Spielverderber – Tatort 963 / Crimetime 96 // #Tatort #Lindholm #Hannover #NDR #Spielverderber #Tatort963 #TatortSpielverderber

Crimetime 96 - Titelfoto © NDR, Frederic Batier

No Rainbows at all

Der 23. Fall von Charlotte Lindholm führt die Hannoveraner LKA-Kommissarin wieder einmal aufs Land. Doch dieses Mal steht mitten im Land der Fliegerhorst Wunstorf, und dort ermittelt Linholm in erster Linie, weil sich der Mord an einer jungen Frau offensichtlich im Bundeswehr-Milieu abgespielt hat.

Die Probleme der Bundeswehr, veraltete Ausrüstung, Überlastung mit Dienstzeiten usw. können wir jetzt in einem Punkt korrigieren. Die im Film gezeigten Transall-Maschinen werden gerade zugunsten der neuen A400 M von Airbus ausgemustert und in den Fliegerhorst selbst werden u. a. wegen dieses Typwechsels und der dafür erforderlichen Logistik ca. 500 Millionen Euro investiert, nach bereits ca. 200 Millionen Euro seit 2009. Unser Titelfoto zeigt im Hintergrund bereits eine A400 M, die in dem Film, der im Mai bis Juni 2015 gedreht wurde, nicht verwendet wurde, Auslieferung und Einsatz der Maschinen haben sich unter anderem aufgrund des Absturzes eines baugleichen Exemplars in Spanien verzögert.

Quellen u. a.: VerteidigungsministeriumWikipediaHeise.deDER SPIEGEL

Handlung, Besetzung, Stab

Ihr 23. Fall führt Charlotte Lindholm in die Welt des Militärs – Ermittlungen am Fliegerhorst: Die Ex-Frau eines Bundeswehr-Piloten ist in ihrem Wochenendhaus im Harz ermordet worden. Alles deutet auf eine Beziehungstat hin.

Die Ermittlungen im Umfeld der Toten machen klar, dass die Tote ein ausschweifendes Liebesleben hatte und nach der Trennung von ihrem Mann in der Auswahl ihrer Liebhaber nicht allzu wählerisch war – sie hat sich weder bei Kameraden ihres Ex-Mannes noch bei den Ehemännern der Soldatinnen zurückgehalten. Ein Verhalten, mit dem sie sich in der Gemeinschaft isoliert hatte.

Der eifersüchtige Mann – aufbrausend, jähzornig – kann der Täter sein, er hat die Tote gefunden und hatte sie Monate zuvor schon einmal attackiert. Ein daraufhin gerichtlich angeordnetes Kontaktverbot hatte er aber eingehalten. Und er präsentiert ein Alibi.

Rezension (enthält Angaben zur Auflösung)

Unsere Referenz für Bundeswehr-Tatorte war bisher „Nahkampf mit Lena Odenthal in der kernigen Männerwelt, doch die Welt hat sich mittlerweile wieder etwas verändert und Frauen, auch beim fliegenden Personal der Luftwaffe, sind offenbar keine Seltenheit mehr. Und hätte man sich vorstellen können, dass Lena Odenthal eine Romanze mit dem kommandierenen Stützpunktchef hat? Sicher nicht. Da war eher Geschlechterkampf angesagt. Vielleicht hat sich auch hier einiges verändert. Vielleicht hat sich auch bei und mit Charlotte Lindholm etwas verändert. Aber Genaues weiß an nicht. Unsere Beobachtungen jedenfalls sind nicht in einer widerspruchsfreien Rezensionslinie unterzubringen, deswegen versuchen wir’s auch gar nicht, sondern listen sie so auf, wie sie uns in den Sinn kamen. Selbstverständlich steht am Ende dennoch ein Fazit zu diesem Tatort.

