Kälter als der Tod – Tatort 947 / Crimetime 65 / #Tatort #Brix #Janneke #HR #Frankfurt

Crimetime 65 - Titelfoto © HR, Benjamin Knabe

Kälter ist nur die Liebe?

Im Titel des 947. Tatorts kommt das Wort „Liebe“ nicht vor. Aber der Titel spielt an auf Rainer Werner Fassbinders „Liebe ist kälter als der Tod“ (1969), seinen Erstling. In S/W gedreht, ganz und gar gefühlsmäßig und ästhetisch reduziert und eine Verbeugung vor der Nouvelle Vague und dem Film noir. Und es war ein Krimi, genauer: ein Heist- oder Caper-Movie.

Verstehen wir die Titel-Anspielung aber lieber als Verbeugung vor dem früh verstorbenen Genie, das jetzt 70 Jahre alt geworden wäre, denn inhaltlich deutet nichts auf eine Verbindung hin, und der Stil ist ebenfalls ein vollkommen anderer. Über ihn sprechen wir in der -> Rezension, und über die Handlung und die Neuen in Frankfurt selbstverständlich auch.

Das Team Brix / Jacobi ist innerhalb von nur zweieinhalb Monaten das dritte, das neu eingeführt wird. Unglückliche Dramaturgie, aber das Leben macht, was es will, besonders, wenn Schauspieler nicht mehr wollen und Sender nicht mehr können, irgendwer keinen Bock mehr hat, und was noch alles. Im März kamen Rubin / Karow in Berlin für Stark, im April Ringelhahn / Voss, ohne Vorgänger, in Nürnberg.

Margarita Broich hat die schwierigste Aufgabe aller neuen Teams aus 2015: Den profilierten und finsteren Steier zu esetzen, ohne ihn beim Saufen zu übertreffen, und gleichzeitig das große Erbe von Sänger / Dellwo fortzuführen, das den Standort Frankfurt weit nach vorne brachte – sowohl die Personen als auch die Inszenierungen waren für ihre Zeit sehr fortschrittlich. Nicht selten kam ein außerordentlicher Fall hinzu.

Margarita Broich (Serienname: Anna Janneke) wird dabei unterstützt von Wolfram Koch (Paul Brix) und – hoffentlich – von einem Kommissar namens Henning Riefenstahl. Nicht verwant, wie wir mittlerweile wissen.

Handlung, Besetzung, Stab

Er – Paul Brix – ist der Neue mit langjähriger Erfahrung bei der Sitte in Frankfurt, sie – Anna Janneke – ist die Quereinsteigerin, die vorher die Polizei in Berlin psychologisch beraten hat. Er wohnt zur Untermiete bei einer alten Freundin. Sie ist noch gar nicht so richtig angekommen in Frankfurt. An Ihrem ersten gemeinsamen Tag in der Frankfurter Mordkommission werden sie vom ebenfalls neuen Kommissariatsleiter Henning Riefenstahl nicht gerade mit offenen Armen empfangen und gleichzeitig mit dem schrecklichen Mord an einer ganzen Familie konfrontiert.

Am Tatort treffen sie auf den Paketboten Achim Lechenberg, der die Polizei gerufen hat, weil ihm aufgefallen war, dass eine CD mit ein und demselben Titel in Endlosschleife im Haus lief. Schnell stellt sich heraus, dass ein Mitglied der Familie, die 17-jährige Jule, und deren junge Nachhilfelehrerin Miranda fehlen. Waren sie Zeugen und sind geflohen, sind sie entführt worden, oder haben sie selbst etwas mit den Morden zu tun? Und was hat es mit der ominösen CD auf sich? Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt. Es gibt viel zu tun für die neuen Frankfurter Kommissare Anna Janneke und Paul Brix.

Rezension

Das Team Brix / Janneke ist innerhalb von nur zweieinhalb Monaten das dritte, das neu in die Tatort-Reihe eingeführt wird. Unglückliche Dramaturgie, aber das Leben macht, was es will, besonders, wenn Schauspieler nicht mehr wollen und Sender nicht mehr können, irgendwer keinen Bock mehr hat, und was noch alles. Im März kamen Rubin / Karow in Berlin für Stark, im April Ringelhahn / Voss, ohne Vorgänger, in Nürnberg.

Margarita Broich hat die schwierigste Aufgabe aller neuen Teams aus 2015: Den profilierten und finsteren Steier zu ersetzen, ohne ihn beim Saufen zu übertreffen, und gleichzeitig das große Erbe von Sänger / Dellwo fortzuführen, das den Standort Frankfurt weit nach vorne brachte – sowohl die Personen als auch die Inszenierungen waren für ihre Zeit sehr fortschrittlich. Nicht selten kam ein außerordentlicher Fall hinzu.

Margarita Broich (Serienname: Anna Janneke) wird dabei unterstützt von Wolfram Koch (Paul Brix) und – hoffentlich – von einem Kommissar namens Henning Riefenstahl. Nicht verwandt, wie wir mittlerweile wissen. Aber nach einer Machtprobe zu Beginn des Films doch hilfreich, als Teamleiter.

Nein, der Film ist kein Fassbinder. Zu dessen Zeit waren nicht nur seine Filme anders und die seiner Kollegen vom Neuen Deutschen Film, sondern auch die Tatorte. „Kälter als der Tod“ ist ein ganz moderner Film mit vielen surrealen Bildkompositionen, die Manches erklären, hin und wieder verstören und eine flirrende Atmosphäre schaffen, in der man als  Zuschauer immer wieder vor die Wahl gestellt wird, wie man zum Beispiel das Ablichten von Menschen in Szenen, die sie nicht wirklich zusammen erlebt haben, auffasst. Es gibt Rückblicke, die sind noch einigermaßen realistisch, es gibt aber auch jene Momente, in denen Ausgedachtes, Geträumtes, Ersehntes, nicht Erlebtes sich visuell manifestieren.

Diese schöne Inszenierung ist einem Team adäquat, das vergleichsweise sachte eingeführt wird. Nur kurz wird über die bisherige Dienst-Vita von Janneke und Brix gesprochen, das Private wird nur kenntlich in Brix‘ Wohnen bei einer flippigen Frau mit französischem Akzent und einem mittegroßen Gewächshaus im Garten und dadurch, dass Anna mal mit ihrem Sohn skypt. Der feiert gern und sowas alles, aber das Verhältnis zum Spross wirkt nicht bedroht, wie etwa bei Kollegin Boenisch aus Dortmund.

Überhaupt ist alles etwas anders als zuletzt häufig gesehen. Das Team („Sie sind nicht mehr die Jüngsten“) ist also nicht zu jung, nicht zu flach, nicht zu crazy, nicht zu sehr auf Gegensatzpaar gebürstet. Die beiden könnten problemlos ein echtes Paar werden, dafür bedürfte es nicht jahrelanger therapeutischer Vorbereitungen. In Frankfurt hat man also eine Rolle rückwärts gemacht, wenn man Sänger / Dellwo oder Steier / Mey als Maßstab zugrunde legt. Die Normalität ist zurückgekehrt. Unsere heutige Normalität ohne allzu feste Bindungen und Strukturen, versteht sich. Auf den Punt: Brix und Janneke sind die sympathischsten und glaubwürdigsten Ermittler, die seit langem neu installiert wurden, und sie ermitteln auch im Team recht intensiv. Da wird allen Spuren mit vergleichsweise großer Sorgfalt nachgegangen, da werden die wenigen Verdächtigen im Fall der getöteten Familie Sanders hinreichend befragt, vernommen und nach ihren Hintergründen abgeklopft.

Dass es allerdings so wenige davon gibt, ist einer Fehlkonstruktion zu verdanken. Diese Fall hätte nach unserer Ansicht als Howcatchem konstruiert werden müssen. Der böse Notarzt als falscher Verdächtiger und in der Folge als echter Mörder, der Paketbote von „DPL“, der alles nachkauft, was sich in den von ihm illegal geöffneten Paketen seiner Kunden befindet, okay, geschenkt. Hat uns ein wenig an einen Kieler Tatort erinnert („Borowski und der stille Gast„), dort war der Bote aber wirklich der Mörder.

Das Problem ist die Figur Miranda Kador. Um sie zu erklären, wird ein erheblicher Teil der angesprochenen visuellen Stilmittel eingesetzt, und weil das nach Ansicht der Macher von „Kälter als der Tod“ nicht ausreicht, muss sie sich selbst etappenweise und vor allem als Ende in einem echten Theater-Monolog erklären. Im Film nennt man so etwas Talking Head und es ist ein Zeichen dafür, dass das Medium nicht perfekt genutzt wird. Schon in Büchern, wenn sie unterhaltend sein sollen, ist es besser, Figuren durch ihre Handlungen zu erklären und durch Dialoge, nicht durch ellenlange Beschreibungen oder Monologe. Das ist natürlich eine bestimmte Meinung, eine Theorie zum fiktionalen Schreiben, der bei Unterhaltungsfilmen, und das ist der Tatort ja doch, darf man sie anwenden.

Hätte man von Beginn an klar gestellt, dass Miranda die Täterperson ist, wäre der Film viel spannender geworden, denn es wäre darum gegangen, die gefährdete Jule zu retten. Damit hätte der Film eine Thrillerstruktur bekommen, die hier nur zu Beginn, also halbherzig, umgesetzt wird, nämlich, solange Jule und Miranda in diesem Keller im alten Bauernhaus sitzen. Na klar, niemand denkt, dass Mirandas rhetorischer Satz „Ich hab uns da wohl reingeworfen?“ (sinngemäß wiedergegeben) tatsächlich stimmt, auch wenn sie eine Leiter verwendet hat.

