Muss #Sachsen oder ganz #Deutschland auf die #Chemnitz-Couch? (Teil 2) // #Sachsen #Chemnitz #Sachsenbashing #Maaz #Rubikon #Psychoanalyse #Psychotherapie #AfD #Nazis #Köthen

Analyse 15 / Teil 2

Muss #Sachsen oder ganz #Deutschland auf die #Chemnitz-Couch? // #Sachsen #Chemnitz #Sachsenbashing #Maaz #Rubikon #Psychoanalyse #Psychotherapie #AfD #Nazis

An einem Tag wie 9/11 ist es nicht das Schlechteste, wieder auf die Couch zu gehen und mit Teil 2 unserer gestrigen Analyse diesen Beitrag zum Abschluss zu bringen.

Hier zu Teil 1 von gestern mit dem Interview-Video.

Wir waren zuletzt angelangt bei der auffälligen Problematik der Reproduktion in Deutschland und warum Menschen, die ihre eigene Zukunft nicht fortschreiben wollen, anderen vorschreiben möchten, wie das Land in 30 oder 50 Jahren auszusehen hat und kamen bei dieser Frage heraus: Aber die Rechten müssten ja dann anders herum tendieren?

Es gibt, falls es echt ist, ja dieses Plakat von der AfD: „Neue Deutsche? Machen wir selber“, das eine schwangere Frau bzw. deren Bauch vor einem natürlich blauhimmeligen Hintergrund zeigt. Ich wüsste ja wirklich gerne mal die Fertilität nach Partei-Anhängerschaft. Ich glaube, da gäbe es manche Überraschung, aber es wird einen Grund haben, warum ich  noch nie eine Statistik dazu gesehen habe.

Aber grundsätzlich sehe ich das anders: Wieso sollten die Rechten so anders sein? Sie sind doch ein Teil des Gesamttraumas. Nur, dass sie im Osten noch das Fremdbestimmungs-und-Systemwechsel-Syndrom haben, das ich ihnen zugute halte, weshalb ich vom Westen mehr Verständnis für sie fordere als umgekehrt. Nicht für alles, aber für die insgesamt demokratiekritischere Einstellung. Die Kapitalismuskritik ist erst wieder en Vogue, seit der Nachwendeprozess einen hohen Anteil an Verlierern hinterlassen hat. Wäre die Story verlaufen wie das „Wirtschaftswunder“ der 1950er im deutschen Westen und in anderen europäischen Ländern mit westlichem Wirtschaftsmodell, wäre sowieso vieles anders geworden.

Maaz vergleicht den Zustand der Gesellschaft mit einer Krebserkrankung, die aber nicht ganzheitlich angegangen wird, sondern nur mit harten Methoden an den Symptomen behandelt wird.

Die Aktionen spalteten sich, Chemnitz betreffend, vom Grund ab. Bald ging es keiner Seite mehr um das Opfer Daniel H. und es ist leichter, Feindbilder zu bedienen, als zum Beispiel   soziale Ungerechtigkeit die ökologische Probleme zu hinterfragen, sie anzunehmen und mit ihnen zu arbeiten. Die Abstraktion von Grund und Aktion bedient besser die Abspaltung, könnte man es auch ausdrücken.

Jetzt kommt ein bisschen Kritik am System.

Ja, aber das aus ökonomischer Sicht zu tun, ist nicht die Stärke von Maaz, muss ich schreiben. Was den Billigkonsum angeht, hat Maaz einerseits Recht, aber natürlich geht das tiefer, weil ja eben viele sich hierzulande keine hochwertigen Produkte mehr leisten können – und weil die Aufstiegsstory immer neuer Länder davon zehrt, dieses nun herzustellen. Die Menschen dort hätten sonst gar keine Verbesserungsaussichten. So hingegen kommt es vielfach zu einem bescheidenen Wohlstand, weshalb ja auch die OECD behaupten kann, der freie Welthandel würde dafür sorgen, dass es immer weniger arme Regionen   gibt.

