Die robuste Roswitha – Tatort 1064 / Crimetime 54

Crimetime 54 - Titelfoto © MDR / Wiedemann & Berg / Anke Neugebauer

Wer wird schon gerne von der Kloßkönigin zur Königin der Klos?

Und wer erkennt den Logikfehler, einen von gefühlt hunderten in diesem Film, in dieser für die ewige Weltliteratur gefertigten Stück Lyrik, der jenen Film gesehen hat? Für alle, die vor lauter Konzentration auf de Sprachklamauk nicht über die  Handlung nachgedacht haben, lösen wir das auf in der -> Rezension.

„Vor drei Wochen blieb der erste “Tatort” nach den Ferien mit ganzen 4,79 Mio. Sehern noch bei sehr überschaubaren 17,5% hängen, holte eine der schwächsten Quoten der vergangenen “Tatort”-Jahre. Für Christian Ulmen und Nora Tschirner als Ermittler Lessing und Dorn lief es nun viel besser: Mit 8,57 Mio. sahen fast 4 Mio. mehr zu als vor drei Wochen, der Marktanteil wuchs um fast 10 Punkte auf 26,9%. Vergleichsweise noch besser lief es im jungen Publikum: Hier entsprachen 2,50 Mio. 14- bis 49-Jährige einem Marktanteil von 24,7%.“ (Meedia

Inhalt

Der Mord an Christoph Hassenzahl, dem Geschäftsführer einer traditionsreichen Kloßmanufaktur, erschüttert Weimar. Seine Überreste werden in granulierter Form gefunden. Kurz nachdem die Kommissare Kira Dorn und Lessing die Ermittlungen aufgenommen haben, taucht Hassenzahls totgeglaubte Ehefrau Roswita wieder auf. Angeblich habe sie vor sieben Jahren bei einem tragischen Unfall das Gedächtnis verloren und ihren Lebensunterhalt seither als Toilettenfrau in einer Autobahnraststätte am Hermsdorfer Kreuz bestritten.

Zwar finden die Ermittler heraus, dass der Abstieg von der Kloßkönigin zur Klokönigin der Wahrheit entspricht, dennoch gerät Roswita unter Mordverdacht. Hat sie ihr Gedächtnis wirklich erst an dem Tag wiedererlangt, an dem ihr Mann ermordet wurde? Roswitas neuer Lebensgefährte Roland Schnecke schwört, dass es sich so verhält. Doch auch er ist eine zwielichtige Figur, wovon sein teures Auto zeugt, das er sich mit seinem kargen Verdienst niemals hätte leisten können. Steht der plötzliche Geldsegen in Verbindung zu dem Mord?

Die Kommissare treffen auch auf Thomas Halupczok, einen Kartoffelbauern, dessen Existenz durch Hassenzahl vernichtet wurde. Auch ihm wäre der Mord zuzutrauen, zumal es sich bei seiner Geliebten Marion Kretschmar um die Managerin einer Supermarktkette handelt, die die „Hassenzahler Kloßspezialitäten“ exklusiv vertrieb und die Firma durch eine Kündigung in den wirtschaftlichen Ruin getrieben hat. Die Kloßbrühe, in der Kira Dorn und Lessing rühren müssen, ist trüber als die Ilm.

Aus der Vorschau übernommener Text

„Humor hat man oder hat man nicht – oder nicht?“ Über seltsame Figuren wie Charlotte Lindholm konnte ich mich jahrelang hingebungsvoll auslassen und bin neulich erst darauf gekommen, dass sie eigentlich auch den Humormenschen, das Kind in mir, weckt. Nämlich unfreiwillig.

Ich kann die Münsteraner gut ab, obwohl die Macher sich zeitweise wirklich nur noch auf die Darsteller verlassen haben und man die Film ansonsten vergessen konnte . Ich komme mit dem besonderen Kumpel-Humor der Münchener zurecht und mit der etwas sozialpädagogischer ausgerichteten Variante der Kölner, der Psycho-Satire-Humor in Dortmund und dem feinen, grantigen Humor in Kiel oder der schmähigen Variante in Wien. Sogar beim MDR fällt mir nicht alles schwer, mit Brambachs Dresdener Schrullenwesen kann ich leben. Auch den historischen Totalossi-Humor von Ehrlicher habe ich irgendwann lieb gewonnen. Aber Weimar? Ich kenne die Stadt und mag sie. Leider hat mir das nicht dabei geholfen, auch Lessing und Dorn zu mögen.

