Die Heilige – Tatort 774 / Crimetime 70 // #Tatort #TatortMünchen #München #DieHeilige #Batic #Leitmayr #München #BR

Crimetime 70 - Titelfoto © BR, Kerstin Stelter

Das da, rechts, das war die Zelle vom Hitler und da hinten, da haben sie die Sophie Scholl eingesperrt

Der letzte Tatort, den wir gesehen haben, und der im Gefängnis angesiedelt war, war eine Erstausstrahlung aus Frankfurt und hieß „Wer das Schweigen bricht“. Da gab es großartige Szenen, vor allem am Anfang, doch dann verlor sich die dichte Atmosphäre und die Gefängniswelt trat in den Hintergrund.

Nicht so im Jahr 2010 beim Bayerischen Rundfunk, als sie einen Tatort im berüchtigten und traditionsreichen Gefängnis Stadelheim gedreht haben. Hier geht es von der ersten bis zur letzten Minute um Knackis und ihre Wärter und natürlich tauchen der sozialempathische Batic Ivo und der etwas rauere Leitmayr Franz, die Leitfiguren unter den Tatort-Ermittlerin, sehr penibel in diese Welt ein, weil sie den Mord an einem Insassen aufzuklären haben.

Dieses Mal steht der Franz ein wenig im Vordergrund, hat etwas mehr zum Reden und Agieren als sein Kumpel und Kollege Ivo, weil zur Art vom Franz und seinen methodischen Ansätzen diese verschwiegene Männerwelt schon ganz gut passt. Da muss er auch beim Befragen, und wie man an Informationen kommt, nicht immer legal sein, da kann man auch mal was erzwingen, indem man einen Aussageverweigerer in eine Zelle mit einem notorischen Gewalttäter steckt. Denn es ist ja so, diese ganze abgeschirmte Welt hinter dicken Mauern, die ist ja nun einmal eine Ansammlung von Typen, die ziemlich illegale Sachen gemacht haben, bis sie von den Hütern des Gesetzes erwischt und von den Rechtsprechern der vermutlich gerechten Strafe zugeführt wurden. Warum soll es aber hinter diesen Mauern nicht so weiterlaufen, wie es vorher schon war, nämlich so, dass die Bösen eines Tages noch böser rauskommenw werden und die Besserungsfähigen von den Bösen so angesteckt werden, dass ihnen die Besserungsfähigkeit verlorengeht, in son einem Knast?

Egal, was du vorne reinstecktst, hinten kommt nur Scheiße raus, sagt Langzeitknacki und Mehrfachmörder Charly . Nicht nur deswegen, weil sie in einem schrecklichen Kellerbüro mit Kloschüsseln ihre Einsatzzentrale aufgeschlagen haben, Klos, aus denen schon mal Ratten kommen, werden die Ermittler, vor allem der Franz, selbst im Verlauf ein wenig rattig und passen sich der Umgebung an, in der Art, wie hier nach der Wahrheit über den Tod des Junkies Schuster geforscht wird.

Handlung

Die Männer auf den Wachtürmen der Münchner JustizvollzugsanstaltStadelheim sind in Alarmbereitschaft. Entfernt ist leiser Stadtverkehr zu hören. Die Eingangsbereiche des großen Areals sind verdeckt. Graue Fassaden aus Waschbeton, darauf auffällig große weiße Nummern. Gezackter Stacheldraht begrenzt den Horizont. Von ferne tönenPolizeisirenen. Das Gefängnis gilt als ausbruchssicher. SEK-Männer besetzen den langen Flur zu Haus Nord. Tumult in den Gängen.

Der GefangeneNic Schuster hält seinem Mithäftling CharlyBause einen Schraubenzieher an die Kehle. Er fordert von Gefängnisdirektor JosefBeringer, die MünchnerHauptkommissare IvoBatic und FranzLeitmayr sprechen zu können. Die haben ihn schließlich vor Jahren ins Gefängnis gebracht.Batic undLeitmayr rasen herbei. Sie haben weitgehend freie Hand.Behringer bleibt besonnen. Die JVA-Beamtin MarieHoflehner und ihre Kollegen Beckmann und Reisig handeln in bewährter Routine.Doch langsam wird klar, dass das bisher Undenkbare passieren konnte – ein Ausbruch: Hassan Adub, 29, halb Algerier, halb Franzose, ist auf der Flucht.

Der Mann läuft irgendwo in München herum. Mit welchem Ziel? Dazu kommt eine neue fürchterliche Entdeckung: Nic Schuster ist tot – gestorben an Rauschgift. Von nun an herrscht Panik. In einem Waldgebiet kann Hassan Adub die Anstaltskleidung wechseln. Seine Flucht ist offenbar minutiös vorbereitet. Kriminalhauptkommissar Leitmayr bezieht ein improvisiertes Büro im Knast. Er befragt alle möglichen Zeugen, darunter Igor, den Russen, und Han Troung, den cleveren Vietnamesen, letzteren natürlich in Begleitung seines Anwalts. Die Ausbeute der Aussagen erweist sich als dürftig. Zur gleichen Zeit ermittelt Ivo Batic unter Hassan Adubs alten Bekannten im Münchner Bahnhofsviertel. Günni, Tom-Tom und Denis haben vor drei Jahren die halbe Maxvorstadt mit Drogen versorgt. Hassan wurde überführt und saß ein – als einziger.

