Bienzle und der Mann im Dunkeln – Tatort 439 / Crimetime 59 / #Tatort #Bienzle #Stuttgart #SWR

Crimetime 59 - Titelfoto (c) SWR

Rache kann sehr nass sein

Im elften von 25 Bienzle-Tatorten geht es erstaunlich rasant zu und wer den Stuttgarter Kommissar als Leiter einer Soko sehen will und im zeitlichen Wettlauf mit einer vermutlichen Erpresser-Entführer-Bande, der ist hier richtig.

Handlung

In der Villa des Fabrikantenehepaars Jessica und Erik Steinbeck wird die Schwester Jessicas tot aufgefunden. Der Einbrecher hat die 16-jährige Tochter der Steinbecks, Sandra, entführt. Dass der Täter bereits einen Mord begangen und deshalb nur wenig zu verlieren hat, versetzt die Eltern Sandras in Panik und die Polizei in angespannte Tätigkeit. Unter Bienzles Leitung sucht eine Sonderkommission in den merkwürdig vagen Anweisungen des Täters fieberhaft nach Hinweisen auf seine Identität und das Versteck. Sandras Vater ist in doppelter Sorge.

Er verschleiert wichtige Hinweise, denn er hat illegale Geschäftspraktiken zu verbergen. Der Entführer weiß, dass Steinbeck vor Jahren waffenfähiges Material in Krisengebiete verkauft hat, und will eine erneute Lieferung von ihm erpressen. Der verzweifelten Jessica und seinem Bruder Henry gesteht Erik Steinbeck die Wahrheit. Aber der Polizei enthüllt er die wahren Hintergründe nicht. Währenddessen wird der Kidnapper nervös. Er muss die Bereitstellung der Steinbeckschen Zentrifugen abwarten und in dieser Zeit Sandra verstecken und ruhig stellen. Sie wird ihm zunehmend lästig und ihr Leben immer weniger wert. Den Technikern der Soko gelingt es, das Versteck zu orten, und gegen den Flüchtenden wird eine Großaktion eingeleitet. Fast hat die Polizei ihn in der Falle – aber im letzten Moment gelingt es ihm, zusammen mit Sandra ein weiteres Mal in Stuttgarts Untergrund zu verschwinden.

Erik Steinbeck macht der Polizei wegen dieser Flucht heftige Vorwürfe, dennoch kann er sich nicht entschließen, Bienzle zu vertrauen. Es gelingt ihm zwar, hinter dem Rücken der Soko die Bedingungen des Entführers zu erfüllen und die Maschinen auszuliefern. Aber am mit dem Entführer verabredeten Treffpunkt wartet er vergeblich auf seine Tochter. Stattdessen sieht er sich Bienzle gegenüber. Steinbeck muss erkennen, dass sein Versteckspiel das Leben seiner Tochter erst recht in Gefahr gebracht hat.

Rezension 

Ich bin mal die Liste der 25 Bienzle-Tatorte durchgegangen – 19 davon habe ich bisher gesehen und rezensiert. Daher behaupte ich nach „Bienzle und der Mann im Dunkeln“, dies ist ein der der actionreichsten Filme mit dem Schwabenschlau und da er selbst so konservativ und bedächtig wirkt, glaub man, das führe zu einem Chaos. Stimmt aber nicht, Bienzle passt sich, bis auf die Bedienung einer modernen Espressomaschine, mühelos jedem Erfordernis an und auch das große Soko-Team leitet er souverän. Da merkt man erst einmal, was man in den behäbiger inszenierten Tatorten alles an Potenzial verschenkt hat. Eher schon waren die Macher des Films stellenweise vom Tempo ihrer Handlung überfordert, daher gibt es einige Schwachstellen.

Im Folgenden sind Angaben zur Auflösung enthalten

Dass jemand glauben kann, der Tod im Schwimmbad sei ein Unfall, trotz der allfälligen Blutspuren, bildet schon einen recht kuriosen Einstieg, ein Seitenaufprall der gezeigten Art, der in einer Explosion endet, ist nur der Steigerung der Action dienlich, aber nicht dem Gefühl, hier gehe es mit rechten Dingen zu und dass am Ende der Vater seine Tochter rettet und unter Wasser einfach mal in Sekunden die Kette öffnet, die sie über viele Stunden hinweg nicht lösen konnte – nun ja. Auch die Hubschrauberszene und dass kein SEK mit der Verfolgung des Amateur-Entführers betaut wurde, mutet recht unteroptimal an, vor allem, wenn man es mit der Soko im Büro vergleicht. Aber wir sind ja auch fast 20 Jahre weiter und Handyortung und SEK sind mittlerweile Routinebestandteile der Tatorte.

Aber dem Film ist zugute zu halten, dass er für 1999er-Verhältnisse wirklich flott ist. Oder, besser: für die Bienzle-Verhältnisse kurz vor der Jahrtausendwende. Bedingt wurde der Versuch, den Schwaben zu beschleunigen, vermutlich dadurch, dass in jenen Jahren einige Teams wechselten und zum Beispiel die Kölner Ballauf und Schenk eine für die damalige Zeit ungewöhnlich hohe Dynamik in die Tatort-Reihe brachten, dass im selben Jahr das Bremen-Team hinzugekommen war, dessen Tatorte ebenfalls von Beginn an modern und vergleichsweise rasant waren. Vielleicht war man sich sogar unsicher, ob man Bienzle in dem sich wandelnden Umfeld noch würde eigenständig und positiv platzieren können, denn schon 1999 war er der letzte Hutträger unter den Ermittlern der Reihe. Er hat es aber so bis 2007 durchgehalten und gehört zu den prägenden Figuren jener Zeit.