Es hat auch nichts damit zu tun, dass „Kira Dorn“, also Nora Tschirner, mit diesem Tschiller-Darsteller gedreht hat … der Name fällt mir gerade nicht ein, den finde ich wirklich schlimm und in Hamburg macht er Tatorte und ich habe es bis jetzt nicht geschafft, diesen „Off Duty“-Film anzuschauen, der gammelt auf meinem Mediaplayer noch vor sich hin. Es gibt also bei mir keine Kollektivhaftung für filmische Verbrechen, jedenfalls nicht über den einzelnen Film hinaus. Jedes neue Werk ist eine neue Chance.

Aber wieso weiß ich jetzt schon, dass ich heute Abend oder wann immer ich mir einen Ruck geben werde, um das Aufgezeichnete anzuschauen und darüber hier zu schreiben, so viel mit den Augen rollen anstatt lachen werde, dass psychosomatische Schäden zu befürchten sind? Es liegt einfach am Konzept. Murmel Clausen! Dann lieber doch Claus Clausnitzer.

Rezension

Wenn wir den Vorschau-Text ungekürzt mitnehmen in die Nachbetrachtung, dann wird das wohl bedeuten, dass der Film das in der Vorschau Vermutete nicht komplett widerlegen konnte.

Zunächst lösen wir aber das Eingangsrätsel auf: Der Spruch ist vollkommen sinnfrei, da Roswitha doch fast die ganze Zeit ihres Kloköniginnendaseins nicht wusste, dass sie Kloßkönigin war. Welhes Märchen wird da angesprochen? Aschenbrödel? Die Prinzessin auf der Erbse? Finde heraus, wer die Prinzessin ist? Das Sprachspiel „Teller mit Stella und das Porzellan mit dem Schwan“ ist jedenfalls eine Anspielung auf eine meiner Lieblingskomödien, „Der Hoffnarr“ (USA 1955), die durch den Becher mit dem Fächer und den Pokal mit dem Portal weltberühmt wurde. Macht es das besser, wenn schon die Anfangszene komplett daneben ist. Der Unfall sah aus wie Absicht, das Opfer im Kleinwagen spielt im weiteren Verlauf keinerlei Rolle, es handelte sich aber nicht um einen gezielten Rammstoß und der Zusammenprall war auch nicht so heftig, dass der Fahrer des Lieferwagens dabei hätte unbedingt verletzt werden müssen. Da waren beide auf der Landstraße eher gemütlich unterwegs, auch der Überholende – der trotzdem hätte in wesentlich größerer Entfernung zum gerammten Wagen zum Stehen kommen müssen. Und so geht das den ganzen Film über.

Aber die Quote beim „jungen Publikum“ stimmt und das ältere Publikum muss dafür Gebühren zahlen. Tatort zählen zu den teuersten Produktionen der ARD. 8,57 Millionen Zuschauer sind übrigens keine Traumzahl, sondern im unteren Drittel aller Ermittlerteams und ist auch für Weimar selbst unterdurchschnittlich – unter dem Vorbehalt, dass die in der Wikipedia für den Zeitraum seit 2015 ausgewiesenen Durchschnittsquoten aktuell sind. Im Vergleich zu den Sommerloch-Tatorten „Tschiller – Off Duty“ und „Die Musik stirbt zuletzt“ hat sich die Zuschauerzahl fast verdoppelt und die Quote von ca. 17 auf die für Tatortpremieren üblichen ca. 27 Prozent erhöht. Beim „jungen“ Publikum waren es ja nur knap 25 Prozent. Das gilt aber für einen Tatort offenbar als Erfolg. Fürs junge Publikum wurden ja auch einst Figuren wie Schimanski und Odenthal erfunden und wenn man sich heute die Schimanski-Filme anschaut, kommt man nicht umhin festzustellen: Der Zeitgeist war damals eigentlich schon nicht mehr genau getroffen, sondern aus den frühen 1970ern in die 1980er transportiert worden und Odenthal war anfänglich wesentlich softer gezeichnet als in späteren Filmen. Auch das damals selbst noch junge Münchener Team und die Kölner waren eher auf Zuschauer zwischen 25 und 45 gezielt als auf die Liebhaber von Ermittlern mit Hut.

