Freddy tanzt – Tatort 934 / Crimetime 48

Crimetime 48 / Titelfoto © WDR / Colonia Media GmbH / Martin Valentin Menke

Zwei Kumpels in einer kalten Welt

60 Tatorte hat es gedauert, bis Freddy sich verlieben durfte. Anders als bei den zahlreichen emotionalen Ausflügen und Affären des Kollegen Ballauf ist Freddy allerdings verheiratet. Aber dieses Mal tanzt er. Für einige Sekunden, allein und versonnen – oder verloren. Die Szene, die in unserem Titelfoto abgebildet ist, steht sinnbildlich für diesen Film. Mehr in der -> Rezension.

Handlung

Der junge Musiker Daniel Gerber lebte zuletzt auf der Straße. Jetzt wurde seine Leiche am Rheinufer gefunden. Offensichtlich war er bereits vor mehreren Tagen brutal zusammengeschlagen worden und dann an seinen inneren Verletzungen gestorben.

Die Kommissare Max Ballauf und Freddy Schenk finden schnell heraus, dass sich Gerber kurz vor seinem Tod um einen Job als Pianist in einer Hotelbar beworben hatte. Allerdings gab es dann wohl einen Streit zwischen ihm und drei jungen, feiernden Bankern.

Eine weitere Spur führt die Kommissare zu einem Wohnhaus in der Nähe des vermeintlichen Tatorts. Tatsächlich entdeckt die Spurensicherung im Hausflur einen Blutfleck. Die gefundene DNA stimmt mit der des Opfers überein. Die Bewohner des Hauses erweisen sich jedoch als wenig hilfsbereit. Freddy Schenk lässt sich davon nicht beirren: Insbesondere die attraktive, alleinerziehende Kunstprofessorin Claudia Denk hat sein Interesse geweckt.

Rezension

In der Vorschau hatten wir den Haupttext mit „Die Rückbesinnung nach der Neubestimmung?“ betitelt, und dort können wir nach der Betrachtung des 934. Tatorts ansetzen. In der Tat. Dies ist wieder ein klassischer Kölner, nach den außergewöhnlichen Filmen „Franziska“ und „Ohnmacht“. Vielleicht war das, was wir für eine Neuausrichtung hielten, nur ein zufälliger Ausschlag hin zu Dramatik, Spannung und Tempo – zufällig, weil eben genau diese Drehbücher beim WDR landeten und die Regie sie entsprechend umgesetzt hat.

2018-09-16 Tatort 934 Freddy tanzt Dietmar Bär Freddy Schenk Max Ballauf Klaus J. Behrendt Joe Bausch WDRJetzt  ist alles wieder wie zuvor. Die Biografie von Max Ballauf wird wild durcheinandergemixt, dadurch geht eine endlich mal erkennbare soziale Anbindung verloren und nun wohnen Menschen so lange in einem Haus zusammen, dass sie sich schon nicht mehr kennen. Und es ist eh falsch, vor 17 Jahren wohnte Max nicht in diesem Wohnblock, da war er gerade erst nach Köln zurückgekommen und logierte in einem Hotel, weil er keine vernünftige Bleibe fand. Erinnert ein bisschen an die aktuellen Berliner Zustände, aber als Beamter im höheren Dienst sollt er’s schaffen, sich  irgendwo einzumieten. Dass man ihn jetzt wieder totalsolo zeigt, hat mit dem Film selbst zu tun. Wo wäre die Totaleinsamkeit, wenn ausgerechnet Max nicht deren Zentrum sein dürfte?

Aber Freddy, der ist dieses Mal auf – Freiersfüßen? Sicher nur, wenn man das Wort in dem Sinn meint, der seiner Flamme nahesteht, seit sie sich prostituiert, um der Tochter eine großräumige Wohnung bieten zu können. Ansonsten – wir sehen ihn, mögen ihn, und wir sind doch nicht überzeugt.

