Deserteure – Tatort 285 / Crimetime 45

Crimetime 45 / Titelfoto © WDR /v. d. Heydt

2018-06-24 Crimetime

Die große Solidarität im Spiegel der Generationen

Einst in Düsseldorf, von 1992 bis 1997, war Kommissar Flemming der Vorgänger von Max Ballauf und Freddy Schenk, die seit 1997 in Köln ermitteln. Max, gespielt von Klaus J. Behrendt, hat eine der längsten Tatortgeschichte, weil er schon als Flemmings Assistent in Düsseldorf dabei war. Erstaunlich genug, dass die weiterhin tätige Lena Odenwald (seit 1989) und die Münchener Batic und Leitmayr (Start 1991) noch mehr Dienstjahre abgeleistet haben.

Inhalt 

Ein bißchen Frust, aber auch Respekt ist im Spiel, wenn Kommissar Flemming von Hans Gebhardt und Kalle Maisch spricht: Zwei Einbrecher der Spitzenklasse, die im richtigen Moment aufgehört haben. Inzwischen betreibt Hans eine kleine Autowerkstatt, während Kalle im Altenheim gelandet ist und sich mit seinem Hobby, der Malerei, seelisch über Wasser hält.

Hans ist keineswegs damit einverstanden, daß sein Sohn Axel ebenfalls auf krummen Pfaden wandelt – aber was kann er schon sagen? Außerdem kommt es ihm nicht ungelegen, als Axel ihm eine größere Geldsumme in Aussicht stellt. Was Hans nicht weiß: Sein Sohn arbeitet für Charly, einen V-Mann der Polizei, der einen teuflischen Plan ausgeheckt hat. Bei einem Waffendeal großen Stils spielt er seine kriminellen Kunden bei der Geldübergabe den Männern vom BKA in die Hände. Während die Aktion läuft und der Flüchtende von einer Kugel tödlich getroffen wird, tauscht Axel in Charlys Auftrag den Inhalt des Geldkoffers gegen Blüten aus. Das echte Geld will Charly behalten, und Axel soll seinen Anteil bekommen. Aber statt sein Versprechen einzulösen, sprengt Charly den lästigen Mitwisser in die Luft.

Die Tat ruft die Düsseldorfer Mordkommission, aber auch Hans Gebhardt und Kalle Maisch auf den Plan. Die beiden Alten wollen Axel rächen und rüsten zum letzten Gefecht. Ein Wettlauf beginnt.

Rezension

Die beiden betagten Schränker halten zusammen. Die alte Griechenland-Connection hält zusammen. Die drei auf dem Polizeipräsidium halten zusammen. Nur der BKA-Spitzel ist ein egoistisches Arschloch. Die Tatorte des Düsseldorfer Kommissars Flemming und seiner beiden Assistenzküken gelten allgemein nicht als Highlights der Reihe, wenn man die Rangliste des Tatort-Fundus zugrunde legt. „Deserteure“ steht auf Rang 714 von 1064 und innerhalb der Fleming-Filmogafie auf Platz 10 von 15.  Sicher, der Tatort 285 ist ein ruhiger Vertreter innerhalb der Reihe. Im Stil der Zeit eben. Aber er lässt sich auch Zeit – für seine Figuren. Und das ist bei dieser geradezu romantischen Altgauner-STory auch die richtige Verfahrensweise, wenn es nicht in Klamauk und Slapstick ausarten soll. Tut es hier keineswegs. Gunnar Möller und  Heinz Schubert („Ekel Alfred“) spielen die beiden Verbrecher, die so gerne im Ruhestand bleiben würden. Aber dann passiert der Mord an Hansens Sohn (der optisch besser als Kalles Sohn durchgegangen wäre). Und es versteht sich von selbst, dass Kalle seinem Freund hilft.

