Wie ich mich lange vor #Aufstehen nach einer Bewegung sehnte – Rückblick auf Ostern 2017 / #Wagenknecht #DIELINKE #Ostermarsch #Friedensbewegung #AfD #CDU #FDP #Grüne #SPD #MartinSchulz #Schulz-Hype #Abrüstung #Sonntagsfrage #Wahlumfragen

Analyse 9

Der Ausgangsbeitrag, den wir hier noch einmal fast unverändert zeigen, war fraglos ein Highlight des Vorgängerblogs „Rote Sonne 17“, geschrieben nur drei Wochen nach dessen Gründung und mit Emotionen im Bauch direkt nach dem Oster-Friedensmarsch, der bei mir einiges getriggert hatte.

So viel Unzufriedenheit habe ich wohl selten in einem einzelnen Beitrag untergebracht. Natürlich habe ich #Aufstehen nicht prognostizieren können, aber die Forderung nach einer Bewegung und dass Sahra Wagenknecht dabei eine Rolle spielen könnte, die sind in diesem Beitrag zu bemerken.

Mehr als fünf Monate vor der Bundestagswahl 2017 war ich zugange mit der Betrachtung des Schulz-Hypes, dessen Ende ich bereits erfühlen konnte und mit den Ereignissen in Frankreich und England, diese hatte ich im Blick, fragte mich, wieso in Deutschland links nicht wirkt und aus all dem resultierte der Wunsch nach einer Lösung aus der Erstarrung. Seitdem hat sich in der Tat einiges bewegt, die SPD sich fast halbiert und die AfD wurde ein gutes Stück stärker, obwohl sie zwischenzeitlich einen zwangsweisen Wechsel an der Spitze vollzogen hat, der bei anderen Parteien mindestens zu einer Delle in der Wählergunst geführt hätte. DIE LINKE hatte ja dann bei der Bundestagswahl doch 9,2 Prozent geholt und liegt derzeit in den Umfragen einen Tick höher – aber wie wenig hat sie vom Abstieg der SPD doch letztlich profitiert.

Überhaupt nicht berücksichtigt hatte damals ich die Motivebene „interne Probleme der LINKEn“ als Treibmittel für die Gründung von #Aufstehen, sondern mich ganz in die Rolle des mit der Politik insgesamt unglücklichen Mitbürgers begeben. Aber das ändert nichts an vielen für mich immer noch gültigen Aussagen in diesem Beitrag.

Wegen seines starken analytischen Einschlags und seiner Länge werden Neuauflage + Vorwort nicht mehr dem Feature „Kommentar“, sondern der „Analyse“ zugeschlagen.

„Neue Umfragewerte und der Ostermarsch und warum DIE LINKE nicht zieht.“

 2018-09-11 Umfrage Bundestagswahl Sonntagsfrage Ostern 2017Die Umfragewerte sind doch vor dem Marsch zustande gekommen – und was hat das überhaupt miteinander zu tun?

Dann müssten sie ja spätestens nächste Woche anders aussehen, aber richtig,  dies ist ein Stimmungsbild ante iter. Bevor wir alle für Frieden und Abrüstung auf der Straße waren. Nächste Woche werden die Leute gemerkt haben, dass von den oben abgebildeten Parteien nur DIE LINKE für eine vernünftige Politik der Deeskalation und der Rüstungsbegrenzung steht. Und es kann doch nicht sein, dass nur noch 7 % das gut finden. Bei den vorherigen Umfragen waren es immerhin noch 8 %.

2018-09-11 Umfrage Thüringen Ostern 2017Nur 7 % interessieren sich für den Frieden?

Ja, das ist erstaunlich. Offenbar wollen viele den Krieg, die Mutter aller wirtschaftlichen Problemlösungen, weil der Kapitalismus sich festgefahren hat. Danach, wenn alles kaputt ist, könnte man wieder ein Wirtschaftswunder machen. „Wir fangen alle von vorne an“,  hat Hans Albers 1947 in dem Film „Und über uns der Himmel“ gesungen. Aber erstens weiß ich nicht, ob das für ihn auch gegolten hat. Nicht, sofern er Geld im Ausland oder Immobilienbesitz hatte. Und von den Großkapitalisten abgesehen galt es nur für die, die übrig geblieben waren. Und von denen hatten außerdem viele ihre Heimat verloren. Die heutigen Flüchtlingszahlen sind geradezu minimal gegenüber der Zahl an Menschen, die 1945 auf den Beinen waren.

Bisher sieht es nicht aus, als ob der Krieg zu uns käme.

Doch, das tut er. Und jeder weiß es eigentlich. Er hat sogar Gesichter. Die Gesichter der Geflüchteten und die des Terrors sind die Gesichter einer haltlosen Eskalationspolitik. Bei uns zeigt sich insbesondere der Nahostkonflikt in seinen vielen Spielarten in diesen Gesichtern. Und sie sind Seiten derselben Medaille. Und dafür interessieren sich nur 7 % der Wähler hierzulande. Zumindest war das vor ein paar Tagen so. Aber ich bin mir sicher, es hat sich durch die Ostermärsche nicht wesentlich geändert. Hinzu kommen vielleicht noch einige, die gar keine der oben aufgeführten Parteien wählen, lassen wir’s also insgesamt 10 % sein, die Frieden und Abrüstung wollen.

Selbst in der Hochphase der Friedensbewegung, in den frühen 1980ern, gingen nicht mehr als wenige Prozent der Bevölkerung auf die Straße.

Aber genau das ist der Unterschied. Sie gingen auf die Straße. Gestern waren auch einige dabei, die das sicher schon seit damals tun. Aber das ist so ein harter Kern von unbeirrt Bewegten. Ich habe vor zwei Tagen schon darüber geschrieben, warum es keine Bewegung mehr gibt, ich möchte das an dieser Stelle nicht wiederholen. Mich beschäftigt heute nicht so sehr, warum nach Angaben der Veranstaltung nur 2.500 dabei waren (in Berlin, A. d. Verf.), immerhin sind das doch 1.000 mehr als vor einem Jahr, wenn die Zahl stimmt. Und mich beschäftigt auch nicht, warum für besseres Essen die zehnfache Anzahl von Leuten zu mobilisieren ist wie für Leben anstatt Tod. Auch bei „Wir haben es satt“ waren es früher schon einmal mehr, aber da finden sich die Grünen von heute zum Beispiel eher wieder als bei so banalen Dingen wie dem Weltfrieden. Da kann man sich richtig ausdifferenzieren, bei den guten Nahrungsmitteln aller Art, Frieden kennt nur ein Ja oder Nein. Zumindest, wenn man es ehrlich meint und nicht Krieg und Frieden danach bemisst, wer in einem Krieg welche Rolle einnimmt.

Sondern es geht um die Parteien?

Je weiter der Wahlkampf für die Bundestagswahl 2017 voranschreitet, desto unzufriedener werde ich. Wie kann es sein, dass die Partei, welche die relevantesten Themen der Zeit aufgreift, sogar rückwärts geht? Besonders in Thüringen finde ich den Absturz von 28 % bei der letzten Wahl auf aktuell 22 % in den Umfragen mehr als bemerkenswert. Leider liegen nach der kurzen Zeit noch keine Wirtschaftsdaten vor, die mir seriös belegen könnten, ob Thüringen unter der neuen Regierung Rot-Rot-Grün – unter Führung der LINKEN – gute Sachpolitik erfährt, aber irgendetwas scheint nicht so gut zu laufen. Jedenfalls wäre diese Koalition heute nicht mehr möglich. Vielmehr würde es wohl auf Schwarz-Rot unter Führung der CDU hinauslaufen, die in Thüringen seit der Wiedervereinigung regiert hat – bis auf eben die letzten zweieinhalb Jahre. Ich kann nicht genau beurteilen, was dort los ist, da geht es ja auch um landespolitische Themen und der Zuwachs der AfD von 10 auf 19 Prozent zwischen 2014 und jetzt sagt dann doch etwas.

Aber im Bund? Wieso verliert ausgerechnet die Linke? Nicht die CDU mit ihrer Kanzlerin, die Trump genauso hinten rein kriecht wie vorher Obama? Sie ist nicht kopflos, aber der Kopf steckt im Dunkeln fest. Wieso verlieren nicht die GRÜNEN (weiter), die sich mit „Pulse of Europe“ eine Scheinbewegung adoptiert haben, die vor allem Krisengewinnler auf ihrer Seite sieht. Oder solche, die sich dafür halten und denen es wurscht ist, dass die EU in ihrem gegenwärtigen Zustand allen Ländern mehr oder weniger schadet und dass das noch einmal verstärkt für die Eurozone gilt. Oder in erster Linie für diese. Mal sehen, was ihr später noch an Vermögen habt, Leute, wenn ihr aufgewacht seid.

Oder die SPD. Der Schulz-Hype ist zum Erliegen gekommen, jedenfalls liegt die SPD jetzt nicht mehr vor der CDU. Kein Mensch weiß, was Schulz wirklich will und vor allem, was er wirklich tun wird, sollte er Kanzler werden. Mein Eindruck allerdings: Er richtet sich schon auf eine Vizekanzlerschaft unter Merkel ein, deswegen hat er sie auch von Beginn an auffällig geschont. Und sie tut das Gleiche mit ihm. Nur die Wadenbeißer in der Union und das Großkapital dürfen ein wenig aufheulen, weil Schulz 25 % der Zerstörungs-Agenda 2010 zurücknehmen will. Das weiß man ja immerhin in etwa. Das kann man sich ausrechnen, und man kann sich ausrechnen, dass es unter einer fortgesetzten GroKo nur 10 % sein werden, das moralische Feigenblatt und der selbst ersonnene Weiter-Existenzberechtigungsnachweis der SPD.

Man darf nicht übersehen, dass auch die FDP mit 9 % sich gegenüber der letzten Wahl mehr als verdreifachen würde. 

Sie würde wieder zu ihrem Normalzustand zurückkehren. Ich mag diese Partei und ihre Anhänger. Weil sie echt sind. Echte Neoliberale und Kapitalvertreter. Da weiß man, was man hat, die tun nicht sozial und verarschen die Leute, sondern stehen für das, was wir ablehnen. Harte und faire Gegner sind das. Mit denen würde ich in einer Diskussion lieber streiten als mit wachsweichen Typen wie Schulz, die mir zu 80 % Recht geben, mich dann aber hängen lassen, wenn sie die Wahl gewonnen haben. Oder mit den Konvergenzgrünen, die im Grunde verkappte FDP-ler sind. Selbst das Narrativ von den FDP-lern, die im Bioladen kaufen, ist überholt, denn ich habe zuletzt echte FDPler gesehen, die auch im Bioladen kaufen. Ich finde das Personal der FDP furchtbar, aber offenbar gibt es mehr Leute, welche die Pfründe des Kapitals verteidigen wollen als solche, die den Frieden wollen. Und wenn das in einem Volk so verteilt ist, hat es auch nichts anderes verdient als eine kriegstreibende Politik und wachsende soziale Probleme für die Mehrheit. Mit allen Risiken. Zum Beispiel dem Risiko, dass Deutschland nicht nur immer tiefer in Kriege hineingezogen wird, die dann als Menschen hierher zurückkommen, sondern dass es vielleicht auch zu einer atomaren Auseinandersetzung kommen könnte. Und ob sich die hübsch auf ferne Länder begrenzen lässt? Das wage ich zu bezweifeln, wenn es erst einmal losgehen sollte.

Bisher hält das frühere Gleichgewicht des Schreckens.

Ja, und Russland ist auch nicht so unterprivlegiert, wie es die gestern wieder so hübsch aufgemachten Grafiken suggerieren. Die Rüstungsausgaben sind nicht alles – Russland hat immer noch mehr Atomsprengköpfe als die USA und niemand würde dieses Land angreifen. Da gefällt mir schon eher die Erzählung, dass die Rüstungsindustrie konvergiert werden muss und man die Kriege in aller Welt eben nicht durch Waffenlieferungen anheizen darf. Und dass nicht Atomstaaten, und zu denen gehören  Indien, Pakistan, Israel und Nodrkorea halboffiziell oder inoffiziell mittlerweile und beim Iran bin ich mir nicht sicher, dass diese Staaten also sich nicht gegenseitig mit Krieg drohen, und dass auch nicht die etablierten Atommächte das tun.

Dass in Deutschland nur 7 % bei uns es relevant finden, dass im Moment genau diese Drohungen ausgesprochen werden, ist schon sehr seltsam.

Vielleicht liegt es daran, dass das Wählerpotenzial der LINKEN nicht identisch mit denen ist, die sich für den Frieden interessieren.

