Der König der Gosse – Tatort 995 / Crimetime 89 // #Tatort #TatortDresden #Dresden #Sieland #Gorniak #MDR #Tatort995 #DerKönigderGosse

Crimetime 89 - Titelfoto © MDR, Gordon Mühle

Wer den bösen Sozialunternehmer drankriegt, darf einen Abend mit lustigen Obdachlosen verbringen

Im zweiten Tatort des neuen Sachsen-Teams hatte das neue Sachsen-Ermitlerteam die nicht allzu schwierige Aufgabe, den ersten Fall („Auf einen Schlag“) zu übertreffen. Die Anlage des Plots mit seinen widersprüchlichen Rückblenden war vielversprechend.

Doch funktioniert der Krimi oder die Satire oder das Sozialdrama oder gar alles, was dieser Film sein könnte, je nachdem, aus welcher Perspektive man ihn betrachtet? Das klären wir in der -> Rezension.

Handlung 

Auch gute Menschen können sterben. Der beliebte Sozialunternehmer Hans-Martin Taubert stürzt von einer Brücke und überlebt schwer verletzt. Die Dresdner Ermittlerinnen Henni Sieland und Karin Gorniak treffen auf drei obdachlose Zeugen, die behaupten, Taubert sei von der Brücke geworfen worden. Taubert hat die Berberhilfe gegründet, ein Unternehmen, das sich um die Unterbringung von Obdachlosen und anderen Hilfsbedürftigen kümmert. Er ist durch die Armen reich geworden und machte daraus auch öffentlich keinen Hehl.

Die drei Obdachlosen behaupten, Tauberts Security zu sein. In letzter Zeit wird er häufig bedroht. Auch Tauberts Bruder Hajo gerät ins Visier der Ermittlerinnen. Deutlich weniger geschäftstüchtig als Taubert, hatte sich Hajo für eine zwielichtige Unternehmung Geld bei ihm geliehen. Taubert pochte, Bruderliebe hin oder her, auf Rückzahlung. Kurz darauf wird im Krankenhaus ein weiterer Anschlag auf Taubert verübt … Die Arbeit für die Menschen am Rande der Gesellschaft ist so lukrativ, dass um den Profit mit allen Mitteln gekämpft wird. Die Kommissarinnen nehmen auch Tauberts Konkurrenten ins Visier. Dabei bekommen sie unerwünschte Unterstützung von Wiebke Lohkamp, einer Kollegin aus dem Betrugsdezernat, mit deren Hilfe die Ermittlerinnen eine ganz neue Seite an ihrem Chef entdecken.

Interview-Rezension

Was ist das Besondere an der Inszenierung?

Der neue MDR-Film das „Rashomon-Prinzip“, das Akira Kurosawa einst meisterhaft und bis heute gültig für den Kinozuschauer erläutert hat: Dasselbe Ereignis wird von unterschiedlichen Personen im Rückblick unterschiedlich dargestellt. Das kann sehr spannend sein; im erwähnten Kinofilm haben alle gelogen bis auf eine objektive „Geisterstimme“ des Getöteten. Eine solche wird uns freilich in „Der König der Gosse“ nicht dargeboten und die Ermittlungsarbeit führt am Ende auch nicht zu einem befriedigenden Ergebnis. Das ist vor allem für diejenigen ärgerlich, die von einem anständigen Krimi einen anständigen Abschluss erwarten.

Wer aber sagt, es ist realistisch, dass die Hintermänner, die Großverbrecher, davonkommen, während man die Kleinen fängt, welche vor Ort die Drecksarbeit machen, der muss das auch bei „Der König der Gosse“ als eine gangbare Gestaltungsvariante anerkennen – und nicht nur bei Bandenkrimis, in denen Menschenhandel und Drogenkriminalität vorkommen. Nun wissen wir also, auch der Sozialunternehmer ist in erster Linie Unternehmer und dann erst sozial. Wundert das jemanden, angesichts des zugrundeliegenden Profitprinzips, angesichts der Tatsache, dass auch soziale Dienstleistungen immer mehr als Arbeitsbereich des entgrenzten Kapitalismus feilgeboten werden?

Womit wir aber schon beim Inhalt wären.

Mein spontanes Gefühl während des Anschauens war scho zwiespältig. Klar gibt es lustige Situationen und die Obdachlosen sind recht originelle Typen, andererseits lief schon während der kurzen Lacher, die es immer wieder gab, der Gedanke mit, dass wir hier mal wieder auf eine Weise manipuliert werden, die genau das bei uns als Zuschauer enttarnt, was viele der Filmfiguren kennzeichnet: Eine nur am Moment orientierte Oberflächlichkeit.

Der Film hat seine politischen korrekten Momente und das ist doch okay. Er weicht von der PoC ab und das ist doch witzig. Leider haben die Regisseure und Drehbuchautoren es mittlerweile raus, wie sie die Leute prima verarschen können. Indem sie vorgeblich Ernstes und Inkorrektes so miteinander vermischen, dass sich aber auch wirklich jeder bestätigt fühlen kann. Und selbstverständlich ist das eine Manipulation, hinter der sogar eine Position steckt: Es ist alles beliebig und der Ernst jeder Thematik wird gebrochen in vielen Kalauern, die im Gegensatz zum Münster-Tatort, dem Dresden offenbar in abgeschwächter Form folgen will, keine eindeutige Abgrenzung zum „Sozialtatort“ à la Köln zeigen. Der Film ist nicht ausgewogen, sondern in sich übergriffig, weil er alle Erwartungen bedient, die irgendjemand haben kann und im Grunde ist das alles hohl.

