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Medienspiegel 55

Das Scheinversprechen – das Konzept der Diversität verschleiert gravierende Ungerechtigkeit (Rubikon / Chris Hedges) 

Ergänzung 31.08.

Dieser Beitrag ist jetzt schon 20 Tage alt und dass wir uns jetzt erst um ihn kümmern, belegt, wie schön wir ausgelastet sind mit immer neuem, immer ganz heißem Scheiß. Vielleicht ist das gut so. Denn letztlich steht hinter vielem, was wir derzeit beobachten und was sich in den klassischen und in den sozialen Medien oder in den Städten abspielt, die Frage nach dem Konzept von Diversität, das wir haben wollen, das wir super finden, wie es ist, oder an dem wir arbeiten müssen, damit uns die gesellschaftliche Spaltung, die allüberall zu erkennen ist, nicht doch irgendwann um die Ohren fliegt. Natürlich, eine Spaltung kann nicht um die Ohren fliegen, aber der eine oder andere könnte in den Spalt hineinfallen und für viele wird das Leben unangenehm, wenn er ständig  über immer größere Spalten springen muss, um sein unitaristisches Weltbild aufrecht erhalten zu können. Es wird aber auch nicht weiterführen, auf der kleinen Scholle zu verharren, auf der man zufällig gerade sitzt und zu beobachten, wie die Risse drumherum tiefer werden. Eines Tages könnte ein weiterer Riss entstehen, der mitten durch dieses Inselchen hindurchgeht und mitten durch unsere persönliche Erzählung.

Zu „Rubikon“

Als am 11.06. der wöchentlichen Rubikon-Newsletter kam, stand ganz oben der Aufsatz von Chris Hedges. Da wir noch nicht lange zu den Abonnenten von „Rubikon“ zählen, kam es im Entwurf vom 11.08. zu diesem Beitrag zu folgender Einschätzung, das Magazin betreffend:

„Gleich den ersten Titel fand ich sehr interessant, wie ich überhaupt finde, dass „Rubikon“ unter den „Alternativen Medien“ eine Art Sonderstellung einnimmt, weil in der Tat die Themenvielfalt breit, das Layout angenehm und zumindest mich regen vor allem die Artikel zum Nachdenken an, die ein bisschen weiter ausgreifen und nicht die Themen behandeln, die ohnehin von der „Gegenöffentlichkeit“ den ganzen Tag rauf und runter besprochen werden. Gleichzeitig führen wir mit diesem Medienspiegel-Beitrag unsere Bewertungsgrafiken „großflächig“ ein – sie werden künftig in vielen unserer Kommentare, Medienspiegel oder Analysen enthalten sein. Denn warum sollten wir die Beiträge kommentieren, wenn wir nur solche brächten, denen wir voll zustimmen? Die Kritikfähigkeit und daraus folgend die aktive Auseinandersetzung ist’s Panier, das gilt auch für den verlinkten Beitrag.“

Mit der großflächigen Einführung der Bewertungsgrafiken wurde es bisher nichts, aus gutem Grund. Bestimmte Aspekte zu kritisieren ist eine Sache, aber eine Zensur für die Beiträge von Kolleg_innen zu geben, eine andere, mit der man sich bis zu einem gewissen Grad auf eine erhabene Position stellt. Aber die Einschätzung zu „Rubikon“ stimmt noch – grundsätzlich. Auch dieses Medium ist mir manchmal etwas zu subjektiv, die sanfte Aufmachung täuscht über manch besonders kämpferisches Meinungsbild zunächst hinweg. Generell nichts dagegen, aber das Problem ist, dass ich da schon ein wenig übersättigt bin von Klassikern in diesem Bereich wie den „Nachdenkseiten“, die ja eher Gegenpropagandaseiten sind.

Zum Beitrag

Ich war besonders  gespannt darauf, wie ein Pulitzer-Preisträger die aktuelle Rassensituation in den USA bewertet. Ich kenne nicht alle Pulitzer-Preisträger namentlich, zugegeben. Also las ich erst einmal zu Ende – glücklicherweise, denn wenn ich gewusst hätte, dass hier ein Nicht-Afroamerikaner am Werk ist, hätte ich es möglicherweise gar nicht getan. Also hat wieder ein Weißer ein Statement zur Lage der anderen abgegeben und ich finde es bemerkenswert, dass dies natürlich seine These stützt: Überall, wo Menschen kritisch sind, müssen es Weiße sein, weil die anderen nur dann an die Töpfe dürfen, wenn sie eben nicht kritisch dem System gegenüber sind.

Wie zum Beispiel Ex-Präsident Barack Obama, der hier, und da sind wir natürlich wieder ganz bei den Alternativmedien, als Marionette des Establishments dargestellt wird. So gesehen, war seine Präsidentschaft kein Meilenstein, sondern ein Trick des Establishments, um den Nicht-WASPS zu suggerieren, Diversität sei ein Erfolgsmodell. Oder war Obama ursprünglich ein Produkt der „affirmative action“, also der Quote?