Anfangs dachte ich, das ist ja eine feine Künstler-Autowerkstättler-WG, aber leider wohnt Kalle dann doch im Altersheim. Vor 25 Jahren hieß es noch Altersheim, nicht Seniorenresidenz, aber da gab es auch noch Zweibettzimmer. Selten wurden in einem Tatort zwei Halunken so sympathisch gezeigt wie in „Deserteure“ und als ob ihr aktuelles Sein und Handeln nicht ausreichen würde, gibt man ihnen noch eine Biografie, die den Titel des Films erklärt und ziemlich tiefsinnig ist. Die beiden, beste Freunde wohl schon damals, während ihrer Zeit in der Wehrmacht und als Besatzungssoldaten in Griechenland, haben einen Erschießungsbefehl ignoriert und die Truppe verlassen, woraufhin sie von der Partisanengruppe, zu welcher der Gerettete gehört, versteckt wurden, offenbar bis zum Abzug der Deutschen. Und so, wie sie seinerzeit schon ihren eigenen Weg gingen, haben sie sich nie in die spießige Weitermach-Gesellschaft der Nachkriegszeit „integrieren“ können und lieber die Geldschränke der Kapitalisten ausgeräumt. Dann kamen einige der griechischen Freunde als „Gastarbeiter“ nach Deutschland, blieben und der Verdacht liegt nah, dass der Antikenhändler unter ihnen auch den Hehler für die beiden Diebe gemacht hat. Und nun hilft die alte Connection noch einmal, um Hans und Kalle den Alterstraum vom Haus auf einer griechischen Insel zu verwirklichen. Sogar an der Realität dort wird noch etwas gedreht, damit dann wirklich ein Ölbaum neben dem Haus stehen kann, so, wie Kalle es sich auf dem kleinen Leinwandgemälde und dem witzigen Wandbild im Heim vorgestellt hat. So schließt sich der Kreis aus der Erinnerung an die Jugend und dem guten Ende für die beiden.

Zur Parabel über die niemals endende Solidarität unter Freunden und Verschworenen gesellt sich diejenige über die Generationen. Da sind die vielen Alten, die so einen weiten Weg gegangen sind und Angst vor einem Ende im Heim und in Einsamkeit haben und sie werden gespiegelt im Polizeipräsidium, wo die beiden Jungpolizisten mitten im persönlichen Schlamassel stecken, geklammert werden die beiden Gruppen durch den grantig-liebenswerten Flemming, der altersmäßig in der Mitte steht, väterlich gegenüber Max und Miriam und voller Bewunderung und Respekt für Hans und Kalle, die er nie fassen konnte, als er noch beim Einbruchsdezernat war. Die Jungen haben nicht mehr diese existenziellen Situationen wie die Kriegsgeneration und machen sich ihre Probleme eher selbst, Max mit seinen Schulden, Miriam mit einem gewalttätigen Freund, pikanterweise ein Karriere-Jurist, welcher sich die Rechtsdurchsetzung im Dienst des Staates verschrieben hat.

Sehr fein ausgedacht auch dieser Part. Und fein gespielt. Der junge Klaus J. Behrendt lieferte als Assistent von Bernd Flemming ja recht unterschiedliche Darstellungsqualität ab, aber hier wird er eindeutig richtig geführt und hat sich trotz seiner lädierten Nase und den angeschminkten tiefen Augenringen offenbar wohlgefühlt, ebenso Roswitha Schreiner, wie aus dem Ei gepellt, ihr üblicher Stil als Töchterchen aus reichem Haus, aber dann – mit Veilchen. Und dann das Ende, als sie Max einen Scheck über 10.000 Mark ausschreibt, damit der seine Schulden loswird. Sie hilft dem Kollegen und glaubt an ihn und da haben wir das Echo zu dem, was sich zwischen den Senioren abspielt. Vertrauen und Zuneigung sind eigentlich alles.

Eine Fabel natürlich auch, aber es ist nicht so, dass es altruistisch wirkende Handlungen, die psychologisch aber sehr gut erklärbar sind, nicht im wirklichen Leben auch vorkämen. Unter Liebespaaren ganz sicher – oder auch, gar nicht unpragmatisch, im Geschäftsleben, wenn es darum geht, durch die beherzte Bereinigung von Angelegenheiten die Funktionsfähigkeit des Systems sicherzustellen und jemanden zu schützen, der für dieses System relevant ist. Wen diese Diktion an etwa erinnert – ist Absicht. Auch, um den Unterschied herauszustellen zwischen Verantwortung füreinander aus freien Stücken und Verantwortungslosigkeit einiger, welche die Zwangssolidarität von einer Vielzahl fordert, die an den Fehlern Ersterer nicht beteiligt war und die in Wirklichkeit nicht solidarisch ist und sein will, sondern von den Verantwortungslosen und und ihren politischen Beschützern oder Handlangern in Haftung genommen wird. Solidarität hebt, Zwangshaftung bereitet Verdruss und das Gemeinschaftsgefühl wird schwächer, weil sich alles, was geschieht, unwirklich, abstrakt und zudem ungerecht anfühlt.

