Die letzte Wiesn – Tatort 956 / Crimetime 81 // #Tatort #München #Batic #Leitmayr #BR #Tatort956 #Wiesn #Oktoberfest

Crimetime 81 - Titelfoto (c) BR, Bernd Schuller

Oans, zwoa, gsuffa, GHB!

„Die letzte Wiesn“ ist nicht der erste Tatort des Bayerischen Rundfunks, der sich das naheliegende Setting des Münchener Oktoberfestes zunutze macht, um einen Kriminalfall mit dem größtmöglichen lokalen Bezug und einem Statement zu inszenieren. Die Wiesn kennt jeder, aber wie sie funktioniert, das lässt sich in einem Krimi gut erklären.

Es gibt in Tatort-München einen gestandenen Kriminalhauptkommissar  namens Franz Leitmayr, der kann die Wiesn überhaupt nicht ab. Das ganze Feierbesäufnis ist ihm zuwider, deswegen nimmt er Urlaub und setzt sich ab. Gleichzeitig aber vermietet er seine Bude, sein Nest, sein Rückzugsgebiet für genau jene Zeit an genau jenen Typ Leute, mit denen er sich nie an einen Tisch setzen würde, um die eine oder andere Maß zu zechen. Warum sollten Polizisten keine Widersprüche in sich tragen. Warum sollten sie sich drüber aufregen, wenn die Wohnung dann entsprechend aussieht und sie in der Badewanne übernachten müssen – was im Grunde gar nicht geht, denn die Wohnung ist nun mal (unter-) vermietet.

Es gäbe ja noch eine andere Möglichkeit, nett zu logieren, mitten in München, trotz kein Platz mehr in den Hotels wg. Oktoberfest. Aber die Besitzerin dieses Logis findet nicht nur das Interesse vom Franz, sondern ist vermutlich auch in die Fälle mit diesem komischen GHB (anderer Name: Liquid Ecstasy) verwickelt. Wie immer halt, wenn ein Polizist sich verguckt, es stimmt etwas nicht. Also die Badewanne.

Handlung

Es ist Ende September. Franz Leitmayr verlässt die Stadt. Wie jedes Jahr. Denn es ist Wiesn. Und die erträgt er nicht. Seine Wohnung hat er an zwei Schwedinnen untervermietet. Batic hingegen packt die alten Geschenke seiner kroatischen Tanten aus. Denn die Tanten kommen zum Oktoberfest zu Besuch. München im Ausnahmezustand.

Kaum in Italien angekommen, ruft Batic Leitmayr zurück. Auf der Geldbörse eines Wiesnbesuchers, der am Morgen tot aufgefunden wurde, waren ausgerechnet seine Fingerabdrücke. Leitmayr hatte dem Italiener auf dem Weg zum Bahnhof noch das Portemonnaie in die Tasche zurückgeschoben. Er schien komplett betrunken zu sein. Doch laut Obduktionsbericht hatte er nur 0,7 Promille.

Offenbar war also nicht das Wiesnbier für den desolaten Zustand des Italieners verantwortlich. Das Toxscreening zeigt: in seinem Blut war GHB, Liquid Ecstasy. Und er war nicht der einzige Fall. Im Amperbräuzelt häufen sich die GHB-Fälle rapide. Und in Verbindung mit Alkohol kann GHB tödlich sein. Dennoch soll das Zelt nicht geschlossen werden.

Batic und Leitmayr stehen mit ihrem Team einer Masse an über 10.000 feierwütigen Zeltbesuchern und gestressten Amperbräu-Angestellten gegenüber. Hier könnte jeder den Gästen GHB ins Bier schütten, ohne dass es auffällt. Die Lage ist völlig unübersichtlich. Auffällig ist nur, dass alle Vergiftungsopfer junge Männer sind. Die Leiterin der Operativen Fallanalyse Christine Lerch sieht darin ein System. Sie glaubt an einen Einzeltäter, der stellvertretende Aggressionsdelikte verübt.

Verdächtig ist aber auch Restaurantleiter Korbinian Riedl, der nach dem Tod des alten Wiesnwirtes Moosrieder mit dessen Ehefrau als seiner Nachfolgerin zurechtkommen muss. Die Moosriederin beschäftigt Leute über 50 nicht mehr und nach Riedls Ansicht bricht sie mit der guten alten Tradition.

Ein Fall aus einer Welt, in der viel verdient und viel getrunken wird, eine Welt, in der die einen arbeiten und die anderen feiern, die einen dazu gehören und die anderen nicht. 

Trailer

Rezension (enthält Angaben zur Auflösung)

Eines muss man dem Film vorab zugute halten: Es ist ein enormer Aufwand, auf dem Oktoberfest so zu filmen, dass es realistisch wirkt. Immerhin musste man ein ganzes, großes Bierzelt mit Statisten besetzen, damit nicht echte Wiesnbesucher in jenem angeheiterten oder aggressiven Zustand, der im Film so schön ekelig gezeigt wird, blöd in die Kamera glotzen – oder zumindest, neben den Statisten und Komparsen und Kleindarstellern, das übrige Publikum anweisen. Und dieses große Schild „Ampler-Bräu“ ist vermutlich nicht digital eingearbeitet worden. Alles klasse gemacht, wirkt ziemlich echt, wie hier gefeiert, gegrölt, gesoffen wird. Man hat es in Wirklichkeit so gelöst, dass 200 Komparsen dabei sind, der Rest des 8500 Besucher fassenden Zeltes aber bei den Dreharbeiten leer war (Infos: Tatort Fans). Hat man nicht gemerkt, weil auch Szenen aus einem komplett gefüllten Zelt eingearbeitet sind.

Nehmen wir jetzt mal an, und das fällt uns nicht so schwer, man wohnt direkt gegenüber diesem Oktoberfest, hat einen super Blick darauf, ist aber auch immer dem Lärm ausgesetzt, der von dort ausgeht. Wir hatten in diesem Sommer kilometerweit weg eine Sonderveranstaltung in Berlin, die war so laut, dass wir dachten, es sei eine wilde Party im Nachbarhof, und zwar bis in die Sonntagnacht hinein, wo doch Leute montags wieder arbeiten müssen, da half auch nicht das Schließen der Doppelfenster, dass wir uns kurzfristig überlegt hatten, die Person, die diesen Irrsinn genehmigt hatte, zu erschießen. Leider haben wir keine Waffe. Und keine Zeit, jemanden so lange auszugucken, bis wir ihn gezielt mit GHB vergiften können.

Jetzt ist bei uns nicht mal gerade die Oma gestorben und wir haben auch nicht mit ihr in einer seltsam generationenverschobenen WG gelebt, wir erinnern uns auch gerne an die Zeiten, als wir selbst viel mehr gefeiert haben als jetzt, und unsere Wohnung ist nicht von weißen Tauben bevölkert und auch nicht so seltsam eingerichtet, so freakig alt und an der Persönlichkeit vorbei, die man irgendwann entwickelt. Aber den Grundgedanken, der den GHB-Verteiler antreibt, den können wir in schlechten Stunden gut nachvollziehen. Und er ist ja auch kein Mörder, oder? Ja, wenn ein Opfer seiner Attacken nun gesundheitlich nicht so gut drauf ist, dann kann es mal zu Todesfällen kommen, aber die sind nicht vom Vorsatz erfasst. Wirklich nicht? Auch nicht vom Eventualvorsatz? Aber auf dem Ticket dieses sinisteren jungen Mannes reist ja noch eine verzweifelte Frau, die für frühere Sünden andauernd vom Jugendamt drangsaliert wird. Und wupps, geht der Chef des Amtes dabei drauf, weil er den Fehler macht, ihr bis in das Bierzelt nachzustellen, in dem sie arbeitet. Im Mittelteil, wo es nicht so viel Trinkgeld gibt. Nur, wie kam die Frau an das GHB, das der junge Mann, der Serien-Beinahe-Mörder, in seinem häuslichen Labor hergestellt hat?

Es ist schwierig, immer einen Ausgleich zu finden. Allseits reiben sich die unterschiedlichsten Charaktere aneinander. Und manchmal tickt einer aus. Und eben nicht, weil gerade die Oma gestorben ist oder weil es irgendwann mal reicht, mit dem Krach, dem Glitter, der abstoßenden Sauferei, nicht mal die Tatsache, dass man U-Bahn-Fahrer ist und immer die Besoffenen kutschieren muss, ist der Grund. Denn es ging schon früher los, in Landshut, in einer Disco.

Psychologisch wird uns das alles schön erklärt, wie ein Täter beschaffen ist, der ohne persönlichen Anlass (anders neulich im Schweizer Tatort „Ihr werdet gerichtet„, dort mit Verstrickung durch das Schicksal der eigenen Frau) anfängt, wildfremde Leute anzugreifen. Dazu braucht es, ohne eigene Verstrickung, einen besonderen Charakter, welcher von der Profilerin Christine Lerch umrissen wird, sodass bei der Fahndung, die anfängt wie die Suche nach der berühmten Nadel im Heuhaufen, der Personenkreis innerhalb der Festzeltbesucher auf alleinige junge Männer ohne Tracht eingekreist werden kann. Auf Typen, die eben fremd in dieser Feierumgebung wirken. Und sie dürfen nicht lachen oder auch nur ein freundliches Gesicht machen. Dieser Gränsel, der ist aber auch sowas von auffällig. Was für ein Glück, dass es ihn gibt, denn was wäre, wenn der Täter oder einer der Täter nicht diesem Profil entspräche? Wie zum Beispiel die erwähnte Kellnerin? Richtig fassbar wird dieser Gränsel allerdings nicht, denn die Plotkonstruktion lässt es nicht zu, dass er so ausführlich und gründlich gezeigt wird, wie es bei einem Psychothriller der Fall ist, der sich nur auf das Rennen zwischen den Cops und genau diesem Typ konzentriert.

Kollege Batic hat derweil einige ältere Damen aus der Verwandtschaft zu Besuch, aus seiner Heimat, und einen anderen Zugang zur Wiesn, weil die auch dorthin wollen. Und er ist ja ein Zugereister, der das mehr touristisch sieht als Kollege Leiti. Die beiden ermitteln bravourös und mit einem großen Team, Haltung, Anspruch, Professionelles und Privates werden gut miteinander verbunden – auch wenn die gefühlte fünfhundertste persönliche Involvierung nicht die naheliegendste unter diesen fünfhundert Involvierungen ist.

Fazit

Zum siebzigsten Mal ermitteln die beiden Münchener Recken schon zusammen, haben mittlerweile mit dem Jungpolizisten Kalli, der jetzt vielleicht aufgebaut wird und mit der Profilerin Lerch eines der heute üblichen Teams, die aus mindestens vier Personen bestehen. Wir erwarten spätestens im Jahr 2017 den 75. Fall mit dem Ivo und dem Franz, und das hat noch nie ein Tatort-Team zuvor geschafft. Das ist – Spitze!

2018-12-03 Tatort 956 Die letzte Wiesn Batic Leitmayr Miroslav Nemec Udo WachtveitlManchmal ist die bewusst ekelerregende Darstellung des Wiesn-Auftriebs etwas nervig, schließlich profitiert der Freistaat, in dem der Sender tätig ist, der diesen Film verantwortet, tatsächlich enorm von diesem Tourismus, und es ist nicht nur gruselig, sondern auch lustig, wenn aus aller Welt Leute kommen, die mit noch mehr Klischees über Deutschland nach Hause fahren, als sie schon im Kopf hatten, bevor sie kamen. Vorausgesetzt, sie gehen nur das Oktoberfest, aber das wir bei den meisten auch so sein.