Ja, genau, siehe oben. Aber dann müssten doch mehr Menschen parteiunabhängig auf die Straße gehen. Ich fürchte, da gibt es andere Gründe. Denn fast alle anderen Parteien legen zu, auch die AfD übrigens wieder. Das habe ich sogar vorausgesehen. Lässt der Schulz-Hype nach, kommen die Protestwähler wieder sozusagen zur Besinnung und geben sich hässlich. Nur DIE LINKE profitiert nicht vom Abflauen der Schulz-Mania.

Und das liegt nun woran?

Daran, dass sie ihre Politik nicht verkaufen kann. Eine Sahra Wagenknecht allein macht noch keinen Massentrend, zumal mir schon Menschen gesagt haben, sie würden die Person vielleicht wählen, aber nicht die Partei. Und klar ist sie auch anstrengend, mit ihrer beharrlichen Kritik. Und sie macht das richtig und es so, wie sie kann. Aber entweder müsste sie sich nun doch, wo die Wahl näher rückt, eine Art zweite Schiene zulegen – oder es müsste noch jemand her, der diese Schiene glaubwürdig vertritt.

Aber nicht die sogenannte „Realo-Fraktion“ in der Linken?

Bei der LINKEN heißt diese anders, aber sie hat diese Leute nicht oder wenigstens einen davon, nicht den Politiker, den sie haben müsste, um wenigstens zweistellig zu werden. Ich habe gestern viel Unzufriedenheit gespürt, mit der Partei, in der Partei. Es wurde moniert, dass zum Beispiel beim Friedensmarsch niemand von ihrer Spitze gesprochen hat und man das Feld kleinen Initiativen überließ, die gerne von den Hauptmedien als sektiererisch und querfrontlastig dargestellt werden. Vielleicht war es aber so ausgemacht, dass keine Vertreter von Parteien sprechen, das war nämlich insgesamt der Fall.

Nur: ich meine etwas anderes. DIE LINKE wird nicht als Volkspartei wahrgenommen. Und ich habe mehr und mehr den Eindruck, das hat gute Gründe. Ihr fehlen wichtige Kompetenzen, zum Beispiel wirtschaftspolitische. Und die Deutschen stehen darauf, dass jemand Wirtschaftspolitik kann. Nicht, dass das bei der CDU wirklich der Fall wäre – von Schäuble abgesehen, so sehr man über seine Haltungen streiten kann – aber es gibt diese Kernverankerung im Mittelstand, obwohl dieser immer mehr unter Druck gerät. Auch, dass die FDP wieder zulegt, hat damit zu tun, dass viele Leute regelrecht Angst vor einer linken Regierung haben. Und seien wir ehrlich, linke Regierungen haben oft genug bewiesen, dass sie es nicht können. Das hat auch damit zu tun, dass sie sich im System an Reförmchen versucht haben und für ihre Kleinmütigkeit als Anhängsel eines riesigen liberalen Trosses nicht wirklich etwas bewegen konnten. Dafür wurden sie dann von ihren enttäuschten Wählern abgestraft.

Dann ist ja für DIE LINKE Hopfen und Malz verloren, die BTW 17 betreffend, wenn schon eine Frau Wagenknecht sie nicht zweistellig werden lassen kann.

Ich frage mich in der Tat, wie es ohne sie aussähe. Dann hätten wir noch eine in jeder Hinsicht gesichtslose Partei mehr. Aber ich sagte eben, wenn es sonst niemanden gibt – dann muss sie. Vielleicht nicht plötzlich eine neue Wirtschaftsordnung aufzeichnen, da erschrecken die Menschen ja gleich wieder, die das gegenwärtige Desaster immer noch für besser halten als ein Wagnis, solange sie noch ein wenig Billigkonsum pflegen dürfen. Aber es gibt keine Vision, nichts, was leuchtet.

Kritik, so berechtigt sie ist, tut das nicht. In den USA gibt es immer noch den Amerikanischen Traum, so sehr der für viele auch tatsächlich nun ein solcher bleiben wird. Aber gibt es eine linke Vision? Auch das höre ich immer öfter, je mehr ich unter Menschen bin: Da ist nichts. Da ist nichts, womit man Leute mitnehmen kann. Und ich kenne ja die aktuelle Programmatik und wie sie sich verändert, um etwa zur Jahresmitte zu einem endgültigen Wahl-Weißbuch zu werden, ich sehe es immer noch nicht. Ich sehe in der neuen Version vom April Klärungen, Ausdifferenzierungen, Glättungen, auch Manches, was eher das Gesamtbild vernebelt. Aber kein „Tomorrow“ als Produkt eines kohärenten Willens zur Neugestaltung.

