Schicht im Schacht // #RAG #NRW #Saarland #DGB #IGBE #Laschet #Lafontaine #Ford #ZF #Bergleute #Kumpels #Malocher #Zeche #Grube #Schacht #Schicht

2018-06-24 KommentarKommentar 97

Es ist schon drei Wochen her, aber die aktuellen Ereignisse hatten diese Würdigung zurückgedrängt. Was sind aber drei Wochen gegenüber einer Tradition von Jahrhunderten? Am 21.12.2018 wird in Nordrhein-Westfalen die letzte Schicht in der Zeche Prosper-Haniel in Bottrop gefahren. Damit ist der Steinkohlebergbau in Deutschland Geschichte. Die FAZ hat dzu eine kleine Würdigung geschrieben.

Ökologisch mag man sagen: Endlich. Aber da ist ja doch etwas mehr, wie sich am 12.09. im gemeinsamen Festakt gezeigt hat, mit dem der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet das Ende einer Epoche offiziell verkündet hat. In einem gemeinsamen Festakt begingen Nordrhein-Westfalen und das Saarland die Erinnerung an eine Zeit, in der bis  zu 600.000 Bergleute oder Bergmänner, denn Frauen unter Tage, das gab es nun wirklich nicht, in diesen beiden Bundesländern, in den größten Steinkohlerevieren des Kontinents, beschäftigt waren.

Natürlich war das enorm schwere Arbeit, die in den Stollen verrichtet wurde, das Saarland gehört heute noch zu den Bundesländern in Deutschland mit niedrigem Altersdurchschnitt, weil so viele Menschen in Kohle und Stahl beschäftigt waren und mit einer Staublunge wird man selten 90 Jahre alt. Dem stand gegenüber, dass diese Männer zum „Arbeiteradel“ der Republik gehörten, gut verdienten, dass die Mitbestimmung durch ihre Branchen in die Arbeitswelt gefunden hatte und der hohe Organisationsgrad der damaligen Arbeitnehmerschaft war der Gewerkschaftsarbeit in diesen Branchen zu verdanken.

Viele erfolgreiche Integrationsgeschichten verbinden sich mit der Arbeit, die unbedingt geleistet werden musste, um das Land wieder auf die Füße zu bekommen. Geflüchtete aus den Ostgebieten und „Gastarbeiter“ malochten mit den Einheimischen zusammen unter Tage und waren nicht einfach Kollegen, sondern eine Gefahren- und Schicksalsgemeinschaft. Im Jahr 1962 ereignet sich in der saarländischen Grube Luisenthal einses der schwersten Unglücke in der Geschichte der deutschen Industrie. 299 Bergleute fanden unter Tage den Tod bei einer Schlagwetterexplosion.

Wie in der FAZ erwähnt, schon Ende der 1950er begannen die Krisen und der Steinkohlebergbau musste immer höher subventioniert werden, um mit importiertem Öl und dann auch bald (aber nicht schon ab den 1950ern, damals gab es noch keine kommerziellen Atommeiler in Deutschland) mit der Atomenergie preislich mithalten zu können. Obwohl ich im Saarland aufgewachsen bin, habe ich keine Kohleheizung mehr kennengelernt, aber einer meiner Onkel war Bergmann. Wo er einfuhr, das nannte sich im Saarland nicht Zeche, sondern Grube und er wurde auch nicht so mächtig alt. Die Lunge eben.

Dafür konnte er problemlos eine Familie mit drei Kindern allein ernähren  und ein Reihenendhaus kaufen, im damals neuen Flachdachstil und nicht in einer der älteren Bergarbeitersiedlungen, von denen es bei uns einige gab, sondern in einem recht schicken Neubaugebiet.

Aber dann kamen eben diese 1980er und ich erinnere mich, wie der damalige saarländische Ministerpräsident Oskar Lafontaine wie ein Löwe für die Bergarbeiter kämpfte und der Kohl-Regierung den Schweiß auf die Stirn trieb, weil er immer wieder drohte, zustimmungspflichtige Vorhaben im Bundesrat platzen zu lassen, denn die SPD hatte dort damals die Mehrheit. Es war ja in der alten Zeit meisten so: Wenn eine Partei oder Koalition im Bund die Regierung übernahm, sofort eine Gegenbewegung in den Ländern einsetzte.

