Das verkaufte Lächeln – Tatort 928 / Crimetime 34

Titelfoto © Bayerischer Rundfunk, Erika Hauri

Da ist nichts mehr zum Lächeln

Der neue Münchener Tatort hat sich ein Thema ausgesucht, das den grauen Eminenzen Batic und Leitmayr schon deshalb Probleme macht, weil ihnen die Welt der medialen Prostitution fremd ist, in die sie eindringen müssen, um den Mord an einem vierzehnjährigen Jungen aufzuklären.

Handlung, Besetzung, Stab

Am Isarwehr wird die Leiche des 14-jährigen Tim Kiener gefunden. Der Junge wurde aus nächster Nähe erschossen. Es gibt kein ersichtliches Motiv für die Tat. Tim hatte weder Probleme mit seinen Eltern noch mit seinen Mitschülern. Wenn er nicht mit seinen Freunden Hanna und Florian unterwegs war, saß er am Computer und entwickelte angeblich Apps und Webseiten, um sein Taschengeld aufzubessern.

Als die Ermittler Tims Computer näher untersuchen, entdecken sie etwas, das sie nicht für möglich gehalten hätten: Der Junge hat einem wachsenden Kundenkreis über eine eigene kostenpflichtige Website freizügige Bilder und Videos von sich angeboten. Er hat mit erwachsenen Kunden gechattet, sich vor der Webcam ausgezogen und sich über Geschenklisten dafür bezahlen lassen. Ist also einer seiner Website-Kunden Tims Mörder?

Die Spuren im Netz führen die Münchner Hauptkommissare Batic und Leitmayr zu einem Familienvater, der in seiner Freizeit jugendliche Fußballer trainiert. Aber Guido Buchholtz scheint ein Alibi zu haben. Auch die Hintergrundermittlungen von Kommissar Kalli Hammermann zu Tims Kundenkreis führen nicht weiter. Während Batic sich eisern darauf konzentriert zu beweisen, dass Buchholtz doch am Tatort war, zweifelt Christine Lerch, Leiterin der Operativen Fallanalyse, an Buchholtz‘ Täterschaft. Leitmayr wiederum fragt sich, wer bei den Geschäften im Netz eigentlich Täter und wer Opfer ist. Währenddessen stehen Tims Eltern fassungslos vor den Tatsachen. Sie müssen feststellen, dass ihr Junge im Netz Dinge unternommen hat, von denen sie keine Ahnung hatten. Tims Freunde Hanna und Flo dagegen kennen sich anscheinend damit aus. 

Rezension

Glücklicherweise haben die beiden Starkommissare mit den Silberhaaren einen jungen Assistenten, der sich perfekt mit dieser neuen Welt auskennt und der vorhergehenden Generation und dem Publikum alles genau erklären kann. Er ist uns deshalb schon ans Herz gewachsen, weil er uns das Gefühl gibt, am Puls der Zeit zu bleiben.

Aber haben sich die Zeiten tatsächlich so sehr gewandelt, wie der Film glauben machen will? Ja und nein. Ja, was die Möglichkeiten angeht, sich im Internet zu verflüchtigen und damit reales Geld zu verdienen, dass man seinen Körper oder / und sein Lächeln verkauft. Nein, was die Eltern-Kind-Probleme und damit die Verständnisschwierigkeiten zwischen den Generationen angeht. Und ist es eine andere Stufe von Abspaltung, ob Kinder heute ein Leben führen, das ihre Eltern nicht kennen, oder ob sie sich für ein  Leben entscheiden, das die Eltern dezidiert ablehnen, wie es in den Generationen des Aufruhrs und der Gegebenwegung häufig der Fall war?

Vielleicht ist jede noch so verfehlte Kommunikation besser als gar keine, weil die enorme Kälte und Gleichgültigkeit, oder besser: Beliebigkeit, die alles in der modernen Netzwelt überschattet, was an wundervollen Möglichkeiten zur Verfügung steht, denjenigen gar nicht mehr bewusst wird, die sich mehr über ihre virtuelle Identität definieren als über ihr reales Sein, was zu Konflikten führen muss, weil die Realität immer wieder zugreift. Tut sie das wirklich? Wenn es machbar ist, dass 14jährige, die gerade erst Jugendliche geworden sind, im Monat mit 100 Kunden, die ein Abo für je 9,99 Euro haben, ein Vielfaches dessen verdienen können, was Eltern an Taschengeld zur Verfügung stellen (die Frage, ob diese Tätigkeit legal, illegal oder gewerblich ist, schneidet der Film nicht an), dann ist es noch leichter, der Realität aus dem Weg zu gehen, Begrenzungen zu spüren, und es ist leichter, sich im Netz komplett auszuziehen. Hinter der körperlichen Nacktheit ist die Kritik an der allgemeinen Neigung zu spüren, der Datensammelei großer Konzerne bedenkenlos in die Hände zu spielen, sich nicht nur sichtbar, sondern durchsichtig zu machen. Was sind es für Typen, die das alles tun, was wir im Film sehen,  und wie unterscheiden sie sich von anderen oder von früheren Generationen?

Am Ende wird geweint, aber es wirkt seltsam. Der Film ist sehr exakt, auch die Logik betreffend, aber auch sehr steril, beinahe aseptisch. Vielleicht soll das diese Gefühlskälte und Abschottung illustrieren, die ja doch in dem Moment aufgehoben wird, wo Jugendliche andere Jugendliche töten, ob beabsichtigt oder nicht, weil es ein Internet-Eifersuchtsdrama gibt, das nicht anders funktioniert als jedes andere, seit es Menschen gibt. Selbst höher entwickelte Tiere kennen das Gefühl. Vielleicht kommt es schneller zu radikalen Handlungen, wenn  man so sehr mit sich selbst ist wie die Kids, die wir im Film sehen. Wenn man nicht durch intensive soziale Einbindung die Dinge relativieren und Chancen hinter den Enttäuschungen sehen kann und wie reich die Welt ist, wenn man nicht darauf angewiesen ist, sich von Kunden glücklich kaufen zu lassen. Die Idee mit der Wunschliste bei Online-Händlern als Alternative oder Ergänzung zum Dauerauftrag ist übrigens phänomenal.

Wir sollten eine solche Liste beim Wahlberliner auch einrichten, damit wir so etwas wie eine materielle Kompensation für dieses bisher gnaz unkommerzielle Projekt erhalten. Und Schenken ist nun einmal moralisch höher angesiedelt als für eine – im Fall der sich ausziehenden Jungs, nicht das Verfassen von Texten betreffend – fragwürdige Dienstleistung einen monatlichen Festbetrag zu entrichten, einen Abonnementsvertrag einzugehen.

Was sagen die Eltern zu dieser Idee ihrer Kinder, im Netz Geld zu verdienen? Sie sind erschüttert. Die ärmeren unter ihnen werden von ihren Kindern auch noch an den Pranger gestellt, weil diese sich die angesagten Klamotten übers Ausziehen für Herren mit gierigen Blicken verdienen müssen, anstatt dass die Eltern dafür sorgen, dass man akzeptiert wird, weil man die richtigen Sachen trägt. Dieses Ausgrenzen über die Mode ist schon seit den 1980ern ein Thema und offenbar scheitern alle pädagogischen Modelle, die diesem Materialismus abhelfen wollen, der im Grunde spießig ist wie die Definition des Egos über das Auto von Papi oder die Identifikation des Seins von Papi selbst über das Auto, das immer eine Nummer größer sein muss als das des Nachbarn. Oder gibt es gar keine Abhilfe mehr, weil die Eltern schon mit diesem Denken aufgewachsen sind? Weil sich die Ökonomisierung des Menschen immer tiefer in seine Seele frisst und die Kinder sie schon mit der Muttermilch aufsaugen?

Diese Hilflosigkeit der Eltern ist frappierend, ihre Gegenmaßnahmen sind entweder überzogen oder es gibt gar keine bis auf das Weinen über die Erkenntnis. Man hat sich sehr viel Mühe gegeben, die sozialen Schichten abzugrenzen. Das Mädchen aus bessrem Haus, der tote Junge aus der unteren Mittelschicht, der zweite Junge, der nur mit der Mutter zusammenlebt, die einen einfachen Job hat und vielleicht weniger verdient als der Sohn mit seiner Internetpräsenz. Die Kunden kommen genau aus der Mitte der Gesellschaft. Der gemäß unserem Zeitalter virtuellen Mitte, die sich über Mkermale definiert, die eine Mitte ausmachen können, ohne dass noch viele Menschen genau in jener Mitte angesiedelt sind.

