Peggy hat Angst – Tatort 148 / Crimetime 28

Crimetime 28 / Titelfoto (c) SWF
  • Unveränderte Übernahme der Originlrezension aus 2011 / Kurzkritik:

Wir waren gespannt auf eine beinahe 30 Jahre alte Tatortfolge, die gegenwärtig noch immer zu den 20 besten von über 800 gezählt wird.

Eine wunderbare Zeitreise ist „Peggy hat Angst“ auf jeden Fall. Und stellenweise denkt man – nicht etwa ins Jahr 1982 oder 1983, sondern in die 70er Jahre. Freizügig, voll auf der Psychotour, von altbackenen bis zu ganz schrägen Elementen, ist alles drin und alles das könnte man so heute nicht mehr drehen.

Außerdem ist es ein Howcatchm, und wir haben zugegebenermaßen eine Schwäche für diese Art von Krimi, weil er die Konzentration auf Täterfiguren zulässt und die Plots oft nicht so verworren sind wie bei den Whodunnits. Thriller sind in der Regel so angelegt, wobei das Wort für „Peggy hat Angst“ etwas zu  hoch gegriffen wäre.

Schauspielerisch ist der Film nach heutigen Maßstäben kein Spitzenkrimi, auch wenn Hans-Georg Panczack eine natürliche Düsterheit ausstrahlt, die seiner Figur sehr bei der Glaubwürdigkeit hilft.

Die Ermittlerarbeit ist so schwach gezeichnet wie in kaum einem anderen Tatort, den wir bisher gesehen haben – da hätte man mehr tun können und müssen, trotz des Akzents auf dem Täter.

Freundlicherweise hate unsere Quelle für die „technischen Angaben“ eine komplette Playlist zu Stab und Bestzung beigefügt, das sollte Schule machen, vor allem bei Angaben zu Tatorten, bei denen die Musik eine so wichtige Rolle spielt wie bei „Peggy hat Angst“.

  • Handlung, Besetzung, Stab

Peggy Karoly, Fotomodell, wird am Telefon Zeuge, wie ihre Freundin Natascha umgebracht wird. Weder Adresse noch Telefonnummer kann sie der Kommissarin nennen, die sich diese Geschichte skeptisch erzählen lässt.

Erst durch das Auffinden der Leiche wird die Geschichte für die Kommissarin zu einem Fall. Plötzlich auftauchende anonyme Briefe an Peggy scheinen im Zusammenhang mit dem Mordfall an ihrer Freundin Natascha zu stehen. Eine anonyme Anruferin, die mehr über die Mordgeschichte zu wissen scheint und nur gegen Belohnung aussagen will, ist für die Kommissarin nicht erreichbar.

Was bleibt nun der Kommissarin weiterhin zu tun, wenn sie feststellen muss, dass Peggy keinen neuen anonymen Briefe mehr erhält und sich durch einen neuen Freund völlig sicher fühlt. Durch eine kleine, gelungene Recherche ergibt sich eine Spur. Die Kommissarin muss schnell und beherzt handeln, um ein neues Unglück zu verhindern.

  • Darsteller

Kommissarin Wiegand: Karin Anselm
Peggy: Hannelore Elsner
Natascha: Ute Christensen
Stefan Gabler: Hans Georg Panczak
Frau Heckelmann: Hannelore Schroth
Joe: Heinz-Werner Kraehkamp
Ellen: Anita Kupsch
Herr Schade: Ulrich Kinalzik
Kriminalassistent Korn: Rolf Jülich
Kriminalassistent Wilcke: Artus Matthiesen
Micheal Scheuring: Harry Wüstenhagen

  • Stab

Regie: Wolfgang Becker
Buch: Norbert Ehry
Kamera: Heinz Hölscher und Valentin Kurz
Szenenbild: Hubert Popp