Damit es nicht gar zu bieder wird, sind viele Bienzle-Filme als Thriller angelegt, obwohl der Charakter des Ermittlers wie geschaffen ist für den Whodunit, den Rätselkrimi. Aber solche Filmen benötigen oft zusätzliche Effekte, um dramatisch und spannend zu werden – bei den Edgar-Wallace-Adaptionen hat man das zum Beispiel mit einer Kombination aus Gruseleffekten, sehr schrägen Figuren und ganz vielen Morden erreicht. Mehrere dieser Spaßverstärker können bei einem Tatort, speziell bei einem Bienzle-Tatort, nicht zum Einsatz gebracht werden und  zusammen schon gar nicht.

Also liegt es nah, dass der Zuschauer den Täter früh kennenlernt und sich ein Fernduell mit den Cops entwickelt, bei dem der Verbrecher immer wieder gut operiert und die Polizei manchmal dumme Fehler macht, sonst würde die Jagd auf das Böse keine knapp 90 Fernsehminuten dauern. Da man bei diesem Krimi erkennbar das Prinzip „Viel ist viel“ umgesetzt hat, wird der Zuschauer auch dadurch geprüft, dass das Entführungsopfer viel schreit und den Typ, der schon bald keine Maske mehr trägt, in die Verzweiflung treibt. Dass er so früh und vollkommen unnötig sein Gesicht zeigt – nun, er ist eben Amateur und es wird unbedingt so gebraucht, damit man ihm überhaupt zutraut, einen Menschen nicht nur versehentlich umzubringen, wie die Badenixe zu Beginn, sondern zum Beispiel auch, damit er vom Entführungsopfer nicht identifiziert werden kann.  Der anfängliche Mord hingegen ist vor allem wichtig, damit überhaupt die Mordkommission ermittelt und natürlich, um einen gewissen Dissens zwischen dem ausführenden Kidnapper und dessen, wie sich herausstellt, ebenfalls nicht professionellem Auftraggeber zu zeigen und damit wiederum die Stimmung des Zuschauers zu heben.

Die Bienzle-Tatorte sprechen in der Regel nicht mit erhobenem Zeigefinger zu uns, aber aus diesem Film kann man durchaus massive Sozialkritik herauslesen und er geht moralisch sehr hoch. Zunächst geht es auf familiärer Ebene nur um Geld und um gesellschaftliche Anerkennung und um Konflikte in der üblichen Blackbox, für die meist Väter verantwortlich sind.

Aber auch die Umgehung des Kriegswaffenkontrollgesetzes (KWG)  spielt eine Rolle und eine Gegenüberstellung, die uns aktuell wieder sehr beschäftigt oder die wieder sehr in den Fokus gerückt ist: Der Unternehmer Steinbeck will seine Firma retten und dadurch seine Familie schützen, als es mal gerade schlecht läuft und verkauft waffenfähiges Material ins damalige Kriegsgebiet Ruanda. Das war fünf Jahre vor den aktuellen Geschehnissen und jetzt sieht es aus, als ob ihn jemand zu einer Folgelieferung erpressen will. Die Quasi-Notwendigkeit wiederum wird damit erklärt, dass die Zentrifugen, um die es hier geht, ein weltweit einmaliges Produkt mit Patentschutz darstellen. Der Hintergrund ist besser konstruiert, als manches an dem Film ausgeführt wurde.

„Bienzle und der Mann im Dunkeln“ erschien 1999, fünf Jahre zuvor tobte tatsächlich der Krieg in Ruanda und außerdem gab es in Deutschland die erste Nachwende-Konjunkturdelle (1993). Und natürlich ist auch der schwäbische industriell-familiäre Mittelstand mit seiner heute noch hohen Innovationskraft in dem Film porträtiert. Letztlich stellt sich diese Folgelieferung als eine Art Schachtel-Erpressung dar. Die Folgen früheren Handelns holen Menschen meist wieder ein, das ist ein Aspekt. Aber es geht auch darum, dass jemand sein engeres Umfeld vor Schaden bewahren will und dafür Lieferaufträge ausführt, die weit weg zum Töten von Menschen verwendet werden. Nicht nur in der Rüstungsindustrie Beschäftigte und natürlich die Firmeninhaber müssten im Grund permanent mit einem moralischen Dilemma zugange sein.

Fazit

Manches an dem Film hätte man besser machen können, aber Bienzles Soko und der interessante Hintergrund, den man hier zeigt, sind das Anschauen auf jeden Fall wert. In Zeiten, in denen es wichtig, ja unabdingbar geworden ist, ein Bewusstsein für die Probleme unseres Wirtschaftssystems zu schaffen und eine Position zwischen der Bewunderung für die unternehmerische Tatkraft und die vorerst fortdauernde Notwendigkeit, Arbeitsplätze mit hoher Wertschöpfung zu erhalten und ökologisch-sozialen Anforderungen als Antwort auf die weltweiten Probleme zu finden, kann man während des Anschauens dieses fast 20 Jahre alten Tatorts oder danach ein wenig über all das nachdenken.

 © 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Besetzung
Kommissar Ernst Bienzle – Dietz Werner Steck
Kommissar Günter Gächter – Rüdiger Wandel
Jessica Steinbeck – Tatjana Blacher
Henry Steinbeck – Walter Kreye
Claudia Adam – Sandra Borgmann
Hannelore Schmiedinger – Rita Russek
Sandra Steinbeck – Janina Flieger
Erik Steinbeck – Christian Berkel
Tom – Sven Thiemann
u.a.

Stab
Drehbuch – Martina Brand
Regie – Dieter Schlotterbeck
Kamera – Marc Liesendahl

 

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