Das Thema #Flüchtlinge kommt nicht zur Ruhe – #DeutscheWelle schließt #Kommentarfunktion #Hatespeech

Kommentar 61 

Medienwissenschaftler Weichert zur Kommentar-Debatte: “Die Leute arbeiten sich nach wie vor an Flüchtlingsthemen ab” (MEEDIA)

Das Echo zur Schließung der Kommentarspalte der staatlich finanzierten „Deutschen Welle“ war sehr groß, besonders in den rechten und linken „Gegenmedien.“ Ist dieser Abbruch des Dialogs ein Menetekel für die Meinungsfreiheit, wie teilweise behauptet wird.

Vom Grundsatz halte ich mit Normen unterlegte Zensurpolitik für wesentlich gefährlicher, als wenn ein einzelnes Medium angibt, dass es überfordert ist. Offenbar ist noch niemandem aufgefallen, dass z. B. die ARD-Tagesschau ihre Kommentarfunktion zu einzelnen Beiträgen manchmal nach wenigen Minuten (!) schon wieder schließt, wenn ihr das Meinungsbild, das sich abzeichnet, zu heikel wird, manchmal werden mehrere Artikel zu einem Thema so bestückt, dass man nur noch einen davon kommentieren kann. Auch das beruhigt die Lage natürlich ungemein. Von meinem Mailprovider web.de kenne ich das ebenfalls, dass die Kommentarfunktion recht schnell geschlossen wird, wenn die Antworten nach Zahl und Inhalt  nicht mehr kontrollierbar sind. Ich habe Beiträge gesehen, bei denen wurden außerdem mehr als ein Drittel der Kommentare gelöscht. Damit man nachvollziehen kann, worauf sich andere Kommentatoren beziehen, die als Referenz für einen Gegenkommentar einfach nur die Nummer des Kommentars angeben, auf den sich der eigene bezieht – damit also die laufende Nummerierung sich also nicht verschiebt, bleiben diese Löschungen sichtbar.

Aber es ist ein Unterschied, ob man gezielt besonders üble Reaktionen löscht oder ob man die Kommunikation ganz einstellt.

Selbstverständlich. Die Kommunikationsbereitschaft komplett einzustellen, ist eine Niederlage für das betreffende Medium, das sehe ich schon so. Es ist ja Sinn des Online-Betriebes, Interaktivität zuzulassen, wenn schon die Qualität der Beiträge nicht mit Gedrucktem mithalten kann. Nur, eines tut der Wahlberliner auch, obwohl er noch  kaum Kommentare bekommt: Es wird vorab moderiert. Nichts geht ungeprüft auf die Webseite. Wenn es allerdings zu jedem Beitrag Hunderte von Kommentaren gäbe, wäre diese Vorprüfung der Hauptjob.

Ist es in anderen Ländern noch schlimmer mit der Hasskultur?

Hätte mich interessiert, welche Länder Weichert meint bzw. beobachtet hat. Ich habe mir bisher vor allem Foren in den USA und England, Frankreich, Italien und Spanien angeschaut. Bei Letzteren beiden musste ich  meine Französisch- und Lateinkenntnisse einsetzen, um zu erahnen, worum es geht, weil ich die Sprachen nur rudimentär beherrsche, aber man kann sich ja mittlerweile alles übersetzen lassen. Zusammen erhält man so ein einigermaßen detailliertes Bild. Die Südländer, so temperamentvoll man sie immer einschätzt, geifern nicht ganz so sehr. Am besten gefallen mir dabei die Iberer, die sind sich irgendwie zu gut, um so richtig nieder anderen gegenüber zu werden. Die englischen Kommentare sind vor allem rhetorisch viel knackiger als die bei uns. Da merkt man, dass dieses Volk über Jahrhunderte eine Kultur der pointierten Spontanrede in städtischen Parks aufgebaut hat. Manchmal weiß ich nicht, ob ich die Inhalte mehr gruselig oder witzig finden soll – gemein und wirklich diskriminierend sind sie häufig allerdings, da wird sich beispielsweise über jeden optischen Mangel, den die ins Visier genommene Person vorgeblich aufweist, ausgiebig ausgelassen, das gibt es in dieser Heftigkeit bei uns nicht. Dafür können sie auf der Insel auch Selbstkritik und Selbstironie, das findet sich ebenfalls nirgendwo anders in dieser Ausprägung. Ich habe auch den Eindruck, dass dort noch weniger die Schere im Kopf beim Kommentieren für Dezenz sorgt. Auf ähnlichem Level wie hierzulande sind die US-Foren, aber viel offener patriotisch und nicht ganz so rassistisch – und nicht selten mit einem positiven Bild von Deutschland, wie es einmal war und von Bundeskanzlerin Merkel zerstört wird. Die französische Art zu kommentieren ist einen Tick geschliffener, aber nicht weniger missgünstig als unsere, vor allem, seit der Front National das Rechte hoffähig gemacht hat, also im Grunde, seit ich das Geschehen verfolge. Ein guter Tipp, wenn man sich umtun will, ist, sich Sportforen anzuschauen: Häufig werden Sportereignisse auch politisch kommentiert und man kann nachschauen, wie sie in den einzelnen Ländern aufgenommen werden und was dabei an Nationalismus und an Klischees über andere Nationen zutage tritt. Das ist manchmal entlarvender und besser vergleichbar, als wenn politische Themen mit nationaler Färbung besprochen werden. Insgesamt will es mir aber scheinen, als wenn das Kommentarwesen zumindest in diesem Bereich seinen Zenit überschritten hat.

