Wer Wind erntet, sät Sturm – Tatort 951 / Crimetime 37 // #Bremen #TatortBremen #Lürsen #Stedefreund #Sturm #Wind #Sturmwind #Tatort951

Crimetime 37 - Titelfoto © Radio Bremen

Gegen den Strom zur Quelle, zum Tod

Wer noch nicht wusste, wie mörderisch das Windkraftanlagen-Business für alle sein kann, die sich damit befassen und für Vögel, die durch die Parks fliegen wollen und für Wale, die unter Wasser die Ortung verlieren, der muss diesen Tatort dringendst anschauen. Uns hat er aber noch viel mehr und ganz andere Dinge offenbart.

Handlung, Besetzung, Stab

Ein Umweltaktivist wird erschossen und sein Freund Henrik Paulsen verschwindet auf einem Windrad in der Nordsee. Die Bremer Kommissare Inga Lürsen und Stedefreund ermitteln mitten in einem Interessenkonflikt zwischen Umweltschützern und Unternehmern.

Hat der Windpark-Betreiber Lars Overbeck etwas damit zu tun? Will er seine Kritiker zum Schweigen bringen? Je mehr die Kommissare in Erfahrung bringen, desto mehr verschwimmen die Grenzen zwischen Opfern und Tätern, zwischen unschuldig und schuldig. 

Rezension

In der Tat, die Grenzen verschwimmen. Zumindest dann, wenn  man jedes Mittel im Kampf um eine bessere Welt für richtig hält. Und was ist das auch ermüdend, immer gegen den Strom, zur Quelle, zur Wahrheit, zur Klarheit und zur besseren Moral. Da kann man schon mal vorzeitig das  Zeitliche segnen. Wir schwimmen jetzt aber auch mal etwas gegen den Strom und vor allem gegen die Tendenz, die sich in der Rangliste des Tatort-Fundus bereits abzeichnet. Dort werden die Daumen für den 951. Tatort mit dem sperrigen Titel, der ein verdrehtes Bibelzitat ist, weit überwiegend gesenkt.

Vielleicht fanden wir diesen Film so spannend, weil er uns angeht und wir fast jede Haltung, die irgendeine Person dort einnimmt, kennen, durchdacht oder gar durchlebt haben. Abzüglich Mord, versteht sich. Letztlich war der Windkraftunternehmer Overbeck unsere Lieblingsfigur, vielleicht auch deshalb, weil Thomas Heinze ihn zur einzigen gemacht hat, die über das Stereotype hinauskam. Irgendwie hat er dem Entrepreneur eine gewisse Gerhard Schröder-Aura verliehen, und die zieht seltsamerweise immer noch, wenn es darum geht, Leute ins Boot zu bekommen. Seien es Arbeiter mit Schutzhelm oder Polizistinnen, die doch generell kritisch gegenüber allen Unternehmern sind.

Was wir hingegen ein wenig schockierend fanden: Wie uns der Charakter Kilian Hardendorf erst genervt, dann wütend gemacht hat und wie wir am Ende auf seiner Seite waren und uns beinahe gewünscht haben, er möge die ganze Hedgefonds-Bande und sich selbst in die Luft sprengen. Wir waren richtig enttäuscht, dass es nur den schmierigen Berger getroffen hat, der zu allem Überfluss auch noch eine Oma hat, damit er menschlicher wirkt. Da spielt Biografisches rein, keine Frage, da haben wir die vielen Auseinandersetzungen mit uns selbst und der richtigen Haltung in politischen und Umweltschutzangelegenheiten, das Ringen um Klarheit, wieder durchleben müssen, außerdem hatten sahen wir einen Bezug zum ökonomischen Überlebenskampf von Overbeck gegen beschissene Banken und miese Manipulatoren. Auch wichtig und gut:

Dieses Männer-Duell zwischen Kilian und Overbeck, auf seine Weise eines der besten, die wir bisher in Tatorten gesehen haben. Psychologisch und körperlich fanden wir den Ablauf sehr natürlich und nachvollziehbar. Okay, das Versenken des körperlich gewiss überlegenen Overbeck  im Gartenteich war dann grenzwertig, und die heimkehrende Frau Lorenz hätte das befremdliche Grün der Tüte im dunklen Wasser aus den Augenwinkeln bemerken dürfen. Aber derlei wertet die Szenenfolge nicht wesentlich ab.