Was im Moment oftmals auffällig schlecht gemacht ist (Ausnahme „Ihr werdet gerichtet“, da gibt es aber ein anderes Problem mit der Täterperson, siehe Rezension) betrifft auch „Die letzte Wiesn“. Man kann sich einfach nicht vorstellen, dass die Täterperson sowas tatsächlich macht. Die süße Ina murkst den Jugendamtsleiter ab, der nicht von ihrer Pelle lassen will. Weil den Drehbuchautoren auch aufgefallen ist, dass die fortgesetzte bzw. auf dessen Veranlassung verlängerte Beschattung durch Mitarbeiter des Amtes nicht als Motiv ausreicht, wird noch eine Erpressung reingedichtet, in der es darum geht, dass er sie immer wieder zum Beischlaf nötigt, worauf sie eingeht, damit ihr der Sohn nicht weggenommen wird. Dieses Aufsetzen einer anderen Person auf den eigentlichen Täter, einer Art überschießender Trittbrettfahrerin, hat uns nicht überzeugt, auch wenn Mavie Hörbigers Darstellung dieser Frau zu den Benefits des Films gehört. Aber aus dieser Darstellung lässt sich nicht eine so große kriminelle Energie ableiten.

Ein klassischer Whodunit ist der Film nur zu Beginn, und im weiteren Verlauf sozusagen teilweise. Anfangs kennt man den nicht tödlich handelnden Täter nicht, aber bald, und lange vor der Polizei. Aber die Tötungs-Täterperson, die ist nicht derselbe. Einerseits ein guter Twist, andererseits – siehe oben. Nur deshalb überraschend, weil man es der Frau nicht zutraut.

Eine weitere Schwäche des Films ist die halbgare Implikation eines Schwulenmilieus, das man natürlich in Bierzelt auch nicht vermutet, und da, wo es um den Korbinian geht, den toten Festzeltwirt usw., da wird der Tatort auch hastig, wirkt nachgeschoben, so, als ob diejenigen, die ihn gefilmt haben, selbst nicht so recht an den Sinn dieses Handlungsstranges geglaubt hätten. Da hätte man besser mehr Zeit in den Gränsel investiert, wenn doch eh früh klar ist, dass er mit dem GHB nur so um sich schmeißt.

Man merkt jedem Münchener Tatort an, dass da eine große, gute Tradition vorhanden ist, auch wenn es nicht um ein Traditionsereignis geht, das mittlerweile die wahnsinnigen Dimensionen erreicht hat, die alles annimmt, was immer wächst und wächst, bis es mal irgendwann platzt. Die Production Values gehören nach wie vor zu den besten im Tatortland.

Aber so richtig mitgerissen hat’s dieses Mal bei uns nicht, trotz des traurigen und berührenden Schicksals der jungen Mutter, die sich mit ihrem Sohn durchs Leben schlägt, für das Zusammensein mit ihm kämpft, und ihn am Ende doch verliert – verlieren muss. Der Wiesnzauber ist wohl für uns kein Thema, mit dem wir per se in den Ring steigen, dafür stehen wir zu neutral zu diesem Event.

Unsere Wertung: 7/10

© 2018, 2015 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Hauptkommissar Ivo Batic – Miroslav Nemec
Hauptkommissar Franz Leitmayr – Udo Wachtveitl
Kriminalassistent Kalli Hammermann – Ferdinand Hofer
Profilerin Christine Lerch – Lisa Wagner
Radtke – Gerhard Liebmann
Gerichtsmediziner Dr. Steinbrecher – Robert Joseph Bartl
Karl Maurer – Jürgen Tonkel
Ina Sattler – Mavie Hörbiger
Marlon Sattler – Leo Bilicky
Arthur Gränsel – Julius Feldmeier
Kirsten Moosrieder – Gisela Schneeberger
Korbinian Riedl – Leo Reisinger
Georg Schemberg – Daniel Christensen
Katica – Mija Žerjav
Janca – Ljerka Belak
Masa – Teja Glažar
Polizeichef Niederbühl – Stephan Bissmeier
Polizeifunktionär Schosser – Herbert Schäfer
Notarzt – Maximilian Thum
Luca Pandrelli – Ricardo Angelini
Frau vom Jugendamt – Petra Perle

Drehbuch – Stefan Holtz, Florian Iwersen
Regie – Marvin Kren
Kamera – Moritz Schultheiß
Musik – Gerd Baumann

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