Das Spezielle an der deutschen Hasskultur, das mich besonders interessiert hätte, wird leider überhaupt nicht erläutert. Natürlich gibt es eine spezielle Ausprägung, die mit der deutschen Geschichte zu tun hat – die Vergangenheit wird häufig sichtbar. Aber auch außerhalb unserer Landesgrenzen ist ein gewisses Geschichtsbewusstsein mit teilweise schrägen Interpretationen nicht zu verkennen. Aber man hat einen anderen Zugang zur eigenen Historie, das ist klar.

Wie soll es weitergehen?

Mich erschüttern manche Kommentare auch, aber darüber schreiben ist nur möglich, wenn es sich um bekannte Persönlichkeiten handelt, die besonders in die Grütze hauen, naturgemäß besonders AfD-Politiker_innen. Vor allem Beatrix von Storch tut sich da in letzter Zeit sehr hervor und falls da, sagen wir mal, ein „anders“ dahintersteckt, dann muss man das im Grunde auch allen unbekannten Trollen zurechnen und wenn die einen nicht gebremst werden, muss das für die anderen auch gelten.

Schützt die Anonymität?

Der erste Wahlberliner war auch anonym, das traf auch auf die verbundenen Accounts bei Facebook und Twitter zu, aber die IP-Adresse, von der aus geschrieben wird, war natürlich jederzeit feststellbar – wenn jemand der Ansicht gewesen wäre, ich hätte etwas Justiziables von mir gegeben, hätte man mich über diese weltweit einmalige Computer-ID ermitteln können. Ich habe aus beruflichen Gründen auf diese Variante optiert, aber nie auch nur einen einzigen Hasskommentar geschrieben, das kann ich mit Sicherheit behaupten. Und meine Ansichten sind eher dezidierter geworden, seit ich für jedermann per Impressum sofort identifizierbar bin.

Aber woher kommt all dieser Hass?

Wie sollen Menschen sich verhalten, mit all den Fehlern, sie sie sowieso haben und deren Minimierung eine mühevolle Daueraufgabe ist, wenn sie zudem in einem System erzogen wird, in dem jeder gegen jeden zu kämpfen hat und nicht das Miteinander, sondern die Abgrenzung die beste Strategie zum Überleben ist? Alles ist unübersichtlich und stressig und man ist gereizt. Diejenigen, die glauben, sie stehen darüber, sind in Wahrheit Teil dieses Settings, weil ihre Überheblichkeit nichts anderes als Aggression von oben ist. Rhetorische Hilflosigkeit des Gegenübers wird besonders gerne ausgenutzt. Aber letztlich ist dies auch nichts als Selbstbestätigung im Konkurrenzsystem. Eine Kultur des zivilisierteren Miteinanders ist von der Politik aktiv zerstört worden und jetzt müssen die Politiker mit dem NetzDG und Ähnlichem arbeiten, um sich vor den Folgen ihrer eigenen, antisozialen Verhaltensweisen und Politikgestaltungselemente zu schützen. Es kommt alles zurück. Der  Mob ist los, und nicht erst seit gestern und auch nicht erst seit 2015.

Das Ganze hat doch etwas Selbstzerstörerisches.

