Happy Birthday, Sarah – Tatort 888 / Crimetime 32

Crimetime 32 - Titelbild © ARD / SWR, Stephanie Schweigert

Eine Minute bis zur Strafmündigkeit

Die Handlung in einem Satz, ohne Auflösung: Ein Sozialarbeiter wird getötet und nach kurzer Zeit gerät Sarah Baumbach, ein Problemkind, ins Fadenkreuz, ihr Alter schätzen die Polizisten auf 16, was später noch eine Rolle spielen wird, alle Ermittler ermitteln meist getrennt, wobei Lannert in verschiedenpreisigen Autos einem alten 3er-BMW folgt und Bootz wegen seiner Familiensachen meist nicht erreichbar ist, dafür beteiligt sich die adrette Staatsanwältin Emilia Alvarez auf ihre Weise auch an der Lösung des Falles und wir stellen fest, dass auch anonyme Hotelbuchungen nicht davor schützen, dass die Daten der Gäste von einer cleveren Juristin infiltriert werden.

Die Darstellerin von Sarah, Ruby O. Fee, ist Gottseidank ein gutes Stück älter als ihre Filmfigur, nämlich knapp 17 Jahre, und hat bereits eine beachtliche Filmografie. Um die Strafmündigkeit herum wird ein nicht unorigineller und gut gefilmter Plot gebaut, Spannung, Soziales und Humor halten sich dieses Mal wieder gut die Waage. Sehr schön, wie schnörkellos Kommissar Lannert wirkt, trotz seines Hanges zu wenig elaborierten Verfolgungen auf vier Rädern.

Von der ausführlichen Darstellung des Familienlebens des Kollegen Bootz, nach dem Abgang seiner Frau nur noch aus den beiden Kindern bestehend, mag man halten, was man will – aber es wirkt authentisch und knuffig und so ist nun mal der Tatort heute. Er stellt zum Beispiel die trotz aller Schwierigkeiten intakte Beziehung des Polizisten-Vaters zu seinen Kindern den Verhältnissen gegenüber, in denen Sarah Baumbach aufgewachsen ist. Aber auch sie ist mit einem erstaunlich guten Kern ausgestattet und man weiß, diese WG, betreutes Wohnen, die wird ihr helfen, weil sie sowieso auf einem guten Weg ist.

Dass Jugendzentren und Stiftungsverwalter ihre eigenen Sachen mit den Nöten der Jugendlichen machen oder sonst krumme Dinger, ist interessant und differenziert gefilmt. Überhaupt, die Handlung. Bis auf einige Wischer gelungen und dem sympathischen Team Lannert / Bootz / Alvarez angemessen engagiert und präzise gefilmt. Vor allem die Gegenschnitte, die sich ab einem bestimmten Zeitpunkt auf die mehrseitigen Ermittlungen beziehen, sind gut gemacht. Modern, ohne angestrengt zu wirken oder anstrengend zu sein.

Zu den Details in der -> Rezension.

Handlung, Besetzung, Stab

„Klaus‘ Haus“ ist ein Jugendtreff an einer der vernachlässigteren Ecken Stuttgarts, gefördert von einem reichen Erben, der sich als cooler Wohltäter gibt. Als einer der Sozialarbeiter von „Klaus‘ Haus“ ermordet wird, fällt den Kommissaren Thorsten Lannert und Sebastian Bootz vor allem Sarah Baumbach auf: frühreif, aufmüpfig, aus einer ziemlich kriminellen Familie und häufige Besucherin im Jugendtreff, wo Leiter Sven Vogel eine Vertrauensperson für sie ist. Als Lannert und Bootz die durchaus renitente Sarah mit Indizien konfrontieren, die sie in den Mord verwickeln, gesteht sie freimütig die Tat.

