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Kommentar 63 

„Wie Wagenknecht & Co. Freundschaft mit Moskau schließen wollen“ titelte der Tagesspiegel gestern und zeigt sich kritisch gegenüber der Nähe von Wagenknecht und Lafontaine zu Moskau.

Nach dem Lesen dieses Beitrags war mir klar, warum viele Menschen den Mainstream-Medien so skeptisch gegenüberstehen. Leider steht nämlich gar nicht drin, wie Wagenknecht und Lafontaine das machen wollen. Indem sie Putin die Aufhebung der Wirtschaftssanktionen anbieten, ihm die Krim schenken und einen Gegen-Regime-Change in Kiew? So ein bisschen aus einem Move – sorry, aus der Bewegung heraus? Hätte mich interessiert, aber okay, weiter.

Drehen wir’s doch mal um, warum ist der Tagesspiegel so antirussisch?

Ja, bisschen ernsthafter. Für mich ist die Luftbrücke noch heute eines der emotionalsten Ereignisse nach dem Zweiten Weltkrieg in der deutschen Geschichte, obwohl ich damals nicht nur nicht in Berlin, sondern noch gar nicht gelebt habe. Und dann der Mauerbau. Die vieljährige Frontstellung fast vor der Haustür. Da werden Dinge getriggert, die reichen weit ins individuelle und kollektive Unterbewusstsein. Und die Berliner Medien im Westteil der Stadt sind davon noch heute beeinflusst und haben es schwerer als z. B. die ebenfalls bürgerliche FAZ oder die Hamburger Magazine, souverän-bürgerliche Distanz zu wahren und dann wieder mal per Kommentar eines scharfen Transatlantikers richtig zuzuhauen. Für dieses Wechselspiel ist Moskau hier zu nah, es war bis 1989 nur wenige Kilometer entfernt, kann man sagen. Im Gegenzug fällt die Abnabelung von den USA sehr schwer. Sie nicht als Schutzmacht, sondern als ein Imperium zu begreifen, das hochgradig verkommen ist, damit kommen viele Journalisten in Berlin nicht klar. Dabei müsste ihnen der gegenwärtige Präsident als Typ und Mensch doch langsam die Augen öffnen.

Aber RT Deutsch und Sputnik sind russische Staats- und Propagandamedien.

Zweifelsohne. Sie sind Teilnehmer in einem Medienkrieg, so, wie die USA und Russland Teilnehmer im geostrategischen Wetteifern sind. Ich finde die Einseitigkeit vieler Linker und auch des Mainstreams in den verschiedenen Richtungen sehr bemerkenswert. Aber ich habe den Vorteil, von der Idee her links zu sein, dass ich sozialen Fortschritt will und dem ordne ich alle anderen Wahrnehmungen unter. Mir ist es herzlich egal, ob jemand dem einen oder dem anderen Imperium zujubelt und das für clever hält. Sofern die Tagespolitik der Bewegung nicht von diesen Dingen dominiert wird, sondern von sozialen Belangen, kann man sagen, ideologische Kollateralschäden sind nicht zu vermeiden.

Kann man das denn trennen?

Pazifismus ist zunächst etwas Neutrales. Anders als der Klassenkampf, der ja immer eine Haltung zum gegenwärtigen System erfordert. Aber friedlich sein geht immer. Und da Friedensliebe eine Voraussetzung für sozialen Fortschritt ist, haben wir hier zwei Elemente linker Politik, die, ganz naiv betrachtet, das A und das O darstellen. Aber ich muss natürlich darüber nachdenken, ob Menschen wirklich für dieses A und O stehen, ob sie frei und unbeeinflusst genug sind, wirklich für die Menschen zu arbeiten.

Sind Politiker das, die den NDS (Nachdenkseiten), RT und Sputnik Interviews geben?