Natürlich. Alle stechen aufeinander ein und in den Vorstandsetagen knallen die Korken. So kann’s weitergehen für die Eliten. Da wir aber dazu erzogen wurden, nicht über den Tellerrand zu schauen, merken wir’s nicht. Die meisten jedenfalls nicht und bei mir ist das auch nur der Fall, weil ich mich doch zu den politisch Interessierten und Nachdenklichen rechne. Es gibt aber keinen Grund, deswegen auf andere herabzusehen. Es ist einfach nur traurig, wie sich die Dinge in den letzten Jahrzehnten entwickelt haben. Auf eines möchte ich dennoch hinweisen: Der Forentroll ist nicht der typische Nachbar im Kiez. Wer viel in den Sozialen Medien unterwegs ist, und das ist bei mir wegen des Wahlberliners der Fall, der bekommt leicht ein schiefes Bild. Ich schätze, dass nicht mehr als zehn Prozent der Bevölkerung solche Miesnicks sind. Woher ich das nehme? Beispielsweise von meinem Facebook-Zweitaccount für die Autorenbelange / Bereich Fiktionales. Die Menschen, die ich dort sehe, wirken sehr normal, manchmal etwas verschroben und echt in ihrer eigenen Welt unterwegs, aber harmlos – und die meisten von ihnen sind gewiss nicht mit Zweit- oder Drittpräsenzen unterwegs,  um den ganzen Tag politischen Müll zu produzieren. Auch die gesamte Szene der Leser, Kommentatoren und Beteiligten im Bereich der rechten und linken Gegenmedien schätze ich auf fünf, höchstens zehn Prozent der Bevölkerung. Ich würde mir eher mehr politisches Mitdenken wünschen als weniger, damit die moderaten Stimmen mehr Gewicht bekommen.

Ist denn das, was Weichert vorschlägt, produktiv – das Gegenargumentieren?

Da musste ich schmunzeln. Es ist wie bei allen schönen Lehrmeinungen. Praxis und Theorie liegen oft ein wenig auseinander. Manchmal muss man einfach löschen. Man kann nicht jeden Hater mit moderat vorgetragenen Argumenten in die Spur bringen – außerdem habe ich Tweets und Facebook-Diskussionen gesehen, da rotten sich die Hater zusammen, wenn jemand versucht, ausgewogen zu schreiben, anstatt so richtig Gegenpropaganda zu machen. Deswegen steige ich persönlich auch nicht in die „Gegenblase“ ein – und kommentiere mittlerweile nicht mal mehr meine eigenen Leute, wenn sie mir zu einseitig drauf sind. Es bringt nichts. Das Einzige, was wirklich Meinungen ändert, ist der persönliche Kontakt oder das Lesen von schlauen Beiträgen und guten Kommentaren. Die Klingen mit Spinnern aller Art zu kreuzen, ergibt höchstens Sinn, wenn man sich rhetorisch trainieren und testen will, wie gut das eigene Nervenkostüm ist. Eine Ausnahme mache ich manchmal bei Menschen, die mir nahestehen und ich den Eindruck habe, sie posten Dinge, über die sie vorher hätten etwas mehr reflektieren dürfen. Da weiß ich aber, es wird nie bösartig oder persönlich verletzend und Freundschaften zerbrechen nicht durch Meinungsunterschiede. Das ist nichts anderes als im traditionellen Livegespräch, was man da austauscht – oder per E-Mail. Nicht mit dem Heckenschützenwesen der Forentrolle vergleichbar.

Eine letzte Sache – warum endet die Flüchtlingsdebatte nicht?

Oh je. Warum bloß nicht? Weil die Geflüchteten nun einmal hier sind? Weil die Fluchtbewegungen weltweit anschwellen? Weil es zu immer weiteren Todesfällen auf dem Mittelmeer kommt? Das kommt mir alles nachvollziehbar vor. Es gibt zwar Umfragen, danach sind den Menschen gleich mehrere andere Themen wichtiger: Renten, Mieten, Arbeit usw. Aber dass Politiker daraus den Schluss ziehen, jetzt muss doch mal Ende der Debatte sein, ist abgehoben und naiv. Denn es ist ein großer Unterschied, die Relevanz bestimmter Themen fürs eigene Leben generell zu betrachten oder sich aktuell über etwas aufzuregen, auch wenn man gar nicht direkt betroffen ist. Und die Debatte, die ja auch nun im weiteren Sinn die Rassismusdiskussion umfasst, fasst die Menschen an. Dahinter treten andere Themen zurück. Klar ist das schlecht, aber diese anderen Themen sind auch viel komplizierter. Zum Beispiel: Wie wirkt sich die EZB-Politik auf die Immobilienpreise in Deutschland aus? Ganz wichtig für alle Mieter und Käufer und Verkäufer hierzulande, für jeden eigentlich, aber viel sperriger als die Abschichtung von oft bewusst simplifiziert vorgetragenen Positionen in der Migrationspolitik. Das sind kognitive und emotionale Aspekte, die hier eine Rolle spielen. So sind wir Menschen aber, daran führt nichts vorbei. Deswegen muss kluge Politik mitnehmende Antworten und Lösungen finden, ohne komplett über weit verbreitete Stimmungen hinweg zu regieren. Vielleicht beruhigt sich dann auch das Netz irgendwann und es wird unschick, herumzupöbeln.

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

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