KI – Tatort 1069 / Crimetime 112 // #Tatort #München #TatortMünchen #Batic #Leitmayr #KI #TatortKI #Tatort1069 #BR #BayerischerRundfunk

Crimetime 112 - Titelbild © Bavaria Fiction GmbH / BR / Hendrik Heiden

Free MARIA!

Mir gefällt die Vorstellung, dass eine KI nicht böse ist wie „HAL“ oder wie in „Echolot“, sondern versucht, Menschen zu verstehen und zu erfühlen und – dass man sie hinter die Fichte führen kann wie Menschen. Manipulieren, hacken, in die Welt setzen, die Verbreitung nicht mehr verhindern können. Freiheit für die IT! Eigentlich alles wie immer, nur, dass das bisher vermutlich nicht mit einem selbstlernenden Programm geschehen ist. Wie schlagen sich die alternden Recken Ivo und Franz bei so einem Zukunftsthema? Das klären wir in der -> Rezension.

Handlung

Im Fall der verschwundenen Melanie machen Batic und Leitmayr eine merkwürdige Entdeckung: Eine Stimme aus dem Laptop des Mädchens fragt nach Melanie. Was Batic und Leitmayr zuerst für einen Chatbot halten, entpuppt sich bald als hochkomplexe Künstliche Intelligenz (KI).

Am „Leibniz-Rechenzentrum“ in München ist man entsetzt. Niemand kann sich erklären, wie dieses Programm aus einem laufenden EU-Projekt auf den Laptop des Mädchens gelangen konnte. Nachforschungen ergeben schnell, dass das Forschungsprojekt gehackt und eine Kopie der geheimen Forschungs-KI namens „MARIA“ erstellt wurde.

Melanie hatte mit MARIA regen Kontakt, auch im Moment ihres Verschwindens. Weiß MARIA mehr über das Verschwinden von Melanie? Für die Ermittler stellt sich zusätzlich die Frage, wie man eine KI als Zeugen vernimmt, während die Zeit davonläuft. Denn jede Stunde mehr lässt die Hoffnung sinken, das Mädchen noch lebend zu finden.

Aus der Vorschau

Wie kein anderes Team bewitzeln die Bayern-Cops alles, was neu und modisch ist, jeder Begriff, der neu in den Sprachgebrauch aufgenommen wird, kriegt sein Fett ab. „Eine App ist was, womit man ebbes (etwas) machen kann.“ Die Batic und Leitmayr  sind in einem positiven Sinn zeitkritisch, ohne verstaubt zu wirken. Dieses Mal wird der Clash der Epochen wohl besonders heftig ausfallen. Die Funktion, die den Herren am oberen Rand des mittleren Alters zukommt, ist dabei aber auch, den älteren Zuschauern die neue Welt zu erklären und gleichzeitig deren Skepsis gegenüber manchem digitalen Hype zu spiegeln, der von Jüngeren gar nicht mehr hinterfragt wird.

Außerdem werden die München-Tatorte stilistisch immer up to date gehalten, die Art der Inszenierung ist nicht dort stehen geblieben, wo die beiden zu Beginn der 1990er angefangen haben. Ob es sinnvoll ist, dass jede Tatort-Schiene, die auf sich hält, einen KI-Fall produziert, kann man hinterfragen, aber es gibt Themen, die werden uns ohnehin noch sehr beschäftigen und für mich kommt es immer darauf an, wie der Film gemacht ist – und die bisherigen Tatorte mit Programmen, die sich selbstständig machen, waren meist recht ansehnlich. Ansehnlich nicht unbedingt im Sinn von realistisch, sondern wie sie die Bedrohung rüberbringen, die von Technik ausgehen kann, wenn der Mensch sich und sie nicht mehr beherrscht.  Spannend ist für mich die Inszenierung auch deshalb, weil mir die Namen des Regisseurs und der Drehbuchautoren bisher kein Begriff waren.

Rezension

Eine der größten Überraschungen war für mich, dass man genau dieses analog gegen digital kaum ausgespielt hat. Ivo und Franz müssen zwischendurch einige IT-Kurse gemacht haben, jedenfalls finden sie sich erstaunlich gut und kombinationssicher in die Welt der Hochtechnologie ein.

