Aufstehen verstehen – Oskar Lafontaine über Krieg, Frieden und die Systeme / #Aufstehen #Lafontaine #Wagenknecht #Systemfrage #Kapitalismuskritik #USA #Russland #EU #Gesellschaftssysteme #Kapitalismus

Kommentar 75

Wer die neue linke Sammlungsbewegung verstehen will, muss vor allem wissen, wie ihre Macher denken. Es hilft nicht weiter, nur über die Bewegung selbst, ihre Chancen oder eventuellen Macken oder wie sie aus der Partei DIE LINKE hervorgetreten ist und wie sie zu ihr steht oder stehen könnte, zu reflektieren. Wir haben das ja anhand vieler Aussagen mehr oder weniger bekannter Persönlichkeiten umfassend getan und werden in den nächsten Tagen damit fortfahren. Aber heute lassen wir Oskar Lafontaine selbst zu Wort kommen.

Er spricht auf einer Veranstaltung der Fraktion von DIE LINKE im Bundestag am 16.03.2018 in Berlin zum Thema „Internationale Sicherheit und einem möglichen Ausgleich in der Geopolitik“ und dabei wird deutlich, dass Lafontaine, im Gegensatz zu einigen Aussagen von ganz links, die ihm unterstellen, den Kapitalismus nur ein bisschen mehr „light“ zu wollen, sehr wohl die Systemfrage stellt.

Vielleicht eine kurze Einleitung zum Setting?

Lafontaine ist mir ja schon recht vertraut, weil ich ihn etwas länger beobachte als die meisten Menschen in Berlin das tun; hier wirkt es, als ob er in lockerer Atmosphäre im Saarland parliert, jedenfalls gibt es ein paar Unterschiede zu dem, was man aus großen Sälen von ihm kennt. Aber es ist ja auch ein Vortrag, keine Rede für die, die nun sehr bald, also am 4. September 2018, aufstehen sollen. Einige Gesichter im Publikum kamen mir bekannt vor, unter anderem ein Genosse aus meinem Bezirk, man ist also unter Freunden.

Was ist es, was Lafontaines Vortrag aus dem vergangenen März zur Grundlage dieses Kommentars macht?

Ich finde ihn wirklich hervorragend. Wer meine kritische Art, auch meine Partei und auch Oskar Lafontaine zu begleiten kennt, weiß, das ist keine Groupie-Aussage. Im Grunde ist da alles drin, was man wissen muss, um die Konturen des Programms von „Aufstehen“ bezüglich der Außenpolitik bereits zu erkennen. Die Zusammenhänge mit der Wirtschaftspolitik sind evident: Ohne am System etwas zu verändern, wird es keinen dauerhaften Frieden für alle geben. Dass uns die Folgen der gewissenlosen gegenwärtigen Außenpolitik bereits einholen, sehen wir nun beinahe jeden Tag. Und wir sehen es in Europa schon länger. Der Vorteil dieser Rede mit ihren kleinen, netten rhetorischen Tricks ist, dass man dazu weder viel erklären  noch kommentieren muss. Man akzeptiert es so oder findet alle diese Herleitungen falsch.

So einfach machen wir’s uns jetzt nicht, deshalb ein Zwischenruf: Wirkt dieser Mann wie jemand, der sich in einer neuen Bewegung, von den Fesseln befreit, die ihm die Partei anlegt, nun programmatisch ganz unbedarft zeigt – wenn zum Beispiel  Menschen, die bei „Aufstehen“ aufschlagen den Zusammenhang zwischen System und Ökologie oder System und Krieg und Frieden nicht begreifen? Und vollkommen falsche Vorstellungen von wirklicher internationaler Solidarität haben?

Er wirkt auf mich nicht so und ich kann nur hoffen, dass er auch nicht zulässt, dass wieder bei Adam und Eva angefangen wird, die Basisedukation und auch die Überzeugung, dass Wagenknecht und Lafontaine wohl in den meisten ihrer Ansichten richtig liegen, sollte man schon mitbringen.

Lafontaine zeigt sich in diesem Beitrag als einer der letzten Politiker im Land, der noch im Systemzusammenhang denken kann – oder, sagen wir, der das nicht nur kann, sondern sich auch traut, es auszusprechen. Ich bin mir sicher, es gibt einige mehr, die es  können, die aber nicht mehr ehrlich gegenüber den Wähler_innen sein wollen – weil zu viele Fehlnarrative und leider auch zu viele Ereignisse mittlerweile zu immer mehr Denk- und Sprechverboten führen und man immer noch glaubt, mit dem Mittelweg zwischen dem harten und dem etwas weniger harten Kapitalismus, also dem mittelharten Kapitalismus, linke Gestaltungsmacht erobern zu können. Wie viele linke Parteien müssen noch scheitern, damit man versteht? Der gute V-Theoretiker wird sagen: Natürlich versteht man, aber so ist es doch gedacht! Die Linken schön sich selbst zerbröseln zu  lassen mit ihrem Mischmasch aus sozialen Utopien, jedoch absurd lascher Haltung dem Kapitalismus gegenüber. Es geht nicht beides zusammen. Daher erst die Arbeit am System.

Die Grünen sind schuld.

Da dies eine Veranstaltung der Linksfraktion ist und auch aus generellen Gründen wird Oskar Lafontaine sich nicht direkt an die „Reformer“ in der eigenen Partei wenden, sondern die Grünen etwas mehr rannehmen, weil ihr Verhalten symptomatisch für die völlige Absenz von Hintergrunddenken bei gleichzeitiger moralischer Ansprache an alle anderen von oben herab ist. Nicht umsonst haben ja die Linkswähler den höchsten IQ.

Aber nur im Durchschnitt.

Auch bei ihnen gibt es ganz sicher Unterschiede:

Ich würde zu gerne wissen, ob der Wagenknecht-Flügel oder der Kipping-Flügel der intelligentere oder auch der intellektuellere ist, der die Gegenstände mehr durchdenken, Wirkmechanismen klarer erkennen, Folgen sicherer einschätzen, linke Politik kohärenter definieren, den Weg dorthin verständlicher aufzeigen kann.

Eine Vermutung dazu  habe ich, aber ich  muss ja nicht immer alles ausplaudern, zumal es ja nur eine Vermutung ist. Aber bei vielen reicht es nicht, um Geopolitik zu verstehen. Und die ist, von der Systemfrage her angegangen, so schwierig nun nicht.  Wenn man eins tiefer geht, kann es das werden – zum Beispiel bei der Währungspolitik.

Es ist schade, dass die Antipoden Lafontaine und Gysi nicht mehr im Zentrum der Politik der LINKEn stehen, Zentrum nicht andere ausschließend gemeint – wobei Letzterer sicher noch viel Einfluss wahrnimmt und ein Lager stärkt, das eben nicht mehr die Systemfrage stellt. Nein, das tut er nicht mehr, seine Leipziger Parteitagsrede, in welcher er die EU, wie sie ist, ernsthaft als einzige denkbare Handlungsebene für die Sozialpolitik erklärt, ist eine Absage an linke Gestaltungsoptionen vor Ort und damit im Grunde generell eine Absage an den Kampf gegen die Ausbeutung. Sehr, sehr schade fürs gesamte linke Projekt und ebenso Grund wie Beleg dafür, dass eine Bewegung jenseits der Partei DIE LINKE sinnvoll ist. Vielleicht sollte ich fürs Dossier diese Rede noch analysieren, damit klar ist, wie man nicht ins Aufstehen und ins sich nach links bewegen kommt. Auch das ist ja wichtig: Zu verstehen, warum es so nicht weitergehen darf. Man muss die relevanten Positionen innerhalb der LINKEn einander gegenüberstellen.

Und eigentlich ist in dieser Position auch eine Lüge drin: Es geht vielen in der LINKEn nicht mehr um einen demokratischen Sozialismus, sondern um einen koalitionär und auf europäischer Ebene nicht veränderungswilligen, nur liberal, aber nicht links geprägten Diversity-Soft-Kapitalismus, der leider für die Ärmeren in der Gesellschaft schon deshalb sein softes Gesicht nicht zeigen kann, weil diese die Folgen einer allzu systemaffinen und nur die Privilegierten weiter fördernden Politikgestaltung abkriegen werden. Wie bisher eben.

Fazit?

Wir haben mit der Darstellung der Positionen der Aufstehen-Initiatoren Wagenknecht und Lafontaine mit diesem Vortrag angefangen, weil er auf der höchsten Ebene des Politikverständnisses, der Systemfrage, ansetzt. Man darf in 21 Minuten keine Systemtheorie erwarten, gewisse Grundkenntnisse über den Kapitalismus werden also vorausgesetzt und warum der Kapitalismus ständig expandieren muss, darüber sollte man Bescheid wissen, denn daran knüpft der Vortrag an. Die Kriege sind also die Folge dessen.

Hier das Video noch einmal zum direkt anschauen:

 

TH

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Create a website or blog at WordPress.com

Nach oben ↑

Gentrification Blog

Nachrichten zur Stärkung von Stadtteilmobilisierungen und Mieter/innenkämpfen

- Sascha Iwanows Welt -

Wir können die Gegenwart nur verstehen, wenn wir die Vergangenheit studiert haben, die in einer Klassengesellschaft vorhandenen Gesetzmäßigkeiten kennen und unser Handeln darauf ausrichten. Um die Zukunft gestalten zu können, muss man also die Vergangenheit und die Gegenwart kennen!

AutismusJournal

Perspektiven und Reflexionen

Carolin Schnelle

Jungjournalistin

thomas post

Alternativen

Telepolis

Das Netzmagazin von Thomas Hocke

ScienceFiles

Kritische Sozialwissenschaften

Zusammen gegen #Mietenwahnsinn

Das Netzmagazin von Thomas Hocke

KuBra Consult

Acta, non verba

Nachrichten: ZEIT ONLINE Newsfeed

Das Netzmagazin von Thomas Hocke

Meike K.-Fehrmann (Autorin)

Frieda - Ein Demenz-Krimi / Warum Herr Hagebeck sterben muss / Kakerlaken-Schach / Die Rache stirbt zuletzt

SPIEGEL ONLINE - Politik

Das Netzmagazin von Thomas Hocke

Testkammer

Testen macht süchtig: Filme, Spiele, Bücher etc. im Fokus

Film plus Kritik - Online-Magazin für Film & Kino

„Film is a disease. When it infects your bloodstream, it takes over as the number one hormone. As with heroin, the antidote to film is more film.“

SPD erneuern

Unfrisierte Gedanken zur Wiedergewinnung von Relevanz

Ein Parteibuch

Noch ein Parteibuch

Jan Josef Liefers

Die offizielle Fanseite

%d Bloggern gefällt das: