Wir feiern 47 Jahre Mauerbau mit der „Jungen Welt“ #Mauerbau #BerlinerMauer #Antifa #AntifaschistischerSchutzwall #Revisionismus #Geschichtsfälschung #Legendenbildung #DDR #BRD #Grenzregime #JW #JungeWelt

Kommentar 59 / Titelbild: Bundesarchiv, via Wikipedia

  1. August 1961 – Gedenken an den Mauerbau à la „Junge Welt“

 

„Man wird ja wohl noch träumen dürfen. Die Frage: »Was wäre gewesen, wenn …?« ist in der Geschichtsbetrachtung ein so unzulässiges wie beliebtes Gedankenspiel. Geben wir ihm uns zur Feier des Tages einmal hin: Was wäre gewesen, wenn am 13. August 1961 nicht die Berliner Mauer gebaut, sondern eine politische Wende eingeleitet worden wäre, wie sie erst 1989 stattfand? Was hätte sich daraus für die DDR-Bürger ergeben?“ 

So leitet der Artikel in der Jungen Welt ein.  Danach kommt es wirklich dicke, man kann es aber kurz zusammenfassen: Alles wäre entsetzlich geworden, für die DDR-Bürger. Eine damals schon erfolgte Wiedervereinigung – ein Graus. Hingegen: Kein Wort des Bedauerns darüber, warum die Mauertoten oder warum die Mauer gebaut wurde: Weil die DDR sich zu entleeren drohte. Die vielen Abwanderer haben  ja dann auch (mit) dafür gesorgt, dass NÖS gescheitert ist. Es gab zu wenig Spitzenpersonal, das es hätte umsetzen können.

Weil offenbar die vielen Segnungen der DDR den Menschen dort nicht das seltsame Gefühl nahmen, in einem armen, rückständigen Land zu leben und in der Tat der Möglichkeit beraubt zu sein, die Welt sehen zu dürfen, wie und wann sie wollen, bis auf eine Privilegierte natürlich, gingen sie also westwärts. Aber machen wir uns doch mal die Mühe, ein paar Punkte dieses hochqualifizierten Beitrags (DDR-Oberschule als Bildungshintergrund?) durchzugehen.

  • Ja, das böse Contergan. Die Säuglingssterblichkeit lag 1960 in der DDR bei 38,8/1000, in Westdeutschland bei 34/1000. Beides natürlich Werte mehr als zehnmal höher als heute, jedoch mit einem erkennbaren Vorsprung für den Westen. Solche Gesamtsichten sind natürlich unangenehm und man muss zudem etwas recherchichen, deswegen wird auf diesen größten Medikemantenskandal seiner Zeit abgehoben, als sei er konstitutiv für die Zustände in beiden Ländern. Aber wir sind ja keine Nostalgiker und Schönfärber, wie der Autor: Ein Skandal war ein Skandal, wir haben ja gelernt, kritisch zu sein.
  • Millionenfache Arbeitslosigkeit. In Westdeutschland erreichte die Arbeitslosigkeit mit 0,2 Prozent ausgerechnet im Jahr 1962 ihren absoluten und relativen Tiefpunkt. Auch, weil aus der DDR kein Zustrom mehr kam. Aber während der 1950er wurden nicht nur 2 Millionen DDR-Geflüchtete problemlos in den Arbeitsmarkt integriert, sondern zudem bis 1973  „Gastarbeiter“ angeworben, um die Arbeitsplätze überhaupt besetzen zu können, die im Westen angeboten wurden. Und 1961 lagen die Wirtschaftssyteme der beiden Länder noch nicht so weit auseinander wie 1989, da wäre sicher nicht die Ostindustrie in dieser Größenordnung abgewickelt, wohl aber überwiegend in Westkonzerne eingegliedert worden- nicht zu ihrem Nachteil. Aber es hätte sich vermutlich auch niemand darüber aufgeregt, wenn Ost- und Westmark realistisch im Verhältnis 4:1 getauscht worden wäre, nicht 2:1, wie unsinnigerweise 1990, nur um die Bevölkerung im Osten bei Laune und am bisherigen Wohnort zu halten.
  • Wie sagte ein Ex-Kombinatsleiter, der über die Konversionszeit in meiner Parteigliederung Ende 2016 einen Vortrag hielt? „Wir haben (bezogen auf die  1980er, A. d. Verf.) durchaus registriert, dass von den vielen Arbeitslosen im Westen niemand zu uns kam, um es hier zu versuchen. Vermutlich war es attraktiver, im Westen arbeitslos als in der DDR werktätig zu sein.“ Der Mann ist ganz gewiss niemand, der die Vereinigung unkritisch gesehen hat. Man kann die formale Arbeitslosigkeit immer durch niedrige Produktivität niedrig halten oder durch weniger Arbeitsstunden pro Person, wie im Moment. Aber das muss man ein wenig hinterblicken. Wirtschaftliches Grundwissen hilft dabei enorm.
  • Die Frauen an der Werkbank. So’n Mist auch, dass in den 1960ern im Westen noch eine Person ausreichte, um eine Familie zu ernähren, während im Osten schon zwei ran mussten, damit man einigermaßen leben konnte. Und es gab in der DDR so gut wie keine Frauen in Führungspositionen, sowas kommt nur in DEFA-Filmen vor. In 40 Jahren ZK wurde dort nicht eine einzige Frau gesichtet. Und ob es wirklich besser ist, einjährige Kleinkinder schon von ihren Bezugspersonen zu entfremden und in Krippen zu stecken, damit sie bisschen Staatsideologie aufsaugen können, darüber kann man hingebungsvoll streiten. Wie über manch andere in Wirklichkeit die Chancenungleichheit fördernde Position vieler Linker in der Bildungspolitik.
  • Und erst die viel bessere Wohnsituation im Osten. 1989, vor der realen Wende, hatte jeder Westbürger im Schnitt 37,2 m² Wohnfläche zur Verfügung, im Osten hingegen schmale 27,6 m². Mittlerweile hat sich das Verhältnis angeglichen bzw. der Unterschied auf weniger als die Hälfte reduziert: 43,2 / 39,7.
  • Ich kenne niemanden, der in den 1970ern im Westen in der Schule geprügelt wurde, 1973 wurde die Möglichkeit dazu ohnhin formal abgeschafft. Und privat durfte man das auch bei DDR-Kindern, mir ist kein Verbot des Züchtigungsrechts im familiären Bereich im DDR-ZGB bekannt. Endgültig wurde das Verbot von Körperstrafen durch Eltern an ihren Kindern in Gesamtdeutschland im Jahr 2000 eingeführt. Spät, aber es gab kein DDR-Privileg und damit gehört die BRD zum „Gürtel der Fortschrittlichen“ in Europa. Und wie es zum Beispiel in DDR-Heimen zuging, ist ein besonders dunkles Kapitel des ach so friedlichen Erziehungswesens dort.
  • In der sehr katholischen Gegend, in der ich aufgewachsen bin, gab es in den Schulräumen weder Kreuze noch Religionsunterrichtszwang. Man konnte sich vom RU befreien lassen, später wurde alternativ Ethikunterricht angeboten. In der DDR hingegen war Ideologie lernen („Staatsbürgerkunde“) einer zentralen, religionsersatzmäßigen und unausweichlichen Gegenstände und bereitete auf den Wehrkunde-Unterricht vor, während es an westdeutschen Schulen keine militärische Vorerziehung gab und auch keine Indoktrination durchs Pionierwesen, die FDJ etc. Und die DDR war stärker militarisiert als Westdeutschland, auch dies lässt sich an Zahlen auch belegen. Nicht zuletzt am relativ gesehen höheren Verteidigungsetat. Heute wird ja heftig darüber gestritten, ob es in der BRD 1,2 oder 1,5 oder gar 2 Prozent vom Jahres-BIP sein sollen. Ich bin nicht für eine Ausweitung, sofern sie nicht durch einen Ersatz veralteter Ausrüstung zum Schutz der Soldaten bedingt ist, aber die DDR brachte locker 4 Prozent vom BIP für die Verteidigung auf, ebenso wie Russland heute. Und die Volkspolizei durfte an der Mauer an lebenden Zielen trainieren, während in der BRD alt im Wehrdienst immer nur auf Pappkameraden geschossen werden konnte.
  • Jaja, die alten Militärs in der Bundeswehr etc. Niemand streitet das ab, aber lesen wir mal, was für die DDR galt: „Gerade in den Stäben, an den Offiziersschulen und bei theoretischen Aufgaben wie der Ausarbeitung von Dienstvorschriften und Ausbildungsanleitungen war eine militärische Ausbildung und Führungserfahrung notwendig. Daher griff die SED-Führung beim Aufbau der Kasernierten Volkspolizei und Volksarmee auf altgediente Generale und Offiziere der Reichswehr und späteren Wehrmacht zurück. So wurden die ehemaligen Wehrmachts-Generale Rudolf Bamler, Arthur Brandt, Walter Freytag, Vincenz Müller, Hans von Weech sowie Hans Wulz bereits frühzeitig in den aktiven Dienst der bewaffneten Organe übernommen.“ (Wikipedia) Und wer jetzt behauptet, das stimmt nicht, möge bitte den Gegenbeweis erbringen.
  • Wenn nicht der ganze Artikel so schräg wäre, würde ich sagen, irgendwann geht es in lose Behauptungen über wie „Alle KZ-Gedenkstätten wären geschlossen worden“ und ähnlicher Mumpitz. Schaut man sich die Liste aller Gedenkstätten an, wird man leicht feststellen, dass es damals im Osten wie im Westen bereits Gedenkstätten gab, warum hätten also die in der Ex-DDR geschlossen werden sollen?
  • Aggressionskriege, Medienrezeption:  Die SU hat ja nie außerhalb ihres Territoriums interveniert, um ihr System zu fördern, nee, nee, woher denn. Und alle Aufstände innerhalb des Ostblocks, 1953, 1956, 1968, 1980 wurden natürlich komplett vom bösen Westen angezettelt und gesteuert, um super funktionierende Systeme mal richtig durchzurütteln, was aber komischerweise recht leicht gelang, sodass immer der große Bruder einschreiten musste. Mein Verdacht ist, dass der Autor nach der Wende erst aufgewachsen ist und die heutige Meinungsfreiheit nutzt, um erfahrungslose Geschichtsklitterung zu betreiben.

