Der Fluch der Mumie – Tatort 763 / Crimetime 99 // #Tatort #Münster #TatortMünster #Thiel #Boerne #DerFluchderMumie #Tatort763

Crimetime 99 - Titelfoto © WDR, Willy Weber

Vaddern in Fear

Der Fall an sich ist ein Schmarrn, daran führt nichts vorbei. Die Schauspieler sind großartig, daran besteht ebenfalls kein Zweifel – für die Hauptrollen gilt das ohnehin, aber auch für die meisten Nebenrollen.

Der Streit zwischen Rechtsmediziner und Archäologie, die Motivation des Archäologen, die Romanze zwischen Haller und dem Verdächtigen Lechner, selbst der Mord an dem Vollzugsbeamten Reinhardt, das alles ist sehr herbeigeschrieben und musste außerdem auch noch kombiniert werden und wird dadurch noch unglaubwürdiger.

Die Schauspieler müssen mit der wenig tatortgeneigten Handlung klarkommen und konzentrieren sich im Wesentlichen darauf, ihren Job gut zu machen. Allerdings – im Gegensatz zu Büchern gibt es bezüglich der Figuren zwei Ebenen, nicht nur eine. Auch ein guter Schauspieler kann nicht alles geradebiegen, was das Drehbuch verbockt. Es gibt also Schauspielleistungen, die sich sehen lassen können, ohne dass deswegen auch das, was ihre Figuren motiviert, komplett überzeugen muss.

Handlung

Ausgerechnet der Vater von Kommissar Thiel entdeckt beim Entrümpeln einer alten Villa zufällig eine offensichtlich schon Jahrtausende alte Mumie. Den Auftrag zu der Aufräumaktion hatte Herbert Thiel von Judith Schorlemer, der Enkeltochter eines berühmten Archäologen, bekommen. Stammt die Mumie von einer der Forschungsreisen ihres Großvaters in den Nahen Osten?

Prof. Dr. Wilfried Kastner, Leiter des Archäologischen Instituts der Universität in Münster, ist begeistert. Aufgrund der Inschrift auf dem Schrein vermutet er, dass die Mumie ursprünglich aus dem alten Persien stammt, was einer archäologischen Sensation gleichkommt. Doch Prof. Karl-Friedrich Boerne, als Rechtsmediziner nicht nur an dem Todeszeitpunkt interessiert, sondern auch der Todesursache auf der Spur, bezweifelt, dass Prof. Kastner recht hat.

Derweil hat Kommissar Frank Thiel mit einer „frischen“ Leiche zu tun. Der Vollzugsbeamte Mathias Reinhard wurde tot im Keller seiner Wohnung aufgefunden. Bei den Häftlingen war er bekannt als besonders „harter Hund“. Hat hier ein ehemaliger Insasse der JVA Rache geübt? Einer der Verdächtigen ist Andreas Lechner, der gerade aus der Haft entlassen wurde. 

Rezension (enthält Angaben zur Auflösung)

Karl Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) ist der Mann dieses Tatorts. Er spielt nicht nur seinen Partner Frank Thiel (Axel Prahl) an die Wand, sondern gleich alle anderen Schauspieler mit. Was nicht heißt, dass diese schlecht sind.

Das Seltsame ist, dass man ihm zwar seine Mit-Ermittlerrolle im Grunde nicht abnehmen kann, aber in seiner Art wirkt er hier so geschlossen und überzeugend, dass man ihm nur die Bestnote geben kann.  Der Wortwitz, für den er in erster Linie zuständig ist, kommt im Tatort 763 nicht so prägnant wie in manch anderer Folge aus Münster, aber es ist die Idee des Wissenschaftlerstreits, der sich zu einem Feldzug von Boerne gegen alle auswächst, die ihn als Figur trägt. Das gab es schon häufiger, zum Beispiel in „Fakten, Fakten“ oder im derzeit neuesten Münster-Tatort „Herrenabend“, wo er sogar seinen Ruf verteidigen muss. Boerne gegen den Rest der Welt, das würde kaum funktionieren, wenn er nicht meistens Recht behalten würde. Wir gönnen ihm das auch in „Der Fluch der Mumie“, trotz aller Überzogenheit am Ende im Gespräch mit Thiel und Staatsanwältin Wilhelmine Klemm (Mechthild Großmann).

Thiel hingegen fällt zwangsläufig ab und muss zudem auch noch für die prolligen Einlagen herhalten. Fettige Haare, Waschen nur noch per Zufall in der Autowaschanlage und allgemein erste Ansätze von einem vor allem gegenüber Boerne sehr  genervten Verhalten, das sich in den beiden neueren Tatorten noch verstärkt – eine Fehlentwicklung. Anfangs wirkte Thiel vor allem durch seine lakonische Art, mittlerweile wirkt er mehr wie eine Karikatur seiner selbst. Auch als Ermittler kann er nicht sehr viel beitragen, weil sich die Dinge nur durch Boernes Wirken entschlüsseln lassen. Die beiden sollten wieder etwas ausgeglichener gestaltet werden (dies allerdings ist in „Herrenabend“ schon umgesetzt worden). Natürlich ist Thiel / Prahl dadurch nicht schlecht, aber für mehr als ein voll befriedigend reicht es nicht.

Christine Uspruch in der Rolle von Silke Haller kommt dieses Mal über den Alberich hinaus und macht ihre Sache insgesamt sehr gut. Dass man die Romanze mit Lechner – wenn man dieses Verhältnis denn so bezeichnen kann – nicht als glaubwürdig empfindet, liegt nicht an der Schauspielerin. Es beweist aber, wie Rolle und Leistung eben doch einander bedingen. Nadeshda Krusenstern und die  Staatsanwältin Klemm haben vergleichsweise viel Text und meistern ihre Parts souverän.

Die Verdächtigen ragen nicht heraus, auch wenn man Justus von Dohnanyi als betrügerischem Archäologen Dr. Kastner einen Professorencharme durchaus zusprechen kann. Gut gefallen hat uns der Häftling  Gruber (Dimitri Bilov), der recht authentisch wirkt. Weniger konnten wir Tobias Schenke als Andreas Lechner abgewinnen, das hat aber auch mit seiner Rolle als etwas verstörtem Neu-Freiheitler zu tun und diesem seltsamen Verhältnis zu Silke Haller. Die einzelnen Verdächtigen kommen als Charaktere nicht besonders stark heraus, weil die Ermittler und deren Team vergleichsweise große Parts haben, sie wirken aber auch nicht fehlbesetzt oder leisten sich größere Schwächen.

„Der Fluch der Mumie“ lässt sich schwer nacherzählen – das sagt schon einiges darüber aus, wie er gestrickt ist, denn eine gewisse Übung rechnen wir uns mittlerweile zu. Die einzelnen Elemente sollte man erst einmal für sich betrachten, dann klappt die Analyse besser.

Die falsche Mumie als das prägnanteste Element der Handlung ist auch das schwächste. Wie hier die Wissenschaftler als Deppen dastehen, das hat zwar System, da jeder Münster-Tatort das Potenzial zum Koryphäen-Sturz aufweist und auf diese Weise seine eigene Art von Gesellschaftskritik entwickelt hat, es ist aber komplett daneben. Man darf es eben nicht ernst nehmen, aber tut man es nicht, ist es auch wieder nicht komisch genug für eine hohe Satire-Note. Niemals würden sich so viele Wissenschaftler so täuschen lassen und würde ein solcher Streit zwischen Archäologe und Rechtsmediziner entstehen.

Der Mord an Reinhardt ist eher nachvollziehbar, aber keineswegs zwingend. Deswegen muss ja am Ende auch Thiel den Talking Head spielen und dem Zuschauer erklären, welche die Motive des Vorgesetzten von Reinhardt waren, warum dieser ihn also wirklich umgebracht hat. Da wurde ganz schön von hinten durchs Knie geschossen, mit der Konstruktion, dass die Mumie in Wirklichkeit ein Häftling ist, der dahinter kam, dass jener ein Verhältnis mit des Dritten Frau hatte und auf Rache aus war. Und dann fand zufällig der Professor den Toten im Wald und machte ihn zur Mumie. Gut, dass Thiel das am Ende  schnell und schnodderig abhandelt, bevor man auf die Idee kommt, groß darüber nachzudenken.

Wir sind eben immer noch der Ansicht, dass eine gute Krimikomödie nicht zwangsläufig ein schlechter Fall sein muss. Etwas besser sieht’s mit der Atmosphäre und der hintergründigen Satire aus. Die Ahnlehnung an Gruselfilme, schon durch die herrliche rote Schrift im Vorspann erkennbar, legt eine satirische Grundhaltung über alles und damit ist gesagt, dass man den Plot wirklich nicht zu eng sehen darf.

Wir haben das Stück jetzt nicht auf dem Schirm, das in der Verfolgungszene mit Haller / Alberich, also einer nicht sichtbaren Situation am Steuer, gespielt wurde – aber seltsamerweise empfanden viele die Musik dazu als unpassend. Wenn man die Satire insgesamt anerkennt, muss man die Musik natürlich als Teil derselben bewerten und so gesehen, passt sie sogar ausgezeichnet. Sie macht vielleicht erst richtig deutlich, was die Macher hier auftischen – nämlich eine Show, die nicht unbedingt Fragen nach ihrem tieferen Sinn zulässt. Ansonsten routiniert gefilmt mit leichten Horror-Anklängen. 16/20 fürs Stilistische.

Fazit

Bei der ursprünglichen Rezension im Jahr 2011 hatten wir ein neues, gegliedertes System getestet, das sich am Schreibgruppenmodus orientiert: Figuren, Handlung, Stil des Films werden getrennt bewertet und innerhalb des Figurentableaus erfolgt eine Untergliederung zwischen jeder Hauptfigur und die Nebenfiguren werden noch einmal eigens beleuchtet. Der sehr klaren Gliederung stand aber auch eine starre, schematische Darstellung gegenüber, die für konstruktive Textkritik hilfreich ist, aber bei für ein Publikum zur Unterhaltung gedachten Beiträgen doch etwas zu dröge. Man kann das Schema noch deutlich erkennen, aber wir haben alle Zwischenbewertungen und Gliederungspunkte entfernt.

Damals kamen wir bei 6,7/10 heraus und was länger erhalten blieb als die stark gegliederte Form der Kritik war die Zehntel-Bewertung, die es in der nunmehr „Crimetime“ benannten Rubrik ebenfalls nicht mehr gibt. Im Grunde müssten wir nun auf 6,5/10 ändern, aber angesichts der Probleme, die der Münster-Tatort qualitativ mittlerweile leider allzu häufig hat, sind wir auch ein wenig vergleichend unterwegs und können 7/10 rechtfertigen.

© 2018, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Frank Thiel – Axel Prahl
Prof. Karl-Friedrich Boerne – Jan-Josef Liefers
Herbert Thiel – Claus D. Clausnitzer
Nadeshda Krusenstern – Frederike Kempter
Judith Schorlemer – Marijam Agischewa
Wilhelmine Klemm [Staatsanwältin] – Mechthild Großmann
Dr. Wilfried Kastner – Justus von Dohnanyi
Andreas Lechner – Tobias Schenke
Josef Bausch – Thomas Lawinky
Mathias Reinhardt – Jürgen Rißmann
Reporterin – Anke Bruns
Gruber – Dimitri Bilov
Handwerker – Ludger Burmann
Weismantel – Peter Clös
Galina – Anna Brodskaja
Silke Haller [Alberich] – Christine Urspruch
Stefan Karb – David Scheller
Marion Ende – Tina Seydel
u.a.

Regie – Kaspar Heidelbach
Buch – Stefan Cantz und Jan Hinter
Produzent – Sonja Goslicki

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