Seit unserer Rezension zu „Schwarzes Herz“ ist klar, dass wir keine Lindholm-Freunde mehr werden, es sei denn, es gäbe eine Generalrevision der Figur, bei der alle ihre offensichtlichen Verhaltensauffälligkeiten überprüft und durch ein wirklich modernes Frauenbild ersetzt würden. Solange das nicht der Fall ist, bleiben wir bei den Grundzügen dessen, was wir in der o. g. Rezension beschrieben haben: Dass diese Kommissarin die mit Abstand problematischste Ermittlerfigur von allen darstellt, ungeachtet der vielen Grenzgänger und psychisch angeschlagenen Cops, die mittlerweile ins Tatortland ansässig wurden. Es ist zum Verständnis unserer Meinung zu „Spielverderber“ wichtig, darauf hinzuweisen und diese Prämisse dem aktuellen Beitrag voranzustellen, doch wir wollen hier nicht die Linie noch einmal nachzeichnen, die zu unserer Beurteilung geführt hat, sondern uns im Folgenden auf die Beobachtungen zum Tatort 963 konzentrieren.

  • Warum muss ein Tatort einen bereits vorhandenen Titel wieder aufnehmen, der sich zudem dieses Mal nicht erschließt? Wer verdirbt wem das Spiel und wo wird überhaupt etwas erwähnt, das mit „Spiel“ zusammenhängt, außer den Spielschulden eines BW-Angehörigen, die alles andere als zentral für die Handlung sind? Oberst Friedrichs – verdirbt er Charlottes Spiel mit der offensiven Manipulation anderer, weil er sie emotional anzieht, oder tut die Täterperson dies, weil sie sich einer langjährigen Haft durch Selbstmord entzieht? Es ließen sich viele vage Ansätze für den Titel finden, aber nichts, was diese Titel-Doppelung mit Schimanskis Tatort (Nr. 194 in der Gesamtliste) erforderlich gemacht hätte.
  • Lindholm hebt darauf ab, den Flieger mit Aggressionspotenzial aus der Reserve zu lockenund schafft es nicht. Weil er den Mord an seiner Frau nicht begangen hat? Aber es ist knapp, beinahe wäre er ihr doch an die Gurgel gesprungen. Wer aber war in dieser Situation wirklich aggressiv und wer hatte sich letztlich im Griff. Charlotte Lindholm behauptet das von sich, doch es stimmt leider nicht. Der Moment, in dem sie mit der Faust in die Handfläche klatscht und dann zähnefletschend und schmallippig jeden gebotenen Abstand zu Jan Körner unterschreitet, wirkt bei distanzierter Betrachtung genau gegenteilig.Eine hoch aggressive Person nutzt ihre überlegene Stellung aus, um jemanden zu einer unbedachten Handlung zu bringen, der sich in einer bedrängten Lage befindet. Diese Freude daran, hilflos ausgelieferte Personen so richtig fertigzumachen  … ja, das könnte der Grund sein, warum mancher zur Polizei geht. Weil er den Staat dann im krummen Rücken hat und sich mehr erlauben darf als die meisten Menschen. Und dann erst die nochmalige, eigenmächtige, rechtsstaatsferne Überschreitung dieser Möglichkeiten, anstatt damit verantwortungsvoll umzugehen. Dieser Teil der Szene wirkt denn auch so echt, dass man ihn getrost als ungespielt deklarieren kann. Die anderen Männer in diesem Krimi sind eh wunderbar zahm (der Oberst) oder regen sich anstelle der Person auf, die den ganzen Stress verursacht (der Staatsanwalt).

    Von der gruseligen Übergriffigkeit Lindholms in der Unfallszene über ihr Vorgehen auf dem Stützpunkt bis zu ihrer ständigen Einwirkung auf den armen, den Rechtsstaat mit größter Mühe verteidigenden Staatsanwalt gibt’s auch in dieser Film wieder einen auffällig deutlichen antidemokratischen Subtext. Prinzipiell hat sich also nichts geändert, in Lindholms Welt, in der sie Sonderrechte gegenüber allen anderen hat. Lindhom ist eine richtige Exzeptionalistin. Vielleicht könnte sie bei der Bundeswehr einen Kurs über „Innere Führung“ belegen, um das etwas zu dämpfen. Die Chance hat sie ja nun, da sie so gut mit einem Angehörigen der Luftwaffe befreundet ist.