Es gibt nichts, was die Menschen auf den Weg bringen und marschieren lassen könnte. In anderen Ländern können linke Kräfte mobilisieren, wie man gerade in Frankreich bei Jean-Luc Mélenchon sieht. Vielleicht machen die dort auch einen anderen Wahlkampf, der die Leute mehr anspricht. Unsere Linke äußert sich zwar jeden Tag auf Facebook, und das nach meiner Ansicht zu häufig und zu sehr zu verschiedenen Themen am selben Tag, aber sie erreicht damit nur ihre Kern-Anhängerschaft.

Die anderen Parteien haben nun aber beim besten Willen auch keine Visionen.

Warum auch? Sie alle wollen doch ein „Weiter so!“. Wer nur bewahren will, was sowieso abbröckelt, der braucht ja keine Idee für etwas Besseres. Die LINKE ist aber auf eine solche Idee angewiesen, weil sie die einzige relevante Kraft ist, welche das System verändern will. Aber wie man das so tut, dass es die Leute nicht eher ängstigt, weil es unausgewogen und unausgegoren wirkt oder von Menschen vertreten wird, die nicht dieses Grundvertrauen erzeugen, das dafür aufgerufen werden muss, das weiß sie nicht. Da fehlen neben Wagenknecht weitere Köpfe, die ebenjenes Vertrauen schaffen können.

Das heißt, das Personal ist nicht hinreichend oder falsch?

Ja, das ist in weiten Teilen so. Ich kenne natürlich die linken Parteien in anderen Ländern nicht so gut, was die besser machen, ob sie thematisch oder persönlich  mehr einbringen können, dazu bin ich noch nicht lange genug dabei, aber eines ist sicher:

In Deutschland ist Politik nichts für Kreative und Menschen, die nach vorne denken. Jedes kleine Engagement wird von Besitzstandswahrern angegriffen und erstickt. Die Piraten wollten das mal ändern, aber sind dann wieder an ihrer Struktur- und Konzeptlosigkeit oder Einseitigkeit gescheitert.

Die Kaderparteien, und eine solche ist DIE LINKE ebenso wie die anderen, können aber Menschen keinen Raum geben, die wirklich Ideen haben, zumal, wenn sie auch das eine oder andere eigene Narrativ hinterfragen, weil es ihnen unlogisch oder unausgeglichen vorkommt. Und wenn das doch mal passiert, einige ein wenig rumspielen dürfen, dann werden sie entweder keinen Einfluss gewinnen oder – keinen Einfluss gewinnen.

Die Gründe sind nicht immer gleich, aber klassische Parteien sind keine Labore für neue Ideen. Das heißt für mich nicht, dass ich nicht Mitglied in einer solchen sein möchte, aber auch, dass ich mich etwas mehr dorthin verlagern muss, wo tatsächlich projektmäßig gedacht wird und nicht alles ideologisch definiert wird. Letzteres gilt zum Beispiel in weiten Teilen der Linken sogar bezüglich ihrer volkswirtschaftlichen Gurus. Die in Wirklichkeit nichts anderes als Meinungsträger sind, keine Götter.

Und, ja, mir geht das Klein-Klein auf den Zeiger, das manche für Politik halten. Muss alles auch gemacht werden, aber bringt die Menschen nicht zu den richtigen politischen Kräften. Politik im Großen ist eben auch Symbolpolitik und stark personalisiert, wie man ja gerade am Wechsel von Gabriel zu Schulz in der SPD gesehen hat. Und wenn Politik so ist und man sich redlich im Kleinen müht, aber im Großen nicht wirkt, kann man nicht wesentlich vorankommen. Und mit Pech analysiert man Wählerbewegungen auch noch falsch.

Fehlanalyse: Gute Arbeit wirkt, die Wahrheit: Es lag gerade im Trend.

