Schwarzes Wochenende – Tatort 184 / Crimetime 38

Titelfoto © WDR

Das aufregende Leben des Horst S. als Polizist

Schwarzes Wochenende war einer jener Tatort, die ich in bisher sieben Jahren intensiver Befassung mit dem Format noch nicht gesehen hatte. Allerdings trifft das weiterhin auf ein gutes Drittel aller je erschienen Filme der Reihe zu und ich habe nicht den Ehrgeiz, bei Horst Schimanski vom Zufallsprinzip abzuweichen: Was gerade wiederholt wird, schaue ich mir an und das war bei „Schwarzes Wochenende“ schon länger nicht mehr der Fall.

Die Rangliste des Tatort-Fundus verweist ihn mit einem Durchschnitt von 6,09 Punkten auf Rang 21 von insgesamt 29 Schmanski-Fällenmit einem Durchschnitt von 6,09 Punkten auf Rang 21 von insgesamt 29 Schmanski-Fällen, die heute mehrheitlich ohnehin nicht als Meilensteine der Reihe gelten, weil sie sich zu sehr auf die Wirkung des damals – heute würden wir sagen „hippen“ – Bullen verlassen und oft unglaubwürdige und schwach konstruierte Handlungen aufweisen. Aber Kult ist Kult und wir werden darüber schreiben. Ach ja – er ist etwas länger als das heutige 88:30-Format.

Und wie war’s dann wirklich, mit Schimm im „schwarzen Wochenende“?

Handlung (ohne Auflösung)

Der westfälische Möbelfabrikant Heinrich Hencken wird in Duisburg nachts vor seinem Hotel erschossen. Am nächsten Morgen erscheint Hubert Möhlmann, der Sohn eines der größten Konkurrenten Henckens, auf dem Präsidium und liefert, ehe irgendwelche Verdächtigung in dieser Richtung ausgesprochen worden ist, das Alibi aller Möhlmanns: das seines Vaters, das seiner Schwester und sein eigenes. Er erklärt sein merkwürdiges Verhalten mit einer Bedrohung durch Siggi Hencken, den Sohn des Ermordeten. Der hält die Möhlmanns für die Mörder seines Vaters und will sich an ihnen rächen. Die beiden Familien sind verwandt und verfeindet, Konkurrenten seit eh und je; die Henckens haben es nie verkraftet, daß die Möhlmanns die erfolgreicheren waren.

Schimanski observiert Hubert Möhlmann. Das tut auch der Journalist Engelbrecht, der gegen die Möhlmanns recherchiert. Da laufen krumme Geschäfte, behauptet er; die Beweise fehlen ihm allerdings noch. Er fühlt sich bedroht, hat Angst um sein Leben. Unter den Augen Schimanskis geschieht ein weiterer Mord: Hubert Möhlmann erschießt Siggi Hencken und behauptet dann, auch dessen Vater umgebracht zu haben. Aber das ist Schimanski und Thanner zu einfach. Es spricht mehr dafür, daß der alte Möhlmann der Täter ist. Beweise gegen ihn gibt es allerdings keine, Widersprüchlichkeiten jedoch genug – und auch Motive. Die Henckens haben anscheinend versucht, die Möhlmanns wegen betrügerischen Bankrotts zu erpressen.

Während sich Hubert in Untersuchungshaft befindet, wird Vera Karpinski, die Lebensgefährtin von Siggi Hencken, umgebracht. Hat sie das schmutzige Geschäft der Henckens weiterbetrieben? Aber auch Mimi Engelbrecht, die Frau des Journalisten, scheint in Lebensgefahr zu sein. Schimanski kann sie gerade noch aus den Flammen eines brennenden Hauses retten. Vielleicht hat der Anschlag aber auch dem alten Patzke gegolten, einem väterlichen Freund der Engelbrechts, der ebenfalls allen Grund hat, die Möhlmanns zu hassen.

Schimanski und Thanner gelingt es, Licht in dieses Dunkel zu bringen – aber die Frage nach dem Mörder des alten Hencken ist damit immer noch nicht beantwortet.

Rezension

„Schwarzes Wochenende“ ist nicht der erste Film des damals 34jährigen Regisseurs Dominik Graf, wie in der Anmoderation beim WDR behauptet, wohl aber dessen erster Tatort.

Heute wird darüber diskutiert, wie viele „Experimentaltatorte“ es pro Jahr geben soll und die ARD hat tatsächlich eine Festlegung getroffen. Von etwa 40 Filmen, die derzeit in jeder Saison vom August eines Jahres bis zum darauffolgenden Juni Premiere feiern, sollen nur noch zwei mit dem Label „Aventgarde“ beklebt werden. Ich halte dies für eine vollkommen falsche Idee, geschuldet besonders konservativen Tatort-Fans, die jede Neuerung ablehnen. Allein die Festlegung, was noch „Mainstream“ ist und wo das Experiment anfängt, dürfte ziemliche Schwierigkeiten machen, denn was dem einen noch ein laues Innovationslüftchen, das ist dem anderen schon ein Sturm der Verfremdung – zudem haben sich die Maßstäbe in den letzten Jahren deutlich verschoben, besonders im visuellen Bereich gab es eine deutliche Tendenz zu mehr Expressionismus. Mit dem Berlinale-Krimi „Meta“ und mit dem neuesten Schweiz-Tatort „Die Musik stirbt zuletzt“ waren von den letzten 16 neuen Tatorten mindestens zwei eindeutig der Kategorie „Experiment“ zuzurechnen.