  • Weil die oben erwähnten Aspekte so dominant sind, tun wir uns schwer damit, die möglicherweise einsetzende Ironisierung der Lindholm-Figur zu akzeptieren, die sich in ihrem Quängeln über alle, die ihren aufopferungsvollen Einsatz im Dienst der Ermittlung nicht würdigen wollen oder in ihrer Flugromanze äußern könnte. Sicher wirken diese Momente entspannend, auch wenn oder weil sie jenen parodistischen Unterton haben, wie etwa die Nachfrage des Obersts wegen des Küssens. Zwei Bürokraten auf Gefühlsabwegen – obwohl der Oberst gar nicht so knobelbechermäßig gezeichnet wird, sondern eher wie einer, dessen Auftritt schon spätes 20., vielleicht frühes 21. Jahrhundert ist und der sich um seine Truppe kümmert und all die privaten und dienstlichen Kleinigkeiten im Blick hat, die in seinem Team vor sich gehen.
  • Wenn man dies betrachtet, wird einmal mehr klar, warum es so konsequent ist, Lindholm ganz allein arbeiten zu lassen: In einem Team ist sie nicht vorstellbar. Nicht mal ihrem Sohn kann sie ein Eingebundenheits-Feeling vermitteln und Martin Felser ist längst ausgezogen, angesichts der emotional höchst defizitären Position, die er irgendwann doch loswerden wollte. Man kann dies problemlos so interpretieren, dass in ihrer Welt kein Platz für andere ist und ihre  soziophobe Ader es geradezu erforderlich macht, dass sie sich permanent über hierarchisches Verhalten definiert. Würde sie es nicht immer wieder schaffen, dienstliche Effizienz dadurch zu suggerieren, dass sie sich über alles hinwegsetzt, was würde dann mit ihrem Selbstbild passieren? Und mit den Ermittlungsergebnissen?Tatort-Fans, die Charlotte Lindholm mögen, rekurrieren vermutlich unbewusst auf ein Schema, das sie entweder selbst anwenden oder, wahrscheinnlicher, bei Dritten  akzeptieren, möglicherweise sogar bewundern, indem sie einer jener unterwürfigen Rollen annehmen, wie Lindholm sie anderen aufzwingt. Üblicherweise geschieht dies, um die dominante Person nicht zu verstimmen, die im Leben eine wichtige und nach Ansicht des sich Unterwerfenden vielleicht unersetzliche Funktion hat.
  • Wenn das Gerücht stimmt, dass Linholm den 1000. Tatort bekommen soll, wäre das auch ein ironischer Beleg der These, dass die realen Machtverhältnisse in der Medienwelt ebenso hierarchisch sind – denn dafür gäbe es nun wirklich Teams, die  mehr zur Tatorthistorie beigetragen haben und die wirkliche Institutionen der Reihe geworden sind. Die Frage, wie diese Entscheidung in und mit der ARD organisiert worden ist, stellen wir hier vorsichtshalber nicht. Dass das Lindholm-Team nicht bescheiden zurücktritt und den Münchenern, Lena Odenthal oder den Kölnern den Vortritt lässt (den noch aktiven Ermittlern mit den derzeit meisten Tatorten), passt ins Schema.
  • Jenseits des interessanten Settings und des unvermeidlichen Nachdenkens über Linholm, die immerhin eine gute Reizfigur abgibt, ist „Spielverderber“ nicht überragend interessant, aber auch nicht schlecht gemacht. Das Eifersuchtsdrama, das letztlich den Hintergrund für den Mord bildet, könnte sich in jedem Milieu zutragen. Im Grunde ist auch dies wieder ein Dorfkrimi, denn der Fliegerhorst ist eine Art Dorfgemeinschaft, in der alle einander kennen, veredelt lediglich durch eine gewisse Fliegerromantik, die sich am Ende als tückisch erweist.
  • Und damit zum Ende. Wie man das „Over the Rainbow“ aus dem wunderbaren „The Wizard of Oz“ einsetzen kann, um so zu übertreiben und außerdem die bis dahin ansprechende Statik des Film auszuhebeln, ist beinahe erschütternd. Sicher auch, weil die arme, nach einer Fehlgeburt ziemlich allein in der Welt stehende Fliegerin freiwillig aus dem Leben scheidet, aber vor allem, weil hier noch etwas reinkommt, was man in diesem Film bisher günstigerweise nicht gesehen hat: Das Fragezeichen hinsichtlich des Ablaufes. Und natürlich hat es wieder mit der Kommissarin zu tun.Wenn man sonst das Geschehen beherrscht, glaubt, dass man alle Leute ausgucken kann, wie kann man dann nicht ahnen, was die junge Frau vorhat, und sie allein zur Ladetür gehen lassen? Ein echter Querschuss  zum Schluss, der das bisher nur angedeutete Pathos im 963. Tatort mit einem Knall ins Extreme steigert. Allein diese Szene wird am Ende der Rezension zur Abwertung führen. Und das sicher nicht, weil wir emotionale Momente nicht aushalten können.
  • Dass Lindholms Vorgehen eben auch nur aufgrund von Zufällen zu Ergebnissen führt, sieht man wunderbar in dem Moment, in dem sie – sic! – zufällig auf einem weiten Feld über die Mordwaffe stolpert, welche zudem die Frage aufwirft, wie es bei deren Einsatz zu solchen Blutverlusten kommen kann, dass der rote Lebenssaft durch eine Dachluke tropft und den Mann der Ermordeten nass macht. Wir wissen übrigens, dass er nicht der Täter sein kann, denn wer besudelt sich schon freiwillig das T-Shirt? Oder ist das gar nicht wichtig? Jedenfalls bemerkt das viele Rot offenbar nicht einmal die nächste Person, die er kontaktiert