Genau. Die letzte Berlin-Wahl ist ein gutes Beispiel dafür. Es gab eine starke Mobilisierung der Wähler wegen der aufkommenden AfD, viele haben sich für diese entschieden, manche aber auch bewusst dagegen gewählt, also links. Es war eine Strömungswahl, in erster Linie, keine Personenwahl.

Wir haben keine Zugpferde und ich befürchte, aus der Partei werden auch keine kommen, wenn das unglaublich ausgeprägte Proporzdenken weiterhin die Aufstiegslinien bestimmt. Ich glaube, jemand muss aus einer Bewegung kommen, muss sich dort einen großen Namen gemacht haben und dann muss die Partei über den Schatten springen, einen solchen Mann oder eine solche Frau an die Spitze zu lassen, obwohl sie oder er sich nicht mühsam hochgedient und dabei jeden Idealismus und jede Ausstrahlung verloren hat, die Idealismus mit sich bringen kann.

Schauen wir uns die heutigen Politiker insgesamt an, die nicht mehr durch „Schicksale“ besonders werden, sondern langweilige Karrierebiografien hinter sich haben, die nicht einmal Konversionsstorys liefern können. Storys, wie z. B. einige Grüne in der Anfangsphase oder nach der Wende Menschen, die sich im System neu finden und positionieren mussten. Alles vorbei. Und hinzu kommt die sehr starke Akademisierung gerade im linken Spektrum. Die Wähler draußen merken an jedem Wort, an jeder Geste, dass die Leute, die da zu ihnen sprechen, nie eigene Noterfahrungen hatten, sich nie sozial marginalisiert fühlen mussten und im Grunde Theoretiker des Lebens sind. Das trifft übrigens auch auf Sahra Wagenknecht zu, die von Beginn an gefördert wurde und während des Studiums nie nebenbei jobben musste. Das nur am Rande.

Und was es in Menschen auslöst, wenn jemand wie Martin Schulz daherkommt, der tatsächlich mal ein paar Schwierigkeiten im Leben gemeistert hat, das hat man auch gesehen. Es steht nicht dafür, angesichts seiner weiteren Entwicklung als EU-Politiker, aber es wurde mit einem riesigen Enthusiasmus aufgenommen, dass da offenbar etwas wie ein Typ daherkommt.

Lieber Stasi-Karrieren als Aura-Treiber?

Mir waren einige profilierte Typen mit Schatten auf der Vergangenheit lieber als der Einheitsbrei, den wir jetzt haben. Außerdem haben wir ja eine Kanzlerin mit durchaus diskussionswürdiger Vergangenheit. Die zeigt aber gerade, dass der Umkehrschluss auch nicht das Ei des Kolumbus darstellt. Fragwürdig sein heißt noch nicht, dadurch authentisch und mit gewissen Brüchen sympathischer zu wirken. Im Moment und von der Protestpartei AfD abgesehen tendiert alles dahin, wo Menschen weltanschaulich verortet sind. Da brauchen sie keine überzeugenden Politiker, da reichen die Ansichten und Interessen aus. Das mag beruhigend normal wirken, aber eine Partei, die etwas verändern will, darf sich damit nicht begnügen. Sonst wird das nix mit einer besseren Welt.

Noch ein letzter Verteidigungsversuch – viele Menschen treten doch jetzt in Parteien ein. Auch in DIE LINKE.

Das kann sein wie mit dem Schulz-Hype. Nächstes Jahr alles vorbei, wenn zu wenig wirklich kreative Angebote für diese meist jungen, begeisterungsfähigen, aber auch schnell zur Umorientierung fähigen Menschen bestehen. Meine Befürchtung ist, dass zu wenig aus diesem Potenzial geschöpft wird und wieder ein paar Platzhirsche aufpassen, dass sie bloß nichts abgeben müssen. Und das fängt schon auf kleiner Ebene an. Niemand, der schon ein paar Jahre irgendwo dabei ist, interessiert sich ernsthaft für weitere Mitstreiter, die ja auch Konkurrenten sein könnten. Das ist anti-visionär und unsolidarisch. Aber so sind Politiker, auf allen Ebenen. Sie verstopfen eher den die Wege zum Fortschritt, als sie freizumachen. Und irgendwie – irgendwie spüren die Wähler das.

Gepostet vor 16th April 2017 von Der Wahlberliner Thomas Hocke

 © 2018, 2017 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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