  • Playlist

Titel – Komponist/Interpret/Textdichter

I’m not in love – Interpret: 10 CC
Loving you – Textdichter: LP Just Alilbit Country
What kind of fool – Komponist: Gibb, Barry (1947-); Galuten, Albhy
Why can the boddies fly – Verlag: Phonogram GmbH Hamburg
Il Veliero – Textdichter: Chaplin Band
Zug der Pilger, die ihr Abendgebet singen – Textdichter: Harold in Italien
Flying higher – Verlag: Phonogram/Mercury
Alba – Textdichter: LP spezial 3c
Sand – Textdichter: LP Staircase
Angry times – Textdichter: LP: With the kick
Me and Julio down by the school yard – Textdichter: LP: Simon + Garfunkel i.C-P
The inventor’s dream – Textdichter: McDonald and Giles
When the dream is over – Textdichter: LP: With the kick
Primadonna – Textdichter: LP: Lover Latin
Le tui radici – Textdichter: LP: Spezial 3c
Castilian Drums – Verlag: CBS

  1. Not in Love

Dieser Mensch, er heißt Stefan Gabler, kann nicht lieben. Frauen gegenüber hat er eine panische Angst, findet am Ende aber doch etwas wie Nähe. Ausgerechnet bei Peggy. Man kann nicht prognostizieren, wie die Sache ausgegangen wäre, mit dem etwas betagten, romantisch veranlagten Fotomodell und dem explosiven Typ, der sich Baudelaire als Fläche für seine Projektionen ausgesucht hat. Den liest er aus Reklamheften. Nostalgie und Erinnerung pur, obwohl es die natürlich heute auch noch gibt. Aber es hat so etwas Schullektüremäßiges.

Wie überhaupt die ersten Minuten des Films etwas von Sommerschulerinnerungen provoziert. Die Welt begann ganz sachte, locker und cool zu werden, in den frühen Achtzigern, und AIDS war noch kein Thema. Ideale Voraussetzungen für eine Figur wie das Model Natascha (Ute Christensen), ein richtiges easy going girl, das unversehens in tödliche Umklammerung gerät. Allerdings auf eine Weise, dass man sich an den Kopf fasst, bei so viel Naivität. Die ganze Szenenfolge in der Bude von Stefan Gabler ist krude. Spätestens in dem Moment, als der Mann schon sehr auffällig wurde und dann die Störung von außen kam, wäre jeder halbwegs sortierte heutige Frau so schnell wie möglich von diesem bedrohlichen Platz entfleucht. Und die richtige Adresse hätte sie dem Mann wohl auch nicht aufgeschrieben.

Schade, dass es der Film nur dadurch zu einem Mord bringt, dass das Mädel doch ganz hübsch einfältig wirkt – wie später auch Peggy Karoly, die Model-Kollegin, die aber hauptberuflich kellnert. Da geht der Gabler schon dorthin, wo sie bedient und spielt genau jenes Stück in der Musikbox, das er während der in der Tat gruseligen, nur hör- und nicht sichtbaren Mordszene laufen hat, da schaut sich die Peggy intensiv um, so, als ob sie tatsächlich einen Zusammenhang erwartet, den es, welch  Zufall, auch wirklich gibt – und später erinnert sie sich nicht mehr, dass der Typ, den sie kennen lernt, weil sie zufällig auch noch in sein Taxi einsteigt, in jenem Moment in jenem Restaurant gesessen hat. Der Film ist ziemlich verspielt, stringent ist anders und es fällt uns deshalb schwer, zu diesem Tatort eine Liebesbeziehung zu entwickeln, wie viele andere es offenbar tun.

  1. Ausprobiert

Man hat überhaupt viel ausprobiert. Zum Beispiel einen neurotischen Mörder zu entwickeln, ohne dass dessen Hintergründe auch nur ansatzweise beleuchtet werden. Kann gutgehen und stark gespielt ist es auch, aber nach heutigen Erkenntnissen wohl doch ein wenig zu linear. Dafür allerdings sehr deutlich, wie der Mann sich in eine romantische Verklärung hineinsteigert, weil er in der Realität mit sehr irdischen Frauentyp nicht klarkommt, der die Realität bestimmt.