Schauen wir uns, von der aktuellen Situation ausgehend, nun den 32 Jahre alten „Schwarzes Wochenende“ an. Wir gehen zurück in eine Zeit, in der das langsame und ziemlich trockene Filmen den Stil beherrschte und stoßen mit Schimanski und Thanner auf das Team, das am meisten in der Lage war, sich anders zu verhalten als die würdigen Herren, die damals das Geschehen noch bestimmten. Eine einzige weibliche Ermittlerin gab es auch (Hanne Wiegand vom SWF), aber im Stil der „Geistig-moralischen Wende“ der Kohl-Ära ebenfalls recht bieder im Auftritt. Wer etwas Neues und bisschen Schräges machen wollte, der konnte das damals im Grunde nur mit dem wilden Horst, der ohnehin polarisierte und der hatte ja ebenfalls einen bürgerlichen Gegenpart, der sich zum Beispiel im Dienst-Granada trocken rasiert (mit einem 12-Volt-Adapter oder schon per Akku?).

Aber in „Schwarzes Wochenende“ bekommt Thanner trotz seines besseren Stils keinen Boden unter die Füße. Der Film adaptiert Schimanskis wuseligen, aufgeregten und chaotischen Stil, der Film ist sozusagen ein verbildlichtes Innenleben von Horst und dass dieser gleich im Eingangsbild gezeigt wird, schnarchend, unruhig von einer missglückten Festnahme am Tag zuvor träumend, bestimmt schon die Art, wie der Zuschauer hier durch 95 Minuten Handlung geführt wird. Da hat der Horst die furchtbare Sache mit dem Mann, der sich selbst in die Luft sprengte, noch nicht verdaut, da muss er schon den nächsten Fall aufklären, das sind die Zeiten, in denen man jeden Tag über eine Leiche stolpert, und so soll es weitergehen, während des gesamten Wochenendes. Denn an jedem Tag gibt es eine weitere Tötungshandlung, sehr viel übrigens für damalige Tatortverhältnisse. In den 1980ern kam man in der Regel mit einer Leiche pro Film aus und es gibt sogar alte Tatorte, in denen überhaupt kein Tötungsdelikt vorkommt.

Aber wo viel gehobelte und viele Möbel  zusammengebaut werden, da fallen eben viele Späne und am Ende gibt es zwar eine Auflösung, aber das seltsame Gefühl, Regisseur habe sich mit einer Frühform der Format-Dekonstruktion ausgetobt. Die Vernehmungen sind ebenso grandios wie unrealistisch, die immer neu auftauchenden Menschen hinter anderen Menschen und echten Motive hinter vermutbaren und vermuteten Motiven machen es faste unmöglich, über die Auflösung mitzurätseln. Der Film ist eindeutig ein Whodunit, aber die Beliebigkeit der Täterfigur(en) und die Hektik der Filmweise waren für die damaligen Zuschauer sicher keine leichte Kost. Trotzdem gibt es Vorbilder. Amerikanische Polizeifilme pflegten einen ähnlichen Stil, der das Mittendrin zeigt und Cops in voller Erhitzung und nicht als souveräne Falllöser, schon seit eh und je und verstärkt seit den frühen 1970ern, in denen die Großstadthölle richtig erfahrbar wurde. Meistens ging es dabei auch um großstädtische Delikte, Drogenbanden usw., während in „Schwarzes Wochenende“ auf eine recht kuriose Weise dieses expressive Filmen mit einem klassischen Familiendrama verbunden wird. Dadurch kommt es zu einer Verfremdung, die sich auch in teilweise bewusst verschobenen, theaterhaften Dialogen ausdrückt, im Durcheinanderreden, in Gesprächsfetzen und Geräuschen aus dem Hintergrund, das alles lässt diesen Tatort sehr füllig wirken.

Außerdem dürfen die Schauspieler sich sehr frei bewegen und ihre Figuren offensiv interpretieren, es ist viel mehr Bewegung, Mimik und Gestik zu beobachten als im damaligen Fernsehkrimi üblich – man denke etwa an „Derrick“ als stilistischen Antipoden der Art von Krimi, die hiervon einem jungen Regisseur  gemacht und von einem sichtlich inspirierten Team ausgeführt wurde. Es war den Beteiligten sicher bewusst, dass dieses pralle Leben, das sich an fast jedem Ort geradezu und dreimal in Explosionen und / oder blutigen Szenen entlädt, dem auf Ordnung bedachten Zuseher mehr als ein flaues Gefühl im Magen verursachen würde. Aber in Filmen wie diesem kann man schon beobachten, was wir in den heutigen Experimentaltatorten vorgesetzt beommen: hemmungslos subjektives, alles andere als zurückhaltendes Fernsehen, das reinzieht, nicht auf distanzierte Beobachtung inklusive Bewertung der sozialen Tatbestände angelegt ist. Freilich ist das nur eine Variante, den pädagogisch orientierten Sozialtatort gibt es weiterhin und das ist gut so.

