Der wüste Gobi – Tatort 1040 / Crimetime 97 // #Tatort #Weimar #TatortWeimar #MDR #Dorn #Lessing #DerwüsteGobi #JürgenVogel #Jeanette Hain #EdHerzog

Crimetime 97 - Titelfoto © MDR /Wiedemann&Berg / Anke Neugebau

Mehr armer Vogel als wüster Gobi

Die Weimarer Tatorte erkennt man am Titel, wenn man sich mit der Reihe einigermaßen auskennt. Sie bestehen immer aus drei Wörtern, mit einem Artikel am Anfang, dann ein Adjektiv, dann ein Nomen, das meist eine Person bezeichnet, oder auch mal nur so aussieht, als würde es sich um eine Person handeln („Die fette Hoppe“). In gewisser Weise weist die Verwendung der Wüste Gobi schon auf das Strickmuster des Films mit den gestrickten Dessous hin.

Er lebt von vielen Gags oder hat das zumindest vor. Ob man echt unterhaltsame 90 Minuten hatte, hängt aber leider im Wesentlichen davon ab, ob man mit der eigenen Infantilisierung genug vorankommen ist oder sie nie ernsthaft als Mangel empfunden hat und demgemäß den Kindzustand nie verlassen wollte. Man kann aber auch das innere Kind freilassen, für ebenjene 90 Minuten. Geht alles, bei mir aber nicht permanent und es kann passieren, dass es gerade nicht passt. Oder eigentlich gar nicht passt, dass es manchmal aber weniger nervt und gestern Abend mehr genervt hat. Warum, das steht in der -> Rezension.

Handlung

Für die Weimarer Kommissare Kira Dorn und Lessing beginnen turbulente 24 Stunden, als der dreifache Frauenmörder Gotthilf Bigamiluschvatokovtschvili, genannt Gobi, fünf Jahre nach seiner Verurteilung aus der forensischen Psychiatrie ausbricht. Er hinterlässt eine erwürgte Krankenschwester und deren junge Kollegin, die unter Schock steht. Noch in derselben Nacht wird auch die Ehefrau von Professor Eisler, Chefarzt der Psychiatrie, tot im eigenen Bett aufgefunden.

Gobi scheint auf einem Rachefeldzug zu sein. Auf der Jagd nach dem wüsten Gobi stoßen die Kommissare nicht nur auf seine Vorlieben für Frauen und selbstgestrickte Unterwäsche. Die Ermittlungen führen Kira Dorn und Lessing auch zu seiner eifersüchtigen Verlobten Mimi Kalkbrenner, hauptberufliche Harfenistin, die Gobi möglicherweise zur Flucht verholfen hat. Als nach und nach Indizien auftauchen, die Gobis Täterschaft infrage stellen, gerät Professor Eisler ins Visier der Ermittlungen, der in den letzten Jahren ein durchaus fragwürdiges Verhältnis zu seiner kranken Ehefrau pflegte. Handelt es sich bei den jüngsten Morden etwa um einen „Trittbrettwürger“?

Eine fehlende frühere Ermittlungsakte und der verschwiegene ehemalige Kommissariatsleiter Bruno Götze, der Gobi vor fünf Jahren festgenommen hat, erschweren die Aufklärung der Morde. Die Jagd nach dem Täter führt Dorn und Lessing in die Kanalisation der Stadt Weimar, die so düster ist wie das Netz der Verstrickungen, in das die Kommissare geraten.

Rezension

Der Tatort Weimar ist untrennbar mit dem Autorenduo Murmel Clausen / Andreas Pflüger verbunden, die schon Avantgardekino wie „Der Schuh des Manitou“ zu verantworten hatten und man kann nicht erwarten, dass plötzlich der Humor sich ändert.

Wie alle neuen Teams bekamen Lessing / Dorn zu Beginn von mir die üblichen Welpenschutz-Bonuspunkte von uns, aber seit so viele Tiere dran glauben müssen … nein, das ist es nicht unbedingt, wir wollen fair bleiben. Den Tieren gegenüber.

Ich bin auch nicht so richtig entsetzt darüber, wie mit psychischen Krankheiten umgegangen wird. Wenn ich auf Fotos vom Autors Clausen schaue, werde ich ohnehin nachdenklich, da kann er noch so viele übergriffige Gags schreiben. Und immerhin hat sich Christian Ulmen (Lessing) dieses Mal ein wenig eingekriegt und spielt vergleichsweise dezent. Trotz der vielen zungenbrecherischen Dialogsätze.  Beim wievielten Take weiß man nicht, aber ich glaube, er kann das ganz gut.

Mit Jürgen Vogel und Jeanette Hain hat der Film zwei ausgezeichnete Darsteller für die wichtigsten Episodenrollen und auch Ernst Stötzner spielt den kruden Professor Eisler toll. Allerdings hatte ich spezielle bei Jürgen Vogel das Gefühl, schon mehr Engagement und Einleben in die Rolle gesehen zu haben – vielleicht hat er den Fehler gemacht, das Drehbuch vorher nicht zu lesen und sich dann ein wenig quälen müssen, um seinen Part umzusetzen.

Das Problem auf Schauspielseite für mich hauptsächlich bei Nora Tschirner und deren hoffnungslosem Überspielen, das für Sketche geeignet ist, aber über 90 Minuten nur dann witzig, wenn – siehe oben: Debil, senil, infantil, alle jene Dispositionen helfen unbedingt beim Ertragen und wenn man Ersteres, Zweiteres nicht ist und irgendwie keine Lust hat, das Kind durch Dauereinsatz zu stressen, funktioniert es nicht.