Seltsam, wie er sich erst annähern kann, auch nichts an der allgegenwärtigen Nacktheit im Schwimmbad findet, Akte malt, sich körperlich nicht richtig annähern kann, aber dafür total besitzergreifend ist. Schwer zu sagen, ob das nach heutigen Maßstäben als Borderline-Syndrom zu bezeichnen ist, das an- und abschwillt und gar kein Erklärungsmuster zulässt, wie moderne Tatortfiguren es im Grunde immer bieten. Da hat man sich einiges getraut und wir finden’s auch gut gemacht, unter der Prämisse, dass die Bongos, die Gabler immer spielt, wenn’s seine Seele zwickt, auch so ein Kultobjekt der Zeit sind und man sich heute dreimal überlegen würde, ob man einer Figur so nah tritt, ohne sie dem Zuschauer als Chiffre für einen sozialen Missstand einerseits und biografisch durchorganisiert andererseits anzubieten.

Aber eine Katze hat der Gabler, das müssen wir lobend erwähnen. Vorsicht also vor alleinstehenden Katzenbesitzern, bei denen die Viecherl in irgendeinem Einkaufskorb leben.

  1. Ermittlerinnen vor Odenthal

Nicht Lena Odenthal war die erste südwestdeutsche Tatort-Kommissarin, sondern Hanne Wiegand (Karin Anselm). Zwischen deren Aufhören 1988 und Odenthals Beginn ein Jahr später liegen figurenmäßig allerdings Welten.

Eines kann man der Ermittlerfigur Wiegand sicher nicht unterstellen. Dass sie sich dem  Zuschauer anbiedern und ihn irgendwie emotional ködern will. Eine so reduzierte Ermittlerdarstellung haben wir bisher noch in keinem Tatort gesehen und es gibt leider Abzüge dafür, wie wenig hier ermittelt wird und wie kühl die Frau vor allem zu Anfang ist, so, als hätte sie ein Vertrauensproblem allgemeiner Natur, wann immer jemand in Bedrängnis ist. Vielleicht ist sie auch nur eine klassische Beamtin mit einer auch für 1983 ziemlich klassischen Frisur. Da reißt auch die Tatsache, dass sie Peggy gegen Ende anbietet, bei ihr zu übernachten, den Eindruck eines sehr dezenten Engagements nicht mehr heraus.

Zudem ist das einzige echte Element von Ermittlerarbeit eine Tonaufnahme, die aber nicht sie, sondern ihr Kriminalassistent „intuitiv“ an der richtigen Stelle einsetzt, so dass diese Spur dann in die richtige Richtung weist. Das war der Mitschnitt der alten Frau Heckelmann (Hannelore Schroth in einer wirklich garstigen Rolle), die etwas weiß und es nur gegen Geld sagen will, dann aber plötzlich stirbt. Sehr plötzlich, selbst für einen Herzschlag und strafrechtlich war durchaus der Gabler wieder dran schuld, wie schon bei Natascha, denn wie er das Kissen auf ihr Gesicht drückt, da macht ihr Herz nicht mit, bevor sie noch erstickt werden kann.

  1. Hannelore Elsner als Titelfigur Peggy, die Angst hat und dann plötzlich nicht mehr

Schade, dass sie für ihre Rolle damals eigentlich schon zu alt war, zweifelsohne eine attraktive Frau, aber als Model in einem so am Jugendkult orientierten Kr5eativen-Umfeld wie dem, in dem sie lebt, eben doch ein wenig fremd wirkend. Dafür spielt sie aber vergleichweise modern. Ihre Darstellung ist die einzige aller Figuren, die man auch heute noch als gültig ansehen kann. Sie hat eine natürliche Art, Emotionen gut rüberzubringen und alles, was nicht passt, entstammt nicht ihrer Schauspielerei, sondern dem Drehbuch, dem sie das beste abgewinnt. Dass dies nicht einfach war, wir mehrfach deutlich. Besonders in dem Zeitraum, in dem sie von einem Menschen mit viel Angst plötzlich zu einer sehr vertrauensseligen Person wird – doch auch irgendwie eine Illusionistin, wie schon in ganz jungen Jahren mit dem Porsche-Traum. Beinahe ein wenig gezeigt wie die gute Hure – auch in dieses Milieu werden ja klischeehaft immer wieder gutherzige Frauen hineingesetzt wie in eine dicke, obszön gestaltete Torte, die letztlich aber doch gut schmeckt.

Auch Peggy ist als Figur ein Kind ihrer Zeit, darstellerisch hingegen überzeitlich. Am Ende sitzt sie an einer Wand in einem alten Hof und the dream is over, nachdem man Gabler doch gefasst hat, obwohl sie ihm am Ende helfen wollte zu entkommen, obwohl er ihre Freundin umgebracht hat.

  1. So viel Musik und so wenig Sozialkritik!

Es war ein Kennzeichen der 80er, dass viel Musik eingeflochten wurde, während heute und ganz zu Anfang hauptsächlich Originalmusik verwendet wird, Übernommenes hingegen sparsam und sehr akzentuiert. Das wird nicht nur GEMA-rechtliche Gründe haben. Natürlich gewinnt ein Film wie „Peggy hat Angst“ dadurch sehr viel Zeitkolorit, wird sehr atmosphärisch, aber am Ende, in der oben erwähnten Szene im Hof, als dort dieses Lied gespielt wird vom Traum, der aus ist, da hatten wir doch das Gefühl, das ist jetzt etwas too much an Theatralik. Overacting in Form von Musikgestaltung. Aber, wie an früherer Stelle geschrieben, das ist ein verspielter Tatort, im Vergleich zu den heutigen Prunkstücken.

An vielen dieser Detals kann man gut erkennen, was sich verändert hat. Wie mächtig die Tatorte mittlerweile geworden sind, und manchmal auch – wie prätentiös. Wir haben uns aber daran gewöhnt, dass sie so sind und es fällt gar nicht leicht, diese Machart von vor 30 Jahren als gleichwertig anzusehen. Sie ist es wohl auch nicht, heutige Tatorte sind wesentlich ausgefeilter, trotz ihrer teilweise eklatanten Drehbuchfehler. Vor allem die Aufladung moderner Folgen mit Botschaften lässt diese so viel wichtiger wirken, dabei war „Peggy hat Angst“ mit der Täterdarstellung des Gabler für damalige Verhältnisse sicher ganz schön mutig oder wenigstens offensiv.

Aber es fehlt, wie in vielen Tatorten jener Zeit, der Überbau einerseits und nach unserer Sichtweise und gemäß unserem Zugang auch der gehäufte Subtext, der mittlerweile jeder Szene, jeder Einstellung, jedem Accessoire innewohnt. Alles hat eine Bedeutung, das war damals erkennbar noch nicht so, auch wenn man bereits viel Sorgfalt auf die Dekors verwendet hat und dass sie genau auf die Figuren abgestimmt sind, die in diesen Dekors leben. Über die vielen Zufälligkeiten, wo immer irgendwer irgendwen gerade zufällig sieht, als ob Mainz ein 2000-Einwohner-Kuhdorf wäre, und die schwache Ermittlungsarbeit in „Peggy hat Angst“ kann man sich zwar nicht freuen, aber eben weil die Tatorte damals noch nicht so großspurig daherkamen, stört es auch nicht so wie heute, wo man einfach eine andere Perfektion erwartet, wenn man andererseits akzeptiert, dass sie einem meistens und ungefragt das soziale Welt(ge-)wissen mitliefern.

6. Fazit

Auf jeden Fall ist „Peggy hat Angst“ die 90 Minuten wert, die es braucht, um den Film anzuschauen. Nach heutigen Maßstäben ist das kein Top-Tatort, aber er hat einen hohen Unterhaltungswert wegen Gabler, wegen Elsner, wegen der Nostalgie und wegen der Musik, die wie etwas dick aufgestrichen ist, wie von der guten Nutella etwas zu viel auf dem Brot. Wir geben etwas zu für die Nostalgie und die Psychologie, ziehen für einige Schwächen aber objektiv auch einiges ab und kommen heraus bei 7,0/10.

© 2018, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

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