Dominik Graf hat dann zwei Jahre später mit Götz George und Gudrun Landgrebe den mehrfach ausgezeichneten Kino-Krimi „Die Katze“ gedreht. Sein nächster Tatort ließ bis 1995 auf sich warten und gehört zu den bekanntesten und am meisten referierten Filmen der Reihe aus den 1990ern: „Fau Bu lacht“, ausgeführt mit dem damals noch recht junge Münchener Team Batic / Leitmayr und seiner Zeit ebenfalls um einiges voraus. Danach sollte es wieder 18 Jahre dauern, bis Graf sich wieder dem Format widmete, wieder mit den nun ergrauten Münchenern und einem Film namens „Aus der Tiefe derzeit“, den wir für den „ersten“ Wahlberliner rezensiert und wesentlich besser bewertet haben als die beim Fundus versammelte Tatort-Fangemeinde.

Finale

Die Schimanski-Fälle waren immer ein Stück rauer und härter inszeniert als der damalige Tatort-„Mainstream“, aber dieser ist besonders kraftvoll und chaotisch zugleich und man langweilt sich nicht. Dass der Fall eher als Beweis für das Unberechenbare im Leben und im Menschen geeignet ist und nicht, um zu belegen, dass große Verschwörungen und ausgeklügelte Pläne immer fast funktionieren, aber eben nur fast, weil eine besonders begabte Ermittlerpersönlichkeit alles vereitelt, dürfen wir als Absicht ansehen. Weder Thannter noch Schimanski werden auch nur ansatzweise als Paradepolizisten dargestellt, die alles im Griff haben. Jeder Moment kann eine neue Überraschung bringen und ist weder in sich selbst noch im Zusammenhang mit dem, was schon geschah, besonders plausibel, doch so ist das Leben, auch wenn mittlerweile etwa 95 Prozent aller Fälle, die als Tötungsdelikte erkannt und dementsprechend bearbeitet werden, am Ende aufgeklärt sind.

Freilich nicht innerhalb eines Wochenendes, an dem die Polizisten dem rasanten Geschehen eher hinterherstolpern, als dass sie ihm eine Richtung geben können. Die entfesselte Dynamik schlägt jeden Versuch der Koordination aus dem Feld. Die chronologische Erzählweise wird nur anfangs durchbrochen, da geht Graf nicht so weit wie in einigen anderen seiner Filme, auch das Poliitsche und die Vergangenheit werden eher in Charakteren gespiegelt als deutlich ausgeführt oder gar als Handlungsgrundlage verwendet, es gibt also beispielsweise keine Erpressung, welche direkt aus Geschehnissen, Taten, Verhaltensweisen während dieser Zeit herrührt, wie in einigen anderen Tatorten mit „tiefer Zeit“. Die alte Nazis, die bösartigen Charaktere und wie sie dysfunktionale Familien gegründet und in der Begründung schon die Zerstörung angelebt und wie sie erst dem Aufbau gewidmete, in der Phase der saturierten Gesellschaft der 1980er dann ins destruktive drehende Geschäftspraktiken entwickelt haben und deren in der Zwischenkriegszeit herausgebildete Muster ins Jetzt hineinwirken, nach der Aufbauphase, in der es leicht war, geschäftlich zu reüssieren, erst ihre negative Kraft entfalten – und natürlich deren verbogene Kinder, diese Personen verkörpern das, was man politische und psychologische Unterlegung nennen kann. Das kann man alles aus den Augenwinkeln erfassen und mitnehmen – erforderlich ist dazu aber, dass man sich darauf ausrichtet und all diese Zeichen beachten will.

8/10

(c) 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Besetzung
Kommissar Horst Schimanski – Götz George
Kommissar Christian Thanner – Eberhard Feik
Hänschen – Chiem van Houweninge
Königsberg – Ulrich Matschoss
Mimi Engelbrecht – Marita Breuer
Heinz Möhlmann – Siegfried Wischnewski
Vera Karpinski – Marie-Louise Millowitsch
Reinhild Möhlmann – Barbara Freier
Gerrit Engelbrecht – Michael Wittenborn
Erwin Patzke – Dieter Asner
Hubert Möhlmann – Dieter Pfaff
Siggi Hencken – Jochen Striebeck
u.a.

Stab
Buch – Dominik Graf
Buch – Michael Hatry
Buch – Bernd Schwamm
Kamera – Klaus Eichhammer
Regie – Dominik Graf
Musik – Andreas Köbner

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