Gefallene Engel – Tatort 397 / Crimetime 44

Titelfoto © BR / Klick / v. d. Heydt

Endlich ein idealistischer Mörder

Habgier, Eifersucht, allgemein niedrige Beweggründe, das sind bekanntlich die häufigsten Mordmotive und nahe Bekanntschaft zwischen Täter und Opfer  ist kein Hemmnis – im Gegenteil. Die meisten Morde finden in der Familie, Verwandtschaft und im Freundeskreis statt. Da wünscht man sich als Polizist mal was anderes, eine echte Abwechslung – einen Überzeugungstäter, einen Idealisten. Einen Freak halt, der die Schlechtigkeit der Welt nicht erträgt. Und schon Steven King wusste, Typen mit einem religiösen Tick sind besonders ergiebige Freaks.

Inhalt

In einem Abwasserkanal von München wird die nahezu unkenntliche Leiche eines Mannes entdeckt. Nur wenig später werden die Hauptkommissare Franz Leitmayr und Ivo Batic von Arbeitern einer Mülldeponie zu einem zweiten Ermordeten gerufen. Die beiden Kommissare arbeiten fieberhaft an diesen Fällen und verfolgen eine erste Spur. Doch bald zeigt sich, daß die Machenschaften einer dubiosen Arzneimittelfirma, die sie im Zuge ihrer Ermittlungen aufdecken, mit den beiden Morden nichts zu tun haben. Die Kommissare sind gezwungen, die Fälle neu zu bewerten. Der erste Tote war ein Geschäftsreisender aus Düsseldorf. Am Abend vor seinem Verschwinden hatte er den Hotelportier nach einschlägigen Adressen befragt. Auch der zweite Tote entpuppt sich als gewöhnlicher Bordellkunde. Dann wird ein dritter Mann, ein engagierter Journalist, ermordet. Alles scheint darauf hinzuweisen, daß der Mörder gezielt Kunden eines Münchner Nobelbordells tötet. Ungewöhnlich ist die Todesart der Mordopfer: Alle drei starben durch Kohlenmonoxydvergiftung. Franz Leitmayr gelingt es, aus den Indizien den wahren Hintergrund der Morde zu erschließen: Die Ermordeten wurden Opfer eines Serienmörders, dessen Motiv religiösen Wahnvorstellungen entspringt. Unter größter Geheimhaltung versuchen die Hauptkommissare, den Täter zu finden. Es ist ein gnadenloser Wettlauf mit der Zeit, denn der Täter hat sein nächstes Opfer bereits ausgewählt.

Produktionsnotiz

Auch für diesen Tatort ist das authentische Lokalkolorit wieder von besonderer Bedeutung. So spielt Arthur Dittlmann, Hörfunkautor des Bayerischen Rundfunks, in einer kleinen Gastrolle sich selbst. Dittlmann moderiert auf Bayern2Radio den „Heimatspiegel“, eine Sendung, in der er täglich die Heiligen aus dem Kalender der Namenstage vorstellt. Im Krimi erhoffen sich Batic und Leitmayr einen entscheidenden Tip von Dittlmann. Er führt die Kommissare zu der Museumspädagogin und Schauspielerin Johanna Bittenbinder. Auch sie spielt in „Gefallene Engel“ sich selbst. Denn Autor Peter Probst baute in den Krimi einen Vorfall ein, der sich bei einer Straßentheater-Aufführung vor Jahren tatsächlich ereignet hat. Als Johanna Bittenbinder damals, zusammen mit Kollegen des Freien Theaters, am Münchner Marienplatz in der „Ablaß-Show Tetzel“ als die heilige Jungfrau auftrat, wurde die Theatertruppe von fanatischen Marienverehrern tätlich angegriffen. Der Regisseur des auf Stelzen agierenden Theaters, George Froscher, hielt das Ganze mit der Kamera fest, und die Schwarzweiß-Szene ist nun Teil des Tatorts „Gefallene Engel“.