Das kommt daher, dass er so unbeholfen wirkt, im Umgang mit der Frau, die ihn verwirrt und erst zum Tanzen bringt, als das Tanzen schon dem Vergessen dient. Bei manchen Momenten zwischen Dietmar Bär und Ursina Lardi wären wir auch beinahe so rot geworden wie Freddy, als sie ihn – kurz – küsst. Aber nicht, weil uns die Szenen so aufgeheizt hätten, sondern weil sie peinlich sind. Klar, Freddy, der Solide, der Verheiratete, der ist kein Aufreißertyp wie jener Banker, auf den wir noch zu sprechen kommen. Aber muss deshalb die Chemie in der einzigen Beziehung in diesem Tatort, die etwas Romantisches haben könnte, so unterkühlt sein? Müssen die Dialoge in diesem Kontext, vor allem die Worte, die man dem armen Dietmar Bär in den Mund legt, so hölzern sein? Klar, die Frau will ihn ausnutzen. Das ist logisch, denn was sie sonst bei der Art, wie er die Sache angeht, an ihm finden sollte, fanden wir nicht.

Besser klappt es mit viel Routine im Verhältnis Freddy zu Max, denn da stimmt die Chemie, da ist so viel Übung drin, da kann man einander anraunzen, ohne dass auch nur der leiseste Verdacht aufkommt, die im Büro der beiden mittlerweile aufgestapelten Dinge könnten als Wurfgeschosse verwendet werden. Hoffentlich kriegen die beiden bald eine Assistentin, die sind sowas von alltags-untauglich, das hätte man ihnen gar nicht zugetraut. Denn schließlich muss Max sein Leben allein stemmen und Freddy ist Familienvorstand. Aber wo ein Motiv ist, da kann es plakativ dargestellt werden.

Das gilt auch fürs Grundthema von „Freddy tanzt“. Dieser alte Affe Gleichgültigkeit, der rennt durch diesen Tatort, dass einem beinahe schwindelig wird, mehr jedenfalls als von der Handlung. Und es ist wirklich ein alter Affe. Wir haben gerade den vierten von allen Tatorten gesehen und die Rezension zur späteren Veröffentlichung abgelegt („Auf offener Straße“) – und schon damals, 1971, empfand man die Welt als schnöde, der Hilfeleistung und der Empathie wenig zugänglich.

Vermutlich im Vergleich zu den seligen 1950ern und der Nazizeit, als die Volksgemeinschaft so wärmte, dass viele verbrannten, die da vorgeblich nicht hundertprozentig hineinpassten. Heute: Max ist tolerant. Also gleichgültig. Schade, denn bisher wirkte seine Einsamkeit immer ungewollt, und er litt unter ihr. Die Aussage, dass er die anderen in Ruhe lasse und gerne selbst in Ruhe gelassen werden will, passt nicht zu ihm. Sie passt nicht zu der Art, wie er guckt, wie er handelt, wie er seine Fälle angeht, nämlich immer auf Tuchfühlung mit den Beteiligten. Doch Papier ist geduldig, auch das, auf dem Drehbücher gedruckt werden.

Gewisse Grundaussagen sind zwischen dem 4. und dem 934. Tatort so ähnlich, dass die mittlerweile ganz andere Darstellungsweise besonders interessant ist. Der Hyperrealismus von einst, der dokumentarische Touch, das betont Nüchterne, alles weg, heute kracht die Einsamkeit mit ziemlicher Wucht auf uns nieder. Sie will uns einfangen, nicht distanziert halten. Sie gibt uns Freddy und Max, damit wir uns nicht in ihr verlieren, denn je schlimmer die Zustände ringsum, desto wichtiger sind die beiden Seelchen als emotionale Anker, auch wenn eines davon zum erklärten Eremiten werden will, wobei ihm immer wieder Menschen in die Quere kommen.