Es ging irgendwann auch darum, das hochverschuldete Saarland teilweise von seiner Last zu befreien – Griechenland lässt grüßen – aber auch speziell um Kohle und Stahl.

Ich bin heute noch mehr als zwiespältig, was Lafontaines Wirken angeht. Im Grunde hat er daran einen großen Anteil, dass die Konversion im Saarland viel zu spät und nicht mit genug Kraft angegangen wurde und hat den Kumpels erzählt, die Kohle währt ewig, wenn man sie nur genug bezuschusst. Die Bundesregierung wurde regelrecht erpresst und auch solche Formen der Politikgestaltung in den 1980ern und frühen 1990ern  haben dafür gesorgt, dass tatsächlich erst 2018 der Kohleausstieg möglich geworden ist.

Hingegen wurde nach einem Boom unter der damaligen CDU-Landesregierung Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre im Saarland, als Ford nach Saarlouis und ZF ins Industriegebiet Süd nach Saarbrücken kamen, nicht mehr in großem Stil in neue Industrien investiert und das rächt sich noch heute dadurch, dass das Saarland für Westverhältnisse wirtschaftlich schwach dasteht.

Der Aufbau Ost hat ein Übriges getan, weil er die meisten Strukturfördermittel ab 1990 hat in die neuen Bundesländer fließen lassen. Auch daran kann man sich am Tag der Einheit erinnern – dass der Westen durchaus nicht nur durch die Einheit gewonnen hat, sondern seine Probleme in der öffentlichen und teilweise auch der privaten Infrastruktur mit der Tatsache zu verdanken sind, dass nach der Wende neue Aufgaben entstanden und damit eine erhebliche Mittelumleitung verbunden war.

Auf dem Energiemarkt müsste es geradezu eine Umwälzung geben, damit die Steinkohle sich wieder lohnen würde und der Aufwand, sie sauber zu verstromen, wäre erheblich und die saubere Luft, die Tatsache, dass die Häuser nicht mehr alle paar Jahre gestrichen werden müssen, weil die Emissionen von Kohle und Stahl sich auf ihren Fassaden absetzen, ist schon ein Meilenstein auf dem Weg in eine ökologisch nachhaltigere Zukunft.

Aber wo werden die hochbezahlten Industriearbeitsplätze der Zukunft entstehen, die noch für eine größere Anzahl von Menschen zur Verfügung stehen? Die  Plattformökonomie mit ihrer erschreckend geringen Wertschöpfung wird sie gewiss nicht ersetzen können.

TH

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Create a website or blog at WordPress.com

Nach oben ↑

AutismusJournal

Perspektiven und Reflexionen

Carolin Schnelle

Jungjournalistin

thomas post

Alternativen

Telepolis

Das Netzmagazin von Thomas Hocke

ScienceFiles

Kritische Sozialwissenschaften

Zusammen gegen #Mietenwahnsinn

Das Netzmagazin von Thomas Hocke

KuBra Consult

Acta, non verba

Nachrichten: ZEIT ONLINE Newsfeed

Das Netzmagazin von Thomas Hocke

Meike K.-Fehrmann (Autorin)

Frieda - Ein Demenz-Krimi / Warum Herr Hagebeck sterben muss / Kakerlaken-Schach / Die Rache stirbt zuletzt

SPIEGEL ONLINE - Politik

Das Netzmagazin von Thomas Hocke

Testkammer

Testen macht süchtig: Filme, Spiele, Bücher etc. im Fokus

Film plus Kritik - Online-Magazin für Film & Kino

„Film is a disease. When it infects your bloodstream, it takes over as the number one hormone. As with heroin, the antidote to film is more film.“

SPD erneuern

Unfrisierte Gedanken zur Wiedergewinnung von Relevanz

Ein Parteibuch

Noch ein Parteibuch

Jan Josef Liefers

Die offizielle Fanseite

Wortwechsel 15

Das Schreibblog von Anja, Armena, Elke und Thomas

The Blog Cinematic

Film als emotionalisierende Kunstform

%d Bloggern gefällt das: