#Sachsen – neue Umfrage. Und wieso sind die Sachsen eigentlich so schlimm? Eine erste Annäherung / #c2708 #c2808 #c2908 #c3008 #c0109 #dd2608 #Dresden #Chemnitz #AfD #Nazis #HerzstattHetze #Umfrage #Sonntagsfrage #CDU #FDP #SPD #DIELINKE #Grüne

2018-06-24 KommentarUmfrage & Ergebnis 18 / Kommentar 76

Ungewöhnlich, dass zwischen Wahlen so dicht hintereinander Umfragen in Auftrag gegeben werden, aber Sachsen ist eben im Moment ungewöhnlich stark im Fokus. Am 28.08.18 fragte Infratest dimap erst für den MDR, gestern nun kam INSA, beauftragt von der BILD. Zuvor war immerhin ein Gap von zwei Monaten zwischen den letzten Umfragen.  Was kam nun dabei heraus? Wenn noch nicht in der Umfrage vom 28.08., so doch in der allerneuesten Umfrage: Die Ereignisse von Chemnitz sollten sich nun spiegeln.

Heute gibt es ja wieder Neues, die Berliner Sektionen des Gegendemo-Bündnisses müssten schon unterwegs sein, auch Rechte aus anderen Regionen werden sicherlich nach Chemnitz reisen – und man kann nur hoffen, es wird friedlich bleiben. Es wurde ja so viel darüber gestatet, dass die Trauerarbeit in Wirklichkeit rechter Aufmarsch war – bin gespannt, ob die „Herz statt Hetze“-Teilnehmer sich da ein wenig schlauer benehmen und dem Motto ihrer Veranstaltung gerecht werden. Falls ja, ein Riesen-Pluspunkt von mir.

Was sagt nun die neueste Umfrage?

Die CDU geht den Bach runter. 28 Prozent sind das niedrigste jemals in einer Umfrage oder Wahl gemessene Ergebnis, seit es Sachsen als neues Bundesland gibt. Weniger als die Hälfte dessen, was die Partei in den 1990ern bei Wahlen erreichte. Die Zahlen vom 28.08. ab jetzt in Klammern, also 28 (30). Und da spielt sicher schon die Unzufriedenheit mit der Landesregierung beim Krisenmanagement eine Rolle. Unzufriedenheit von allen Seiten. Es gab gestern übrigens auch ein Schaubild, nachdem über die Sympathisanten aller Parteien zu 85-90 Prozent kein Verständnis für die rechten Aufmärsche haben. Außer bei denen der AfD, da war es umgekehrt – die AfD muss dringendst vom Verfassungsschutz beobachtet und nicht nur beraten werden.

Geht die AfD nun umfragemäßig runter, weil vielen das, was abgeht, doch zu radikal ist? 

Nein. Die AfD verbleibt bei 25 Prozent. Es ist klar, was das bedeuten kann, wenn der Trend anhält, also die AfD keine Wähler verliert, egal, was geschieht. Ich fürchte, das Sachsen-Bashing ist da mittlerweile ein weiterer Faktor, der nicht zu unterschätzen ist.

Die übrigen Parteien?

SPD und DIE LINKE (11 und 18 Prozent) liegen auf dem Wert von vor drei Tagen. Vorsicht, immer berücksichtigen: Verschiedene Institute! Vor allem für DIE LINKE finde ich das gut. Deren Anteil an AfD-nahem Publikum scheint ausgedünnt, sie stabilisiert sich ja schon seit Längerem auf diesem Wert, auch wenn die AfD immer weiter ansteigt. Es sind vor allem CDU-Wähler, die rübermachen zu den Hellblauen. Man muss ja jetzt schreiben „Die Hellblauen“, denn die etwas dunkleren Blauen von Frauke Petry kommen ja auch bald. Die Grünen und die FDP gewinnen sogar, kommen auf 7 (6) und 7 (5). Vor allem finde ich den FDP-Wert nicht uninteressant, auch wenn die Veränderung noch einen gewissen Zufallsanteil haben mag. Aber die Gelben waren in Sachsen vor ein, zwei Jahren noch so gut wie tot. Ich glaube, eine libertäre, nicht in die Regierung eingebundene, aber sicherheitspolitisch eher rechte Partei performt im Moment aus natürlichen Gründen.

Ist wirklich noch Platz für eine weitere Partei im rechtskonservativen Spektrum?

Ich darf daran erinnern, was aus „ALFA“ wurde, der Ausgründung der AfD-abgängigen Professoren, die mal diesen Verein gegründet hatten, weil sie gegen den Euro waren. Das war der Moment, in dem ich der AfD für einen Moment recht nah stand, weil sonst niemand als diese ehrenwerten Professoren auf jene Fehlkonstruktion von einer Währung hingewiesen hat, die Europa nicht voranbringt, sondern hemmt und schlimmstenfalls zum Auseinanderbrechen der EU führt. Als die Ur-AfD gegründet wurde, war nur die Nachkrisen-Wirtschaftspolitik gefährlich, mittlerweile zeigen sich weitere Risse, vor allem in der Frage der Zuwanderung. Zum Glück gibt es in der LINKEN auch ein paar Menschen, die eine von Systemkenntnis zeugende Meinung haben und nicht aus taktischen Gründen anders reden, als sie denken . Die müssen dann aber wohl aufstehen, damit man sie überall im Land erkennt. Jetzt aber wieder zu Sachsen.

Was, zum Teufel, ist in Sachsen los? 

Ich finde es merkwürdig, wie manche sich jetzt dazu versteigen, die Menschen dort für schlechter zu halten als anderswo. Sie sind nicht so tolerant wie wir in Berlin, wo ja auch größte Fails nicht zu Unruhen oder einem ernsthaften Rechtsdrall führen, außer in ein paar Bezirken, in denen der AfD-Anteil bei der letzten Wahl genauso hoch lag wie derzeit nach Umfragen in Sachsen, das wird immer gerne mal vergessen, wenn von hier aus mit der üblichen moralischen Überheblichkeit auf andere geschaut wird.

Warum dieser Dünkel eine blöde Idee ist – ich erkläre es: In meinem Wahlkiez kam die AfD bei der BTW 17 nicht einmal auf fünf Prozent, also müsste ich auf die meisten benachbarten Einheiten und Bezirke, wo sie mal auf 7, mal auf 10 oder sogar auf 12 Prozent kam, runterschauen und sagen, was seid ihr denn für welche, dass ihr das nicht auch hinkriegt wie wir in unserer super duper interkulturell und sozialpädagogisch austarieren Ecke, in der es viel mittleren und in sicheren Staatspositionen angesiedelten, ökologisch angehauchten Mittelstand und kaum Arme und Prekarisierte gibt?

Von solchem Mobbing von oben bin ich weit entfernt und wohin soll es auch führen?

Gleichermaßen bin ich aber auch kein Freund von Whataboutismen und Problemverschweigung, sonst dürfte ich zum Beispiel keine Äußerungen über das in Auflösung befindliche Berliner Schulsystem tätigen und woran es wohl liegen könnte, dass es so kam.

Es gibt in Sachsen ein strukturelles Problem mit Rechtsextremismus und mit Nazis, das steht wohl außer Frage.

Nach diesem langen Anlauf – was ist mit Sachsen? 

Also, der Teufel ist nicht los. Ich bin nicht katholisch, ich glaube eh nicht an den. Aber sehr wohl glaube ich, dass uns gewisse Ostalgiker, wie in so vielen anderen Dingen, den einen oder anderen Bären bezüglich der DDR aufbinden wollten und immer noch wollen. In diesem Fall ist es der  Im-Sozialismus-gab-es-dem-Wesen-des-Sozialismus-gemäß-überhaupt-keine-Faschisten“. Dadurch, dass sie ziemlich totgeschwiegen wurden und weil die CDU-Landesregierungen das Problem dann nach der Wende auch nicht angegangen sind, hat es sich in Sachsen so sehr verfestigt wie sonst nirgendwo. In der linken Szene ist hingegen das Hauptnarrativ, dass der besonders starke Rechtsdrall im Osten erst nach der Wende entstanden sei, weil die Treuhand den Menschen dort alles, aber auch alles weggenommen hat.

Ganz sicher hat die Übernahmesituation, hat das Gefühl, durch den Westen fremdbestimmt zu sein, einen Rolle gespielt – aber doch nicht die alleinige, das kam mehr obenauf. Und gerade Sachsen! Das Land hat bereits zu den etwas weniger gut laufenden westlichen Ländern aufgeschlossen, der Bevölkerungsrückgang kam dort zuerst zum Stillstand, nirgendwo sonst wurde so viel investiert. Ich kenne Leipzig ganz gut. Schlaglochfreie Straßen wie dort und überhaupt vieles ziemlich neu hätte ich in meiner alten Heimat im Südwesten oder in Berlin auch gerne. Aber auch die Sachsen selbst haben Grund, stolz auf das Erreichte zu sein, denn letztlich sind es die Menschen, die Chancen nutzen oder nicht.

Wenn man es wirtschaftlich sieht, müsste eher Sachsen-Anhalt das Zentrum des Bösen sein. Das Land hat dermaßen dauerhafte, festgefressene Strukturprobleme, dass man es in 20 Jahren vielleicht komplett entsiedeln und zum Naturraum oder, noch besser, einen Ostalgie-Nationalpark daraus machen könnte. Auch dort liegt die AfD über 20 Prozent, nach Umfragen, aber es gibt nicht diese Gewalt und der CDU-Ministerpräsident Haseloff ist eine politische Person, die den Mangel offenbar ganz gut verwalten kann. Klar, wenn jetzt morgen in Magdeburg … aber das wollen wir nicht hoffen.

Also ist alles viel älter, als wir denken? 

Es gibt im Nordosten ja ein weiteres Zentrum, das sich nach der Wende schon früh zeigte. Ich erinnere an Rostock. Und jetzt, so viel später, Wismar. Auf der Karte mit den politisch rechts motivierten Verbrechen ist der ganze Osten ziemlich dicht bestückt und es gab ja dieses „Hoch“ schon einmal um 1991-1993. Und mir erzählt niemand, das sei alles innerhalb von zwei, drei Jahren durch den harschen Systemwechsel gekommen. Ich glaube, das Heim in Rostock, da waren vietnamesische Vertragsarbeiter unterbebracht, die noch von der DDR angeworben worden waren. Mir erscheint es als ziemlich sicher, dass es da schon vor dem Mauerfall einen rechten Bodensatz gegeben hat, der aber durch das strikte SED-Regime unterdrückt werden konnte und nach der Wende freigedreht hat. Und mein weiterer Verdacht ist, dass es auch innerhalb der DDR ziemliche Unterschiede in der Handhabe gab. Berlin als Schaufenster des Landes war möglicherweise nicht ganz so unter der Knute wie manche andere Gegend.

Da musste ja ein wenig Weltoffenheit ausgestellt werden und ich kenne einige Menschen aus dem Osten, die sich heute als ganz besonders kosmopolitisch definieren – und die kommen fast alle aus Ostberlin und, Achtung: haben oft in der DDR privlegierte Vorfahren. Aber im Südosten, auch in Thüringen, war das möglicherweise anders. Es gibt noch etwas, das darauf hinweist: Dass Leipzig, im Vergleich zu Dresden, eher ruhig ist. Auch Dresden wurde wunderschön restauriert und so viel Geld aus aller Welt ist da reingeflossen, der Ausländeranteil ist immer noch gering, im Vergleich zu Weststädten, man hätte nicht so viel Grund zur Klage – aber Leipzig war die Messestadt und dadurch kam Publikum von überall rein. Leipzig hatte eine gewisse Sonderstellung, während woanders die nicht vorhandene Reisefreiheit viel stärker durchgeschlagen ist. Die Leipziger mussten nicht verreisen, sie bekamen die Welt ins Haus geliefert – und zwar in immer verträglichen Dosen, also konzentriert dann, wenn die Messe lief, ansonsten durch den Handelsbetrieb in Maßen mehr als andere DDR-Städte.

War wirklich Dresden ein besonderes Terrorfeld des DDR-Regimes? 

Eine Zeitlang haben wir im Freundeskreis gewitzelt, die aktuellen Probleme kommen wohl daher, dass ausgerechnet in Dresden kein Westfernsehen zu empfangen war. Sowas hat langfristige Nachwirkungen. Aber ich glaube schon, dass Sachsen ziemlich eng geführt wurde. Wenn ich die Menschen dort in ihrer Art mit den Berlinern vergleiche, kann ich  mir einfach nicht vorstellen, dass sie genetisch radikaler oder mehr rechtsgewirkt sind. Und Dresden – wir wissen alles, was sich mit Dresden verbindet. Der Krieg gegen die Nazis oder, um nicht „die“ zu sagen, gegen Deutschland, unsere Vorfahren also, war notwendig – aber Dresden war im Grunde das deutsche Hiroshima. Vollkommen sinnlos, es im Februar 1945  noch so zu zerstören. Wenn wir bedenken, was Kriegstraumata bei uns allen noch Generationen später auslösen. Gerade, wenn wir eine eher glückliche und an durch Kriege verlorenen gegangenen Angehörigen arme Familiengeschichte haben, was beispielsweise auf mich zutrifft, dann können wir uns nicht hinstellen und mit dem moralischen Finger mal einfach so auf die Sachsen in Dresden zeigen, wo einst kein Stein mehr auf dem anderen stand.

Wenn wir nämlich etwas tiefer einsteigen, merken wir, auch dieser Zeigefingerreflex, der bei den Deutschen sowieso sehr ausgeprägt ist, der könnte ebenfalls etwas mit den langen Schatten der Vergangenheit zu tun haben. Das kollektive Bewusstsein der Menschen in Sachsen und Dresden ist für meine Begriffe ein besonders schwieriges und belastetes. Deswegen müssen die Probleme, die dort bestehen, endlich in der Tiefe erfasst und durch kundige Fachkräfte angegangen werden.

Die CDU-Regierungen, zunächst mit zwei aus dem Westen stammenden Chefs hintereinander, haben das wohl gar nicht durchblickt oder gedacht, wie im Westen, die blühenden Landschaften werden es richten, wie damals im Westen und gemäß ihrer eigenen Erfahrungen aus der Kindheit und als junge Männer. So, wie wir im Westen mit unserer anderen, viel mehr aufs offene Wort und ein gewisses Dominanzgehabe ausgerichteten Sozialisierung generell lange nicht verstanden haben, was im Osten vorgeht – und ich muss nur in die sozialen Netzwerke schauen: Viele verstehen es heute noch nicht und wollen es auch gar nicht.

Und jetzt frage ich mich: Welche unansehnlichen Leichen haben diese wohl im Keller, die dadurch bezeugen, dass sie ebenfalls auf nichts anderes als Aggression aus sind? Natürlich auf ihre Weise: verbal. Je besser jemand die PoC und allgemeine rhetorische Kniffe beherrscht, desto mehr kann er auf diesen nicht nicht zur Selbstvermarktung erzogenen Menschen herumreiten, ohne dass man das sprichwörtliche Messer zwischen den Zähnen erkennt.

Aber man kann es doch in Sachsen nun trotzdem nicht so weiterlaufen lassen? 

Ich weiß nicht, ob der MP Kretschmer der richtige Mann dafür ist, aber es hilft nichts, der Bürgerdialog und der Aufbau einer Zivilgesellschaft sind der einzige Weg. Man kann auch gegen Nazis demonstrieren, wenn man sich dadurch besser fühlt, das eigene Ding ist ja eh immer das Wichtigste, aber cooler wär’s, sich ernsthaft zu engagieren. Diese Rituale sind jetzt aus medialen Gründen und wegen der Selbstvergewisserung der Guten wichtig, aber voran wird es dadurch ganz sicher nicht gehen. Das ist richtig harte, tägliche Arbeit, die da angesagt ist. Wir kennen das doch aus Berlin. Jeder Kiez, jede Schule, jede Straße in Brennpunktvierteln sind Einzelfälle, die Einzelkonzepte brauchen.

Das klingt alles sehr therapeutisch – aber kann man Nazis theraprieren? 

Einen harten Kern, dessen persönliche Geschichte eine Bekehrung nicht mehr zulässt, den wird es immer geben. Sogar im Sozialismus war der, siehe oben, mit ziemlicher Sicherheit vorhanden. Dass immer mehr Menschen abdriften, das kann man sehr wohl verhindern und sozialtherapeutisch einwirken.

Die AfD hat deutschlandweit eine Stammwählerschaft von lediglich etwa 5 Prozent. Das ist nach meiner Ansicht der rechte Kern und wiederum vielleicht zehn Prozent davon sind Nazis, die sich in der Szene auch aktiv engagieren. Der mediale Eindruck dieser Tage täuscht da ein wenig. Bei allen übrigen müssen wir uns fragen, woher der Hass kommt und die Wut und was man dagegen tun kann, nachdem lange viel zu wenig getan wurde. Dass wir nachfragen, mitnehmen, immer geduldig sind und Menschen nicht aufgeben wollen, das billigen wir doch auch jeder Person in einem Berliner Brennpunkt zu, der sich in die Gewalt verirrt hat, gleich, welcher Herkunft er ist. Wieso also nicht a.) von Beginn an der übergroßen Mehrheit der Sachsen, die gar nicht einverstanden ist mit dem, was da gerade abgeht und b.) denen nicht, die es billigen, so, wie sie sind?

Weil wir in ihnen unser schlechteres deutsches Selbst erkennen wollen, welches wir so überhaupt nicht, so ganz und gar nicht mögen? Und dann noch die komische Sprache von denen dort, uff! Gruß an die Schwaben und viele andere, denen man deutlich anhört, wo sie herkommen und auch das ist kein Kriterium für irgendwas.

Doch alles, was geschieht und wie darauf reagiert wird, ist ein Echo der Vergangenheit und jede Reaktion darauf ist das Spiegelbild davon. Wir können das Vergangene nicht ungeschehen machen, aber so, wie manche von uns über Generationen versucht haben, aus der Traumazone der NS-Zeit herauszukommen und es geschafft haben, so muss es eben weitergehen, von hier und heute an und mit denen, die noch nicht so viel Zeit zur  Reflektion hatten.

Ein wichtiger Einwand: Das System. 

Natürlich ist das System an den Zuständen nicht unschuldig. Ich will gar nicht im Einzelnen erläutern, wie die Systemgewinner mit ihrem Verhalten den Frust bei denen verstärkt, die sich nicht so häuten können und nicht so gewandt jede Wendung mitmachen können wie einige, die mal links angefangen hatten oder das zumindest vorspiegelten und dann als Bettvorleger der Kapitalisten und Kriegstreiber endeten, mithin ihre Aggression in aktive Politik umsetzen konnten. Menschen, die diese Wendigkeit nicht haben, sehen mit einiger Ohnmacht, wie Scheinmoral über ihnen ausgekübelt wird. Ein System, das nur auf Konkurrenz setzt und auf Egozentrik, auf Camouflage und Rücksichtslosigkeit gleichermaßen, kann sich den weniger alerten Typen nicht widmen und es privilegiert die Gewissenlosen übermäßig.

Das heutige ethische Setting ist dieses: Keine Solidarität außer a.) mit meinesgleichen und denen, die mir besonders gleichen und b.) mit denen, die ganz weit weg sind (früher) oder jetzt kommen, meine soziale Stellung selbstverständlich nie antasten, aber mir als Moralverstärker dienlich sein können. Ich wohne, arbeite, bewege mich sozial jedoch auf einem Niveau, das niemals von unten aufgelöst werden kann. So ist es aber bei Millionen, seit dem Einsetzen der neoliberalen Politik, die von den vielen migrationstechnsich so hochmoralischen Menschen vollständig mitgetragen wird.