Gibt es überhaupt eine solchermaßen scharfe Trennung zwischen der bewussten Förderung von Minderheiten und der „Diversität“? Oder geht nicht beides miteinander einher und kann zusammen viel Positives bewirken? Die schlagenden Zahlen, die Hedges bringt, nämlich, wie die Afroamerikaner durch die Wirtschaftskrise noch mehr verarmten als andere Ethnien, sind traurig, aber sind sie ein Beweis gegen die Fortschritt, die durch Affirmative Action erzielt wurden, aber auch durch Konzepte von Diversität? Sicher waren die Zeiten im Jahr 1964, als Lyndon B. Johnson den Civil Rights Act erließ, hoffnungsvoller als heute, aber alle Erfolge der Afroamerikaner seitdem, die sie in Kunst, Wissenschaft, Politik erzielt haben, sind Augenwischerei, inszeniert durch die weißen Mächtigen oder die mächtigen Weißen?

Da ja „Rubikon“ solche Beiträge nicht ohne Hintergedanken veröffentlicht, dürfen wir davon ausgehen, dass sie den Leser hierzulande animieren sollen, über den Stand der Dinge bei uns nachzudenken. Und heißt das jetzt was? Für die Quote, aber gegen die Diversität in Form integrativer Einbindung im Allgemeinen? Diese Interpretation liegt hier nah. Wenn ich sage, ich finde es bezeichnend, dass ein Weißer diesen Beitrag verfasst hat, muss ich natürlich auch gelten lassen, dass es noch weiter hergeholt wirkt, wenn eine Person ohne Mitgrationshintergrund, wenn man von meiner Einwanderung nach Berlin absieht, in Deutschland diesen Beitrag nun kommentiert.

Aber er ist ja auf ein bestimmtes Publikum gezielt, wenn er von „Rubikon“ übernommen wird, also auf mich als moderat kritischen Mediennutzer mit politischem Interesse.

Nun haben die hiesigen Menschen mit Migrationshintergrund keine Sklavengeschichte hinter sich, die sich mit uns, mit mir oder meinen Vorfahren, verbinden würde. Aber man kann ohne weiteres den Sprung zur Diskriminierung und zum Rassismus, der sich in vielfältiger Benachteiligung ausdrückt, vollziehen. Zumal in unseren Zeiten der angeregten Rassismusdiskussion. Und natürlich lassen sich daraus Wiedergutmachungsforderungen ableiten.

Die werden aber nach meiner Ansicht in einer Mischung aus Affirmative Action und Diversität bereits verwirklicht. Nicht in der freien Wirtschaft allerdings, die das Recht hat, Stellen nach ihren Wünschen zu besetzen. Interessanterweise gibt es übrigens in meiner Partei Quoten für quasi alles – aber nicht für Menschen mit Migrationshintergrund. Vermutlich würde das auch eine Totquotierung bedeuten oder man müsste eine andere wie die Strömungsquoten, die Regionalquoten oder sogar die Geschlechterquoten, kippen, damit Funktionen noch sinnvoll besetzt werden können. Die extreme Austarierung bringt schon jetzt nicht die Besten nach vorne.

Ich kenne zum Beispiel das händeringende Suchen nach Frauen für bestimmte Positionen, das dazu führt, dass Unerfahrenheit und Naivität der letztendlich doch noch gerade so aktivierten Personen die Arbeitsqualität in Gliederungen beeinträchtigt und außerdem neue Ausschlüsse und Diskriminierungen aufbaut. Kann man bei solchen Vorgängen aber von einem „Drehbuch“ der Mächtigen sprechen, die all diese Spaltungsmodule bewusst implementieren – oder belegt diese Handhabe nicht eher den verzweifelten Versuch einer zerrissenen Partei, es bestimmten Gruppen recht machen zu wollen, damit diese nicht auf Abspaltungsgedanken kommen und man hofft, dass alle anderen das so schlucken, weil die alles als ethisch korrekt angesehen wird – von denen, die es postulieren, am allermeisten. Das lässt sich selbstredend auf andere Quotierungen wie Ost-West, Strömungszugehörigkeit etc. übertragen.

Ein Drehbuch hingegen würde beinhalten, dass oben bestimmte immer gleiche Menschen die Fäden in der Hand behalten. Das kann man im erwähnten Zusammenhang wirklich nicht behaupten, selbst wenn man die gesamte Politik für unterwandert hält. Tut man das, kommt man ohnehin zu dem Schluss, dass die ethnische, soziale, geschlechtliche Herkunft / Disposition keinen Unterschied ergibt, denn die Gewinner sind immer die Kapitalisten, die die Politpuppen tanzen lassen.

Dass alle formalen Förderungssystem Qualitätsprobleme aufwerfen, lässt sich aus dem Beitrag ebenfalls herauslesen. Dann wäre es aber Sache der Menschen mit Migrationshintergrund, kämpferisch links zu sein in ihrem eigenen Recht und für ihre eigene Sache – und genau da gibt es bei uns leider viel zu wenige gute Beispiele. Im Gegenteil, entweder haben Migrant_innen mittlere Spitzenpositionen in etablierten Parteien, das kommt jetzt schon vor, oder sie sind so konservativ, dass sie die Gesamtprogression der Gesellschaft nicht fördern können.*

Eine originär migrantische, kämpferische echte Linke, die fehlt bei uns bisher komplett. Das ist ein Unterschied zu den USA, der aus einer anderen Einwanderungsgeschichte resultiert. Der Klassenkampf, sagen wir Linken, der soll uns nicht spalten, sondern vereinen. Egal, welcher Herkunft oder Hautfarbe wir sind. Uns nicht uns alle in unendlich viele Gruppen aufdröseln, die einander spinnefeind sind, denn dies nutzt nur dem Neoliberalismus. So sehen es ja auch Sozialisten oft, die Kommunisten überwiegend, die ich in der LINKEn kennengelernt habe.

Aber dem steht doch entgegen, dass Migranten sich dem Scheinaufstieg verweigern, sondern den Klassenkampf mit ethnischem Impetus führen sollten. Das ist sehr viel verlangt, nicht nur von ihnen. Eine solche Abwägung würden die meisten Menschen in der Form vornehmen, dass sie ihr persönliches Schicksal in den Vordergrund stellen.

Und dann, wer mit wem? Viele können ja auch miteinander nicht wirklich gut, während man in den USA immerhin sagen kann, die 13 Prozent Afroamerikaner sind doch eine hinreichend machtvolle Gruppe. Eine, deren Geschichte von der aller anderen, zumeist europäischen Einwanderer verschieden ist.

Kaum jemand, der eine Aufstiegschance hat, lässt sie aus Gründen des Klassenkampfes einfach liegen. Das ist uns Menschen wesensfremd. Und natürlich wäre der Aufstieg von Barack Obama nicht möglich gewesen, wenn die Mächtigen in der Demokratischen Partei ihn nicht auch als Symbolfigur geschätzt hätten.

Aber dass ein Präsident staatstragend ist und sich den geltenden Maximen beugt, das ist ja kein besonderes Merkmal aufgestiegener Afroamerikaner. Und natürlich hat er innenpolitisch und wirtschaftspolitisch einiges erreicht. Dass ihm die Linken bei uns seine außenpolitische Stromlinienförmigkeit im Sinn der Eliten nachtragen, machte ihn nicht zu einem schlechten Präsidenten im Ganzen, sondern er hat diesen Kompromiss akzeptiert. Um im Inneren etwas bewirken zu dürfen, dafür musste er einen Preis bezahlen. Einen Deal eingehen, wie sein Nachfolger Trump es nennen würde.

Dieser Deal, wenn die Erzählung vom Deep State stimmt, der ist ziemlich rassenneutral. Man kann es den Aufsteigern also nicht verübeln, dass sie sich ins System eingliedern, denn wenn das System so mächtig ist und die Macht in der Hand weniger konzentriert, kann es nur durch sie selbst Veränderung erfahren oder durch eine sehr breit aufgestellte und konsequent auftretende soziale Bewegung. Wenn es diese gibt, ist dann die Abschichtung zwischen kämpferischen proletarischen Afroamerikanern und angepassten höhergestellten Afroamerikanern noch wichtig, zumal die große Bewegung multiethnisch sein und zum Beispiel die hispanischen Einwanderer umfassen müsste?

Dieser Rückschluss zeigt uns, wie tückisch in Wirklichkeit die Idee ist, die Welt sei in der Hand weniger Menschen und alle anderen seien Marionetten. Denn jedes Mal, wenn ein linker Politiker, welcher Hautfarbe, nach oben kommt, dann wird er nach dieser Lesart zur Marionette des Systems. So gesehen, brauchen wir nicht aufzustehen. So gesehen ist es Quatsch, dass alternative Medien gegen das System anschreiben, ohne Tools für dessen Überwindung anzubieten, also, wie man den Mächtigen doch ein Schnippchen schlagen könnte, David gegen Goliath oder Asterix gegen die Römer.

*Nach dem gestrigen Erscheinen des neuen Buches von Thilo Sarrazin namens „Feindliche Übernahme“ habe ich überlegt, diesen Satz rauszunehmen, aber er entspricht meiner Wahrnehmung des Alltags in Berlin und dem, was mir an Zahlenmaterial, zum Beispiel das Bildungsmonitoring betreffend, zur Verfügung steht. Grundsätzlich geht es um Einzelfälle und nichts ist unveränderbar, aber trotz allem, was gegenwärtig geschieht oder vielleicht gerade deshalb muss ein Problembewusstsein Raum greifen, das in der Lage ist, differenzierte und seriöse Befassung mit der gesellschaftlichen Realität hervorzubringen und sich mit Lösungen zu beschäftigen, die es ohne den Mut zur Problemerkenntnis nicht geben kann.

 © 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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