Mia san jetz da wo’s weh tut – Tatort 982 / Crimetime 46 // #Tatort #München #Wehtun #Batic #Leitmayr #BR

Crimetime 46 / Titelfoto © BR / Roxy Film, Regina Recht

Hat weh getan – a bisserl

Ein Rumäne soll seine Cousine, die Prostituierte Aurelia, erwürgt haben. Fünf Monate nach Abschluss der Ermittlungen fragen sich Batic und Leitmayr, ob sie den richtigen Täter erwischt haben. Der Tatort Nr. 982 feiert in einer kleinen Szene das reale 25jährige Dienstjubiläum der Kommissar-Darsteller Miroslav Nemec un Udo Wachtveitl.

Entgegen unserer Vermutung in der Vorschau zum Beitrag gab es keine Rückblenden in diesem Film. Alles wird vom Hier un Jetzt aus erzählt, wo allerdings eine Kettenreaktion in Gang kommt, die zu sechs Toten führt. Für Tatortstädte, in denen seit einiger Zeit maßlos übertrieben wird, keine Sache, aber dass die bodenständigen Münchener Ivo Batic und Franz Leitmayr außer Rand und Band geraten – auch wieder für ihre Verhältnisse, ist bemerkenswert. Dann ist es doch wieder nur er emotionalere Ivo, der richtig aus sich herausgeht. kann man gut verstehen. War der Tatort so dicht, so bedrückend, dass er weh getan hat? Wir klären das in der -> Rezension.

Handlung, Besetzung, Stab

Ferentari ist der Name eines Armenviertels in Bukarest. Die frühe Konfrontation mit Kampf, Verrohung, Manipulation und Gewalt treibt viele der dort heranwachsenden Frauen in die Prostitution. Auf ihren Fahrten durch europäische Laufhäuser begegnen sie Tausenden von Männern, wechseln im Zwei- bis Drei-Wochen-Takt die Orte, können keine Verbindungen knüpfen und verdienen feuchtes Geld. Der Film beginnt mit der Verurteilung eines Rumänen, der aus Habgier und unter starkem Alkoholeinfluss seine 19-jährige Cousine, die Prostituierte Aurelia Rubin (Anne-Marie Waldeck) misshandelt und erwürgt hat. Für Leitmayr (Udo Wachtveitl), der die fünf Monate zurückliegenden Ermittlungen leitete, ist das ein Fall unter vielen – Milieu.

Der Täter total betrunken, ein schnelles Geständnis, fertig. Batic (Miroslav Nemec) hatte sich bei der Ermittlung zurückgehalten, weil ihn mit dem Bordellbetreiber Harry Schneider (Robert Palfrader), bei dem Aurelia arbeiten sollte, eine Jugendfreundschaft verbindet. Aber die totale Indifferenz des Angeklagten hat ihn irritiert. Zurück im Büro bittet er noch einmal um die Akte des verurteilten Rumänen. Warum? Weil er es in all seinen Dienstjahren nicht ein einziges Mal erlebt hat, „dass einer nach seiner Festnahme innerhalb von 30 Minuten ein Geständnis ablegt und dann die ganze Zeit über nicht ein einziges Mal versucht, seine Schuld auch nur um so viel (2 Millimeter) zu verringern.“ Kurz darauf sind die beiden Kommissare um eine bittere Erkenntnis reicher:

Sie haben den Fall vernachlässigt und einen Bock nach dem anderen geschossen. Jetzt wissen sie, dass die tote Aurelia am Abend der Tat mit einer anderen Prostituierten, Mia Petrescu (Mercedes Müller), unterwegs war. Dieses Mädchen ist seit jener Nacht vor fünf Monaten spurlos verschwunden. Als sie Schneider befragen, ist dieser absolut direkt. Aurelia wurde gleich am nächsten Tag von ihm vermisst gemeldet. Dass er Mia, die nach dem Abend auch nicht mehr wiederkam, nicht vermisst meldete, erklärt Schneider ganz einfach: „Nutten kommen und Nutten gehen.