Die komplexe Psychologie dieser Person darzustellen, damit tut sich der Film zu schwer, und weil seine Macher das auch gemerkt haben, diese lange, lange Erklärung am Ende. Eine der umfangreichsten der Tatortgeschichte, soweit wir diese aus über 400 Rezensionen kennen. Und doch überzeugt sie nicht. Sie überzeugt nicht als filmisches Mittel und nicht inhaltlich. Letzteres hat einerseits damit zu tun, dass die Handlung sich an einer Musik-CD festklammert, die alles irgendwie zusammenbringen muss, aber spätestens, als die Hebamme sich nach 25 Jahren noch genau an dieses wenig eingängige Stück erinnern kann, das sie wohl nur einmal gehört hat, ist klar, hier wird wieder einmal das Unglaubwürdige in der Handlung so übertrieben, dass es auch auf die Figur Miranda durchschlägt. Was sie über sich und ihre Motive erzählt, kann man glauben oder nicht. Wir tendieren eher dazu, es für eine Kopfkonstruktion zu halten, die wieder einmal Menschen dämonisiert, die mit Traumata ihrer Kindheit zu kämpfen haben: In Wirklichkeit sind sie meist keine mörderischen Figuren, sondern tragische, die eher zum Selbsthass und zur Selbstzerstörung neigen, als dass ie anfangen, wild um sich zu schießen. Sicher, irgendwie müssen jene unfassbaren Familiendramen motiviert sein, die immer wieder in den Medien behandelt werden. Aber im Allgemeinen ist alles viel banaler und der Täter ist meist ein Mann, der durchdreht. Weil die Ehe kaputt ist, weil die Finanzen kaputt sind, was auch immer.

Der Missbrauch durch den Großvater an den Sanders-Schwestern wird an beiden dargestellt: Lydia gibt ihr Kind Miranda in der Klinik ab, Silke heiratet ein Arschloch und die beiden haben keine Kinder. Miranda ist also die Tochter von Lydia und die Schwester von deren Mutter – auch hier erinnern wir uns an eine ähnliche Konstellation; in Münster, wenn wir’s richtig in Erinnerung haben. Allerdings lebte dort der Großvater noch und war eine erfassbare Figur.

Fazit

Jetzt hat man schon ein neues Team so dezent eingeführt, dass viel, viel Raum für den Fall bleibt, da macht man einen Fall, der überkonstruiert und hastig wirkt und sich nicht auf wenige, starke Elemente und Figuren verlassen will, die sich bei gegebener Ausgangslage wirklich angeboten hätten, denn die Idee ist nicht schlecht. Die Inszenierung weicht deutlich vom Stil – vor allem der letzten – Steier-Fälle ab, aber nicht im negativen Sinn, aber sie wird auch ein wenig missbraucht, um Bilderfluten, kurze, kürzeste Einstellungen zu erzeugen, die wohl das typische Wirrwar darstellen sollen, in dem sich Ermittler zu Beginn ihrer Arbeit an einem Fall einfinden müssen. Sie kriegen die Kurve dann doch und viele Details, die zur Lösung führen, sind denkbar oder stimmig, aber das Gesamtbild ist es (noch) nicht.

Emotional hat uns dieser Fall trotz grundsätzlich interessanter Figuren kaum berührt – auch das Kältegefühl hielt sich in Grenzen. Zum einen liegt das an den erwähnten, zu ausführlichen und zu gestanzten Dialogen von Miranda, zum anderen daran, dass man mit Notarzt Kern einen Typ ins Spiel bringt, der die emotionale Energie auf sich zieht, weil man ihn einfach nur widerlich findet. Der dritte Aspekt ist diese Überfrachtung, die niemals gut ist für das Einfühlen. Nicht im Leben und nicht beim Anschauen von Filmen.

Unsere Wertung: 6,5/10

Beitrag © 2018, 2015 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Anna Janneke: Margarita Broich
Paul Brix: Wolfram Koch
Henning Riefenstahl: Roeland Wiesnekker
Fanny: Zazie de Paris
Miranda Kador: Emily Cox
Jule Sanders: Charleen Deetz
Martin Kern: Roman Knizka
JonasIsaak Dentler Chef KTU: Luc Feit
Silke Kern: Carina Wiese
Henrik Lasker: Tino Mewes
Achim Lechenberg: Sebastian Schwarz
Vater Lasker: Wilfried Elste
Peter Sanders: Marc Oliver Schulze
Lydia Sanders: Olga Lisitsyna
Tobias Sanders: Valentin Wilczek
Miranda Klein, Nicolais Borger, Teresa Hansen, Traute Hoess, Elias Jacobi, Lucas Prisor
Regie:Florian Schwarz
Buch:Michael Proehl
Kamera:Philipp Haberlandt
Musik:Florian van Volxem und Sven Rossenbach

 

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