Fazit

Ein konventionelles Eifersuchtsdrama kann man immer wieder bringen, schließlich stirbt Eifersucht als Mordmotiv ebensowenig aus, wie es Habgier, Mordlust und andere Tatbestandsmerkmale tun. So schlecht ist dieses Drama auch gar nicht gemacht, und die Welt der Bundeswehrflieger wird uns immerhin ein wenig erläutert, wobei der arme Oberst Friedrich soszuagen als Allein-Erzähler und Erzählter herhalten muss. Aber das schlechte Ansehen in der Bevölkerung, die Materialmängel, die Dienstüberlastung und andere bedrückende Faktoren faktisch zu zeigen, wäre zwar filmischer, für einen Tatort aber doch zu aufwendig gewesen. Ob man es mit sparsamen, aber intelligent eingesetzten Mitteln doch hätte versuchen können, bleibt dabei offen.

Lindholms Vorgehensweisen und das krude Ende des Films lassen uns dann aber keine Wahl, wir müssen von einer ansonsten gut durchschnittlichen Bewertung noch einmal um einen Punkt für jeden dieser Faktoren runter, sodass wir bei der niedrigsten Marge herauskommen, die wir seit der Sommerpause 2015 für einen neuen Tatort vergeben haben: 5,5/10. Im Wege der Überarbeitung vor Wiederveröffentlichung 2018 auf 6/10 angehoben.      

© 2018, 2015 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissarin Charlotte Lindholm – Maria Furtwängler
Oberst Andreas Friedrichs – Richard van Weyden
Annemarie Lindholm – Kathrin Ackermann
Susi Kleiner – Muriel Wimmer
Jan Körner – Gerdy Zint
Lore Körner – Nora Huetz
Kristin Goebels – Jasmin Gerat
Paul Goebels – Thure Lindhardt
Vera Graschow – Catherine Flemming
Hauptmann Wenzelsburger – Daniel Zimmermann
Staatsanwalt Mülhoff – Rainer Winkelvoss
Laura Schulze – Hildegard Schroedter
Gerichtsmediziner Hans Jepsen – Niels Bormann

Drehbuch – Hartmut Schoen, Susanne Schneider
Regie – Hartmut Schoen
Kamera – Andreas Doub
Musik – Matthias Frey

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