Das alte Problem Globalismus gegen – nicht Nationalismus, aber Regionalisierung mit qualitativer Aufwertung, notabene höheren Kosten für das Produkt ist nicht so simpel. Darüber nachzudenken, ist sogar enorm schwierig, weil es niemals Gerechtigkeit geben wird, in dieser Sache. Alles Gute hat auch einen Nachteil, solange Menschen überhaupt noch als Wirtschaftssubjekte agieren. Ich bin trotzdem optimistisch, dass ein besseres Links möglich ist, das ökologischeres Wirtschaften bei weniger Ausbeutung der ärmeren Länder ermöglicht. Muss zum Beispiel die EU beim neuesten Handelsabkommen, das sie mit Ostafrika schließen will, schon wieder nach dem alten Muster verfahren, dass sie ihre landwirtschaftlichen Produkte besser dorthin verkaufen und die regionale Produktion damit vernichten kann? Das ist schon so Old School. Das Thema der Harmonisierung durch Regionalisierung hat also ebenfalls zwei Richtungen.

Nur Beziehungen sind besser als Konsum.

Das wiederum finde ich super. Das muss ein in ein griffiges Degrowth-Motto gepackt werden. Die Beziehungskultur in den Mittelpunkt stellen, dann haben wir auch keine Angst mehr vor materiellem Verzicht. Der ja nicht bedeutet, dass wir in die Steinzeit zurückgehen, wie einige – ja, Abgespaltene es gerne darstellen, wenn berechtigte Kritik an der Konsumhörigkeit aufkommt. Es geht ums Gezielte und um mehr Qualität statt Quantität und dafür müssen Menschen (wieder) mehr Teilhabe erhalten. Alle Menschen, egal welchen Hintergrund sie haben.

Globalisierung bedeutet Entfremdung dadurch, dass wir den Produktionsprozess und das Blut, das daran klebt, nicht mehr sehen? Schweine wurden früher auch im eigenen Hof geschlachtet und die Ausbeutung vor Ort wurde von den wenigen, die damals konsumieren konnten, zumindest gerne genommen.

Das meine ich, Maaz geht da etwas steil. Er folgt der Erkenntnis, dass unsere Empathie für die Opfer von Kriegen, Katastrophen etc. mit der Entfernung abnimmt. Ob das für Vorgänge im Produktionsprozss auch gilt, müsste man mal ernsthaft diskutieren. Denn Menschen und Produktionsmittel, auch wenn diese lebendig sind, betrachten die meisten von uns eben noch nicht als gleich. Auch Pflanzen sind übrigens lebendig, sie schreien nur nicht, wenn sie getötet werden. Deswegen darf man den Bogen hier auch nicht überspannen.

Wir kommen auf das Grundproblem der meisten Menschen. Mangel an Empathie.

Verkümmerte Empathie als Folge des erziehungsbedingten Entfremdungsprozesses. Die Grundlage zur Empathie fehlt. Für die eigene Person und in der Folge für andere. So kommt es dazu, dass um ein Mordopfer nicht getrauert wird, sondern von allen Seiten eine politische Instrumentalisierung stattfindet. Das ist absolut schlüssig. Und dabei kommt es auch nicht auf die Reihenfolge an, in der instrumentalisiert wird. Dieser Mangel an Empathie wird den meisten Menschen anerzogen. Und wenn ich einigen Biowissenschaftlern / Biogenetikern glaube, dann hat das erschreckende Langfristfolgen, weil eben doch nicht jeder Mensch sozusagen ohne Betriebssystem zur Welt kommt, sondern die Erfahrungen der Vorfahren sich bereits auf ihren Genen „abgelagert“ haben. Wie das biochemisch abläuft, weiß ich nicht, aber ich kenne diese Meinung durch Kontakt mit einem Biogenetiker, der in den USA forscht. Wer dann sehr utilitaristisch drauf ist, zieht einen fatalen Schluss: Wenn man seine Kinder maximal trimmt und konditioniert, schafft man eine neue Superintelligenzdynastie, denn auch die Intelligenz erfährt ja dann nicht mit jeder neuen Generation ein Reset.

Das würde ja dafür sprechen, dass die Traumata nicht nur per Erziehung der Kinder von Generation zu Generation weitergegeben werden, sondern geradezu vererbt werden.

Ich lasse das hier offen. Wenn, dann natürlich in abgeschwächter Form und natürlich kann man durch Therapie etwas erreichen und den Teufelskreis durchbrechen. Dazu muss man aber, wie Maaz u. a. sagt, Krankheit als Chance begriffen haben. Aber eines ist doch sicher: Die Menschheitsgeschichte ist eine Kette von Gewalt und Grausamkeit, das legen wir nicht einfach so ab wie einen alten Mantel.

„Herz statt  Hetze“ wird  als missbrauchter Spruch gekennzeichnet, weil ja eigentlich zurückgesetzt wird und die Forderung, stattdessen nicht nur miteinander zu reden, sondern das auch noch auf Augenhöhe und ohne Wertungen.

Empathie ist etwas zutiefst Christliches, weil sie erfordert, nicht zurückzuschlagen, sondern die Not zu erkennen und auch mal die andere Wange hinzuhalten. Okay, Letzteres muss vielleicht gar nicht sein, aber – auszuweichen und Dialog anzubieten.

Dafür muss die eigene Empathie aber schon sehr weit entwickelt sein. Ich bin geneigt zu sagen, da muss man Profis oder doch sehr stabile Amateure ranlassen, die eine sehr gute Intuition haben. Es ist nicht für jeden, wirklich in die Auseinandersetzung zu gehen mit dem festen Vorsatz, dass beide hinterher besser und freier rauskommen, als sie reingegangen sind.

Maaz beschreibt ja, dass eine Therapie vor allem anfangs auch sehr konfrontativ verlaufen kann und vergleich das damit, dass man Übergriffe gegen andere, in Chemnitz gegen Menschen mit Migrationshintergrund, auch so behandeln muss: Das Verbot von Nazi-Insignien und -gesten und die Bestrafung von Gewalt sind sozusagen dem therapeutischen Ansatz vorgelagert und unabdingbar.

Das sehe ich auch so. Aber es ist Aufgabe des Staates, der das Gewaltmonopol hat und ausüben sollte. Wenn wir gegen Nazis auf die Straße gehen müssen, stimmt eigentlich schon etwas nicht, denn unsere Rechtsordnung zieht da klare Grenzen und wenn die Exekutive und die Judikative sie bewahren, kann es nicht zu öffentlichen Nazi-Aufmärschen mit offen verfassungswidrigen Darstellungen oder gar Handlungen kommen, ohne dass das Folgen für die Marschierer hat. Manches ist sicher auch eine Frage der Handhabbarkeit, etwa bei spontanen Zusammenrottungen, aber von mir generell gemeint.

Was ist mit Anti-AfD-Demos?

Ja, jeder ist in Definitionsproblemen gefangen, der etwas tiefer geht. Ich bin persönlich wütend auf Menschen wie von Storch, das ist meine Lieblings-Anti-Politikerin. Wegen ihrer permanenten  Hetze. Sie und einige andere, wenn die öffentliche Versammlungen bei mir in der Nähe abhalten würden, also – ja. Aber ich schrieb bereits über meine zwiespältigen Gefühle bei Anti-Merkel-Demonstrationen, gegen die wir dann wieder auftraten. Und ich weiß, dass dies eigentlich nicht demokratisch ist und die AfD ist nicht verboten. Ich muss mal was aus meiner Erinnerung einflechten.

Der erste Bundestagswahlkampf, den ich bewusst erlebt habe, war 1983, Kohl gegen Vogel. Ich habe mir in der Saarlandhalle beide angehört. Während der Kohl-Veranstaltung kam es zu massiven Störungen von „links“, bei Vogel hingegen zeigte sich kein einziger JU-ler als Gegenstörer. Wer ist also nun toleranter und demokratischer? Kohl, bei all seinen Fehlern, war sicher kein Nazi, wurde aber attackiert – wie Merkel in Sachsen, kann man sagen. Nur eben von „links“. Mir hat diese Anti-Kohl-Hetze die Linkswerdung nicht gerade erleichtert, weil ich das Gefühl hatte, dann auf der falschen Seite zu sein – rein emotional und mein Gerechtigkeitsgefühl betreffend, nicht ideologisch.

Aber es ging doch um den Kampf gegen das neue Zeitalter der „Sozialen Kälte“.

Dass ausgerechnet eine SPD mit diesem eiskalten Schnösel Helmut Schmidt an der Spitze sowas sagt, empfinde ich aus heutiger Sicht und angesichts der späteren Politik von Schröder und dem, was sie bis heute zeigt, schon fast wieder als folgerichtig. Aber die SPD muss ihre eigenen Traumen aufarbeiten, die sich daran zeigen, dass sie solche Politiker an ihre Spitze gewählt hat – es wird höchste Zeit, wenn sie nicht ganz verschwinden will. Erste Hoffnungszeichen gibt es ja. Hoffentlich reichen die aus, damit die weniger nah am politischen Puls der Zeit angesiedelte Mehrheit sie überhaupt mitbekommt.

Aber wenn man das liest: Da ging es ja in der BRD auch nicht viel friedlicher zu.

Das habe ich nicht behauptet. Ich schrieb vielmehr, wir sind eine aggressive Generation, weil wir aus Familien kommen, die einige Jahrzehnte vorher sehr stark in irgendeine Richtung positioniert waren, um es mal so auszudrücken. Die alle mehr oder minder stark vom  Krieg beeinfluss waren. Und von der Schuld am Holocaust natürlich. Die aggressive Gegenreakton der 1968er war folgerichtig und natürlich sind die Linksradikalen in abgespaltenen Systemen großgeworden. Wäre sonst der terroristische Zweig denkbar gewesen oder diejenigen, die in den Heydays der Nacht zum 1. Mai die halbe Berliner Innenstadt verwüsteten?

Im Vergleich zu diesen Schlachten gegen eine als repressiv angesehenen Staatsmacht gegen aufgewühlten Mob ist Chemnitz, mit Verlaub, eher eine kleinere Sache und auch da sehe ich wieder ähnliche Motive, unabhängig von der „Richtung“. Ich denke in solchen Fällen aber nicht in Dimensionen, jeder Übergriff steht für sich selbst.

Trotzdem oder gerade deshalb: Wir sollten mal im Westen ein wenig zurücktreten und überlegen, wie das bei uns so war, als die Demokratie 20 oder 30 Jahre alt wurde oder auch 40. Selbst wenn man heute in Berlin unterwegs ist, spürt man es noch ein wenig, ich kenne das Myfest ja mittlerweile. Und wenn wieder die Autos brennen, von „links“ abgefackelt – ich möchte nicht wissen, wie viele das heimlich beklatschen  oder wie viele Grüne sagen, super, wieder eine CO²-Schleuder weniger. Das ist Quatsch, es hilft lediglich den Händlern, wegen der Ersatzbeschaffung. Es ist also auch noch  kontraproduktiv, ökologisch gesehen.

Aber die eigenen Aggressionen, die werden dadurch kanalisiert, auch wenn man selbst nicht mitmacht. Ein bisschen Pogromstimmung hat noch keinem geschadet, der gerade politisch hyperventiliert. Und jetzt frage ich: Wo ist der grundsätzliche Unterschied zwischen ausgebrannten Autos und eingeschlagenen Scheiben jüdischer Geschäfte, womit ja damals alles anfing, sich offen zu zeigen? Feindbilder und ihre Symbole oder ihr Eigentum. Das ist der gemeinsame Nenner. Der Hauptunterschied in der Brutalisierung ist die Geschwindigkeit. Jetzt könnte man mehr gegensteuern, weil es nicht so rasend schnell geht wie ab Ende der 1920er. Es hat sich also etwas verändert, das man nutzen könnte.

Und wegen all dem ein Plädoyer für Differenzierung.

Nicht für Nazis sind super, ich ärgere mich auch gerade, dass ich das hier vorsichtshalber wiederhole, weil es ja auch schon eine Wirkung des ständigen Drucks von der eigentlich falschen Seite darstellt, aber von mir aus dann doch.
Aber mindestens für die 75 Prozent Sachsen, die nicht AfD wählen und dann finde ich es richtig, dass meine Partei versucht, weiter 15 Prozent zurückzuholen. Ohne ein Angebot echt solidarischer Politik und von Gesprächen wird das aber nicht möglich sein. Im Prinzip kann man sogar sagen: Unsere fürs wirklich Bessere kämpfenden Genoss_innen vor Ort müssen das geradebiegen, was Hetzer von allen Seiten anrichten, obwohl sie ja auch nur Menschen sind und jedem Tag einem inneren Druck ausgesetzt.

Das, was sie sehen, und das, was sie politisch vertreten, wozu sie sich also entschlossen haben, die Erzählung über sich selbst, die sie in die Tat umsetzen wollten, als sie sich dieser politischen Richtung zuwandten, kann aber nicht immer ein stressfreies Leben ermöglichen. Oft muss der mit der Zeit nicht seelenfördernde Abspaltungsmechanismus greifen und man fängt an, einseitig und teilrealitätsblind zu werden. Aber man ist nicht so in der Beobachterrolle angesiedelt, für die man eigens aufs moralische Dach der Welt klettert, um möglichst weit von den Subjekten da unten entfernt zu sein und sie nicht mehr als Individuen wahrzunehmen – das macht einen erheblichen Unterschied. Deswegen kann ich mir vorstellen, künftig noch stärker dagegenzuhalten, wenn wieder jemand sich verschnöselt und alle Sachsen oder andere Gruppen pauschal  runtermacht, für die offenbar nicht gilt: Die Herkunft zählt nicht, nur der Mensch.

Das klingt jetzt auch aggressiv.

Jede Empathie ist mal aufgebraucht, warum sollte das bei mir anders sein?  Und ich bin kein Therapeut, der sich ständig und jederzeit wieder selbst einfangen oder supervidieren lassen kann. Oft geht es ja nur so, dass dann nochmal jemand drüberschaut, der nicht so direkt mit allem befasst ist. Was ich tun kann, ist, in Ruhe und nicht immer direkt zu antworten. Das führt bei diesem Beitrag beispielsweise zu folgender Handhabe: Bei der ersten Überarbeitung habe ich schon einen Absatz gestrichen, der auch ziemlich in die Grütze gegenüber Landsmannschaften gehauen hat, deren Mitglieder mir oft besonders herablassend und diskriminierend aufzutreten scheinen und heute fällt noch ein weiterer Teil weg, indem ich mich darauf bezogen habe, warum ich damit so ein Problem habe, dass andere solche Probleme mit ihrem Empathiemangel offenbaren. Dadurch wird diese Passage viel neutraler und das tut richtig gut. Und ich kann mir wieder sagen: Ich will ja nicht spalterisch sein, sondern um Verständnis werben.

Maaz haut allerdings auch selbst in die Jammerossi-Kerbe, mit den wenigen Führungskräften.

Dass es überall so wenig Ostdeutsch als Führungskräfte gibt, nehme ich persönlich weniger wahr, aber richtig ist sicher, dass viele Menschen, die 1990 hinzugekommen sind, nie richtig in der BRD Fuß gefasst haben und natürlich ihre eigene mangelhafte Integration nun auf die neuen Immigranten projizieren. Die Gründe dafür sind oben und im Interview erwähnt.

Wir haben also etwas vor uns, was vom Mainstream als Mangel definiert ist und – durch eine andere Konditionierung in der DDR erzeugt wurde. Diese Konditionierung, die typische deutsche Eigenschaften wie eine doch manchmal zu große Anpassungsbereitschaft verstärkt hat. Untertanentum, wie es vor allem in Preußen en Vogue war, nicht die von mir geschätzte notabene südwestdeutsche Kompromissbereitschaft, die effizient und wenig hierarchisch zugleich ist. Manchmal muss eben doch ein kleiner Ausschluss sein. Aber dass Totalbashing mit Totalitarismus zu tun hat, das ist nicht so schwer zu erkennen. Dabei sollten wir in Deutschland doch besonders vorsichtig mit Gruppendiskriminierung sein.

Im Osten war man stärker beziehungsorientiert, sagt Maaz, im Westen stärker am Materialismus interessiert.

Aus der Westposition kann ich natürlich analysieren, dass die stärkere Beziehungsorientierung im Osten auch eine Kompensation des materiellen Mangels war. Viele Beziehungen kamen ja durch Austausch-Nachbarschaftshilfe zustande. Und die Scheidungsquote war in der DDR auch enorm hoch. Ich habe verstärkt mit Menschen aus Ostdeutschland zu tun, seit ich 2007 nach Berlin gezogen bin, zuvor handelte es sich nur um wenige Kontakte. Heute ergibt sich für mich ein äußerst komplexes Bild und auch ein widersprüchliches. Aber dass heute im Osten etwas von dem Misstrauen ist, das die DDR-Bürger gegen die Obrigkeit entwickelt hatten und ein stark ausgeprägtes Abgrenzungsdenken, dem ich auch hin und wieder ausgesetzt war, kommt jetzt auch stärker gegen die aktuelle Politik zum Tragen und auch vom Antikapitalismus ist natürlich etwas hängen geblieben, da hat Maaz sicher Recht.

Wir Westler hinterfragen das System generell viel weniger, weil wir längere Zeit gut damit gefahren sind. Für mich war der Weg zur Systemkritik ein langer und nicht einfacher und es gibt immer wieder Fragen auch an diese Kritik und wie sie intendiert ist und nicht nur an das System selbst. Dieser Prozess ist lange nicht abgeschlossen – aber über den durchschnittlichen Genossen in der LINKEn bin ich schon hinaus, glaube ich und sehe manches grundsätzlicher und weniger – sic! – angepasst. Was nichts anderes bedeutet, dass ich auch zu einer kleinen Minderheit rechne, die es schwer hat, sich  Gehör und Anerkennung zu verschaffen.

Das ist es doch, was Maaz der LINKEn ins Stammbuch schreibt: nicht mehr kapitalismuskritisch genug zu sein, um den Sound zu treffen, den die Ostdeutschen jetzt bräuchten.

Also eine Bestätigung für mich? Jedenfalls: ich verstehe die Menschen dort vielleicht einen Tick besser als mancher andere, der nicht bis zur Frage ans System gekommen ist. An uns im westlichen Bezirk Tempelhof-Schöneberg liegt’s übrigens nicht, bei uns gibt es noch echte Sozialisten und sogar Menschen mit deutlicher kommunistischer Prägung, aber gerade die  Ost-Landesverbände sind erstaunlich anpassungsorientiert und  – da wir eben schon was über die DDR gelernt haben, woran liegt das wohl? An einem übergroßen Anpassungswillen, der dort nie durch wilde 68er in dem Maß aufgebrochen werden konnte wie hüben? Sind wir im Westen ausgleichsweise nicht solidarisch genug mit den eigenen Leuten? Das werden wir hier nicht alles klären können, weil wir weitere längere Beiträge voraus haben, die geschrieben werden wollen. Aber man kann ja schrittweise vorankommen.

Aber Maaz ist doch „Aufstehen“ gegenüber positiv gestimmt.

Da musste ich doch laut und herzlich lachen: Maaz ist ein Wagenknecht –Fan. Irgendwie hatte ich   die ganze Zeit schon den Eindruck, das Gespräch ist so aufgebaut, dass es darauf hinauslaufen könnte. Und dann dieser schlaue Blick in die Kamera, nach dem Motto: Das hab ich jetzt fein hingekriegt, Rubikon, oder? Ja, wir sind eben alle nur Menschen und irgendwie auch durchschaubar – als Psychotherapeuth müsste er aber auch die Tücken des Projekts sehen können.

Dies ändert nichts daran, dass das Interview viele interessante Aspekte beinhaltet. Die sind mir zwar größtenteils nicht vollkomemn neu, weil ich mich  mit der Thematik natürlich via Verortung in einer zudem noch immer ostdominierten Partei und dem Schreiben über Politik schon länger beschäftige und natürlich ist es schön, die eine oder andere Ansicht bestätigt zu bekommen. Da ich diesen Beitrag sozusagen in der Verfolgung schreibe, weiß ich überhaupt nicht, wie das Interview enden und ob es meinerseits noch zu Proteststürmen kommen wird (Anmerkung: im Wege der Redaktion so umgestellt, dass Frage nach dem „AfD-Versteher“ nun weiter oben angesprochen wird, obwohl sie erst am Ende aufkommt).

Man merkt, dass Maaz sich auch viel mit Beziehungen beschäftigt hat. Also mit Zweierbeziehungen in einer Lebenspartnerschaft.

Aggressionen suchen sich Feindbilder, wenn sie nicht sublimiert werden können. Partner können nicht Wünsch erfüllen, die Eltern nicht erfüllt haben, weil sie die Anerkennung verweigert oder nur nach einer von der eigenen Persönlichkeit abspaltende Konditionierung gewährt haben. Abreagieren an einem Unschuldigen und damit raus aus der Opfer- in die Täterrolle ist dann häufig zu beobachten. Auf diese Weise werden auch kleine Verfehlungen in einer Beziehung aufgebauscht. Gefühlsstau wirkt nicht nur privat, sondern auch gesellschaftlich. Drogenkonsum als Sublimierung – und wenn das nicht gelingt, ist man verstärkt mit seinem Stau konfrontiert. Ich vermute, jeder der mal einen Entzug gemacht hat, wird das kennen. Vielleicht ist auch die politische Edukation und Therapie etwas wie ein Entzug, den man durchstehen muss, um ins Licht der Erkenntnis zu gelangen.

