Dinge, die noch zu tun sind – Tatort 850 #Crimetime 49 #Tatort #Berlin #Ritter #Stark #RBB #Dinge #Tun

Crimetime 49 - Titelfoto © RBB, Volker Roloff

Ein Listenpunkt ist abgearbeitet

Der 850. Tatort, so etwas wie ein kleines Jubiläum innerhalb der offiziellen Zählung, fängt schlecht an. Annie, die Tochter der Drogenfahnderin Melissa Mainhard,  fährt mit einer U-Bahn, die von außen historisch aussieht, von ihnen aber das aktuelle Modell zeigt. Außerdem hat dieser Minderheitsbeteiligte an der DrogenGmbH namens Gerhard ein Büro am Potsdamer Platz, wie beinahe jeder Verdächtige in jeder Berliner Tatortfolge – und wir haben dort immer noch keins. Und warum muss das Markenzeichen auf dem Lenkrad eines Audi A6 Allroad der inzwischen abgelösten Serie verdeckt werden, aber auf dem Kühlergrill bleibt es drauf? Immer diese lächerlichen Manipulationen.

Dafür wohnt die kleine Familie Mainhard noch in einem unsanierten Haus, vermutlich im Ostteil der Stadt, und die Berliner Ermittler Ritter und Stark sind auch wieder in so eine alte Bude gezogen, die vermutlich nicht einmal in diesem großen Gebäude am Columbiadamm angesiedelt ist, wo das LKA wirklich haust. Ein ziemliches Desaster im Detail. Und immer noch kein Kieztatort, wie wir ihn uns vorstellen.

Aber sie haben es dieses Mal hinbekommen, Tragik und Ernsthaftigkeit zu einer halbwegsen Synthese zu führen. Ein unnötiger Toter in Person eines jungen Junkies namens Tom wird durch die Polizei mitverschuldet, aber dieser Dilettantismus, wie KHK Stark den Vorgang richtig benennt, den kennen wir ja zu Genüge aus allen möglichen Berliner Lebensbereichen. Ein vergleichsweise realistischer Tatort also, gerade durch Macken im Film und solche Pannen. Wenn da nicht der Schluss wäre. Nein, wir gehören nicht zu denen, die nach fünf Minuten wussten, wer die aufeinander folgenden Morde am Heaven-Erfinder Regler und am Dealer Kaminski verursacht hat, dazu war es bei nüchterner Betrachtung zu unlogisch, aber beim dritten am Juristen Schädlich (ja, ja, diese schädlichen Juristen!) war’s dann so klar wie Kloßbrühe.

Auch wenn der Konnex zur ARD-Woche „Leben mit dem Tod“ ziemlich dicke aufgetragen wirkt, die Berliner haben einen Schritt nach vorne gemacht. Keine blöden Sprüche zwischen Ritter und Stark, die immer irgendwie künstlich wirken, wenn sie zusammen Humor produzieren wollen, dafür ein bewegendes Frauenschicksal, ein Fall, der einfach genug ist, um das Drama der Mainhards im Vordergrund zu belassen. Natürlich ist dies kein perfekter Rätselkrimi, abr wir sind mit der abweichenden Akzentuierung einverstanden. Wir haben uns viel dichter an den Schauplätzen gefühlt als bei den meisten neueren Berlin-Tatorten und da war ein Stück echtes Leben, wie es in dieser Hauptstadt vorkommt und nicht nur denkbar ist. Zu den Details in der – Rezension.

Handlung

In Berlins Partyszene ist die synthetische Droge „Heaven“ besonders angesagt. Da wird der Hersteller der Droge, Christoph Gerhard, tot aufgefunden. Die Ermittler Ritter und Stark übernehmen den Fall und werden dabei von Melissa Mainhard unterstützt, die ihnen als erfahrene Drogenfahnderin zur Seite steht. Der Computer des Toten ist verschwunden und mit ihm die Rezeptur für „Heaven“. Wer macht jetzt die Geschäfte mit der Designerdroge? Gerhards Partner Dirk Regler, der Gelder vom Geschäftskonto an eine Bank auf den Kanalinseln überweist? Oder Ivo Kaminski, der schon als Kurier und Zwischenhändler aufgefallen ist? Verdächtig macht sich auch der junge Tom Hartmann, der plötzlich mit Geld um sich schmeißt. Die Kommissare kommen noch einem ganz anderen Geheimnis auf die Spur: Melissa ist unheilbar krank. Die zweifache Mutter sorgt sich besonders um ihre älteste Tochter Anny, die durch ihren Freund Tom ins Milieu abzugleiten droht. Tom wurde in der Tatnacht bei Gerhard gesehen. Als sein Phantombild veröffentlicht wird, flieht er.