Ebenjene Politiker_innen, die vor allem Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine heißen, geben auch der Welt und der FAS Interviews, Wagenknecht vor allem setzt sich in jede Talkshow der – sic! – deutschen Staatsmedien. Sie nutzt alle Medien, die sich ihr bieten, das ist auch eine ihrer großen Stärken. Damit macht sie sich die Medienmacher gewogen. Wer da letztlich mehr mit wem spielt, werden wir sehen, aber warum sollte sie da selektiv sein? Sie ist russlandfreundlich, das ist kein Geheimnis. Die transatlantischen Verbindungen gewisser Politiker_innen anderer Parteien sind oft viel verdeckter oder auch nicht, werden aber nie so thematisiert, obwohl sie ein viel zu kritikloses und asymmetrisches Verhältnis gegenüber den USA mit sich bringen. Und Oskar Lafontaine hatte mal eine BILD-Kolumne, was einerseits schräg ist, aber auch zum, sagen wir mal, volksnahen Ansatz passt. Ganz auffällig ist, dass vor allem die innerparteilichen Gegner meist nicht diese Hauptmedien ebenso wie die Gegenmedien so bespielen können und eher zitiert werden als per Interview viel authentischer und ausführlicher wahrgenommen zu werden. Wagenknecht und Lafontaine fahren eine Strategie, im Firmensprech würden wir die proaktiv gegenüber den Medien nennen. Und gewinnen dadurch einen Resonanzraum, den sonst höchstens noch Lieblinge der Mainstream-Parteien haben. Die müssen aber darum nicht kämpfen und nicht so sehr eine Marke aufbauen, die bekommen von den Mainstream-Medien eh den Teppich ausgerollt. Wenn ich nur sehe, wie dieser stromlinienförmige Alibi-Jungstar der SPD namens Kevin Kühnert medial gehypt wird –  um so  hofiert zu werden, müssen wirklich linke Politiker_innen weite, steinige Wege gehen und sich viel gefallen lassen.

Und die Flüchtlingspolitik wieder.

Da kann der Tagesspiegel aber nicht abledern, weil er selbst konservativ ist und lediglich konstatieren, dass Wagenknecht für eine Korrektur der Open-Border-Politik in ihrer Partei kämpft. Was sie tut. Sie hat allerdings auch ein riesiges Pech, weil sie in der einzigen europäischen Linkspartei ist, die tatsächlich einen solchermaßen Ansatz verfolgt, der gegenwärtig komplett surreal ist. In anderen Ländern hätte sie es leichter – deshalb auch der Blick in ebenjene Länder, vor allem nach Frankreich. Da spielen persönliche Verbindungen eine Rolle, aber auch die Sehnsucht nach Realismus und Augenmaß. Bewegung zu machen, ist anderswo nicht nur leichter, weil die Menschen sich schneller bewegen, sondern auch, weil man nicht partout und pausenlos gegen Ultraideologisches – genau – ankämpfen und sich pausenlos gegen An- und Übergriffe wehren muss dafür, dass man doch nichts anderes will als ein wenig Wirklichkeitsnähe.

Ist die Russophilie denn Realismus?

Jeder Mensch hat schwache Punkte, könnte ich jetzt witzeln. Es gibt Völker, die uns positiver gegenüberstehen, als wir manchmal denken und vor allem, als historisch gerechtfertigt wäre. Dazu gehören eindeutig die Russen und das muss man doch bedenken. Es gibt keine Freundschaften zwischen Staaten, nur zwischen Menschen, und so sehe ich das. Ich weiß, dass uns auch die Amerikaner nicht negativ gesinnt sind. Ich kann aber in beiden Fällen leicht die Menschen und die Regierungen voneinander trennen und der amerikanische Einfluss in der Welt ist derzeit schon deshalb schädlicher, weil er eben auf einer so gigantischen Machtfülle basiert, von der Russland weit entfernt ist. Die moralische Seite ist wieder eine andere. Ich bin kein Putin-Fan, das ist Lesern bekannt. Aber er ist ein Pragmatiker, anders als Trump.

So pragmatisch, dass er in Deutschland Propagandamedien etabliert. Die sind alle hier erst in den letzten Jahren aktiv geworden.

Wir sind eben meistens ein super tolerantes Gemeinwesen. Hier dürfen alle Propaganda machen, sogar der eigene Staat. Das ist doch Big Fun und alles andere wäre langweilig, wie in jenen Ländern, in denen es wirklich  harte Zensur gibt, wie etwa bei unseren chinesischen Freunden. Deswegen nehme ich auch manche steile These, die hier verbreitet wird, von welchem Medium auch immer – und auch von einigen politischen Freunden – nicht so ganz ernst Wenn sie mit ihren V-Theorien richtig lägen, dürften sie ihre Thesen hier nicht ungehindert publizieren.

Dieses Recht hat aber auch Russland. Wie auch die türkische DITIB. So auch China mit seinen Konfuzius-Instituten. Oder die christlichen  Kirchen, wobei das laizistische Prinzip durchbrochen wird, weil sie vom Staat administrative Hilfe aufgrund Kirchensteuer-Einzug per Finanzamt bekommen. Das ist ein Privileg gegenüber anderen Wettbewerbern im Weltanschauungsbusiness.