Seit am Berliner Prenzlberg die ersten mittelständischen Gentrifizierer von internationalen Hypergentrifizierern verdrängt werden, dämmert es dem einen oder anderen vielleicht, dass etwas mehr Demut und die Erkenntnis nicht schaden könnte, zum Beispiel dahingehend, dass ein günstiges Geburtsumfeld, das mentale Offenheit sozusagen als Wiegengeschenk beinhaltete, kein persönliches Verdienst ist. Das gilt vor allem dafür, in welche Familie man hineingeboren wurde.

Zu den unverdienten Vorzügen zählt aber auch, dass man nicht in DDR-Sachsen-Karl-Marx-stadt-jetzt-wieder-Chemnitz, sondern beispielsweise in einer offenen und gut situierten Hansestadt Hamburg geboren wurde oder im früher so wunderbar gepäppelten und subventionierten Westberlin.

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke


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2 Kommentare

  1. Ist denn das so genannte Sachsenbashing wirklich real? Bisher habe ich noch nirgendwo eine Pauschalverurteilung von ganz Sachsen als rechtsradikal oder Nazipöbel gelesen, aber wenn in einem definierten Gebiet ein unerwünschtes Problem stärker manifest ist als anderswo, dann hat dieses Gebiet einfach ein Problem, wobei überhaupt nicht ausgeschlossen ist, dass dasselbe Problem auch anderswo existiert und viel weitere Kreise zieht. Wenn Menschen immer noch AFD wählen oder sich marodierenden Neonazis an die Seite stellen und dann mit empörtem Augemaufschlag beteuern, sie seien doch nicht rechts, dann sind das in meinen Augen unglaubwürdige Witzfiguren. Bei dieser Frage geht es auch nicht um vermeintlich überlegene Moral, es geht an die Substanz der Menschlichkeit. Dass ich einen anderen Menschen nicht deshalb verunglimpfe, bedrohe oder physisch angreife, weil mir sein Aussehen oder seine Herkunft nicht passt ist für mich der kleinste gemeinsame Nenner sozialen Zusammenlebens, und wenn der massenweise und auf aggressivste Art negiert wird, dann wird’s wirklich finster. Ich wäre ja im Grunde dankbar, wenn jemand ernsthaft die Systemfrage stellen würde, wie Du es letztens häufig forderst, aber ich habe Schwierigkeiten, wenn die Initiatoren einer neuen Bewegung damit beginnen, dass sie Antirassismus als blosses Wohlfühllabel der Bessergestellten diffamieren (wobei sich nun der eine oder die andere weniger Betuchte unwillkürlich fragen mag, ober er oder sie jetzt automatisch unter Rassimusverdacht steht) und immer noch glauben, AFD-Wä.hler seien nur vergrätzte und besorgte doch im Hezren aufrechte Demokraten, die man nur zurückholen müsste. Das wird nicht funktionieren, weil diese Leute ihr Zuhause dort suchen, wo sie ihre persönlichen Ressentiments und Frustrationen ausleben können, und noch mehr Wir-Zuerst-Gedröhn braiuchen wir nun wirklich nicht. Es wäre schön, wenn die Antwort auf den Rechtspopulismus nicht den Linkspopulismus mit eingepackt hätte – wäre jedenfalls mal den Versuch wert und müsste auf Systemkritik nicht verzichten.
    Ach ja, und bist Du wirklich der Meinung Dresden sei mit Hiroshima zu vergleichen ?

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    1. Liebe Maren, darf ich darauf mit einem Artikel antworten, der sich auf deinen Kommentar bezieht? Hier wird das zu umfangreich.

      Ich stelle dann auch gern deinen Kommentar unverändert diesem Artikel bei.

      Liebe Grüße, Thomas

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