Keine klare Mehrheit für Abzug der Bundeswehr aus dem Ausland – Civey / #Weltfriedenstag #Bundeswehr #Auslandseinsätze

Umfrage & Ergebnis 17 / Ergänzung zum Weltfriedenstag

Viele Linke in Deutschland behaupten, die Bundesregierung betreibe Politik gegen die Mehrheit – auf vielen Feldern. Zum Beispiel, indem sie die Bundeswehr in Auslandseinsätze führt und nimmt dies als Beleg für eine sogenannte „Fassadendemokratie“. Aber stimmt das? 

Civey hat dazu jetzt die passende Umfrage: „Sollte die Bundesregierung alle aktuellen Auslandseinsätze der Bundeswehr beenden und zukünftige Auslandseinsätze ausschließen?“ 

Gleichzeitig dient diese Umfrage dazu, ein wenig zu erläutern, wie Civey nach unserer Ansicht arbeitet. 

Leider muss ich gleich eine Kritik vorausschicken: Der zweite Halbsatz kann das Ergebnis beeinflusst haben, also das, was hinter dem „und“ steht. Denn wer weiß schon heute über die Zukunft Bescheid und ob aus irgendeinem wirklich guten Grund nicht doch  mal ein Auslandseinsatz sinnvoll sein könnte. Beurteilen kann man nur die Auslandseinsätze bis heute: Welche Ergebnisse haben sie erbracht und wie ist es zu bewerten, dass es seit deren Beginn 108 Tote, früher hätte man von „Gefallenen“ gesprochen, gegeben hat. Auf deutscher Seite. Die vielen Toten, die nicht direkt von deutschen Soldaten, aber von den kämpfenden Einheiten der Verbündeten mit logistischer  Unterstützung der Bundeswehr verantwortet werden, kann und möchte ich hier nicht zählen.

So, wie die Frage gestellt ist und unter dieser Einschränkung gibt es eine kleine Überraschung. Stand 01.09., 10:45 Uhr, gibt es keine Mehrheit dafür, die Auslandseinsätze zu beenden und sie für die  Zukunft auszuschließen.

Ja, auf jeden Fall 31,4 %
Eher ja 17,3 %
Unentschieden 09,3 %
Eher nein 20,0 %
Nein, auf keinen Fall 22,0 %

Man sieht also, nur eine Minderheit von 48,7 Prozent ist dafür, laufende Einsätze zu beenden und die Bundeswehr künftig nicht mehr ins Ausland zu schicken. Davon wiederum sind nur 31,4 Prozent ganz klar dieser Meinung. Meine eigene Ansicht dieses Mal im Fettdruck.

Dass wir Fans von Civey sind, ist bekannt, weil wir glauben, dass es realistischer ist, jeden mitmachen zu lassen und dann die Zahlen mit schlauen Algorithmen zu begradigen als auf angebliche Repräsentativität zu setzen und dabei zu riskieren, dass Menschen beispielsweise nicht ihre richtige Meinung preisgeben: Zum Beispiel glaube ich, dass derzeit nicht jeder, der bereit ist, die AfD zu wählen, das noch in einer gerouteten Umfrage von Forsa, INSA, Infratest, Allensbach oder wem auch immer zugeben wird – weil die gegenwärtigen Ereignisse einen moralischen Druck zur Distanzierung aufbauen. In der Vergangenheit hat die AfD ihre Umfragewerte häufiger getoppt, wenn dann wirklich gewählt wurde. Außerdem ist die Basis der Abstimmenden bei der Civey-Methode viel breiter Die klassischen Umfrageinstitute nehmen sich 1000 oder 2000 Menschen heraus, mit denen sie glauben, den Durchschnitt einigermaßen zu treffen – und sagen, das sei statistisch schon sehr genau. Bei Civey machen bei der immer weiterlaufenden „Sonntagsfrage“ aber Millionen mit.

Nur – wie  sieht es mit Krieg und Frieden aus, wenn jeder frei im Internet seine Ansicht kundtun darf? Was wir oben gezeigt haben, sind die Daten, wie Civey sie als repräsentativ ausweist. Nun hier zum Vergleich die „Rohdaten“, also das, was wirklich von Tausenden von Nutzern eingegeben wurde. Das sind, Stand heute 10:45 Uhr, 14.310 Personen gewesen. Wir belassen die obigen, repräsentativen Werte in Klammern.

Ja, auf jeden Fall 39,5 % (31,4 %)
Eher ja 16,4 % (17,3 %)
Unentschieden 05,8 % (09,3 %)
Eher nein 16,5 % (20,0 %)
Nein, auf keinen Fall 22,0 % (21,8 %)

Und plötzlich gibt es doch eine Mehrheit von 55,9 Prozent dafür, die Soldat_innen nach Hause zu holen und nie wieder Streitkräfte zu entsenden. So, wie es einst in den Zeiten der alten BRD war. Den Anteil der harten Bellizisten hat man mit 22 Prozent nicht wesentlich anders ausgewiesen hat als im repräsentativen Tableau. Den Anteil der So-so-Kriegsbefürworter 16,5 Prozent allerdings geringer angesetzt – vor allem aber den Anteil der dezidierten Pazifisten. Außerdem ging man davon aus, dass die Bevölkerung insgesamt dezidierter ist als dijenigen, die abgestimmt haben, der Anteil der Unentschiedenen wird als deutich kleiner eingeschätzt.

Nach meiner Ansicht liegt die Reduzierung des Pazifisten-Anteils auf der Hand: Diejenigen mit einer besonders ausgeprägten Meinung stimmen auch häufiger ab, beteiligen sich mehr an Umfragen, sind interessierter an solchen Themen – und wissen natürlich, dass ihre Meinung bei der Meinungsmache hilft. Deswegen weisen die Rohdaten für kleinere Parteien auch meistens höhere Werte aus als die daraus ermittelten repräsentativen Werte.

Dem unpolitischen Mainstream, der vor allem CDU- und SPD wählt, aber aus wohl etwas anders gelagerten Gründen auch dem Lager der FDP-Sympathisanten, werden bei der Wandlung der Rohwerte zu repräsentativen Ergebnissen immer ein paar Prozent zugeschlagen, Grüne, Linke, vor allem aber AfD-Anteile hingegen heruntergerechnet. Und dafür gibt es mittlerweile natürlich erhebliche Erfahrungswerte aus bisherigen Abstimmungen, die dafür sorgen, dass die repräsentativen Ergebnisse immer genauer werden. Deswegen werden die klassischen Institute nach meiner Ansicht langfristig nicht mit Civey mithalten können, die Präzision der Wahlvorhersagen und andere Stimmungsbarometer betreffend – es sei denn, sie passen ihre Erhebungsmethode an.

Aus dem letzten Absatz ergibt sich, warum Civey die Pazifisten letztlich doch in die Minderheit befördert hat: Man geht davon aus, dass sie unter denen, die abgestimmt haben, überrepräsentiert sind.

Die für mich spannende Frage ergibt sich daraus: Kann man das bei solchen Fragen so treffsicher einschätzen wie bei der Sonntagsfrage, wo eine riesige Datenmenge aus bisherigen Umfragen und Erfahrungen vorliegt? Aber selbst, wenn man die Rohdaten hernehmen würde: 56 Prozent sind keine sichere Mehrheit in einer Frage wie dieser, denn die Stimmung kann je nach außenpolitischer Lage recht schnell in die eine oder andere Richtung pendeln und daran kann sich eine langfristig ausgerichtete Politik nicht orientieren. Wären es 75 oder 80 Prozent, würde ich persönlich von einem Regieren gegen eine klare Bevölkerungsmehrheit sprechen, aber so, wie die Dinge hier liegen, bin ich zurückhaltend, zumindest das Thema Krieg und Frieden betreffend.

Daraus ergibt sich: Man muss als Politiker in der Frage von Krieg und Frieden eben doch mehr aus der eigenen Überzeugung heraus argumentieren, als sich simplifizierend und faktisch alles andere als wasserfest auf den Wunsch einer weit überwiegenden Bevölkerungsmehrheit zu berufen.

Eine weitere Bemerkung ist angebracht. Die Umfrage wurde mir von Civey am 29.08. per Mail-Newsletter zugesendet, läuft  nun also mindestens seit drei Tagen. Für ein so wichtiges Thema sind etwas mehr als 14.000 Abstimmende in drei Tagen nicht sehr viel. Das belegt – leider – dass ich mit meiner Ansicht richtig liege, dass die Frage von Krieg und Frieden zwar fürs Selbstbild der LINKEN konstitutiv ist, aber von der Bevölkerung  nicht als prioritär angesehen wird. Ich erinnere mich gut an Diskussion, wo nun die Friedenspolitik im Programm zur Bundestagswahl 2017 ihren Platz finden und wieviel Raum sie erhalten soll und wie sehr kritisiert wurde, dass man sie nicht genug in den Vordergrund gerückt habe. Das Selbstbild war in dem Fall vielen wichtiger als das, was die Wähler_innen interessiert – und das nehme ich leider häufig so wahr.

Damit will ich nicht ausgedrückt haben, dass dieser Teil der Programmatik weg kann, weil er ja konstitutiv ist und eine ansonsten hochgradig fragmentierte politische Kraft, die dennoch die einzige einigermaßen linke in Deutschland ist, noch einigermaßen klammert. Aber die einiges von der Vehemenz, mit der bemängelt wurde, dass die Friedenspolitik im Programm nicht ganz vorne steht, hätte ich  mir bei der Aussprache zu drängenden sozialen Fragen gewünscht. Auch der Migrationsdebatte wurde zu wenig Raum gegeben, mit dem Ergebnis, dass nach meiner Ansicht beim folgenden Parteitag im Sommer 2018 Beschlüsse gefasst wurden, die möglicherweisen nicht dem Bild an der Basis entsprechen.

Ich bin gespannt, ob Civey demnächst die Frage stellen wird „Sind Sie für komplett offene Grenzen unter den heutigen politischen und sozialen Voraussetzungen?“ Und dieses Mal gehört für mich die Bedingung unabdingbar zur Frage.

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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