Rezension

„Gefallene Engel“ gehört zu den doch recht vielen Münchener Tatorten mit Ivo Batic und Franz Leitmayr, die wir noch nicht gesehen haben, zumindest war keine Rezension zu diesem Tatort aufzufinden. In der Rangliste des Tatort-Fundus findet man ihn gegenwärtig auf Platz 15 von 78 Filmen mit den grauen Eminenzen aus der Bayernmetropole auf Platz 109 von 1064 in der Gesamt-Rangliste des Fundus. Diese Angaben beziehen sich auf den Tag vor der Ausstrahlung – aufgrund neuer Voten nach dem Zeigen des Films hat sich eine deutliche Verschlechterung auf Rang 21 / 161 ergeben, die Durchschnittswertung sank von 7,42 auf 7,32 Punkte.

Wie man auf dem ausgewählten Foto sieht, ist Franz Leitmayr aber entgegen einer weit verbreiteten Ansicht nicht mit weißer Lockenpracht in die Welt gekommen. Und er ist immer für die Amouren zuständig – oder, sagen wir, überwiegend. Kein Wunder, dass Ivo in diesem Film so viel schreit. Wir erkennen ziemlich zum Ende hin, dass er bloß eifersüchtig ist. Einen Mord würde er deshalb aber nicht begehen, er ist ja einer von den Guten. Zumindest war das 1998 noch eindeutig, später, in unseren postmoralischen  Zeiten, gab es dann ja den Tatort mit dem Klarstellungstitel „Wir sind die Guten.“

Was aber ist jemand, der nicht, wie in Steven Kings „Se7en“, Menschen umbringen, will, bis er die sieben Todsünden durch hat, sondern sich alle Märtyrerinnen hernimmt und an deren Gedenktagen Menschen umbringt? Wie viele Märtyrerinnen gibt es eigentlich und kann man sicher sein, dass er nach einem Jahr aufhört und nicht die Runde noch einmal machen will? Eine schnelle Recherche ergab immerhin 20 Märtyrerinnen unter den Heiligen und Heilig_innen. Die im Film erwähnte Afra ist auch darunter, aber aus dramaturgischen Gründen hat man ihren Gedenktag vom August in den Februar verlegt. Auch in Bayern war 1998 der Umgang mit dem katholischen Glauben schon nicht mehr ganz einwandfrei. Dafür gibt es im Bayernradio wirklich oder gab es damals den Moderator Dittlmann, der in einem holzwandig abgeteilten Ministudio das etwas andere Thema mit etwas anderer Musik verknüpfen und so echtes Brauchtum pflegen darf.

Direkt ins Herz der Kirchenarbeit wird der Zuschauer aber ebenfalls geführt und wir sehen, was die Ohrenbeichte doch für eine wichtige Sache ist. Das während ihrer Abnahme entstehende Geheimnis ist justizfest und muss nie verraten werden, auch wenn ein Mehrfachmörder dabei seine Taten gesteht. Er tut es in „Gefallene Engel“ nicht direkt, aber der Beichtvater, ein junger Priester mit notabene östlichem Akzent, da die Katholische Kirche ja Nachwuchssorgen hat, merkt, dass etwas nicht stimmt und vertraut sich seinem Mentor an, der aber Batic und Leitmayr nicht helfen mag oder kann. So ziehen sich die Ermittlungen doch über fast 90 Minuten und in der Kirche wird per Headset über das Für und Wider des Beichtgeheimnisses referiert. Und weil Franz Leitmayr sich ein gefallenes Mädchen anlacht, gerät er selbst ins Visier des glaubenseifrigen Mörders und endet auf dem Scheiterhaufen. Dass er aus den Fesseln nochmal rauskommt, wissen wir, sonst hätte er ja seitdem nicht 20 Jahre lang zu einem der besonders vertrauten Tatort-Gesichter heranwachsen können.