Das ist ja das Schöne an Menschen wie mir, die in relativer Freiheit aufwachsen durften. Die gewisse Großzügigkeit. Wir streiten überhaupt nicht ab, dass im Westen nicht alles golden war – aber in der DDR? Ich hatte keine „Ostverwandtschaft“, also vor der Wende nicht die Gelegenheit, mir die DDR einfach mal alltagsmäßig anzuschauen. Aber als die Mauer offen war, tat ich das sofort und als ich  heil (wegen der schlechten Straßen) durch war, dachte ich: Wenn Helmut Kohl den Menschen dort blühende Landschaften in weniger als 30 Jahren verspricht, ist er ein Idiot. Hat er dann aber leider doch getan. Das ist nicht gegen die Menschen gerichtet, sondern gegen ein System, das selbst zum 47. Mauerbau-Tag noch verherrlicht wird. Vermutlich verurteilt der Autor aufs Schärfste das heutige EU-Grenzregieme. Ja? Is klar.

Eine vergleichende wirtschaftliche Betrachtung nimmt der Autor der JW lieber gar nicht erst vor, weil diee zu deprimierend für die DDR ausfallen würde. Ja, die Menschen, die von Ost nach West gingen, haben es dort in der Regel geschafft und mussten nicht in einem Auto namens Trabant rumfahren, falls sie denn mal nach 12 bis 15 Jahren Wartezeit eines bekamen. Die gekrümmte Sitzhaltung besonders der Fahrer_innen, die ich bei meinen ersten DDR- und Ex-DDR-Besuchen noch hinreichend beobachten konnte, war für mich ein Symbol für die Enge dieses Staates und die erzwungene Haltung der Menschen dort und für die konsumwirtschaftliche Fehlsteuerung.

Besonders pikant finde übrigens ich das Rostock-Foto. Es waren keine Westdeutschen, die dort ihren Fremdenhass zelebrierten, den es doch in der DDR gar nich hätte geben dürfen. Und wären die beiden deutschen Staaten schon 1961 wiedervereinigt worden, wäre es zumindest zu diesen konkreten Vorfall wohl kaum gekommen.

Aber Ehrlichkeit war ja immer schon ein entscheidendes Merkmal bei der Kommentierung aller DDR-Tatbestände: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“ (Walter Ulbricht, 15. Juni 1961, weniger als zwei Monate vor dem Beginn der Errichtung ebenjener Mauer). Wir haben uns hier entschlossen, ein einer undramatisches Bild vom Mauerbau zu verwenden, da sieht es fast aus wie auf jeder anderen Baustelle. Keine in letzter Minute unter Zurücklassung von Hab und Gut fliehenden Menschen oder sowas.

Ich habe ja immer die Befürchtung, dass Personen wie der Autor, und von dieser Sorte gibt es bei der JW einige, in derselben Partei sind wie ich und da kommt mir unweigerlich der nächste Gedanke: Mit diesem lächerlichen Revisionismus, dieser brutalen Geschichtsklitterung, soll linke Politik nach vorne gemacht werden? Kritisch, sogar selbstkritisch möglicherweise, unter Vermeidung alter Fehler auf beiden Seiten? Ich träume auch. Von der progressiven Zusammenarbeit mit dieser Art von Genossen. Ein Alptraum.

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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