Meta – Tatort 1048 / Crimetime 31

Crimetime 31  / Titelfoto © RBB, Reiner Bajo

Alles ist Meta, Travis Bickle

Kommissar Robert Karow ist schockiert. Ihm wird der abgetrennte Finger eines jungen Mädchens zugeschickt. Offenbar wurde die Tote jahrelang in einem Storage eingelagert. In einem solchen Lagerhaus entdecken Karow und Nina Rubin die Leiche, der dieser Finger fehlt. Die Tote war eine minderjährige Prostituierte. Auf der Suche nach dem Absender des Pakets stoßen die Ermittler auf eine Filmproduktionsfirma und den Regisseur Schwarz, die gerade mit ihrem ersten Kinofilm „Meta“ auf der Berlinale Premiere feiern. Auf verstörende Art schildert der düstere Thriller den Mord an der jungen Prostituierten Svenja Martin. Rubin und Karow sind sprachlos, denn was die Polizisten Rolf Poller und Felix Blume im Film „Meta“ ermitteln, passt auffällig zu ihrem aktuellen Fall.

War der Drehbuchautor Peter Koteas Svenjas Mörder und ist „Meta“ sein Geständnis? Karow und Rubin können ihn nicht mehr befragen, der Autor beging vor einigen Monaten Selbstmord. Der Fall scheint geklärt, Koteas muss Svenja ermordet, ihren Körper eingelagert und die Verschickung ihres Fingers vorbereitet haben.

Doch Robert Karow findet keine Ruhe. Er taucht völlig in den Film ein, Koteas‘ rätselhafte Welt um Kinderprostitution und Geheimdienste beschäftigt ihn fieberhaft. Rubin macht sich zunehmend Sorgen um ihren besessenen Partner, aber auch sie quält die Frage: Kopiert hier der Film das Leben oder das Leben den Film?

Mehr zum Film

Der „Tatort: Meta“ ist eine Produktion der Wiedemann & Berg Film- und Fernsehproduktion (Produzenten: Nanni Erben, Quirin Berg, Max Wiedemann) im Auftrag des Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) für Das Erste. Dank einer Sondergenehmigung durfte zum ersten Mal ein „Tatort“ während der Berlinale gedreht werden. Ein Jahr später hat der Krimi TV-Premiere – passend zu den Internationalen Filmfestspielen 2018.

Rezension

Allein die Idee, einen Tatort auf der Berlinale zu drehen und ihn ein Jahr später während der Berlinale erstmals im Fernsehen aufzuführen, ist etwas, das es so nur in Berlin geben kann und deswegen ist es super, dass die Beinahe-live-Rezensionsserie, also direkt nach dem Ende der Erstausstrahlung, auch meinem neuen Autoren-Account gewidmet, aber im Blog „Rote Sonne 17“ nicht mehr neu, mit diesem Berlin-Tatort starten kann. Ein schöner zeitlicher Zufall, aber eben nur ein  Zufall.

Es ist nicht verkehrt, wenn man Martin Scorses „Taxi Driver“ kennt, um die Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen Travis Bickle und Robert Karow würdigen zu können, denn Bickle geht es um die Kinderprostituierte, die in jenem berühmten Film von Jodie Foster gespielt wird und Karow geht es letztlich um die Lösung eines Falles. Es wirkt momentweise nicht so, aber davon dürfen wir ausgehen. Film im Film oder ein Rahmen, der alles zu grandiosem Theater werden lässt das gab es im Rahmen des Tatort-Formats schon, speziell die Murot-Tatorte sind Vorreiter auf diesem Gebiet. Einer davon, „Es lebe der Tod“ (2016), wurde bereits vom Drehbuchautor Erol Yesilkaya geschrieben, der auch für den neuen Berliner Tatort das Buch verfasst hat und auch dieser Film hat, wenn ich mich recht erinnere, einen starken Drall in Richtung Meta-Ebene. Da wir ja hier unter Menschen sind, die schreiben, haben wir alle Glück. Ich muss dieses Mal nicht in erster Linie das Buch kritisieren, den Stil und die Darsteller aber loben. Eher umgekehrt. Nein, das zum Glück auch nicht. Der Reihe nach, Yesilkaya hat schon acht Tatorte geschrieben, aber nicht einmal eine eigene Wiki-Seite, ich musste das in der Internet Movie Database (IMDb) recherchieren und bin auf weitere Filme gestoßen, die gut rezipiert wurden – wie etwa den BR-Fall „Der Tod ist unser ganzes Leben“, der in einem schwachen Tatortjahr 2017 zu den Höhepunkten zählte.

