Tod auf der Walz – Tatort 613 / Crimetime 62 #Tatort #München #Batic Leitmayr#

Crimetime 62 - Titelfoto © BR / Avista Film / Rolf von der Heydt

Tod auf der Walz, doch das Handwerk stirbt nie

Heute mal kein Titelfoto mit dem Ivo und dem Franz. Die beiden Walzfahrer oder -geher sind einfach pittoresker.

Wir waren  schon auf einigen Baustellen, aber wandernde Gesellen haben wir dort nie angetroffen. Im Jahr 2010 soll es in Deutschland auch nur noch deren ca. 450 gegeben haben. Schade um eine Tradition, die zwar mittlerweile immaterielles Weltkulturerbe gemäß UNESCO ist, aber sich eben doch in unseren Zeiten zu Recht ausschleicht – obwohl gerade die Handwerksberufe einen Ewigkeitscharakter haben wie kaum sonst welche, weil unvermeidlicherweise immer wieder etwas zu fertigen oder zu reparieren ist, das – sic! – eine geschickte menschliche Hand erfordert und auch eine gewisse Kreativität bei der Bewältigung einer konkreten Situation.

Oder: Das  Handwerk stirbt nie, aber was können junge Menschen mit der Tradition und der Folklore anfangen, zu der man einen Zugang braucht, um auf die Walz zu gehen? Anachronistisch ist es schon irgendwie, wenn auch interessant und aller Ehren wert, dass die Bayern sich dieses wirklich kleinen Milieus angenommen haben. In dem Film dürften fast alle wandernden Gesellen drin sein, die es in Bayern wirklich gibt, eine 1:1-Größenordnungsabbildung der Schächte, wenn man so will und so weit es die Zimmerleute betrifft, die als die profiliertesten unter den wandernden Gesellen gelten.

Handlung

Es wird ein langer Abschied. Der Handwerksbursche Mario Leitgeb verlässt seine Mama und geht mit dem erfahrenen Gerry Neuner auf die Walz. In München finden sie beim Bauunternehmer Pirner Arbeit und Brot. Nach einer Auseinandersetzung mit dem Bauunternehmer trennen sich ihre Wege, dennoch setzt sich Gerry für Marios Aufnahme im „Freien Hoffnungsschacht“ ein.Nach dem feierlichen Ritual von Marios Initiation im Wirtshaus von „Vadder“ Kolo Koydl erscheint auch die hübsche, wandernde Handwerksgesellin Franzi Brandl.

Beide stammen aus dem bayerischen Ort Wurmannsreuth. Doch Mario erkennt: Franzi hat nur Augen für Gerry. Wenig später wird Mario unter der Großhesseloher Brücke ermordet aufgefunden.Die Münchner Kommissare Ivo Batic, Franz Leitmayr und Carlo Menzinger stehen vor der Aufgabe, im Umfeld der traditionsreichen Handwerksschächte nach einem Mörder zu suchen – unter Männern, die eine fremdartige Sprache sprechen und sich ehrwürdigen, geheimen Riten verpflichtet fühlen. Und es kommt noch schlimmer: Auf Franzi Brandl lastet ein alter Fluch.  

Spotlight

Wir waren gewiss schon auf einigen Baustellen, aber wandernde Gesellen haben wir dort nie angetroffen. Im Jahr 2010 soll es in Deutschland auch nur noch deren ca. 450 gegeben haben. Schade um eine Tradition, die zwar mittlerweile immaterielles Weltkulturerbe gemäß UNESCO ist, aber sich eben doch in unseren Zeiten zu Recht ausschleicht – obwohl gerade die Handwerksberufe einen Ewigkeitscharakter haben wie kaum sonst welche, weil unvermeidlicherweise immer wieder etwas zu fertigen oder zu reparieren ist, das – sic! – eine geschickte menschliche Hand erfordert und auch eine gewisse Kreativität bei der Bewältigung einer konkreten Situation.

Oder: Das  Handwerk stirbt nie, aber was können junge Menschen mit der Tradition und der Folklore anfangen, zu der man einen Zugang braucht, um auf die Walz zu gehen? Anachronistisch ist es schon irgendwie, wenn auch interessant und aller Ehren wert, dass die Bayern sich dieses wirklich kleinen Milieus angenommen haben. In dem Film dürften fast alle wandernden Gesellen drin sein, die es in Bayern wirklich gibt, eine 1:1-Größenordnungsabbildung der Schächte, wenn man so will und so weit es die Zimmerleute betrifft, die als die profiliertesten unter den wandernden Gesellen gelten.