Was haben wir? Wir haben sieben Häuser und da gehen pro Jahr zwischen 350 und 400 Frauen durch, da kann ich unmöglich jede beim Namen kennen, bitte!“ Dass Aurelias Verschwinden gemeldet wurde und das von Mia nicht, ist nur der erste Hinweis darauf, dass der verurteilte Cousin von Aurelia vermutlich gekauft wurde, um ein Verbrechen zu vertuschen, das einen viel tieferen Abgrund hat. Was ist in der Nacht passiert, als Aurelia zu Tode kam und Mia verschwand? Wie stecken Schneider und sein Handlanger Siggi (Andreas Lust) mit drin und welche Rolle spielt Benny (Max von der Groeben), der 22-jährige Fahrer einer Wäscherei, dem in der Nacht, als Aurelia starb, ein nacktes Mädchen ins Auto lief? Ein Jubiläumstatort mit einem Fall, bei dem sich die Polizei besser rausgehalten hätte.

mit Miroslav Nemec (Ivo Batic), Udo Wachtveitl (Franz Leitmayr), Max von der Groeben (Benny), Mercedes Müller (Mia Petrescu), Vincent zur Linden (Markus Zöller), Ferdinand Hofer (Kalli Hammermann), Stefan Betz (Ritschy Semmler), Robert Joseph Bartl (Dr. Matthias Steinbrecher), Andreas Lust (Siggi Rasch), Robert Palfrader (Harry Schneider)

Anni und Tom zum Tatort 982 „Mia san jetz da wo’s weh tut“

Die Handlung, Stupid!

ANNI: Ganz ehrlich jetzt. Hast du die Handlung komplett verstanden?

TOM: Nicht komplett, aber fast. Soll ich sie nacherzählen?

ANNI: Ich bitte ausnahmsweise darum.

TOM: Im Grunde geht es darum, dass Ivo un Franz sich seinerzeit von einem schnellen Geständnis haben ablenken lassen, als es um die tote Aurelia ging, der Cousin, der sich sozusagen freiwillig als Mörder zur Verfügung gestellt hat, wurde sicher vom Spezi Schneider geschmiert. Unrealistisch ist es trotzdem, aber egal. Hintergrund ist, dass die Aurelia bei einer Party von reichen Kids zu Tode gekommen ist, weil sie von der enthemmten Meute regelrecht zerfleischt wurde … vermittelt hat das alles wohl der Schneider. Okay? Gut. Und die andere, Mia (das ist die Mia im Titel, Witz komm raus …) ist entkommen. Und als Zeugin muss sich natürlich aufgesucht werden, wobei Schneider behauptet, niemand hätte bei der Aktion zu Tode kommen sollen, er wollte ihr nur ins Gewissen reden, sprich, sie vielleicht mit Geld und / oder Drohungen ruhigstellen. Da aber alle sich saudeppert anstellen, bei dem Versuch, sie zu finden und weil sie einen jungen Schutzengel namens Benny bekommen hat, der mal schnell zwei Greifer totschlägt, ist das nicht mehr zu machen. Benny ist übrigens auch sein eigener Schutzengel, denn von so einem Monstertruck wie dem des Schenider-Assistenten überfahren zu werden und das mehrmals, und daran nicht zu sterben – mein lieber Schwan! Ich bin mir übrigens nicht sicher, ob er für seine beiden Tötungshandlungen belangt werden kann, denn wer will denn nachvollziehen, ohne Zeugen, ob nicht doch eine Notwehrlage gegeben war? Die beiden wollten gerade das Haus anzünden!

ANNI: Okay. Das kauf ich, so hab ich’s auch in etwa gesehen. Aber wie ist das mit der Verbindung Mias zu Benny zustande gekommen?

TOM: Über eine rumänische Landsfrau von Mia, die in der Wäscherei arbeitet, für die Benny ausfährt. Da müssen sie sich mal getroffen haben. Einschränkungen bei diesem Part denkbar, außerdem hab ich viel Genuschel eher versucht intuitiv zu erfassen, als dass ich es wortgenau verstanden hab, das betrifft insbesondere dieses blöde Handy-Video von der Party. Die Münchener waren bisher dafür bekannt, dass sie diese Tendenz zum akustischen Unverständlich-Sprech nicht mitgemacht haben. Das ist jetzt auch vorbei, schade.

ANNI: Und wieso lösen Ivo und Leiti diese tödliche Kette erst aus? Und wieso ist dieses Video für 3001-Schneider so gefährlich?

TOM: Zu Frage 1: Weil sie den Freund Schneider erst nervös machen und er daraufhin versucht, Mia aufzutreiben. Frage 2: Das ist ja der Trick an der Unverständlicheit des Videos. Man ist als Zuschauer so mit dieser Art von McGuffin befasst, dass man sich gar nicht mehr fragt, was da jetzt für den Schneider so schlimm dran sein soll, wo doch die Damen alle „selbständige Unternehmerinnen“ sind. Ihm kann man doch diesen Exzess auf der Party nicht zurechnen. Bei dem die arme Aurelia totgevögelt oder -gewürgt wurde oder was auch immer. Und dass er im Auftrag der Reichen versucht zu vertuschen, was da passiert ist … offenbar kennen die Männer der besseren Gesellschaft sein Qualitätsdienste und seine großartige Nachsorge nach Unfällen, weil sie selbst immer wieder bei Schneider einchecken, wenn sie von ihren snobistischen, steinhartgesichtigen Ehefrauen genervt sind. So ein Quatsch, oder? Danke für die Frage!

ANNI: Chronologisch alles richtig? Wenn ich nicht wüsste, dass mein IQ überdurchschnittlich ist …

TOM: Das hat damit gar nichts zu tun. Es kommt darauf an, ob man versucht, diese Art von Film noch ganzheitlich zu erfassen oder sich mehr auf die Botschaft, auf die Stimmung, die Schauspieler zu konzentrieren, weil der Plot eh zu verquast ist, um ihn ernst zu nehmen. So geht es mir bei Tatorten immer öfter, und dieses Mal hattest du eben dieses Problem. Dafür kannst du sicher viel zur emotionalen Seite sagen – hat’s weh getan?

Die Menschen, ihr Drehbuchautoren!

ANNI: Ich glaub … a bisserl. Wir haben ja in letzter Zeit viele Jugendliche oder junge Erwachsene in Tatorten gesehen – ich finde, Benny und Mia sind die besten davon. Ein süßes Liebespaar, gut inszeniert, nur … also, auf das Blut in seinem Gesicht hätte sie ihn etwas früher hinweisen dürfen. Hochgradig albern, so durch die Gegend zu fahren, bis es komplett getrocknet ist. Hat aber das Feeling für die beiden nicht kaputtgemacht. Und der Wiener Spezl war super. Früher haben die Österreicher das doch immer in ihren Tatorten umgekehrt gemacht, also einen bösen Deutschen reingestellt. Aber sie können’s einfach schauspielerisch, die müssen nur sein, wie sie wirklich sind. Trotz dieser guten Figuren: Ich hab die hundertprozentige Identifikaktion verpasst, weil dieses blöde Ding mit den Reichen mich in diesem Tatort voll gestört hat. Was für Klischeewürstl!

Nicht, dass ich diese armseligen Muttersöhnchen und ihre hohlen Tussis verteidige, aber ist das Thema jetzt Prostitution, Zwangsprostitution und die Strukturen dieses Menschenhandels und sind die Verhältnisse dort mit Rumänen, Deutschen und Handlangern richtig wiedergegeben – oder muss da nun auch noch so eine halbscharige Kapitalismuskritik rein, damit man sich gar nicht erst fragen lassen muss, ob man wenigstens ein Milieu gut gebracht hat, weil, dafür war ja eh keine Zeit. Sich mal selbst begrenzen und das, was man zeigen will, dann aber richtig dramatisch und etwas in die Tiefe gehend zu bearbeiten, scheint nicht mehr drin zu sein. Ich kann schon diese ausgewaschenen Farben, besonders bei Außenaufnahmen, nicht mehr sehen, die es jetzt in wirklich jedem Tatort gibt, offenbar hat die ARD das allen Sendern so befohlen – in dem Moment läuft bei mir schon der Film ab: Oh Gott, schon wieder ein hochgradig gestylter und inhaltlich voll überzogener, verschobener und im Grunde nichtssagender Tatort. Hilfe! Ja, guck nicht so komisch, auch das sind Emotionen. Meine Emotionen als die von jemandem, der richtig gute Filme liebt.

TOM: Jetzt hast du meinen Blick falsch interpretiert. Ich bin ganz bei dir. Diese Tatorte sind hervorstechende Beispiele für ein falsches Verständnis von Inklusion. Alles muss drin sein, aber nichts kommt dann noch richtig zum Tragen. Tatorte sind eben Spiegel der Zeiten, und unsere Zeit ist von dem Wunsch geprägt, aber auch wirklich alles passend zu machen, und dabei jedwede Konzentration aufs Wesentliche und den Sinn für sinnvolle und zu bewahrende Unterschiede aus den Augen zu verlieren. Die Unübersichtlichkeit der Welt ist mittlerweile tatortstrukturell geworden und führt zu einer endlos scheinenden Reihe fast gleicher Filme mit den gleichen Stärken, meist schauspielerisch und visuell, und den gleichen plotseitigen Schwächen. Ich hab noch nie so viele quasi austauschbare neue Tatorte gesehen wie in den letzten Monaten. Ich finde diese Art von Branding daneben, das hat diese immer noch fantastische Krimireihe gar nicht nötig, weil sie gerade wegen ihrer Diversität eine besondere Marke ist. Oder war?

ANNI: Ja, wir haben auch das Problem, dass wir uns gerade „Frau Bu lacht“ von den Münchenern angeschaut haben, und der war exzeptionell. Da war noch alles drin an Spiel mit dem Ungewöhnlichen, an Witz, an Szenen, die anrührend waren, auch an Gimmicks, die eine Handschrift bei der Regie erkennen ließen.

Aber das junge Paar reißt in „Mia“ einiges raus, wie gesagt. Ivo und Leiti fand ich allerdings auch schon besser. Sie dürfen kaum Humor haben, und dann, wie Ivo die … Backoffice-Leiterin-Prostituierte a. D.? … vom Schneider angeht! Also, ich hab mich fremdgeschämt, weil ich’s lächerlich fand. Nemec macht das schon ganz gut, dieses Pumpen. Aber so ist Ivo bisher nie gewesen, und kein Mensch nimmt ihm ab, dass er auf einen persönlichen Rachefeldzug geht. Niemand, der ihn in fast 75 Tatorten aus 25 Jahren gesehen hat. Klar, er ist sauer auf sich selbst, aber da kommt schon das nächste ProbleAnni:

Ich fand es verschoben, wie die beiden Cops mit dieser Situation umgegangen sind: „Hoppla, da ist uns ja vor ein paar Monaten ein Ermittlungsfehler passiert“. Es wirkt, als gibt es hier sowas zum ersten Mal in 25 Jahren, dazu noch auf eine so rudimentäre Art, und als seien sie nie auf eine solche Situation hin geschult worden. Da wirken sie, anders als sonst … es sei denn, sie müssen einem Verdächtigen nachrennen … wie Underachiever, die in ihrem eigenen Quark herumstolpern – im Verlauf des Films legt sich das glücklicherweise.

TOM: Ich bin beeindruckt davon, wie sehr wir heute auf gleich liegen. Ging mir ganz genauso.

ANNI: Unser inneres, harmoniebedürftiges Ich will nach den gestrigen Diskrepanzen wegen „Frau Bu“ zurück in die Mitte. Was bei „Mia san jetz da wo’s weh tut“ auch nicht so schwer ist. Mittlerweile gibt es ja richtiggehend ein Schema, was an Tatorten gut und schlecht ist, da hast du übrigens auch Recht. Die Tatorte der letzten Monate sind einander stilistisch, atmosphärisch, plottechnisch irre ähnlich. Endlich setzt sich das sehr effiziente Klonen mit Bausteinen jetzt durch.

TOM: Du meinst, die Handlungs-Bausteine sind Klone, und werden passend zusammengesetzt? Das war aber immer schon so, bei Krimis. Wie es gezeigt wird, darauf kommt’s an. Mich stört am meisten dieses zu viel von allem und zu wenig vom Wichtigen. Dieser Mangel an Entscheidungsfähigkeit und diese offenbar riesige Angst, mal irgendwo anzuecken, markant zu verknappen. Lieber gefällt man sich darin, die Handlungen in Richtung fahrig und dramaturgisch flach zu treiben, das gilt als Beweis fortgeschrittener Drehbuchkunst. Gäbe es die unterschiedlichen Ermittlerpersönlichkeiten nicht … okay. Die  Zeiten, in denen die Sender oder Tatort-Städte so etwas wie einen eigenen Stil hatten, sind definitiv zu Ende. Kein Wunder, bei über 20 Teams, die ständig mit Stoffen versorgt werden müssen. Die Masse tendiert zu Gleichheit oder Gleichmacherei.

Fazit

ANNI: Ich glaub, wir machen auch mal Ende. Ich bin enttäuscht, für mich hat „Mia san jetz da wo’s weh tut“ nicht das Besondere gehabt, was ich bei einem so großen Jubiläum, dem wohl größten, das man als Tatortermittler feiern kann, erwartet hab. Was den gschissenen Champagner angeht, bin ich aber bei den Münchenern. Und demnächst kommt ja schon deren 75. Fall. Wieder eine Gelegenheit für einen besonderen Tatort. So, meine Punkte sind aufgeschrieben.

TOM: Ich gebe 6/10.

ANNI: Ich hab 6,5/10 notiert. Das bedeutet nach der Viertel-Abrundungsmethode also wieder  6/10. Ich hab die Spielleistungen von Max von der Groeben (Benny) und Robert Palfrader (Schneider) wohl etwas stärker in Anrechnung gebracht. Aber ist okay so.

Unsere Wertung: 6/10

Vorschau

Was lief vor fünf Monaten falsch? Und was begann vor 25 Jahren?

Ein Rumäne soll seine Cousine, die Prostituierte Aurelia, erwürgt haben. Fünf Monate nach Abschluss der Ermittlungen fragen sich Batic und Leitmayr, ob sie den richtigen Täter erwischt haben.

Der Plot fordert eine komplexe, mit Rückblenden versehene Filmweise heraus, und dafür sind die Münchener  Spezialisten, spätestens seit „Der oide Depp„, in dem diese beinahe epische Tiefe hervorragend inszeniert wurde. Auch im“Milieu“ und in allen anderen besonderen Milieus waren die beiden München-Cops so häufig unterwegs – gefühlt – wie kein anderes Team.

Verschachtelungen können hoch spannend sein, wenn der roten Faden immer sichtbar bleibt. Und Karrieren, die 25 Jahre unvermindert andauern, weil sie an ein Format gebunden sind, haben gerade wegen ihrer außergewöhnlichen Kontinuität viel Potenzial zum Nachdenken über – wir tun das unterhalb der ausführlicheN Handlungsangabe etwas ausführlicher.

Stand der Dinge

Der Ivo und der Franz gehen auf die 75 zu! Und sie sind gerade 25 geworden! Wie? Was?

Der Reihe nach: Selbst, wenn der Polizeidienst so viel Spaß macht wie den beiden, sie relativ zu vielen anderen Ermittlern der Tatort-Reihe auch nach vielen, vielen Dienstjahren immer noch frisch wirken, wenn auch weißhaarig-frisch, mit 65 sollte doch Schluss sein. Die meisten Polizeibeamten halten gar nicht bis 65 durch.

Alles okay. Miroslav Nemec, der Batic-Darsteller, ist Jahrgang 1954, Udo Wachtveitl, der den Franz Leitmayr spielt, 1958 geboren. Selbst der Ivo hat also noch drei Jahre Zeit, wenn er denn tatsächlich dann in dem Alter in Pension geht, in dem es Beamte spätestens tun.

Aber in drei Jahren wird er trotzdem, gemeinsam mit dem Franz, die 75 geschafft haben! Die bisher einmalige und eigentlich kaum fassbare Zahl von 75 Tatorten. Bei bisheriger Frequenz wird dieses sogar schon nächstes Jahr erreicht werden, denn jetzt sind wir bei Nummer 72. Fast jeder zwölfte jemals gedrehte von bisher etwa 1000 Tatorten ist also ein Fall für Ivo und Franz gewesen, obwohl die beiden natürlich nicht von Anfang an dabei waren, sondern zum Ende der ersten Halbzeit, 1991, eingewechselt wurden (die Reihe wurde 1970 gestartet).

Daraus erklärt sich auch die 25. Der Tatort 982 mit dem sperrigen Namen, den wir erstmalig und vorsichshalber per „copy and paste“ in die Titelzeile eingegeben haben, ist der Jubiläumstatort der beiden. Vor 25 Jahren begann ihre Dienstzeit. Damit liegen sie nicht einmal ganz vorne. Es gibt eine Tatortermittlerin, die länger dabei ist: Lena Odenthal aus Ludwigshafen, sie kommt mittlerweile auf 27 Jahre. Und sie kämpft erkennbar darum, als dauerhafteste Tatort-Polizistin in die Geschichte einzugehen. Das würde ihr garantiert gelingen, wären nicht die beiden Bayern ihr dicht auf den Fersen. Einen Vorteil hat Lena allerdings, ihre Darstellerin ist (*1961), wenn die Figur ihrem eigenen Alter angenähert sein soll, noch für weitere zehn Jahre „gut“.

Wurde den heutigen Star-Ermittlern aus Bayern diese Riesenkarriere in die Wiege gelegt? Wir haben nicht in deren Wiegen hineinschauen können, aber als sie 1991 starteten, war es da abzusehen, dass etwas ganz Großes aus ihnen werden könnte? Wir kennen mittlerweile einige ihrer frühen Tatort, auch den allerersten, „Animals“ (die Rezension ist noch nicht veröffentlicht und wird als Tandem-Beitrag zu „Mia san jetz da wo’s wehtut“ publiziert werden).

Schon der englische Titel des Leiti-Ivo-Starters dokumentiert, dass man mit den beiden, wenn nicht alles, so doch vieles anders machen wollte als bisher. Die englischen Titel haben sich nicht durchgesetzt, wohl aber leisten es sich die Bayern im 982. Tatort nicht zum ersten Mal, Mundart einfließen zu lassen. Der erwähnte „Der oide Depp“; „A gemahde Wiesn“ – das ist ein Alleinstellungsmerkmal, aber welcher Standort, wenn nicht ein bayerischer, soll das Selbstewusstsein für solche Sprachverwendung zuhause sein?

Ebenso selbstbewusst ist man schon 1991 mit den damaligen Jungschauspielern Nemec und Wachtveitl an die Sache herangegangen. Sie waren das erste gleichberechtigte Ermittlerteam, nach Odenthal auch das jüngste, und man hat offenbar bewusst davon Abstand genommen, bereits sehr bekannte Schauspieler einzusetzen. Auch der letzte große Vorgänger, Helmut Fischer, war zwar noch unbekannt, als er zusammen mit seinem damaligen Chef Melchior Veigl (Gustl Bayrhammer) in die Reihe einstieg, aber am Ende seiner Dienstzeit ein schauspielerisches Schwergewicht.