Aber die Fälle, die jene „jugendlichen“ Cops bekamen, also die Drehbücher, waren nicht dermaßen formatuntreu und nachrangig gegenüber dem atemlosen Sprach … ja, was eigentlich? Wenn gestandene Tatort-Fans beim Fundus das zur Headline erwählte Reimchen schon als tiefsinnig wahrnehmen, stimmt wahrscheinlich etwas mit meiner Wahrnehmung nicht. Aber der nachlassende Zugang zur Sprache beim „jüngeren Publikum“ lässt natürlich jeden Kloß mit Soß wirken wie etwas, was dem Film eine Aufnahme ins nationale Filmregister sichern sollte, wenn es in Deutschland so etwas gäbe. Genau für jenes Publikum muss vermutlich auch alle paar Minuten eine Zusammenfassung dessen geschehen, was bisher geschah, sonst kann es nicht mehr folgen. Aber warum eigentlich? Um die Spielzeit zu füllen, denn der Plot ist nun wirklich egal. Durch dieses Repetieren wird das Ganze natürlich nicht gerade dynamischer, womit man sich ja anstelle einer guten Krimihandlung ebenfalls hätte profilieren können.

Trotzdem, Überraschung, es gibt nicht nur peinlich sprachlich verwurstete Szenen, sondern die Sache mit den Tellern, dem Kloß und den Weinflaschen ist wirklich witzig und dadurch bekommt der Film sogar etwas wie eine Dramaturgie, die im ansonsten völlig abgeht: Weil diese Szene ziemlich am Schluss stattfindet und Dorn und Lessing nicht drin sind, jedenfalls nicht von Beginn an, kommt da etwas wie echte Komik rein. Leider gehen wirklich gute Gags wie der „Rotwein Burgunder Art“ aus dem Supermarkt im Allgemeinen und permanenten Zwang, witzisch sein zu müssen, ziemlich unter. Tatort als Sitcom, aber weniger pointiert.

Immerhin sind die Episodenrollen schön gespielt, die Regie ist auch nicht das Problem des Films – und dieses Mal hat mich nicht Dorn, sondern Lessing am meisten genervt. Manchmal ist es besser, wenn jemand nicht schauspielern kann und das durch Einheitsmimik dokumentiert, als wenn bei mittlerem Talent überzogen wird – und in jeder Abwechslung liegt ja, wenn man die positiven Aspekte eines Films geradezu herauswringen muss, ein Gewinn. Öden Mickymaus-Sprech gibt es trotzdem genug. Der wird dann manchmal noch so hervorgequetscht, dass man ihn akustisch nicht versteht. Aufgrund der Vermutung, dass die verpassten Inhalte nicht weltbewegend waren, empfahl sich, einfach weiterlaufen zu lassen und nicht jedes Mal zurückzuspulen, bis es vielleicht beim fünften Reinhören klappt mit dem ahnungsvollen Entschlüsseln.

Finale

Über Jahre hinweg haben wir es vermieden, einen Tatort mit weniger als 5/10 zu bewerten, wegen der Maxime: Im Vergleich zu vielen sonstigen, insbesondere dem Privatfernsehen zu verdankenden Formaten setzt die ARD-Premium-Reihe im Genre Krimi generell viel höher an. Dann kam der Unmut über die arische Herrscherprsönlichkeit Charlotte Lindholm und wir haben erstmals aus politischen Gründen tiefer gegriffen.

Und da eine Linie, wenn sie erst gerissen ist, nicht mehr so leicht zu flicken ist, kam es seitdem hin und wiedr zu 4/10. Aber weil ja der Tatort ein innovatives Format ist, gehen wir auch mal einen weiteren Entwicklungsschritt, und zwar auf der Bewertungsachse von Null bis Zehn: 3,5/10.

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Besetzung und Stab

Hauptkommissar Kira Dorn – Nora Tschirner
Hauptkommissar Lessing – Christian Ulmen
Kommissariatsleiter Kurt Stich – Thorsten Merten
Polizist Lupo – Arndt Schwering-Sohnrey
Rechtsmedizinerin Dr. Seelenbinder – Ute Wieckhorst
Christoph Hassenzahl, Chef der Kloßfabrik – Matthias Paul
seine Frau Roswita Hassenzahl alias Mogli – Milena Dreißig
Roland Schnecke, Roswitas/Moglis neuer Lebensgefährte – Nicki von Tempelhoff
Vorarbeiterin Cordula Remda-Teichel – Christina Große
Kartoffelbauer Thomas Halupczok – Jörn Hentschel
seine Geliebte Marion Kretschmar – Anne Schäfer
Sekretärin Fräulein Müllerschön – Marie Anne Fliegel
Nachbarin Irma – Christine Zart

Drehbuch – Murmel Clausen, Andreas Pflüger
Regie – Richard Huber
Kamera – Robert Berghoff
Schnitt – Knut Hake
Szenenbild – Jürgen Schäfer
Musik – Dürbeck & Dohmen

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