Insgesamt aber herrscht medialer und weltanschaulicher Pluralismus, der seine Vorteile hat, auch wenn er nicht unbedingt der Einheit der Gesellschaft dient, sondern die Fragmentierung in unzählige Milieus fördert. Aber der Clou ist ja, wie bekomme ich einen sozialen Move hin, unter diesen Umständen der allfälligen Aufspaltung? Mit einer Diktatur als Durchsetzungsmodell ist das einfach, da machen alle vor lauter Angst mit, wenn auch mehrheitlich ohne Überzeugung, was dann irgendwann zur Implosion führt. Nicht so bei uns, im zähen Spätkapitalismus. Da muss man sich wirklich was einfallen lassen, um eine Bewegung in Gang zu setzen. Und wenn es eher auf „Viel ist viel“ als auf kreatives Politikmarketing ausgerichtet ist. Viele Medien bieten sich an und wollen mit Wagenknecht Quoten oder Auflage machen und sie kann im Gegenzug ihre Meinungen immer wieder verbreiten, nuancieren und aktualisieren.

Und was ist von der internationalen  Promotion Russlands für Wagenknecht / Lafontaine zu halten, die ist doch auch pro-aktiv.

Auf wen soll man sonst setzen? Auf Merkel? Die russisch spricht und amerikanisch denkt? Oder auf die weichgespülte Reformlinke verschiedener Parteien, die jeden Grundsatz bei ebay versteigern würde, wenn sie dafür einen Zipfel von der Macht eintauschen könnte? Oder auf die deutschen Kommunisten, die zwar noch was Ideologiefestes haben, aber von denen jeder weiß, dass sie hier und heute und auch übermorgen noch nicht mehrheitsfähig sein werden und bei denen es auch keine Gesichter gibt, die man als medial wirksam bezeichnen könnte? Ich finde das Verhältnis von Wagenknecht und Lafontaine zu Russland durchaus symbiotisch im Sinn der aktuellen russischen Regierung. Und die beiden würden es nicht so hervorheben, wenn sich  nicht eine Mehrheit der Deutschen, da liegt der Tagesspiegel richtig, eine Annäherung an Russland wünschen würde, trotz Krim, Ostukraine, Syrien.

Ist das nicht eher ein Beispiel dafür, dass das Volk nicht immer Recht hat?

Juristisch und moralisch bin ich da ziemlich klar: So ist es. Hat es nicht immer. Oft sogar nicht. In direkten Demokratien kommen auch Entscheidungen zustande, die man nur für leicht verstaubt halten kann, wie hin und wieder in der Schweiz, deren System ich trotzdem attraktiv finde, weil die Menschen dort viel zufriedener sind als bei uns, aufgrund ihrer größeren Einflussmöglichkeiten auf die Politik. Aber natürlich ist nicht alles rechtlich und ethisch in Ordnung, was die Mehrheit sich so denkt.

Aber: Das Volk darf Wünsche äußern und hat Anspruch auf Gehör und die Politik ist dafür zuständig, diese Wünsche aufzunehmen und ernsthaft zu kommunizieren, was sie für umsetzbar hält und was nicht und sich mit diesem Konzept zur Wahl zu stellen. Aber was sie nicht tun sollte, ist, in undemokratischen Strukturen permanent gegen die Mehrheit zu arbeiten, um Großkapitalinteressen, also auf jeden Fall und immer die einer kleinen Minderheit zu bedienen. Wagenknecht und Lafontaine stehen für eine weit verbreitete und hoch zeitgemäße Sehnsucht, endlich Europa im Ganzen zu denken. Mehr als diesen Wunsch aufzunehmen und zu spiegeln, dass man ihn verstanden hat, was ja aufgrund der eigenen Überzeugungen leicht fällt, ist im Moment auch nicht zu tun, mangels realer Einflussmöglichkeiten. Da sollte sich die Mainstream-Presse nicht so drüber echauffieren, sie kann diesen Wunsch sowieso nicht wegschreiben. Auch wenn ich verstehe, wo es herkommt. Aber man kann hinzulernen, auf allen Seiten, und ich befürchte nicht, dass Berlin noch einmal ausgehungert werden soll und von einer Mauer durchzogen wird, nur, weil Wagenknecht und Lafontaine dem Freund Putin ein wenig wohlgesonnen sind.

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

 

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