Banker sind da noch das geringere Übel, obwohl sie übel dargestellt werden und einen Mörder hervorbringen, einen Totschläger zumindest, der dann selbst stirbt, weil er eine Wunde nicht rechtzeitig hat behandeln lassen. Das enthebt den Film der Notwendigkeit, im Suffix „einige Monate später“ auch noch die Banker abhandeln zu müssen, und das in aller Ausführlichkeit.

Es reicht, die Menschen aus dem ehrenwerten Haus auf Bewährung zu verurteilen, die das Opfer der Banker zwar reingelassen hatten – die Handlung dreht sich zeitweise um die Frage, wer war’s denn wohl? – aber ihm keine Hilfe gaben. Da gibt es logische Klemmen, die hier zu weit führen würden, wie auch die Betrachtung einiger anderer wenig durchdachter Handlungselemente wie das Auffinden der Leiche durch deren Hund, die Ausführung des Verbringens derselben zum späteren Fundort, dass die spätere Leiche, als sie noch Pianist war, aus der Bar Sieben Sünden oder so ähnlich geschmissen wird, weil die Musik so unpassend war, die zur Probe dargereicht wurde. Obwohl der Mann schon früher dort spielte, und das jahrelang. Vielleicht war die stylische Yuppie-Bar damals noch ein Jazzkeller. Erwähnt wird das aber nicht.

Die Yuppies selbst sind die am schwächsten gezeichneten Figuren des Films, dermaßen blödsinnig überzeichnet, dass die Kritik an den Bankstern ins Leere läuft, weil die Unglaubwürdigkeit und Konstruiertheit der drei Figuren geradezu ins Auge springt. Drehbuchautoren sollten Filme wie „Der Banker“ sehen, bevor sie Banker konfigurieren. Aber bei so vielen Figuren, wie im 934. Tatort vorkommen, kann nicht jede differenziert angelegt werden. Etwa so, dass sich der Große mit dem Bart konsistent verhält. Erst schiebt er dem Kollegen eine Drogenpille hin, in der Bar frotzelt er ihn ständig, aber als er ihn verletzt sieht, ist er so fürsorglich wie ein richtiger Mensch.

Obwohl also manche Figuren verschoben wirken, andere überzeichnet, auch die Menschen im Haus 77a in einer unbekannten Straße in Köln, überragen sie doch gut die Handlung, die ebenso konstruiert wirkt wie die Banker.

Fazit

Das große Plus des Films ist die Atmosphäre. Die Regie und die Kamera schaffen es, eine Stimmung zu erzeugen, die uns immerhin die Botschaft gut vermittelt. Wir sind alle mit uns selbst beschäftigt, wo soll da noch Platz sein für andere? Es gibt einen wichtigen Unterschied zu dem oben erwähnten Film aus 1971: Dort wirken die Menschen einfach gedankenlos, heute hingegen haben sie viele Ängste und sind schwer unter Druck. Vor über 40 Jahren war der Materialismus schon am Wirken, der zum heutigen Druck geführt hat. Die Verbindungslinie lässt sich ziehen. Ebenso wie jene zu den Köln-Tatorten vor 2013, die ihre Sozialkritik ähnlich formulierten wie der heutige. Sogar die Dialektik ist weder erkennbar und geht so: Freddy verliebt sich und lässt dafür Milde bei den zu vernehmenden und dann abzuführenden Verdächtigen walten, Max ist unglaublich gnadenlos und dienstlich, besonders für seine eigenen Verhältnisse. Früher war es oft umgekehrt, da hat Freddy den emotional abdriftenden Freund-Kollegen auf Kurs halten müssen. Nichts im Leben wiederholt sich, aber vieles kommt ähnlich wieder. Lernen wir daraus? Selten. Weil es manchmal nicht sofort erkennbar ist, das Muster. in „Freddy tanzt“ aber schon. Und das ist nicht nur schlecht, auch wenn dieser Tatort kein Brüller ist.

Unsere Wertung: 6,5/10

© 2018, 2015 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

 

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