Heute vor 17 Jahren war der Tag, der die Welt verändert hat. Eine persönliche Betrachtung.
Es gab viele Tage, welche die Welt verändert haben. Ich will hier keine Aufzählung starten oder sie gar nach Wichtigkeit oder Weltveränderungsgrad bewerten.
Aus heutiger Perspektive erscheint der 11.09.2001 jedoch der vorerst letzte jener Tage gewesen zu sein. Seitdem gab es nichts mehr, was so tiefgreifende Auswirkungen auf die Wirklichkeit hatte, die wir erleben.
Deshalb ist er nicht mit anderen Katastrophen zu vergleichen, die wir täglich sehen.
Jedes Ereignis steht ohnehin für sich, aber nur wenige der letzten Jahrzehnte gehen so ins kollektive Bewusstsein auch außerhalb der USA ein, wie es 9/11 getan hat. In Deutschland war es vermutlich der 9.11.1989, wenn man so will das umgedrehte Datum, das damals gerade erst zwölf Jahre zurücklag. Auch jener Abend bewegte die Welt und es began eine Zeit des Aufbruchs und der Hoffnung. Sie endete am 11.09.2001.
Gibt es irgendwen, der den 11. September 2001 bewusst erlebt hat und sich nicht erinnern kann, was er damals gemacht hat und sogar, womit er gerade in jenem Moment beschäftigt war, als ihn die Nachricht erreichte? Ich weiß es gut. Ich war unterwegs auf der Autobahn, als mein privates Handy piepte – das kurz nach 14 Uhr, etwa in der Minute, in der heute, siebzehn Jahre später, dieser Beitrag online gehen wird.
Ich hatte einen Umweg zwischen zwei dienstlichen Terminen gemacht, um eine private Sache zu bereinigen. Dafür war ich in den Schwarzwald abgebogen, aber schon wieder auf dem Rückweg. Und da rief mich die Person an, um die es ging und mit der es zuvor keine Lösung gegeben hatte. Es gab auch danach keine. Als der Anruf reinkam, ein Moment der Hoffnung, aber das Thema war dann das, was gerade in New York geschah.
Das Individuum, das da allein im Auto unterwegs war, hatte das Gefühl, dieser Tag sei nun offenbar eine Gesamtkatastrophe. Da wusste ich noch nichts über das Ausmaß des Anschlags und wie lächerlch es ist, persönliche Probleme in einen solchen Zusammenhang zu setzen. Aber ein Gefühl allumfassender Schutz- und Hilflosigkeit, das war plötzlich sehr präsent.
2001, das war auch das Jahr, in dem ich anfing, übers Notwendige hinaus zu schreiben. Zunächst nur fiktional. Und mein persönliches Problem, das nicht ausgerechnet am 11.09. gelöst wurde, hing damit zusammen.
Heute ist 9/11 auch der Tag zwischen den Geburtstagen von zwei Schreibfreundinnen, die mir im Sommer 2001 zugewachsen sind und mir bis heute viel bedeuten. Der Tag dazwischen, das war er also auch. Vieles war in jenem Jahr neu für mich – und mittendrin geschah 9/11.
Dass ich an jenem Tag verfügt hatte, dass die Schreibgruppe, die ich erst seit zwei Monaten leitete, für 24 Stunden geschlossen wird, zum Zeichen der Betroffenheit und der Trauer, das ist mir noch präsent. Eine Maßnahme, die von der damaligen Gemeinschaft nicht vollständig widerspruchslos hingenommen wurde.
Wenn wir sehen, was heute um uns herum geschieht, können wir 9/11 nicht auslassen. Dabei spielt es keine Rolle, ob nun die offizielle Deutung der Hintergründe richtig ist oder eine verschwörungtstheoretische. Denn sie alle sind geeignet, das Gefühl von Unsicherheit und Bedrohung mitzuerklären, das uns vermehrt einfängt und das einer von vielen Gründen ist, warum die Menschen nicht mehr die Gelassenheit und den Grundoptimismus haben wie etwa gegen Mitte der 1990er, dem Höhepunkt eines im Rückblicke goldenen Jahrzehnts, als Bill Clintons Privatleben in etwa der größte Aufreger war.
Vollkommener Frieden auf dem Erdball herrschte auch damals nicht. Aber es bedeutet einen großen Unterschied, ob man eine Aussicht auf Veränderung und Verbesserung verspürt und erhofft, die durch günstige Weltumstände befördert wird – oder ob man eine einschneidende Fesstellung zu treffen hat:
Außer in uns selbst und durch uns selbst und wo wir gerade stehen, wird sich nichts verbessern. Niemand wird uns das Verbessern abnehmen. Das haben die letzten 17 Jahre bewiesen, in denen vieles schlechter wurde. Sie haben es hinlänglich bewiesen. In jenen Jahren danach nahmen die Kriege zu und die Freiheit und die soziale Sicherheit nahmen ab.
Sind sind wir weiter als damals? Mit uns selbst und mit allen anderen? Oder könnte ein 9/11 jederzeit wieder stattfinden?
Es gab seit 2001 so viele Jahrestage und auch heute gedenke ich wieder den Opfern, die durch zwei Einschläge in die Zwillingstürme des World Trade Centers und an andern Orten an jenem strahlend blauen Spätsommertag aus dem Leben gerissen wurden. Ich vergesse nicht diejenigen, die täglich in sinnlosen Kriegen und durch sinnlose Armut sterben.
Aber der 11. September 2001 wird für mich immer ein besonderer Tag bleiben. Der Tag, an dem sich alles vereinigt hat, was die Menschen auf dieser Welt enzweit.
Thomas Hocke, 11.09.2018
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