Das heißt auch, alle Gags, an denen sie beteiligt ist, haben den Touch von too much. Jetzt könnte man sagen, davon lebt Professor Boerne in Münster seit 15 Jahren, diese Overacting auf den Bildschirm zu bringen. Aber da ist eben noch etwas anderes; die Fähigkeit seines Darstellers Jan Josef Liefers, die Tonart zu wechseln und immer wieder einen berührenden Moment zu produzieren, mitten im Klamauk. Das geht Tschirner entschieden ab, im Grunde ist ihr Schauspiel One-Note, auch wenn die Blicke immer hektisch in alle möglichen Richtungen schweifen und die Gesichtsmuskeln ständig arbeiten, um Grimassen zu erzeugen.

Man kann dazu natürlich auch positiv stehen, es einfach mögen, gar Fan davon sein. Wenn aber jemand den  Humor dieses Films als feinsinnig bezeichnet, stellt sich unweigerlich die Frage, was jener Mensch dann als derb ansehen würde. Vielleicht gibt es das Wort in seinem Sprachschatz auch nicht.

Was entsteht aus all diesen Beobachtungen und einigen zur Handlung für ein Gesamteindruck? Ich finde es bewundernswert, wie Ed Herzog, einer der besten Tatort-Regisseure, auch diesen Film so inszeniert, wie er eben sein soll und ihn nicht sabotiert, indem er wirklich versucht, subtil zu sein, was er kann und in anderen Werken hinlänglich gezeigt hat.

Er schafft es aber nicht, Tschirner einzufangen oder will es gar nicht, weil er nun mal in einem Boot mit den Kindertatort-Erschaffern sitzt und deren Ideen nach deren Maßgaben umsetzen muss. Im Rahmen dessen ist die Regie so souverän wie möglich.

Hingegen ist es unsouverän, bei heutigen Tatorten noch auf einer Krimihandlung zu bestehen. Bei einigen anderen Filmen der Weimar-Schiene war da noch etwas mehr, aber dieses Mal stehen wirklich alle einzelnen Handlungselemente frei austauschbar nebeneinander, sind nicht verzahnt, verknüpft, verbunden, logisch gereiht schon gar nicht. Zum Beispiel ist das Anfordern der Justizakte nur ein Spielzeitfüller, der den Auftritt des bösen Ex-Chefs von Lessings und Dorns Dienststelle rechtfertigt, außerdem fällt eklatant auf, dass nichts ausermittelt, sondern immer nur von Lessing und Dorn behauptet wird. Die Täterpersonen finden das wohl so beeindruckend, dass sie nach einiger Gegenwehr (Eisler) oder einfach so (Mimi Kalkbrenner) die Nerven verlieren. Dadurch wird natürlich viel Zeit frei für Witzchen und kulturelle Referenzen, die wiederum in Witzchen eingebaut sind, verbraten.

Eigentlich ist es pseudoelitärer Quatsch, noch darauf zu achten, dass es Mahlers Unvollendete tatsächlich gibt und vielleicht stimmt es sogar, dass die Harfe nur zweimal eingesetzt wird, ganz zu Beginn und dann am Schluss wieder, schließlich ist das Werk nicht vollendet, vorgesehen war vermutlich ein dritter Einsatz am Ende des letzten Satzes. Aber dass die Harfenistin zwischendurch aus dem Konzertsaal rennt, um den einen oder anderen Mord zu begehen, das muss man einfach als dem speziellen Humor dieses Teams geschuldet hinnehmen.

Finale

Es gibt mehrere Linien oder Themen, die auf humorvolle Weise verarbeitet werden: Die Psychiatrie, besonders die forensische, die klassische Musik und wie  heute mit ihr umgegangen wird und auch die DDR wird nochmal mit einem Klorollen-Gag bedacht, den ich aber irgendwoher schon kannte.

Dass Weimar eine so riesige Kanalisation hat, wird mich die Stadt ganz anders wahrnehmen lassen, sollte ich wieder einmal dorthin kommen und sie ist überhaupt ein wunderschönes Setting, aber im Moment sehe ich keinen Grund, den 1040. Tatort nochmal anzuschauen, dazu bietet er zu wenig Bemerkenswertes – am meisten daran interessiert mich im Grunde, wie Zuschauer diese sehr zeitgeistigen Filme in zehn oder zwanzig Jahren aufnehmen werden. Auch das wird davon abhängen, wie weit die Menschen sich bis dahin verkindlicht haben, um den Alltag noch ertragen zu können. Da wird der Jugendkultmodus wohl nicht mehr ausreichen.

5,5/10

© 2018, 2017 Der Wahlberliner, Thomas Hocke  

Hauptkommissar Kira Dorn – Nora Tschirner
Hauptkommissar Lessing – Christian Ulmen
Kommissariatsleiter Kurt Stich – Thorsten Merten
Polizist Lupo – Arndt Schwering-Sohnrey
Gotthilf Bigamiluschvatokovtschvili, genannt „Gobi“ – Jürgen Vogel
Gobis Verlobte Mimi Kalkbrenner – Jeannette Hain
Prof. Elmar Eisler – Ernst Stötzner
Dr. Streifeneder (Arzt) – Thomas Bading
Dr. Streifeneder (Patient) – Andreas Schröders
Frau Dr. Seelenbinder – Ute Wieckhorst
Bruno Götze – Ralf Dittrich
Nachbarin Luise – Antonia Bill
Paola Koslowski – Mirjam Heimann
Heike Fischer – Anna Windmüller
Orchesterdirektor – Nils Kretschmer
Vorsitzender Richter – Bernd Lange
u.a.

Drehbuch – Murmel Clausen, Andreas Pflüger
Regie – Ed Herzog
Kamera – Kristian Leschner
Schnitt – Knut Hake
Szenenbild – Brigitte Schlögel
Ton – Erich Lutz
Musik – Dürbeck & Dohmen

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