Das reiche Mädchen macht Videos nur for fun, die Jungen nehmen die Sache ernster. Und sind sie Opfer? Man hat eher den Eindruck, mit Leitmayr, dass sich hier gleichberechtigte Geschäftsparnter gegenüberstehen, der eine hat so viel Einfluss auf den anderen wie umgekehrt. Gefühle für einen Spanner zu entwickeln, den man nur per Chat kennt, ist dann wieder Ausdruck der verzweifelten Suche nach mehr emotionaler Befriedigung, nach etwas, das mit der Zunahme der medialen und der Abnahme der realen Kontakte im Grunde immer abstrakter wird. Der Wahlberliner hat auch eine Facebook-Präsenz mit einigen Feunden, aber bereits das Wort „Freunde“ ist ein werbeträchtiger Euphemismus. Es sind Interessenten, bis auf die wenigen, die man schon real kannte, bevor man sich mit Facebook ein zusätzliches Austauschmittel geschaffen hat. Das man aber auch mit einer Mail häte, die aus der eigenen Person nicht eine öffentliche machen würde.

Das Thema „Ich habe einen Facebook-Account“, also bin ich, ist aber nur Subtext. Wenn die Kommissare über die Apps witzeln, haben wir schon eine Ahnung davon, was von diesen Dingen, mit denen man „ebbes“ machen kann, zu halten ist.

Fazit

„Das verkaufte Lächeln“, das aus Kindern traurige Gestalten macht, besonders aus Florian, der letztlich die Lösung des Falles in sich trägt und der wohl nicht umsonst ein wenig auf Zombie oder Alien geschminkt ist, lässt an Klarheit und  Verständlichkeit nichts zu wünschen übrig, aber durch die angesprochene, exakte, aber auf uns sehr sachlich wirkende Erzählweise und Bebilderung hatten wir keinen Zugang zu den Figuren. Sollen wir vielleicht gar nicht haben.Der Weg der Identifikation wird auch dadurch verstellt, dass es ist, wie es ist. Eine gewisse lakonische Reserviertheit ist unübersehbar.

Also müssen sie vertrauten Kommissare nebst Jungspund herhalten, der natürlich ein Schlaumeier erster Güte ist und neben dem der Ivo und der Franz antiquiert wirken würden, wenn es nicht die nagelneuen Dienstwagen gäbe. Auch die beiden Grauköpfe wirken in diesem Film sehr nüchtern und damit weniger einnehmend, als sie es in anderen Filmen mit anderer emotionaler Betriebstemperatur waren. Dafür gönnen sie sich sozusagen eine Über-Kreuz-Dialektik, die uns an die mittlerweile klassische Zeit von Ballauf und Schenk erinnert. Franz ist derjenige, der eine These aufstellt, nmlich die, dass die Jugendlichen möglicherweise keine (reinen) Opfer sind. Die Dialektik ist leider nur theoretisch, denn Ivo spricht nicht deutlich dagegen. Aber er ist derjenige, der sich auf den Kunden als Täter versteift, obwohl alle anderen dagegen argumentieren. Und dieses Mal hat der Ivo, der sich im Grunde von allen am besten einfühlen kann, nicht recht. Und da wird es dann doch einmal emotional und These und Antithese funktionieren.

Wir empfanden den Film als technisch gut, schauspielerisch einwandfrei, plottechnisch sauber, Spannung wird eher durch die Diskussion von Batic und Leitmayr über den möglichen Täter als durch die Figuren und ihr Verhalten generiert, und schon die nüchterne Endaufzählung von Eigenschaften am Ende der Rezension spiegelt, dass uns „Das verkaufte Lächeln“ ineressiert, aber nicht gefesselt hat.

Unsere Wertung: 7/10

© 2018, 2014 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Besetzung
Hauptkommissar Franz Leitmayr – Udo Wachtveitl
Hauptkommissar Ivo Batic – Miroslav Nemec
Kalli Hammermann – Ferdinand Hofer
Matthias Steinbrecher – Robert Joseph Bartl
Christine Lerch – Lisa Wagner
Florian Hof – Nino Böhlau
Tim Kiener – Justus Schlingensiepen
Hanna Leibold – Anna-Lena Klenke
Marina Hof – Katharina Marie Schubert
Uwe Hof – Norman Hacker
Klara Kiener – Caroline Ebner
Stefan Kiener – Max Schmidt
Guido Buchholz – Maxim Mehmet
Julia Buchholz – Katharina Spiering
u.a.

Stab
Drehbuch – Holger Joos
Regie – Andreas Senn
Kamera – Holly Fink
Musik – Johannes Kobilke

 

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