Rezension

Es hat eine Zeit gedauert, bis wir kapiert hatten, was uns die To-do-Liste von Melissa Mainhard sagen sollte, zumal wir, im Gegensatz vermutlich zu HD-Guckern mit 200-Zoll-Bildschirmen nicht lesen konnten, was darauf stand. Aber am Ende war es eine wirklich berührende Szene, als sie bis auf den finalen Urlaub mit ihren Töchtern alles durchstreichen konnte. Da waren also auch die Namen derjenigen drauf, die gewissenlos und ohne jedes Bedauern Kinder wie ihre Annie in Gefahr bringen, drogenabhängig zu werden. Diese Schädlichs, Reglers, Kaminskis und auch Annies Romeo-Clyde, Tom Hartmann. Wir haben zu wenig damit zu tun, wir sehen nicht, wenn wir mit der U-Bahn fahren, wer von den jungen Insassen nur bissl kifft und wer harte Drogen nimmt. Die Einstiegsproblematik weicher Stoff wird auch in „Dinge, die noch zu tun sind“, außen vor gelassen, es sei denn, man rechnet die synthetische Partydroge „Heaven“, eine Art Ecstasy aus regionalem Anbau … aus regionaler Produktion für heimisches Szenepublikum, zu diesen Einstiegsdrogen.

Die Abgrenzung zu gefährlichen Stoffen ist aber fließend, und eine Überdosis ist allemal tödlich. Eine tiefe Verbeugung von uns gegenüber allen Eltern, die ihre Kinder durch die Jugendzeit bringen, ohne dass sie den vielen Gefahren erliegen, die in den Clubs und Straßen und Plätzen in Form von Dealern, Teasern lauern, hinter denen  die Strippenzieher der langsamen, oft leisen Verelendung junger Menschen stecken, die mit dicken Autos durch die Stadt kurven und legale Geschäftsfassaden aufgebaut haben. Bei deren Errichtung haben ihnen gewiss Anwälte wie dieser Schädlich gute Dienste geleistet. Ein Deal ist ein Deal und ein Klient ist ein Klient und wenn man dabei selbst noch ohne Gefährdung der Zulassung mitmischen kann, weil z. B. „Heaven“ noch nicht unters BtMG (Betäubungsmittelgesetz) fällt, umso besser.

Nicht alle Menschen in Berlin kommen auf diese Weise zu Geld, aber der Prozentsatz dürfte relativ hoch sein, denn bekannt ist, dass der Prozentsatz legal besser Verdienender hier immer noch sehr viel niedriger ist als in anderen deutschen Großstädten und trotzdem fährt hier immer mehr teures Gerät herum (manchmal wird’s auch des Nächtens abgefackelt). Es ist dieses Anrüchige, diese übertriebene Protzsucht gewisser Typen in gewissen Klamotten und Autos, die verrät, dass hier kein solider Geldadel unterwegs ist, der vieleicht im Lauf von Generationen lediglich seine Angestellten und Arbeiter schlecht bezahlt hat und dadurch überhöhte Gewinne machte.

Nein, nein, da ist viel Gesindel mit roten (in der Realität eher schwarzen, neuerdings auch weißen) Geländewagen oder schwarzen (neuerdings auch weißen, hin und wieder roten) Sportwagen auf den breiten Straßen, das sind die Adrenalintypen, die alle zwei Sekunden die Spur wechseln, um innerhalb einer halben Stunde tatsächlich eine Ampellänge gutzumachen, unter Inkaufnahme von erheblichen Blechschäden (das erleben wir jeden Tag, wird im Film leider nicht gezeigt, wäre nicht mal ein Klischee). Diese Risktaker. Man bestaunt ihre einseitige Gehirnstruktur, aber man lebt in der selben Stadt, jeden Tag und bis jetzt ohne zur Waffe zu greifen, wie es Melissa Mainhard tut – vermutlich spielt dabei eine Rolle, dass wir legal nicht an ein Schussgerät herankommen würden.

Mal ehrlich, dieses ganze Drogengeld, das fließt doch alles in den Kreislauf zurück und besonders in den Absatz teurer Qualitätsprodukte, meist Made in Germany. Oder aber, wie bei diesem Regler, ab auf die Kanalinseln, und das ist noch gemeiner. Wir kennen Leute bei Finanzbehörden. Die kommen bei solchen Szenarien auch auf Mordgedanken, aber gehören leider nicht zu den waffentragenden Beamten und sitzen mit uns im selben schäbigen Boot der Ohnmacht, inmitten eines fauligen Sees, aus dem Gewalt und viel zu frühe Tode zum Himmel stinken.

Gerade die Tatsache, dass man den Glanz von Berlin dieses Mal dezenter gehalten hat und auch die eine oder andere Fassade mit Abplatzungen zu sehen war, dass außerdem langsam und konzentriert gefilmt wurde, dass es sogar Szenen gab, in denen nach traditioneller Manier richtig draufgehalten wurde, quälende Momente nicht nur für die Charaktere und deren Darsteller, die hier einiges an Kunst auspacken müssen, um diese Momente zu füllen – was Ina Weisse und auch Dominic Raacke als KHK Till Ritter richtig gut gemacht haben.

Die folgenden Absätze enthalten Angaben zur Auflösung! Das war stellenweise intensiv, und es ist gottseidank nicht zu einer kitschigen Annäherung gekommen, im Haus von Melisssa – ob Ritter da schon ahnt, dass sie die Mörderin ist, ist eine andere Sache, wir meinen, das konnte er zu dem  Zeitpunkt noch nicht wissen. Aber ihre Krankheit hat er im Blick und das ist genial zwiespältig, dass er sich nicht mehr an diese todgeweihte Frau rantraut, obwohl man deutlich sieht, dass die beiden sich mögen und ein echtes Gefühl zwischen ihnen glaubhaft wirkt, weil es glaubhaft dargestellt wird.

Trotzdem müssen wir noch einmal auf das Ende eingehen. In dem Moment, wo Ritter und Stark in der Kanzlei des Schädlich die Kollegin abfangen, ist er noch nicht tot. Sie hat also die Spritze mit der Überdosis, die sie in seinem Büro-WC aufgezogen hat, nicht setzen können, da ihr ja Ritter und Stark zuvorgekommen sind. Dann schenken die beiden, die sich hier als echte Gemütsmenschen erweisen, Melissa die Freiheit für die paar Wochen, die sie noch zu leben hat, damit sie mit ihren Töchtern auf Abschiedsurlaub gehen kann. Dann kommt eine Radiomeldung, nach der Schädlich an einer Überdosis gestorben ist. Geht sie also hin und bringt ihn tatsächlich noch um? Ist dies etwa der noch offene Posten ganz oben auf der To-do-Liste?

Das wäre unlogisch, denn sie weiß doch erst durch die Ermittlungen von Ritter und Stark, die sie, das haben die beiden spät, aber dann doch schlau erkannt, auch für ihre Zwecke benutzt. Also kann dies nicht oben auf der Liste stehen. Oder war’s der letzte Posten, den sie ausstreicht?, gefühlt direkt, nachdem Ritter und Stark sie zuhause abgesetzt haben, in Wirklichkeit aber später, nach dem dritten Mord? Oder ist Schädlich tatsächlich drogensüchtig gewesen und an einer selbst gesetzten Überdosis gestorben, die er sich aber gewiss nicht aus schlechtem Gewissen absichtlich gesetzt hat. So ganz sicher sind wir uns nicht, aber diese Vagheit im Ende ist wohl denn doch notwendig, sonst würde man Ritter und Stark ja mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit mindestens als Helfer bezüglich dieses dritten Mordes ansehen können, und das ist noch einmal etwas anderes, als eine Tatverdächtige laufen zu lassen, nachdem es eh für zwei Opfer schon zu spät ist. Recht haben und Recht bekommen sind zwei grundverschiedene Dinge, wie Anwalt Schädlich gegenüber den finster dreinblickenden Polizisten ausführt. Und Gerechtigkeit hat viele Gesichter, vor allem dort, wo das Recht ihr nicht zum Sieg verhelfen kann.

So suggeriert es gemäß einer starken Tendenz der letzten Jahre auch dieser Tatort. Allerdings ist der Fall hier wirklich besonders, denn es geht nicht nur um Justiz oder Selbstjustiz, sondern auch darum, einen kranken Menschen seine letzten Tage in Würde verleben zu lassen und seine Motive nicht zu genau zu hinterfragen.