Nicht, dass die Einzelelemente nicht funktionieren, aber das macht es umso schwieriger. Man merkt, dass hier versierte Macher am Werk sind, vor allem die Anleitung des Obdachlosenensembles ist richtig gut, zudem glänzt der Film durch treffsichere Dialoge, und sowas finde ich persönlich immer schick. Dass der Krimi als solcher zu kurz kommt, ist mittlerweile nichts Besonderes mehr und man muss sich wohl davon verabschieden, immer die Figuren, die Stimmung, das Persönliche zu loben und dann zu sagen: aber der Plot! Klar geht das besser, auch Münster hat es neulich nach längerer Zeit wieder bewiesen. Man kann ein großes Panorama aufziehen und sich vom Kern der Sache nicht meilenweit entfernen.

Warum so ein Problem mit der Tendenz des Films?

Weil es im Grunde keine gibt? Vielleicht ist es auch die unangenehme Tatsache der vielen Wahlmöglichkeiten, die beachtliche Glattheit, die „Der König der Gosse“ für mich ins Zwielicht geraten lässt. Dabei ist es im Grunde doch so einfach. Schon die bewusst knallige Wortwahl des Titels deutet nämlich auf das Spekulative hin. Was wir dann nämlich vorgeführt bekommen, ist eine Art Imitiation. Die Befragungen sind – siehe oben – routiniert und mit Humor organisiert, die Technik irrt sich mal, kommt ansonsten ziemlich kurz, die Auflösung ist nicht komplett und das ist angesichts der Prioritätensetzung sogar logisch. Aber eine Milieustudie ist dieses Werk nun auch nicht, hingegen verführt der Film damit, dass man so häufig denkt, ja, das hatte ich doch auch schonmal … gesehen, gehört, erlebt, gedacht. Ständig kann man assoziieren und man wahrt immer die Distanz. Es gibt keinen wirklich berührenden Moment, keinen wirklich spannenden und dramatischen Augenblick. „Der König der Gosse“ ist genau so, wie er seine Zuschauer einschätzt: Eine Ansammlung von sprachlichen Lachshäppchen, ein Event-to-Go, aber nichts, was uns länger begleiten wird. Es sei denn, wir haben  uns ein paar der Sprüche für den Büro-Alltag gemerkt und versuchen, sie in unserem Umfeld zu platzieren und von dort aus bewegen sie sich immer weiter.

Aber der letzte Schweiz-Tatort „Freitod“ war doch ernst und klar, „Feierstunde“ aus Münster hingegen eine gelungene Krimikomödie. Warum nicht ein Zwischending?

Wenn schon „Sinn machen“ verwendet wird, dann muss man auch nach einem Sinn suchen dürfen. Abgesehen davon, dass der Film eine schöne Show für überwiegend sympathische Figuren im Ermittlerteam ist, sehe ich aber keinen. Ich erfahre wenig über die Obdachlosen, über das Wesen der privatisierten sozialen Dienstleistungen, den State of Mind der Ermittler mit ihren privaten Nöten und Problemen. Ein Film soll durchaus zeigen und nicht alles erklären, aber ich spüre keine Substanz, über die nachzudenken und wenig, was zu interpretieren sich lohnt. Und wenn ich das nicht sehe, hätte ich eben doch gerne einen guten Krimi, gerne mit gutem Humor. Ich traue dem Dresden-Team aber zu, dass es sich aufwärts mäandert und in der Lage ist, packende Filme zu tragen. Eine ganz schlechte Wertung bekommt aber auch „Der König der Gosse“ nicht, denn ich sehe schon die Benefits der Inszenierung und des Spiels. Ob auch diese Ironie geplant war, will ich nicht entscheiden: Der Film hat durchaus etwas von der albernen Form von Authentizität, die im darin vorkommenden Theaterstück eher voyeuristischen als soziale Umstände anklagenden Charakter aufweist.

Wertung: 6/10

© 2018, 2016 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Alwara Höfels (Oberkommissarin Henni Sieland), Karin Hanczewski (Oberkommissarin Karin Gorniak), Martin Brambach (Kommissariatsleiter Peter Michael Schnabel), Franz Hartwig (Ole Herzog), Jule Böwe (Wiebke Lohkamp), Peter Trabner (Falko Lammert), Arved Birnbaum (Hansi), Alessandro Schuster (Aaron Gorniak), David Bredin (Platte), Alexander Hörbe (Eumel), Urs Jucker (Hajo Taubert), Michael Sideris (Hans Martin Taubert), Stephan Baumecker (Gerald Schleibusch), Martin Walde (Tom Springer), Roy Peter Link (Nico Reimann), Robert Meller (Luigi), Hildegard Schroedter (Frau Grönert), Frank Leo Schröder (Peachum), Phillip Kramer (Heiko), Dominik Schiefner (Lars)

Regie: Dror Zahavi, Drehbuch: Ralf Husmann, Mika Kallwass, Musik: Dürbeck & Dohmen

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