Die Idee zu „Meta“ ist wirklich stark, wenn auch nicht neu, und es handelt sich auch nicht um Selbstreferentialität im engeren Sinn. Wohl aber eine „mise en abyme“, ein Bild, das sich selbst enthält und immer wieder sich selbst. Wenn im Tatort eine bestimmte Szene stattfindet, in der Karow den Film Meta anschaut, spiegelt sich diese im Film „Meta“ und in diesem Film wiederum schaut jemand einen Film, in dem sich die Szene spiegelt – usw. Sehr kunstfertig gemacht, das alles, sehr hübsch auch die kleinen, feinen Abweichungen in den Ebenen. Konstruktiv sicher einer der besten Tatorte bisher. Da hat der RBB sich mal ein gutes Skript geangelt. So muss man es wohl ausdrücken, denn die Drehbücher von Yesilkaya gehören zu den wenigen, bei denen ich mir vorstellen könnten, dass die Sender sich eher darum reißen, eines zu bekommen, als dass der Autor schwitzen muss, ob er’s auch verkauft. Das ist, klar, typisches Amateurschreiberdenken, zudem geprägt von einer etwas zu langen Zeit im Vertrieb, aber ich mag die Vorstellung, dass es Menschen gibt, die ruhig darüber schreiben können, dass ein Filmer nach Hollywood geht. Der Filmer kommt nämlich nicht an, wie wir im Verlauf sehen, und damit sind alle gerächt, welche die wirkliche Kreativarbeit leisten, wie hier ein Auftragsmörder mit einem IQ von 2187 oder auch auch nur 187. Wir dürfen getrost davon ausgehen, dass dieser IQ ebenfalls einen verborgenen Selbstbezug hat. Da hat der Autor sich zugeprostet, als er das Skript zur Nummer 1048 fertig hatte und ganz leise „Genau!“ gerufen. Warum das so gewesen sein könnte, klären wir noch.

Das Schreckliche ist aber, dass man so viel recherchieren muss. Die Organisation Gehlen, das war mir glücklicherweise bekannt, gab es wirklich, und sie war der BND-Vorläufer, wie im Film beschrieben. Allerdings gibt es keine Hinweise darauf, dass sie heute neben dem BND, in dem sie aufgegangen ist, noch besteht. Aber das ist ja die Kunst an der Fiktionalisierung, dass man alles so veweben kann, dass niemand mehr richtig herausfindet aus dem Netz, zumal im postfaktischen Zeitalter. Früher gab es manchmal einen Hinweis im Vorspann eines Film mit allzu deutlichen Realitätsbezügen, in dem genau das Gegenteil behauptet wurde, nämlich die Zufälligkeit von Ähnlichkeiten zwischen Personen und Ereignissen im Film und der Wirklichkeit. In „Meta“ ist es umgekehrt, es wird behauptet, das, was man sehen wird, sei an reale Ereignisse angelehnt, was aber wohl kaum stimmen dürfte. Das ist frech, aber auch charmant gemacht, zumal mit der Berlinale eine Art Authentizitätserwartung geschaffen wird, die zwangsläufig enttäuscht werden muss.

Kann aber das kantige und absichtlich voll auf disharmonisch gepolte Berliner Team ein so kunstvolles Handlungswerk umsetzen? Sagen wir mal, es könnte. Vielleicht. Wenn man es ließe. Vielleicht ist ja aber auch dies Absicht, denn die Geschlossenheit des Werks ist in Deutschland kein Zeichen höherer Kunst mehr. Eher die Zerrissenheit, und das hat auch mit Leuten zu tun, die in der Organisation Gehlen landeten und natürlich mit deren Vorgesetzten im Dritten Reich. Alle Einheit und Einheitlichkeit ist demnach absurd und der Tatort die höchste Ebene, auf der man genau dies ausdrücken kann. Weil er, anders als die meisten Kunstfilme, ganz viele Zuschauer erreicht, kann man auch testen, wie weit die Rezeptionsfähigkeit breiter Bevölkerungsschichten diesbezüglich vorangekommen ist und ob eine Akzeptanz dafür herrscht, dass ein Schauspielergott wie Robert De Niro mit Mark Waschke zusammengeschnitten wird, obwohl man Letzterem nicht einmal einen Irokesen-Haarschnitt verpasst hat. Nein, wenn es einen Darsteller unter den aktuellen Tatortkommissaren gibt, der das irgendwie vermitteln kann, der irgendwie Travis Bickle sein könnte, dann sicher Waschke, der ist freakig und auch physisch genug, in seiner Tatort-Rolle. Die Präsenz beruht auf ganz anderen Eckpfeilern und das moderne Filming tut natürlich auch viel, besonders, wenn es den fantastischen Jazz-Score von Bernard Herrmann, den man in „Taxi Driver“ genießen durfte, so gekonnt mit der Originalmusik mischt, die für „Meta“ komponiert wurde.