Der Film ist plotseitig ein Whodunit, aber doch ein wenig speziell. Es gibt nicht mehrere Verdächtige, sondern nur einen einzigen, den man aber erst zum Ende mit seinem sehr menschlichen Antlitz präsentiert bekommt. Man erfährt zwar erst im Verlauf, um wen es sich handelt, aber trotzdem kann man den Film auch als Howcatchem bezeichnen, denn es geht ja von Beginn an darum, jenen einzigen Unbekannten zu fangen, dessen Motiv sofort klargestellt wird. Bis zum feurigen Ende gibt es eine der bis dahin grässlichsten Tatort-Leichen zu sehen und ein wenig Haut, wie das vor 20 Jahren noch gerade ging und außerdem erfahren wir von Carlo Menzinger, dem dritten im Ermittler-Bund, was Kraft-Yoga ist und wie man damit sich selbst entstresst und die Kollegen auf die Palme bringt. Immer wieder mal, auch in diesem Film, drängt sich der Gedanke auf, dass Michael Fitz der beste Schauspieler unter den drei Cop.-Darstellern ist, allerdings muss er auch weniger Gefühlsvarianten zeigen als der Ivo und der Franz. Man merkt den beiden die Routine jetzt schon deutlich an, die vor allem Udo Wachtveitl beim Start 1991 noch sichtbar gefehlt hat. Edgar Selge als fanatischer Mörder, dessen Religiosität vom Wunsch nach Priesterweihe ins Mörderische gedreht hat, ist natürlich eine tolle Besetzung, aber er kann das Geschehen nicht dominieren, weil er sehr spät erkennbar zu sehen ist – bis dahin hätte man ein Double nehmen und seine Stimme einspielen können.

Finale

Für damalige Verhältnisse ist der Film modern gemacht, recht spannend und man sieht eine „Kathedrale der Unterwelt“, wie schon in Schimanskis „Zabou“, der Einsatz des Settings ist hier etwas weniger spektakulär, dafür geruchsintensiver – wie einige Stellen zu Beginn, aber es ist mit der Geruchsvorstellung bei den meisten Menschen zum Glück nicht so weit her wie mit der visuellen Vorstellungskraft. Mörder mit religiösem Wahn und überhaupt mit einer Art moralischer Mission sind mittlerweile häufiger anzutreffen, aber Ende der 1990er lag in solchen Darstellungen noch ein gewisser Tabubruch, weil die Assoziation naheliegt, dass der Katholizismus, wenn man ihn ernst nimmt, etwas Fanatisches und Ungesundes hat. Deswegen war es wohl auch richtig, dass ein Tatort mit solcherlei Plot aus Bayern und damit aus einer überwiegend katholischen Gegend kommt.

Aber so richtig umwerfend war’s auch nicht, was sicher auch daran lag, dass die falsche Spur zur Arzneimittelfabrik zu früh endete, dass man keine Identifikationsfigur angeboten bekommt und die Intensität des Films unter einem etwas zu kantigen und offensiven Spiel der Darsteller leidet – offenbar war das aber von der Regie so gewollt, denn dezenter und nuancierter können sie durchaus. Franz verhält sich zudem gegenüber Jenny nicht dezidiert genug in die eine oder andere Richtung, als dass daraus ein Aufreger entstehen könnte und man erfährt im Grunde nicht, was genau in der gemeinsamen Nacht passiert ist. Die Tendenz geht aber dahin, dass Franz doch ein Braver ist. Die Filme, in denen sich Ermittler in Mordverdächtige verknallen, haben da etwas mehr emotionalen Drive – dem Franz ist das ja mal mit einer Künstlerin so gegangen, leider fällt mir der Name des Films gerade nicht ein.

7/10

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Besetzung
Franz Leitmayr – Udo Wachtveitl
Ivo Batic – Miroslav Nemec
Carlo Menzinger – Michael Fitz
Bruno – Edgar Selge
Klaus Aigner – Jürgen Tonkel
Sandra Jehlen – Kathrin Freundner
Dr. Fremmer – Martin Blau
Empfangschef – Heinz Rilling
Jenny – Nkechinyere Madubuko
Lara – Cornelia Corba
Pfarrer – Rolf Illig
Frances – Eva Hassmann

Stab
Kamera – Jo Heim
Regie – Thomas Freundner
Buch – Peter Probst

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