Ergänzung 19.11.12: Findige Menschen aus unserem Freundeskreis haben uns darauf hingewiesen, dass man auf dem Band, auf dem Reglers Notruf gespeichert ist und das von der KT ausgewertet wurde, das Erinnerungssignal für den Wechsel von Melissas Morphiumpflaster hören konnte – und in dem Moment mussten die Kommissare schon wissen, dass sie zumindest dessen Mörderin ist.

Finale

Es ist komisch, aber zum ersten Mal gehen wir in einem Selbstjustizkrimi ganz bis zum Ende und mit dem Ende mit.  Vielleicht, weil die Form der hier gezeigten Kriminalität wirklich zum Miesesten gehört, was sich zwischen dem Untergrund der Unterwelt und dem offensichtlich machtlosen Himmel abspielt. Vielleicht, weil wir plötzlich diese Nähe gespürt haben – nicht die Frage der Moral, sonden nur, ob wir den Mut hätten, gegen diese Typen zu Felde zu ziehen, würde darüber entscheiden, ob wir genauso handeln würden wie Melissa Mainhard, wenn Kinder in tödlicher Gefahr wären und wir nicht die geringste legale Handhabe dagegen hätten. Prävention und Aufklärung sind nicht alles, aber es ist doch schön zu sehen, dass Annie gerade noch rechtzeitig von diesem unguten Tom lässt und zu ihrer Mutter zurückkehrt. Echte Liebe siegt halt immer. Naja. Schon etwas kitschig, aber es kann ja nicht alles nur marode und vom Verbrechen zerfressen sein.

Ein letztgültiger Drogentatort ist „Dinge, die noch zu tun sind“, sicher nicht, dazu hätte man die Szene noch detaillierter und ihre Mechanismen, Hintermänner, Vertriebswege, Täteropfer und Opfer differenzierter darstellen müssen, doch die Kombination mit dem Familiendrama ist mal ein Statement, nach manchem ziemlich flach wirkenden und emotional unterbelichteten Berlin-Tatort. Vielleicht wird dieser Film in der ruhigen Provinz mit mehr Distanz gesehen, aber wir meinen, ein wichtiger Punkt auf der To-do-Liste ist abgearbeitet – nämlich eine Facette der Stadt wieder ins Gedächtnis zu rufen, die an der Substanz der Gesellschaft zehrt, in der wir letztlich alle leben; auch wenn in unserem  Haus keine Junkies leben, auf unserer Straße keine Teaser stehen, in den Büros um die Ecke keine Dealer, sondern Physiotherapeuten und sitzen und die hin und wieder aufkreuzenden Nobelkarossen den ansässigen Gastronomen gehören, die höchstens mal ohne Belege servieren lassen, Mafiageld waschen und ähnlicher Kleinkram – oder Ärzten und Handwerksmeistern aus dem Umland, wo die Kennzeichen vorne dreistellig sind und die Potenz des Fahrers fälschlicherweise noch in Hubraum gemessen wird.

Vor allem wegen des Mutes, sich in einem Umfeld von Effekt-Tatorten emotional nicht wegzuducken und dem Thema angemessen zu filmen, wegen des Themas bzw. der beiden Hauptthemen selbst – weniger fürs Kriminalistische – geben wir überdurchschnittliche 8,0/10 für die Tatortfolge 850, die auch für uns ein kleines Jubiläum ist: der 600. für den Wahlberliner geschriebene Beitrag.* Geht doch, Berlin!

© 2019, 2018, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Till Ritter – Dominik Raacke
Hauptkommissar Felix Stark – Boris Aljinovic
Lutz Weber – Ernst-Georg Schwill
Melissa Mainhard [Drogenfahnderin] – Ina Weisse
Anny Mainhard – Johanna Ingelfinger
Noe Mainhard – Anna Wilecke
Dirk Regler – Barnaby Metschurat
Heiner Schädlich – Stephan Grossmann
Ivo Kaminski – Gerdy Zint
Tom Hartmann – Leonard Carow
Christoph Gerhard – Stefan Kreißig
Beamter Holger – Achim Langer
N.N – Rosa Enskat
N.N – Enno Trebs

Idee: Natja Brunckhorst
Drehbuch: Jörg Tensing
Regie: Claudia Garde

*Bezieht sich auf den „ersten Wahlberliner“ und das Jahr 2012

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