Nun aber doch die Chance – das Land ist krank und wenn es das weiß, kann es endlich zur Therapie gehen. Eingeständnis der Krankheit als Erlösung.

Zwischenzeitlich hatte ich etwas darüber nachgedacht und instinktiv den Kopf geschüttelt, als gesagt wurde: Menschen kommen ja  erst zur Therapie, wenn sie krank geworden sind, wenn es ausgebrochen ist – und ob das auch für die Gesellschaft gilt, aus der es mehr und mehr herausbricht. Denn man muss ja dann auch zum Arzt gehen, und da die einen sich davor fürchten und die anderen eigentlich auch, weil sie merken könnten, dass  auch ihr ethischer Geltungsanspruch etwas Antidemokratisches, Ausschließendes und Aggressives hat, wird es eben schwierig werden. Mal sehen, wie  es jetzt im Interview weitergeht.

Ohne einen therapeutischen Ansatz sind Erkrankungen der Gesellschaft ebensowenig zu lösen wie individuelle, sagt Maaz.
Siehe oben: Die Therapie kann auch mit harten, in dem Fall staatlichen Maßnahmen beginnen. Aber dann muss diskriminierungsfrei Verständnis aufgebaut werden und eine angstfreie Zone geschaffen werden, in der Öffnung und Veränderung überhaupt möglich ist, weil der falsche Weg, den man gegangen ist, nur so zu verändern ist. Ohne die Angst vor Neuem. Der beschriebene steinige Weg der Veränderung ist ja eigentlich ein besonders honoriger, weil viele einfach weitermachen und ihre Aggressionen weiterhin bei anderen abladen und das auch noch für State of the Art im Ethik-Business halten. Niemand verändert sich gerne freiwililg, sagt Maaz. Nicht erzwungenermaßen und das ist etwas anderes als die optimistische Neugier, die aus einer Position der gefühlten Stärke heraus kommt – bei jungen Menschen, die auch Risiken ganz anders bewerten, so sie es denn überhaupt schon können, als ältere.

Dass das einander Kennenlernen besonders wichtig ist, ist klar, vor allem, wenn man nicht freiwillig im selben sozialen Raum lebt. Und dass man Angst vor Fremden hat, ebenfalls. Diese Angst ist archetypisch, die sogenannte Grundoffenheit ist nicht grundsätzlich vorhanden, sondern kulturell antrainiert. Angst wird durch den Austausch der Geschichte, das Motiv abgebaut. Neugier ist ebenfalls archetypisch, aber es macht einen großen Unterschied, ob man seine Neugier aktiv befriedigen kann, etwas durch  Reisen, um das Fremde kennenzulernen, oder ob man es durch fremde Entscheidungen – eben – fremdbestimmt erlebt.

Damit sind wir am Ende – dieses Interviews. Nicht am Ende der Fragen, der Diskussion und leider auch wohl nicht am Ende von Hass und Gewalt. Aber trotzdem eine Frage – wären wir denn bereit, uns reinzustürzen und mit Rechten oder mit Geflüchteten zu arbeiten, um sie zu integrieren?

Ich habe nicht umsonst von Profis gesprochen. Vielleicht auf eine Weise, die mir das Reinwachsen in diese andere Rolle erlaubt, aber sicher nicht im Sinn von „reinstürzen“ und das hauptberuflich machen, was ja auch eine große Umorientierung wäre. Und die Veränderungen: Genau, die machen schon auch Angst. Es nicht zu bewältigen beispielsweise, fachlich oder mental oder Letzteres aus Ersterem resultierend. Aber ich bin sowieso viel dichter dran als noch vor zwei, drei Jahren. Alles andere ist offen und – darum auch spannend. Was ich weiß, ist, dass ich nicht mit lauter Vorurteilen ganz vorne im Kopf anfangen kann, aber auch nicht ohne Problembewusstsein. Sonst lässt sich ein Phänomen nicht vernünftig analysieren und schon gar nicht bekämpfen.

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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