Andere Themen, die uns mindestens genau so nah sind wie die hier verfilmten, mögen mittlerweile abgearbeitet sein, abgehakt, im Leben und in vielen Tatorten. Aber dieses nicht, denn wir hatten zum Beispiel nicht im Blick, dass Windkraftanlagen dermaßen tiermordend sind, denn bei landständigen Parks ist das nie ein so großes öffentliches Thema geworden wie hier, über den Nordseewellen. Und das müsste es doch, denn wo soll der Unterschied sein, ob Vogelschwärme über Land oder übers Meer ziehen? Die Ästhetik der Parks hat manchmal etwas Bedrohliches, wenn wir an ihnen vorbeifahren, haben wir nicht nur positive Gefühle, aber wir haben sie als eines der wenigen Hoffnungszeichen für saubere Energie für die Zukunft angesehen, auch nachdem – siehe Prokon-Pleite etc. – sich auch hier wieder  herausgestellt hat, dass das System, unter dessen Ägide die neue Energiewelt sich herausbildet, alles in den Dreck ziehen kann, und sei es noch so gut gemeint und prinzipiell richtig.

Fanatisch sein, wie die Herren Kilian und Henrik, ist in der Tat viel einfacher, als jeden Tag Güterabwägung zu betreiben, bevor man sich für eine Haltung zu einem Thema entscheidet. Es ist naiver, grausamer, und, nein, es ist nicht moralisch überlegen, anderen erst den Ruf zu ermorden und dann die Personen selbst, weil man meint, man habe die bessere Haltung gepachtet. Manchmal, bei Filmen wie diesem, fühlen wir, wie wenig befriedigend es ist, immer wieder nachzudenken und dann schwierige Kompromisse mit uns selbst zu machen, weil es nichts gibt, was nur Vorteile hat. Wir werden den nächsten Ökofaschisten, der es wagt, noch Auto zu fahren, daran erinnern, wenn er uns über den Weg läuft. Und, nein, die Umweltbilanz der Hybridautos oder gar reinen Elektromobile ist nicht so viel besser, solange der Strom immer wieder aus zweifelhaften Quellen kommt und in die CO²-Bilanz auch der Lebensprozess eines Kraftwagens von der Herstellung bis zur Verschrottung all seiner Komponenten einbezogen wird.

Was die Bremer zwar vollkommen überzogen bezüglich der Mordserie dargestellt, aber bezüglich der Zusammenhänge nach unserer Ansicht gut hinbekommen haben, ist die Verquickung von Ökonomie und Ökologie in einem System, in dem beides nicht zu trennen ist und in dem es immer wieder zu Konkurrenzkämpfen kommen muss, bei denen nicht mit fairen Mitteln agiert wird. Dass man dabei sogar die NGOs einbezogen hat, ist aller Ehren wert, auch wenn die Haltung der Naturschutz-Aktivistin Katrin Lorenz die schwierigste in diesem Film war, weil in hohem Maß ambivalent. Ohne Mitspielen auch im Spiel der Medien keine Aufmerksamkeit, ohne Dealen mit den Windbossen keine Durchsetzung von Umweltauflagen. Letztlich ist dazu immer noch der Staat befugt und nicht NGOs bestimmen in der Regel die Auflagen, aber ihre zweifelsohne wachsende Macht können sie nutzen, um Ziele zu erreichen – oder um sich ebenfalls korrumpieren zu lassen durch die Infektion, die der Kontakt mit dem Wirtschaftsteilnehmern auslösen kann. Sich dagegen zu verwahren, ist nicht einfach. Für die naiver tickende Basis vielleicht, aber nicht für Funktionäre, die im selben Spiel unterwegs sind wie alle anderen, die an der Macht teilhaben.

