Grenzfall – Tatort 938 / Crimetime 69 // #Tatort #Grenzfall #Eisner #Fellner #Wien #ORF #TatortGrenzfall

Crimetime 69 - Verwendete Fotos © ORF / Allegro Film, Milenko Badzic

Ein glücklicher Grantler und das Loch im Loch

Sein 35. Fall führt Oberstleutnant Moritz Eisner, BKA, ins Ausland, also ins Waldviertel, und damit tatsächlich an die österreichisch-tschechische Grenze. Als die Nachbarn noch als CSSR firmierten, gab es manch undurchsichtiges Tun, mitten im Wald, und da nun ein Mord passiert ist, werden nicht nur steinzeitliche Artefakte, sondern auch jüngere Familien- und Dorfgeschichten ausgegraben, sodass ein Loch im Loch entsteht. Wie das passieren konnte, darüber steht mehr in der -> Rezension.

Handlung + Zusatzinformation, Besetzung, Stab

Niederösterreich, in den späten 1960er Jahren. Ein junger Mann geht nachts zum Fischen an die Thaya, Grenzfluss zur damaligen Tschechoslowakei. Es fallen Schüsse, doch die Behörden des sozialistischen Nachbarlandes bestreiten einen Zwischenfall an der Grenze. Der Mann kehrt nicht wieder heim.

Jahrzehnte später rollt sein Sohn Max, ein Journalist, die Geschichte wieder auf. Zur gleichen Zeit wird die Leiche eines 45-jährigen Tschechen namens Radok aus der Thaya gefischt. Ein Zufall? Für Moritz Eisner und seine Kollegin Bibi Fellner kommt der merkwürdige Fall, der sie vor der Aufarbeitung langweiliger Aktenberge bewahrt, wie gerufen.

Während der Chefinspektor herausfindet, dass Radok ermordet wurde, nimmt seine Kollegin erst einmal ein unfreiwilliges Bad im Fluss. Der Reporter Max zieht sie aus dem eiskalten Wasser und weiht die staunende Kommissarin in die Recherchen über seinen verschollenen Vater ein: Zur Zeit des Prager Frühlings lockte der tschechoslowakische Geheimdienst Republikflüchtlinge mit einer fiktiven Grenze in die Falle.

Der heimtückische Plan funktionierte aber nur dank der Kooperation junger Österreicher, die dabei eine unrühmliche Rolle spielten. Offenbar wollte Radok die einstigen Kollaborateure nun zur Rechenschaft ziehen. Musste er deswegen sterben?

Der jüngste „Tatort“-Krimi mit Harald Krassnitzer und Adele Neuhauser erzählt eine wahre Begebenheit. Die unfassbare Geschichte handelt von Tätern und Opfern diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs und von den fatalen Verstrickungen einer Familie in die perfide Machtpolitik des Kalten Krieges. Bei der Aufklärung eines verzwickten Verbrechens müssen Moritz Eisner und Bibi Fellner einen buchstäblichen Grenzfall lösen, dessen Spuren zurück in die späten 1960er Jahre führen. Rupert Henning, bekannt unter anderem als Drehbuchautor für den Kinoerfolg „Nordwand“, gibt mit diesem psychologisch feinfühligen Krimi sein überzeugendes „Tatort“-Debüt. Gedreht wurde in der traumhaften Landschaft des niederösterreichischen Waldviertels.  

Trailer

Rezension

Ob in der Steinzeit die Leute aus dem einen Dorf schon die anderen bespitzelt, verraten und umgebracht haben – wofür? Vermutlich nicht für ein Motorradl und auch nicht für Muscheln, die es in der Gegend gar nicht gab. Aber im voll entwickelten Kalten Krieg der 1960er gab es sogar fingierte Grenzanlagen vor den eigentlichen Grenzanlagen und dahinter eine fingierte Freiheit, diesseits der einen und jenseits der anderen Grenze. So muss man sich das in etwa vorstellen, was der Film uns ziemlich am Ende verrät. Dagegen ist die innerdeutsche Grenze geradezu ein Musterbeispiel an klarer Ansage und typisch deutscher Geradlinigkeit gewesen. Die Grenzstreifen waren sehr breit, aber wenn an drüber war und es auf irgendeinem Weg geschafft hatte, die Schießanlagen und die Grenzpolizisten hinter sich zu lassen, war man drüben bzw. hüben.

Die komplette Information ergibt sich aus dem Begleittext (kursiv) der Inhaltsangabe, welche die ARD uns zum Film mitgibt. Gut so. Sonst hätten wir uns jetzt bänglich gefragt, ob eine so perfide und verzwickte Art der Grenzverwaltung tatsächlich stattgefunden hat, oder ob sie einem Autorengehirn entsprang, welches uns vermitteln wollte, was Menschen Menschen antun können, und sei es nur fiktional. Da wir zufällig gestern Lars von Triers „Element of Crime“ angeschaut haben, wissen wir aber, wie es gemeint ist: Alles ist uns möglich, wenn die Umstände es mit sich bringen. Keine tröstliche Einsicht, aber eine, der wir uns besser stellen, wen wir  nicht jeden Tag staunend vorm Bildschirm sitzen und auf die Welt schauen wollen als einer Sache, die wir nicht begreifen, weil wir uns selbst nicht begreifen. Selbstverständlich sind nicht alle Menschen korrumpierbar oder fanatisch, aber es sind zu jeder Zeit und an jedem Ort genug davon da, um den Weltenbrand nicht ausgehen zu lassen. Am besten motiviert ma Menschen, die gedankenlos und / oder gewaltbereit sind mit Ideologien. Manchmal, und das sehen wir in „Grenzfall“, reichen schon kleinere Geld- oder Sachzuwendungen.

Damit treffen wir uns wieder über die Grenzen hinweg, wenn wir an die Opfer der Grenzen denken: Wie leicht mag es gewesen sein, charakterlich nicht vollkommen feste Menschen zu Stasi-IMs der DDR zu machen, wenn man ihnen zusätzlich noch etwas versprochen hat, was andere vielleicht nicht erhielten? In einem Staat, der materiell nicht viel, dafür einige Privilegien zu vergeben hatte? Und wie klein kann der Schritt manchmal sein hin zum Wegschauen von den ganz üblen Dingen und dann, letztlich, machen wir sogar bissl mit, weil alle es mehr oder weniger tun?

Das Ende dieses sehr stimmungsvollen Tatorts ist beinahe versöhnlich, daran merkt man den Balkan mehr als an der im Vergleich zur innerdeutschen Grenze etwas  anderen Umgangsweise, die es zwischen Waldviertel und Tschechien möglicherweise gegeben hat. Da ist schon eine Melancholie, die wir auch gut kennen, aber letztlich gibt es keine echten Schuldigen, wenn man von den bösen Instruktoren aus dem bösen Kommunismus absieht. Es gibt Verführte und Opfer, und natürlich sind die Verführten auch Opfer. Man hat am Ende mehr Mitleid mit ihnen als mit denen, die sie in die Hände der Geheimdienstler lieferten. Denn die Toten, die sind alle nicht greifbar, wohl aber die letzten Täter, die sich zu Gutmenschen gereut haben oder alte Autos mit den alten österreichischen Kennzeichen fahren und so unauffällig wie möglich leben, geplagt, gejagt von ihrem Gewissen, erpresst von Nachfahren alter Ost-Kader, zum Morden gezwungen. Eigentlich. Da sie das aber nicht können, müssen energische Frauen die Drecksarbeit machen, obwohl sie mit den damaligen Ereignissen vielleicht gar nichts zu tun hatten.

Ein so ernstes Thema wie dieses gehört wieder in die Reihe der historisch besonders wichtigen Tatorte, denn nicht nur das, was 1968 geschah, nachdem der Prager Frühling verwelkt war, sondern auch die Art, wie heute damit umgegangen wird, werden wir in zwanzig Jahren wieder neu zu bewerten haben, wenn kaum noch Täter und Opfer und direkte Angehörige beider Gruppen leben – so, wie heute die Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs langsam aussterben und die letzten Täter zu verfolgen,  beinahe wie Leichenschändung anmutet.

2019-09-12 Tatort 938 Grenzfall Bibi Fellner Adele Neuhauser ORF Wien
Nicht Bibis Lieblingsbeschäftigung: Recherche am Computer.

Schon seit längerer Zeit sind die österreichischen Tatorte überdurchschnittlich stark politisch. Einer der Gründe dürfte die engere Medienlandschaft sein. Es gibt nur eine Tatortschiene und bei weitem nicht die Pressevielfalt wie in Deutschland, sodass immer ein interessantes Sujet in die Tatorte eingebunden werden kann, ohne dass es, wie hierzulande, zu sehr ähnlichen Abhandlungen in verschiedenen Städten kommt. Außerdem haben die Wiener mit dem Team Eisner / Fellner zwei Ermittelnde, die tatsächlich alles in der Balance halten können, gleich, ob es eher eine Räuberpistole ist oder ein so trauriges Kapitel der jüngeren Geschichte wie das in „Grenzfall“. Man nehme ein wenig Granteln vor Glück, gibt’s der Bibi zurück, etwas Eifersucht dazu, einige witzige Figuren wie die erkennbar deutsche Archäologie-Professorin oder den Professor für Gerichtsmedizin – oder wie das entsprechende Fach heißt – und trotzdem wird der Film nicht zur Klamotte à la Münster. Sie können den Ton jederzeit variieren und der Situation anpassen, diese Geschmeidigkeit macht den Österreichern niemand nach.

Trotzdem gibt es Unterschiede  zwischen den Wiener Tatorten und die lange Schlusssequenz nach der Auflösung des Falls ist ungewöhnlich. Da gerät man schon mal ins Philosophieren darüber, ob die Klarheit über die Vergangenheit, die nun herrscht, tatsächlich ein klares Bild von dieser Vergangenheit ergibt. Wer weiß, warum in der Schlusseinstellung, als nur noch die Natur Geräusche von sich gibt, der Kuckuck aus dem Wald ruft. Vielleicht ist es jener Märchenwald, in dem sich Geschichten für Erwachsene und Kinder zutragen, in denen gefährliche Menschenjäger auf alles schießen, was sich bewegt; und dort, aus dem Fluss, der den Märchenwald durchzieht, da entsteigt ein Froschmann in böser Absicht, wie ihn Edgar Wallace nicht besser hätte erfinden können.

Fazit

Der neueste Wiener Tatort ist wieder ein guter geworden. Gerade noch so ruhig, wie das Thema ihn erfordert, mehr auf Impression denn auf Expression ausgerichtet, wenn man von den üblichen Schmankerln absieht, die vielleicht bei einem Thema wie diesem nicht sein müssten, die aber auch nicht stören und die man liebgewonnen hat, weil es sie so, wie sie sind, nur vom ORF dargereicht werden können. Die Gefahr, dass schwierige Tatbestände durch das liebenswerte Team, das die Ermittlungen in „Grenzfall“ mehr in der Tiefe als in der Breite ausschöpft, weil fürs Flächige genug anderes Personal zur Verfügung steht, ein wenig verniedlicht werden, ist nicht von der Hand zu weisen, aber besser so, als diese überzogene Zeigefingermentalität, die insbesondere in einigen norddeutschen Tatorten das grundsätzlich vorhandene Verständnis des Zuschauers für die politische Botschaft auf eine harte Probe stellt.

Unsere Wertung: 8/10

© 2019, 2018, 2015 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Sonderermittler Moritz Eisner – Harald Krassnitzer
Majorin Bibi Fellner – Adele Neuhauser
Ernst Rauter – Hubert Kramar
Max Ryba – Harald Windisch
Maria Strohmayer – Karoline Zeisler
Fritz Gassinger – Charly Rabanser
Dani Karger – Isabel Karajan
Johann Karger – Lukas Resetarits
Archäologin – Andrea Clausen
Professor Kreindl – Günter Franzmeier
Assistent Schmiedt – Marcel Mohab
Ester Tomasova – Darina Dujmic
Manfred Schimpf – Thomas Stipsits
Oberleutnant Kurz – Michael Fuith
Direktor Husak – Gideon Singer

Drehbuch und Regie – Rupert Henning  

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s