Was niemand weiß, ist, dass die immer korrekte JVA-Angestellte Marie Hoflehner ihre Existenz aufs Spiel gesetzt hat, um dem Gefangenen Hassan seinen Traum von einem freien Leben in seiner Heimat Algerien zu ermöglichen. Doch Hassan, glücklich in Freiheit, verfolgt hochkonzentriert und entschlossen seine eigenen Ziele. Die Liebe von Marie wird auf eine schwere Probe gestellt.

Trailer

Rezension

(Die Rezension enthält Hinweise zur Auflösung!)

Zwar hat der Film mit dem Thema Einheit gar nichts zu tun, obwohl er am 20. Jahrestag der Deutschen Einheit uraufgeführt wurde, dafür ist er aber formal sehr einheitlich und auch beeindruckend gefilmt. Die Parallelmontagen und Gegenschnitte, die Verknappung durch Weglassen von Teil-Bewegungsabläufen, die zeitweiligen Tele-Einstellungen und die griesig-gelblichen Rückblenden machen „Die Heilige“ sehr stylisch. Man muss das nicht mögen, wir mochten es aber, unser Daumen geht bezüglich des Formalen hoch, weil das ein wenig Extravagante konsequent durchgezogen wurde und uns nicht gestört hat. Wir finden, es erhöht die Dynamik eines Krimis, der eher in engen Kammern und mit Gittertüren in Sektoren unterteilten Fluren spielt, als dass er weite Panoramen in Form von bayerischen Naturlandschaften zeigen würde – wobei die meisten Krimis der Bayern genau das nicht haben, weil sie in München spielen. Nur ab und zu gibt es Ausflüge in die schöne Natur.

Draußen in der Freiheit ist man halt auch gefangen. Da gibt es zum Beispiel den Hassan. Um ihn dreht sich vieles in der Geschichte. Er sitzt seit sechs Jahren ein und haut ab, mit Unterstützung eines anderen Gefangenen und einer Aufseherin, und kann dann, als er draußen ist, gar nichts mit diesem Geschenk anfangen, das sogar eine Bahnkarte südwärts beinhaltet. Mit der Fahrkarte könnte er bis ans Ende Europas fahren und dann übers Mittelmeer in die maghrebinische Heimat. Aber was tut er? Er schlachtet einen Ex-Kumpel, mit dem es noch was abzurechnen gibt, und tritt die gute Fee, die ihm so geholfen hat und mit ihm geschlafen hat, buchstäblich mit Füßen. Der Mann ist kaputt gegangen hinter Gittern und ganz verroht, so wie eben alle, die es dort längere Zeit hausen.

Man kann dieses Mal wirklich nicht sagen, dass die PC überwiegend beachtet wurde, denn eine solche Darstellung eines Migranten geht nicht. Wenn aber doch, dann in Bayern, wo sie so ein eigentümliches Selbstbewusstsein haben, die Dinge so bauernschlau zu  zeigen, wie man sich sowieso ganz geheim denkt, dass sie sind, nämlich in der Form, dass es solche und solche Menschen in allen Ethnien hat. Da muss man als mündiger Bürger aber schon sehr weit, sehr abgeklärt sein, um nun aber auch ja keine Klischees zu beschreien.

Dafür ist aber dieser Knast selbst ein Klischee. Weil nämlich, wie wir bereits erwähnten, da nur Scheiße rauskommt und Leute, die als halbwegs intakte Soziopathen einfahren, als  dekonstruierte Wracks rauskommen – oder sie werden gleich von Mitgefangenen umgebracht, wie eben dieser gewisse Schuster, der sich zuvor noch auf vollkommen blödsinnige Art durch Geiselnahme den Weg in die Freiheit bahnen wollte. Wenn der mal gewusst hätte, dass er damit seinem späteren Mörder in die Quere kam, der ihn nicht in der Aktion Hassan mit nach draußen schleusen wollte!

Der Film macht es uns bezüglich seiner Haltung nicht ganz leicht, es gibt auch zu Leitmayrs Ermittlermethoden keine didaktische Aufbereitung in Form einer Diskussion mit Kumpel Ivo; das ganze Szenario wird auf eine unkommentierte Weise an den Zuschauer vermittelt. Da ist nicht einmal Sozialromantik drin oder sowas wie das Gefühl, dass es gut ist, dass es eine Aufseherin wie die Marie, also die Hl. Maria, gibt, die einem Typ, an den sie dummerweise glaubt, den sie sich emotional zurechtgelegt hat, unter grober Verletzung ihrer Dienstpflichten den Weg nach draußen bahnt, im Verein mit dem hartgesottenen, desillusionierten, aber irgendwie eben doch ziemlich intakten Kollegen Charly. Eigentlich ist er der Beweis, obwohl er das Gegenteil behauptet, dass man in einer JVA Mensch bleiben kann.