Schade aber, dass der Krimi dahinter nicht originär mit dem Thema verknüpft werden konnte. Was könnte es für einen Mord geben, der tatsächlich auf den Besonderheiten dieser kleinen Gruppe von freiheitsliebenden Traditionalisten beruht, der sein Motiv in deren Denken und Gebräuchen hat? Darüber hat man sich keinerlei Gedanken gemacht, und so ist das, was wir hier schön recherchiert und sehr anständig gespielt sehen, eben doch im Wesentlichen Folklore. Es macht Spaß zuzuschauen, wie sich die beiden Münchener Ermittler in die Sprache und das Wesen der Walzgänger einarbeiten und wie Leitmayr undercover geht. Was allerdings, und da wird es schon schwierig, nur möglich ist, wenn eine viel zu große Anzahl von Personen eingeweiht ist, um eine solche Aktion sinnvoll zu gestalten und dabei tatsächlich Neues in Erfahrung zu bringen. Die entscheidenden Hinweise kommen ja auch nicht aus der verdeckten Ermittlung vom Franz, dafür kann er sich aber der Franzi annähern, und dafür und um mehr von den Handwerkern zu  zeigen, ist diese Ermittlung ja wohl auch gedacht. Okay. Umständlich und nicht sehr spannungsfördernd, aber okay.

Schlimmer ist diese Sache mit dem Fluch. Sicher, in den Dörfern, nicht nur in Bayern, wir kennen das ja auch aus Niedersachsen, wo Charlotte Lindholm immer wieder mit schrulligen Abergläubischen konfrontiert wird. Aber darauf kann man doch nicht ernsthaft abstellen, wenn es um die  Hintergründe einer Morderermittlung geht, sodass die Kommissare sich sogar genötigt sehen, diesem Aberglauben abzuschwören und arme, zurückgebliebene Dörfler darauf hinzuweisen, dass es keine wirksamen Flüche gibt. Das musste ja wirklich mal gesagt werden, im Jahr 2005. Ob man diese Dialoge so heute noch konstruieren würde? Wir sind nicht die Anwälte des Dorfes an sich und froh, in einer Großstadt zu leben. Aber mehr wegen der Enge der Dorfgemeinschaft, die wir uns bei unserem den Menschen auf der Walz gar nicht so unähnlichen Freiheitsdrang nicht als unser Milieu vorstellen können, nicht wegen einer geradezu vorsintflutlichen Gedankenwelt, die dort angeblich herrscht. Es ist dieses „Jeder kennt jeden und hat über jeden eine Meinung“, das in den Dorfkrimis als deren realistischer Bestandteil mitschwingt, das wir horribel finden, obwohl wir ein sauberes Polizeiliches Führungszeugnis haben (was heutzutage auch für  Menschen auf der Walz verlangt wird, ebenso Kinderlosigkeit und keine Schulden, da die Walz nicht als Flucht vor Verantwortung missbraucht werden soll).

Am schrecklichsten fanden wir aber den auferstandenen Herrn Ziemer. Da hebt einer einen Bierkasten und der schlaue Franz und der intuitive Miro kommen nicht drauf, dass der Franzis Ex sein muss. Ja, wo samma dann? Klar, er wollte wohl in Franzis Nähe bleiben, ansonsten würden wir meinen, wenn ein solcher Identitätswechsel im datenmäßig geradezu dörflich engen Deutschland mal gelingt, sollte man ihn nutzen, um ins Ausland, oder wenigstens in ein anderes Bundesland zu wechseln. Außerhalb der USA mit ihrer einstmals extrem föderalen Handhabe bezüglich der Verifizierung von Personalien nebst der Mentalität, dass jeder einen Neuanfang verdient hat, auch unter falschem Namen, wenn’s sein muss und in unserer Zeit allgemein wirken solche Konstruktionen nicht sehr glaubwürdig. Wir glauben zum Beispiel nicht, dass unser anonym geführtes Weblog von jemandem, der es darauf anlegt, nicht der Realperson zugeordnet werden kann, die es verantwortet.

So originell das Milieu der reisenden Handwerker ist, so standardmäßig wird die Baubranche auch in diesem Film abgewatscht. Nicht, dass es nicht häufig tatsächlich zuginge wie beim sauberen Herrn Pirner, bei dem die Hunde fliegen und Ehrengräber kriegen, außerdem liegt die Darstellung einer Baufirma nah, wenn Zimmerleute Arbeit suchen, und Varianten kann man auch immer wieder bringen, aber so, wie der Bauunternehmer gleich im Mittelpunkt steht, kann er nicht der Mörder gewesen sein. Und wie der Pirner hier Leichenversendung betrieben haben soll, nach dem Mord, das ist wirklich so unlogisch, wie er es den Kommissaren als deren Denkfehler quasi nachweist. Immerhin kriegt er das Gewerbeaufsichtsamt auf den Hals, wegen seiner illegalen polnischen Arbeiter (da merkt man dem Film sein Alter etwas an, die polnischen Handwerker sind mittlerweile fast alle legalisiert, nach dem Entsendegesetz bezahlt, manchmal auch selbstständig tätig und aufgrund ihrer unbestreitbaren Fähigkeiten zu Königen unter den Bauhandwerkern aufgestiegen; was wir im Film sehen, gibt es weiterhin, aber nun eher mit Arbeitern aus Südosteuropa).