Manche Szenen sind stark überdehnt, aber da steckt sicher auch ein gewisser Humor drin und ich bin immer noch nicht durch damit, ob ich eine andere Sache akzeptiere. Nämlich, dass man jedes Mal so schrecklich rausgeholt wird, wenn es um das Verhältnis von Karow und Rubin geht und um Rubins Privatleben und um Rubins Haltung zu Karows Vision von der Organisation (Gehlen), die am Ende ja die richtige gewesen sein könnte. Denn wir rekapitulieren, dass der Film ganz schlau andeutet, dass der ganze Verschwörungskram eben doch Humbug ist. Was aber leider Humbug ist, denn man kann nicht Videos und Kameras und Erpressungscluster aller Art als objektive Tatbestände zeigen und eben nicht der schrägen Wahrnehmung eines überstressten Polizisten geschuldet und am Ende die Kurve so nehmen, als handele es sich möglcherweise, wenn auch nicht sicher, um seine Halluzinationen. Wenn es so wäre, hätte Rubin mit ihrer bornierten Haltung gegenüber Karows Ideen  zum Hintergrund des Kinderprostituierten-Mordes ja Recht und er ist näher an Koteas und dieser ist näher am Wahnsinn als an der Organisation Gehlen – die letzte Einstellung zielt in diese Richtung. Und die Tatort-Cops sind auch immer mehr mit jener in Amerika erfunden Schnellheilungsqualität von Actionhelden ausgestattet, die unlogisch im Sinn von medizinisch-biologisch nicht möglich ist. Aber der Film spielt dermaßen mit all seinen Referenzen und Möglichkeiten, dass man am Ende doch zu einer etwas ernüchternden Aussage kommt: Dies ist ziemlich beliebig und eben keine supergeniale Konstruktion. Es kann nämlich immer so und so sein, wird nie festgelegt – und das wiederum hilft dabei, den modernen Trend zu unterstützen, dass Logik eher stört und deshalb weg kann.

Vor einigen Jahren hätte ich das mehr bemängelt, aber einer allein gegen das Syndikat, das geht eben auf Dauer nicht. Deswegen habe ich mir ein anderes, letztes Kritikfeld gesucht. Oder eine Figur zum Kritisieren. Ich finde, Meret Becker spielt ihren Rubin-Part dieses Mal zu stagy und die Konfliktszene mit ihrem Filmsohn halte ich für richtiggehend missglückt. Da passt der gesamte Ton nicht, wie überhaupt bei ihr dieses Mal über recht lange Strecken. Dadurch wirkt das Verhältnis zwischen ihr und Karow und ihr und ihrem Sohn verschoben, wie aus dem Konzept gefallen. Aber wenn man das annimmt, muss man ja davon ausgehen, formale Einheit sei eben doch ein Maßstab für künstlerische Qualität und oben haben wir ja schon festgestellt, kann so oder auch nicht – eher nicht. Und was für ein Glück, dass wir immer auf die Geschichte verweisen können, wenn manches wirkt wie sehr gewollt und gar nicht gekonnt, wo es doch in Wirklichkeit so aussehen soll, als sei das Nichtgekonnte nicht gewollt. Nun kann eine Figur nichts für die Dialogsätze, die sie zu sprechen hat und damit ist einiges gesagt.

Finale

Obwohl er eigentlich eine Trickkiste ist, ein großspuriger Hokuspokus, ist „Meta“ doch sehr ansehnlich und unterhaltsam, man hat das Gefühl, man versteht doch so in etwa, was vor sich geht, und erst, wenn man bei der Hermeneutik merkt, dass da irgendwas nicht stimmt, weiß man, es ist besser, das Ganze dekonstruktiv zu betrachten. Und damit kann man gar nicht falsch liegen, bei einem Film wie „Meta“. Und dann gibt es noch die Huldigung an „Taxi Driver“, die bestimmt diesen Tatort ganz schön teuer gemacht hat und der Schnitt, der ist damit gut umgegangen – mit den drei Ebenen, die man sieht, wenn an einer Stelle inszenierte Abimisierung außer Acht lässt. Und endlich wird Berlin einmal seiner Rolle als Metasymbol der zunehmend amorphen Weltwirklichkeit auch krimiseitig gerecht.

Wertung: 8/10

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Besetzung und Stab

Nina Rubin         Meret Becker

Robert Karow   Mark Waschke

Felix Blume        Fabian Busch

Rolf Poller           Ole Puppe

Anna Feil             Carolyn Grenzkow

Mark Steinke    Tim Kalkhof

Tolja Rubin         Jonas Hämmerle

Peter Koteas     Simon Schwarz

Michael Schwarz             Isaak Dentler

FunktionsbereichName des Stabmitglieds

Musik:  Thomas Mehlhorn

Kamera:              Willy Dettmeyer

Buch:    Erol Yesikaya

Regie:   Sebastian Marka

 

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