Der Sozialarbeiter habe sie sexuell bedrängt, da schlug sie zu. Doch Sarah, stellt sich heraus, ist noch nicht strafmündig und muss auf freien Fuß gesetzt werden. Ohnehin sind die Kommissare nicht überzeugt von ihrem Geständnis. Möglicherweise deckt sie den wahren Täter. Und das könnte Frank Schöllhammer sein, der reiche Erbe, der die für „Klaus‘ Haus“ bestimmten Stiftungsgelder in andere Kanäle zu lenken scheint.

Rezension

Lannert und Bootz gehen gestärkt aus der jüngsten Ermittlungsrunde hervor, könnte man unsere Eindrücke von „Happy Birthday, Sarah“ in dem Politsprech angenäherte Worte fassen. Kinder- und Jugendliche als Themen passen zu den beiden, das ist keine Frage und hat natürlich vor allem damit zu tun, dass Bootz selbst eine mittlerweile zerbrochene Familie hat, aber auch damit, dass Lannert jederzeit als Sozialarbeiter durchgehen könnte.

Genau eine solche Rolle zieht er sich in diesem Film auch an. Logisch ist das nicht unbedingt, da genau die im Mittelpunkt des Falles stehende Sarah ihn ja vorher schon als Polizist kennengelernt hat – der Drehbuchautor hat das spät, aber immerhin doch gemerkt, nämlich, als der Stiftungsvorstand Schöllhammer offenbar von ihr über dessen wirklichen Beruf informiert wird, während einer Pool-Party. Da konnte man nicht mehr das halbe Drehbuch rückwärts umschreiben, also hoffte man auf gnädige Aufnahme dieses wenig überzeugenden Handlungselementes.

Ist okay. Undercover-Kommissare haben eh etwas Unglaubwürdiges, wenn sie in der Heimatstadt in Deckung gehen, wo viele Leute sie kennen und eine solche Deckung jederzeit auffliegen kann. Aber so ein Jugendheim ist ja eine Parallelwelt, grundsätzlich ist da manches möglich, was zum Beispiel im Fernsehturm-Restaurant nicht geht. Da einer Staatsanwältin fällt sofort auf, dass der Hotelmanager sich den Ehering vom Finger zieht und gleich nutzt sie das zu einer charmanten kleinen Erpressung.

Humoristisch ist auch der Rottweiler, der bei „Hallöle“ Männchen macht, dadurch wirken seine Besitzer noch rudimentärer, als sie ohnehin gezeigt werden. Und – ja, solche Typen sind nicht unrealistisch. Seit wir wieder mehr mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten zu tun haben, kommt uns diese Blödfisch-Sprache und das gesamte niedere Verhalten von Prager oder Sarahs Schwester oder ein paar Jungs aus dem JuZ, die sich um eine Bohrmaschine streiten (mit der aber nur einmal, ganz kurz, wirklich gearbeitet wird) ziemlich aus dem Leben abgeschaut vor.

Dass das so ist, setzt zum Beispiel Ermittler in die Lage, auch mal herzhaft zu sein und nicht in denselben Neusprech zu verfallen, wie es die Sozialarbeiter natürlich tun müssen, da sie eine andere Aufgabe haben. Sie nämlich kümmern sich um die Lebenden und versuchen, aus ihnen noch etwas zu machen, während sich die Kriminaler nur mit Tatsachen beschäftigen, die eh nicht mehr zu ändern sind. Wie zum Beispiel mit dem Mord an einem jungen Sozialarbeiter. Dieser wirklich blödsinnig wirkende Vergleich bekommt am Schluss eine eigene Bedeutung.

Ab hier enthält der Text Angaben zur Auflösung!

Diese Bedeutung erschließt sich, weil sich nämlich der Mann, der diesen Satz geäußert hat, der JuZ-Leiter Sven Vogel, ziemlich um die lebende Sarah kümmert und den nunmehr toten Kollegen auf dem Gewissen hat. Da kann die Personaldecke noch so dünn sein, dieser Mann, der dem Chef auf die Schliche gekommen ist, muss sterben. Dass Sarah diesen Mord auf sich nimmt, weil sie Gefühle für Vogel hat, der (fast) ihr Vater sein könnte, ist eine jener eigenartigen, aber nicht unmöglichen Konstellationen, die besonders übel aufstoßen, wenn Schutzbefohlene emotional ausgenutzt werden, weil sie zuhause nie Zuwendung erfahren.