Wenn also die Handlung recht verschwurbelt daherkommt, wie steht es mit der Atmosphäre? Die Bayern-Tatorte sind in vielen Dingen hoch angesiedelt, auf die Stimmung trifft das allerdings eher nicht zu, dazu wirken sie zu trocken inszeniert. Was grundsätzlich okay ist, weil es den Humor der Kommissare spiegelt und Bayern eher derb als mystisch oder in sich selbst ein Lied zuraunenden Stimmungsräumen schwingend wahrgenommen wird. Obwohl der Altgeselle Popp wirklich toll rüberkommt, so etwas freakig und hochgradig begeistert, wie Leute, die mit grandioser Hingabe in einem Rollenspiel versinken können, ist das Milieu insgesamt ein wenig steril. Vielleicht hat das mit der Sprache zu tun, die Begriffe der fahrenden Handwerker wirken angelernt, was sie bei den Schauspielern natürlich auch sind. Da bemerkt man schon, dass wegen des fordernden Erfordernisses der korrekten Begriffswiedergabe die Lockerheit ein wenig verloren gegangen ist. Ärzte, Anwälte, sowas haben Schauspieler meistens gut drauf, aber das gezeigte Milieu ist ihnen ebenso fremd wie den meisten Zuschauern. Das ist alles nicht schlecht gemacht, aber wirkt etwas wie in den heute üblichen Mischungen aus Dokumentar- und Spielfilm, die eine eigenartige Künstlichkeit haben, obwohl sie doch Wissenschaft auf zugängliche Weise populär machen wollen.

Fazit

Trotz unserer Kritikpunkte ist „Tod auf der Walz“ kein schlechter Film. Wir entscheiden uns bewusst nicht für die Variante „kein schlechter Tatort“, denn als Krimi ist er eher unterdurchschnittlich und ehe aufwendig konstruiert und gleichermaßen zu Nachfragen anregend, als fantasievoll mit der Welt der Männer – und mittlerweile auch Frauen wie Franzi – auf der Walz verknüpft. Die Idee finden wir aber gut. Der Batic Ivo und der Leitmayr Franz bekommen ja oftmals abwechselnd die Haupt-Hauptrolle, dieses Mal ist es der Franz, wie er sich in die Franzi ein wenig verlieben darf. Für solche Gefühle ist ja interessanterweise in der Regel er zuständig, obwohl er der robustere von den beiden ist und nicht ganz so einfühlsam wie der Ivo mit seiner südosteuropäischen Seele. Beide spielen ihre Parts aber souverän, zuweilen gelingen ihnen respektive dem Drehbuchautor witzige Sprachspiele, die passenderweise auf dem Spezialsprech der Walzleute fußen.

Unsere Wertung: 7/10

© 2018, 2015 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kriminalhauptkommissar Ivo Batic – Miroslav Nemec
Kriminalhauptkommissar Franz Leitmayr – Udo Wachtveitl
Kriminaloberkommissar Carlo Menzinger – Michael Fitz
„Vadder“ Kolo Koydl – Elmar Wepper
Franzi Brandl – Lisa Maria Potthoff
Gerry Neuner – Maximilian Brückner
Pirner, Bauunternehmer – Anton Rattinger
Mario Leitgeb – Tristano Casanova
Hanni Leitgeb, Marios Mam – Johanna Bittenbinder
Onkel Karl – Philipp Sonntag
Popp, Altgeselle – Michael Tregor
Heinzi – Tim Seyfi
Beppo – Christoph Franken
Kellnerin – Barbara Bauer
Gerstl – Wilfried Labmeier
Pointner – Erich Hallhuber sen.
Andrezej – Jurij Rosstalnyj
Karin – Antonie Boegner
Pfarrer – Klaus Haderer
Polizeiärztin – Sonja Beck
Charly Rapp – Dirk Borchardt
Gründl – Ralph Willmann
Fahrer – Ernst Cohen
u.a.

Als Gast:
Monika Baumgartner als Vronerl, Wirtin von der Alten Post

Buch – Markus Fenner
Regie – Martin Enlen
Regie-Assistenz – Rick Ostermann
Kamera – Philipp Timme

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