Als einen Vertreter der Ungerechtigkeit und der Asymmetrie zwischen dem Staat, der alles darf und den Menschen, die dagegen ankämpfen, sehen wir hier den V-Mann „Charlie“, vielleicht heißt er auch wirklich so. Die Figur ist etwas überzeichnet. So, wie die anderen ein wenig überhöht werden, lässt man ihn besonders fies wirken. Das ist okay, ein Film wie dieser braucht neben allen Guten auch einen Bösewicht. Die vielen Grautöne, die manche Tatorte bezüglich des Figurenpanels und heute auch oftmals visuell beherrschen, hätten nicht zum lichtfarbenen Gemälde von der griechischen Insel und zum düsteren Wald-Landhaus des gemeinen Charlie gepasst. Dass dieser Charlie am Ende überführt wird, kommt etwas seltsam rüber. Es gibt doch nach wie vor keinen Beweis. Deswegen dacht ich spontan, hat Hans ihn nicht doch ein Geständnis unterzeichnen lassen? Aber das wäre natürlich eines unter Zwang und daher wertlos gewesen.

Die Haupthandlung mit dem Geldtausch und dem Erschießen eines Verbrechers durch einen V-Mann, der sich dann echtes Geld aneignet und seinen Mitwisser, Hansens Sohn, beiseite schafft, ist ein wenig geholzt, man hat eindeutig mehr Wert auf die Figuren und die Emotionen als auf einen krass guten Krimiplot gelegt – aber damit die Zuschauer einigermaßen durchblicken, da hat man schon an die Medienrezipienten 25 Jahre später gedacht, legt Max Ballauf eine seiner besten Szenen in der gesamten Fleming-Zeit hin und spielt einen Talking Head im Hineinversetzungs-Modus, was ja eigentlich erst viel später in Mode kam, Faber aus Dortmund ist heute ein Spezialist für diese Art der Zuschaueredukation. Da merkt man, dass die Figur  Ballauf und ihr Darsteller Potenzial haben – aber für seine Position als leitender Ermittler in Köln ab 1997 musste sie trotzdem erheblich geändert werden. Beamte sind zu einer soliden Lebensführung verpflichtet, meistens kommen sie dieser Verpflichtung auch nach und nach diesem Punkt wird sicher auch geschaut, bevor jemand mit einer Führungsaufgabe betraut wird, unabhängig von den üblichen Beförderungswegen. Denn ein Polizist, dem finanziell das Wasser bis zum Hals steht, so nimmt man an, ist recht anfällig für das süße Gift der Bestechlichkeit. Auch zu diesem Thema gibt es selbstredend Filme der Tatort-Reihe.

Finale

Auch wenn’s kein Reißer ist, ich fand „Deserteure“ reizend und anrührend, was ja normalerweise nicht das beherrschende Gefühl beim Krimi ist. Sicher ist „Deserteure“ auch mit einem Nostalgiefaktor ausgestattet und aus sachlogischen Gründen kann man heute keine Filme mehr über Menschen machen, die sich in der Kriegszeit auf ihre Weise im Sinn der Humanität bewähren konnten. Es muss eben andere Konstruktionen aus der Tiefe der Zeit geben. Man spürt, wie Menschen, die damals ihr Leben aufs Spiel setzen mussten, auch später noch zu Riskiken bereit waren und in existenziellen Situationen radikal handeln konnten. Das ist alles schon hübsch weit weg. Es ist ein Geschenk, wenn man noch mit jemandem sprechen konnte, der das alles wirklich erlebt hat, wie es zum Beispiel bei meinem Großvater der Fall war. Gibt es diesen direkten Zugang nicht mehr, abstrahiert sich alles und fällt einer gewissen Beliebigkeit anheim.

Doch bei Hans und Kalle wirkt es noch stimmig, wie man sie am Ende als Silhouetten sieht, mit Reisetaschen und Fedoras, wie sie einfch das Altersheim verlassen und ihren Weg gehen – im Stil von „Archie und Harry“, in dem Burt Lancaster und  Kirk Douglas zwei gealterte Eisenbahnräuber spielen, die sich aus dem Altenheim davonmachen und noch einmal alles wagen. Die deutsche Variante ist natürlich etwas weniger spektakulär und daher ebenso stimmig und stimmungsvoll.

8,5/10

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Besetzung
Kriminalhauptkommissar Bernd Flemming – Martin Lüttge
Kriminalkommissarin Miriam Koch – Roswitha Schreiner
Kriminalhauptmeister Max Ballauf – Klaus J. Behrendt
Hans Gebhardt – Heinz Schubert
Kalle Maisch – Gunnar Möller
Axel Gebhardt – Jürgen Tonkel
Charly – Stefan Reck
u.a.

Stab
Regie – Ilse Hofmann
Kamera – Daniel Koppelkamm
Buch – Horst Vocks
Musik – Andreas Köbner

 

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