Sarah kann sich selbst bezichtigen, weil sie noch nicht strafmündig ist, bei einem weniger schweren Delikt hat sie das schon einmal getan – für ihren Bruder und diesen Prager, die sie ebenfalls für ihre Zwecke einspannen. Sie hat also Übung darin, den Polizisten etwas vorzuspielen. Nicht, dass diese Menschenkenner ihr glauben würden, das tun sich nicht einmal, nachdem sie nachweist, dass sie zumindest physisch zu der Tat in der Lage gewesen wäre.

Weil Bootz und Lannert viel zu empathisch sind, um diese Show einfach hinzunehmen und den Fall zu schließen, weil Sarah nicht strafmündig ist und ihr bloß eine psychosoziale Einrichtung anzuempfehlen, kommen die Ermittlungen erst richtig ins Rollen, bis die Hintergründe der Tat aufgedeckt sind. Klar, auch dieser Plot ist ein Konstrukt, das merkt man ihm an. Aber er ist wenigstens nicht absurd und vergleichsweise fehlerarm und die Schauspieler füllen diese Handlung mit Leben.

Fazit

Schön, dass die Stuttgarter wieder einen Fall bekommen haben, in dem sie ihre Stärken ausspielen können – nämlich ein Gespür für Menschen, das nicht aus mysteriösen Quellen, sondern schlicht aus ihrem Charakter und ihren Biografien gespeist wird und sich daher gut nachvollziehen lässt. Da wirkt es sich positiv aus, dass man zu einem früheren Zeitpunkt erfahren hat, welch einschneidenden Schicksalsschlag Lannert einst hinnehmen musste, wie er ihn überwunden hat mit stillem Rückzug in die Arbeit, wie sich dadurch seine Sinne geschärft haben. Bootz hingegen ist ein Sozialmensch durch und durch, der sich einfach nicht vorstellen kann, dass diese knapp 14jährige Sarah einen richtig brutalen Mord begehen kann.

Das wirkt alles rund und glaubwürdig, wie auch die Milieuschilderungen. Einzig der Mäzen, der so gerne Mädels im Pool guckt, ist ziemlich schräg geraten, aber dieser lebenslustige und skrupellose Erbe dient nicht nur der Sozialkritik, er wirkt durch seine gediegene Form von Schrulligkeit prägnant – wie die übrigen Figuren ebenfalls mit wenigen, starken Strichen gezeichnet und für uns vorstellbar werden. Das trifft sogar auf die Hündin Rambo zu.

Einen Gimmick gibt es auch noch. Dies ist der 13. Fall für Lannert und Bootz und das Alter 13, in dem Sarah sich bis kurz vor Schluss befindet und daher nicht strafmündig ist, spielt bekanntermaßen eine wichtige Rolle. Wir glauben nicht, dass dies  Zufall ist und nehmen es vergnügt zur Kenntnis.

In famosen Tatort-Zeiten hätten wir vielleicht nur zur 8 gegriffen oder gezögert, doch angesichts vieler Ausrutscher vor allem vor der Sommerpause hauen beherzt wir rein und bewerten „Happy Birthday Sarah“ mit dankbaren 8,5/10.

© 2018, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Thorsten Lannert            Richy Müller

Sebastian Bootz               Felix Klare

Emilia Alvarez    Carolina Vera

Nika Banovic      Miranda Leonhardt

Dr. Vogt               Jürgen Hartmann

Sven Vogel         Tobias Oertel

Frank Schöllhammer      Patrick von Blume

Sarah Baumbach             Ruby O. Fee

Regie    Oliver Kienle

Kamera                Jürgen Carle

Drehbuch           Wolfgang Stauch

Musik   Heiko Maile

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