An dessen Fähigkeiten konnten die beiden Neuen erst einmal nicht anknüpfen, haben sich seitdam aber erheblich gesteigert – sonst wären sie, trotz der sympathischen Art, die sie von Beginn an vermittelten, nicht so lange dabei geblieben. Besonders Udo Wachtveitl war in seinen ersten Fällen noch geradezu ein Rohdiamant, der von einer kundigen Produktions- und Redaktionsleitung so lange geschliffen wurde, bis er – beinahe – an seinen Kollegen Nemec herankam, der ebenfalls eine deutliche Entwicklung genommen hat. Was zunächst ein wenig wie ein Glücksfall für zwei junge Darsteller aussah, ist heute ein Glücksfall für die Tatort-Reihe.

Kein anderes Team konnte bisher so viele große, wichtige Tatorte tragen, mitprägen, in ihnen überzeugen – nicht nur absolut, denn sie haben ja auch die meisten Fälle, aber auch relativ zur Zahl dieser Fälle. Einige ihrer Filme wie „Frau Bu lacht“, der demnächst wieder ausgestrahlt wird und auf den wir uns mächtig freuen oder „Nie wieder frei sein„, „Der oide Depp“, „Ein mörderisches Märchen“ gelten als Höhepunkte in der nunmehr 46jährigen Tatort-Historie. Einige der Bayern-Tatorte haben auch polarisiert, darunter solche, in denen man mit einem künstlerischen Anstrich etwas Besonderes schaffen wollte, wie etwa „Aus der Tiefe der Zeit„.

Seit dem Tod ihrer Erschafferin Silvia Koller haben es auch die wackeren München-Cops nicht mehr so leicht, das frühere oder gar das höchste Niveau zu halten, das sie unter ihrer Führung, mit dem langen Atem und dem Vertrauen, das sie ihrem Team entgegengebracht hatte, erreichen konnten. Nichts währt ewig, aber das heißt auch, es ist jederzeit möglich, wieder ein weithin sichtbares Ausrufezeichen in die heutige, höchst abwechslungsreiche Tatortlandschaft zu setzen.

Die Vorab-Rezensionen zum Tatort „Mia san jetz da wo’s weh tut“, sind auf jeden Fall positiv. Und dürfen sich die beiden Münchener nicht nach über 70 Fällen auch das Eingeständnis leisten, dass sie irgendwann mal geschlampt haben und daher jetzt einen Altfall wieder aufrollen müssen?

Wir haben ohnehin ein positives Vorab-Gefühl, wenn ein neuer Tatort aus München ansteht, das lässt sich nach fünf Jahren TatortAnthologie kaum vermeiden, in denen sich etwas wie ein Gesamtüberblick über die Reihe herausgebildet hat. Ja, auch bei uns steht ein kleines Jubiläum an. Das Fünfjährige. Am 27.03.2011 erblickte der Wahlberliner das Licht der Welt und am 10.04.2011 startete die Tatort-Anthologie. Natürlich mit einem Tatort aus München: „Jagdzeit“.

Für uns ist der 3.4.2016, an dem „Mia san jetz da wo’s weh tut“ Premiere haben wird, zudem ein besonderer Tag, und wir hoffen auf ein Tatort-Geschenk, das richtig Spaß macht. Beim Anschauen und dann beim Schreiben darüber. Wir haben heute die bisher längste Vorschau für einen Tatort verfasst (begünstigt allerdings auch durch eine sehr ausführliche Handlungsangabe seitens der ARD), dieses Nachdenken über sie haben die Münchener sich in jedem Fall verdient.

© 2018, 2016 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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