehrlicher

Gustl Bayrhammer: Veigl, Leiter der Dienststelle

Renan Demirkan: Renate Schwippert

Bernd Michael Lade: Unterkommissar Kain

Otto Mellies: Werner Weinkauf

Renate Blume: Ursula Weinkauf

Volker Ranisch: Ralf Bohm

Ursula Gottert: Linde/Anne Treu

Siegfried Voß: Petzhold

Monika Pietsch: Lore Ehrlicher

Thomas Rudnick: Tommi Ehrlicher

Kathleen Fuhlrott: Angelika Frohn (Reporterin)

Thomas Bading: ehemaliger Mitarbeiter von Weinkauf

Horst Krause: Arbeiter im Ehrlichers Kneipe

Joachim Lätsch

Wolf-Dieter Lingk: Streifenpolizist

Walter Nickel: Sachverständiger

Horst Schönemann: Gerichtsmediziner

Lutz Teschner: Anwalt Roller

Wilfried Weschke: Arzt

Herbert Olschok: Klaus Treu

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