Finale

Derzeit haben wir einen ziemlichen Filmstau abzuarbeiten und es gibt nicht wenige Momente, in denen wir vom Rezensieren genervt sind und uns ein wenig vorkommen wie beim Kampf gegen Windmühlenflügel, aber wenn’s uns trotzdem packt, und das hat „Wer Wind erntet, sät Sturm“ getan, dann muss zumindest für uns etwas an einem Film dran sein.

Sicher ist manches wieder etwas plump geraten, das gehört offenbar zur Kante, da wird mit dem Hammer, nicht mit dem Florett um die Meinungshoheit und die Aufklärung der Massen gefochten, sonst würde sich eine Kommissarin wohl kaum in einen Raum mit einem Typ stellen, der gerade einen anderen erschossen hat und in etwa sagen: „Prinzipiell billige ich Ihre Ziele, aber so doch nicht, ts, ts.“ Das ist, wie das ganze Schlussszenario, weit weg vom Leben, und das ist schade, denn etwas mehr Sinn für die Verhältnismäßigkeit, von der auch im Film die Rede ist, hätte auch der Akzeptanz seitens des geneigten Tatort-Publikums gut getan. Dafür gibt es an den Ermittlern nichts auszusetzen, auch nicht an Inga Lürsen, und dies ausdrücklich unter Einschluss von Statements wie dem oben sinngemäß und dann abwandelnd-ironisch zitierten.

Wir sind der Überzeugung, dass es solche Filme braucht, weil sie das Bewusstsein für relevante Themen einem großen Publikum mindestens anbieten, und weil sie, wenn sie nicht komplett daneben liegen, Zusammenhänge verdeutlichen, die normalerweise nur wenige kennen, die sich intensiv mit solchen Themen befassen. Radio Bremen hat sich als kleiner Sender auf diese Art von Tatorten spezialisiert und damit für seine Filme einen besonderen Touch kreiert, etwas, das ihn auszeichnet. Auch wenn es sich nicht um ein Alleinstellungsmerkmal handelt, ist das konzeptionell auch dann gut, wenn einzelne Fälle mal nicht überzeugend sind.

Und RB tut noch etwas: Sie verweigern uns die Affirmation. Wie schon in den Bandenkrimis der letzten Jahre lassen sie uns so unzufrieden und hilflos zurück, wie man eben sein muss, wenn am Ende keine Lösung angeboten wird, sondern nur Verlierer – und manchmal ziemlich viele Tote – zurückbleiben. Auch das finden wir richtig, in einer Welt, in der sich jede scheinbar einfache und naheliegende Lösung als tückisch und dank der Vernetzung aller Dinge als folgenreicher erweist, als wir es mit unseren technischen Fertigkeiten, die der seit Generationen kaum wachsenden Fähigkeit  zum ganzheitlichen Denken weit enteilt sind, vorhersehen können.

8,5/10

© 2019, 2018, 2015 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Hauptkommissarin Inga Lürsen – Sabine Postel
Hauptkommissar Nils Stedefreund – Oliver Mommsen
Gerichtsmediziner Dr. Katzmann – Matthias Brenner
Helen Reinders, Ingas Tochter – Camilla Renschke
Henrik Paulsen – Helmut Zierl
Katrin Lorenz – Annika Blendl
Kilian Hardendorf – Lucas Prisor
Lars Overbeck – Thomas Heinze
Milan Berger – Rafael Stachowiak
Oma Berger – Irmgard Jedamzik
Sergej Blochin – Evgenij Verenin
u.a.

Drehbuch – Wilfried Huismann, Michael Proehl
Regie – Florian Baxmeyer
Kamera – Peter Joachim Krause
Schnitt – Friederike Weymar
Musik – Stefan Hansen

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