Anneke Kim Sarnau spielt die Marie Hoflehner sehr intensiv. Als erfrischend unprätentiöse LKA-Beamtin Katrin König im Polizeiruf 110 Rostock kennen wir sie und müssen uns erst daran gewöhnen, dass diese Darstellerin einer robusten, charakterlich stabilen Polizistin uns nun als eine Vollzugsbeamtin mit Helfersyndrom und der Tendenz zur Idealisierung ihrer Gefangenen gegenübertritt. Spannend ist die Frage, ob ihre Rolle mit einer etwas ätherischer wirkenden Schauspielerin besser besetzt gewesen wäre. Vielleicht hätte man sich sofort darauf eingelassen, dass ein solcher Mensch Gefühle für einen gutaussehenden Gefangenen entwickelt und vor allem ihm unter Missachtung sämtlicher Dienstpflichten den Ausbruch organisiert. Andererseits muss ein Typ ja auch als JVA-Aufseherin glaubwürdig sein. Insgesamt gelingt Sarnau der Spagat zwischen der gefühligen Frau und der Frau in einer gefährlichen Männerwelt gut – die Figur Marie scheitert an diesem Widerspruch zwischen ihren Gefühlen und ihren Pflichten und dem Mitleid und der nicht vollzogenen Abhärtung gegenüber dieser archaischen Gemeinschaft.

Diese manifestiert sich am besten in den grandios gefilmten Gefängnsidruckerei-Szenen mit ihrer immanenten Symbolik der ungnädig lärmenden Mechanik, welche für die Mechanismen im Knast stehen. Hier wird alles unausweichlich. Die Rangordnung, das Mobbing, die kleinen und großen Fluchten. Persönlichkeiten werden schlussendlich so gepresst wie die Drucksachen. Sie werden beinahe zweidimensional, weil ihre bisherigen Charakterzüge sich ins Absolute steigern, angesichts der nicht vorhandenen Möglichkeiten der Inspiration und der Veränderung. Wenn man es so sieht, hat der Film eben doch eine Haltung. Man muss sie allerdings eingehend ermitteln, da sitzt man vor einer ähnlichen Herausforderung wie die Kommissare Batic und Leitmayr.

Fazit

„Die Heilige“ ist einer der dichtesten und stärksten Tatorte, die wir in den letzten Monaten gesehen haben, das schließt die nicht immer erfreulichen Erstausstrahlungen des bisherigen Jahres 2013 ein.

Es gibt keine schauspielerischen Ausfälle oder Ausbrüche, die Inszenierung ist ebenso reibungslos wie konsequent. Auch Spannungsabfälle oder Leerläufe konnten wir kaum entdecken. Dass einiges, was hier gezeigt wird, nicht ganz realistisch sein dürfte, gerade die Gefängniswelt und die Aufseher betreffend, werfen wir über die Schulter, angesichts dessen, was uns die neuen Tatorte der letzten Zeit an kuriosen Plots präsentierten.

Außerdem schaffen es die Macher, selbst in dieses Thema noch den etwas derben bayerischen Humor einfließen zu lassen, der allerding zum Setting gut passt. Wo ein grober Klotz, da gehört ein grober Keil drauf. Der Eindruck, dass alle, die an diesem Krimi unter der Regie von Jobst Christian Oetzmann nach einem Drehbuch von ihm selbst und Magnus Vattrodt mitgewirkt haben, sich gut aufgehoben fühlten. So ging’s uns auch beim Anschauen und daher vergeben wir erstmalig für dieses Jahr 8,5/10 Punkte – bezeichnenderweise für eine Wiederaufführung, nicht für eine Premiere (1).

© 2018, 2014, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) Gemeint ist das Jahr 2013, in dem der Beitrag ursprünglich verfasst worden ist, nicht das Veröffentlichungsjahr 2014. Der Beitrag wurde veröffentlicht als Begleitrezension zu „Das verkaufte Lächeln“ aus dem Dezember 2014.

 Hauptkommissar Ivo Batic – Miroslav Nemec
Hauptkommissar Franz Leitmayr – Udo Wachtveitl
Marie Hoflehner – Anneke Kim Sarnau
Hassan Adub – Mehdi Nebbou
Dr. Josef Behringer – Matthias Kupfer
Vollzugsbeamter Reisig – Peter Rappenglück
Nic Schuster – Sascha A. Gersak
Charly Bause – Heinz-Josef Braun
Vollzugsbeamter Beckmann – Dietmar Mössmer
Marco Haas – David Scheller
Fasnacht – Alexander Nadler
Mohammed – Mohamed Zin
Han Truong – Gilberto Lopez
Alexis – Wolfgang Menardi
Deniz – Edin Hasanovic
Günni – Adam Jaskolka
Tom-Tom – Ben Akkaya
Traute – Johanna Bittenbinder

Drehbuch – Magnus Vattrodt, Jobst Oetzmann
Regie – Jobst Oetzmann
Kamera – Hanno Lentz
Musik – Dieter Schleip

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