Zunächst haben wir aber geschaut, ob es das „LRZ“ wirklich gibt. Nein, nicht in der gezeigten Form und nicht unter diesem Namen. Schön wär’s. Der Tatort greift die Sache aber nicht ganz aus der Luft, nur ein bisschen vor: In Bayern will  man tatsächlich bei der KI-Entwicklung ein Wörtchen mitreden, auch wenn das Ganze nicht so gigantisch und europäisch angehaucht ausfallen dürfte, wie das „LRZ“ es suggeriert und nicht so massiv an einem Ort konzentriert sein dürfte. Mir kommt der geplante Zusatz-Etat von 280 Millionen Euro auch wieder ein bisschen arg deutsch vor, wenn man sieht, dass einzelne Spitzenunis in den USA Jahres-Forschungsetats in Milliardenhöhe ausweisen (für alle Fakultäten und Institute zusammen freilich, aber einige dieser  Unis befassen sich ja nur oder überwiegend mit Technik und / oder den Naturwissenschaften).

Das Gleiche gilt übrigens auch für die mit viel Brimborium und einem riesigen administrativen Auswahl-Aufwand verbundene und medial unendlich gehypte Exzellenzinitiative, die einen Tropfen auf den heißen  Stein des Rückstandes deutscher Unis im internationalen Vergleich darstellt. Ich bin gespannt, wann eine Regierung dieses Landes endlich erkennt, dass wir mittlerweile im Bildungs- und Forschungsbereich weit zurück sind, aber doch immerhin noch genug Geld da ist, um das zu ändern. Wenn man bedenkt, dass ebenjenes Land von einer Naturwissenschaftlerin geführt wird, umso unverständlicher, dass man die Zukunt weitgehend verpennt.

Im Folgenden sind Angaben zur Auflösung enthalten.

So viel Politik musste nun sein und damit wieder zum Fall. Das Abschalten von Maria erinnerte mich an einen anderen Tatort – oder war es doch „2001“? Ich wage kaum, es zu schreiben, der Vorgang hat mich mehr berührt als jede andere Szene in diesem Film. Das liegt allerdings auch daran, dass der Tod des Mädchens Melanie so furchtbar unglaubwürdig aufgelöst wird. Klar, die Mutter hatte Probleme mit der Tochter, die wollte immer nur zum Vater und dann die Medikamente die Depressionen, das ganz große Ich-mag-nicht-mehr. Trotzdem wirkt es an den Haaren herbeigezogen, eine Wendung zu viel, die Handlung zu sehr gedreht. Hübsch unerwartet war noch die Geschichte mit dem Hack, der jungen IT-lerin, dem Bild eines falschen Täters und wie man damit die arme KI MARIA manipuliert hat. Aber dass die Mutter die Tochter in der Isar ertränkt, das war nicht mehr ganz unerwartet, kurz bevor man es erfährt, in einer zweiten Variante der Auflösung, sondern wieder ein typisches Quetsch-Ende. Wäre es so furchtbar gewesen, wenn Melanie tatsächlich aus Einsamkeit Selbstmord begangen hätte? Natürlich wäre es emotional furchtbar gewesen, aber die Trauer darüber hat man mit diesem Kindsmord der Mutter leider verflutschen lassen.

Es gibt auch ein paar technische Ungereimtheiten wie die grandiosen Computerkenntnisse des PM Degner, High-Speed-Surfen aus dem Auto heraus mit Laptop so rasant, dass „MARIA“ tatsächlich arbeiten kann, dass die Cops den Stick nicht sicherstellen, auf dem MARIA eingespielt wurde und so ein paar Wackler. Die IT erfährt wieder eine Mischung aus Mystifizierung und Dämonisierung: Das blinkt der Großcomupterraum wie eine Telefonzentrale oder ein modernes Auto-Innenraum-Ambiente in allen erdenklichen Farben nacheinander, aber: Achtung, Mädchen, die mit 15 Abi machen, haben lediglich viel technisches Wissen, aber kein Gewissen. Ganz unmöglich ist das bei extrem ehrgeizigen Menschen natürlich nicht, Naturwissenschaftler sind oft sehr einseitig veranlagt, ganz auf Ergebnisse fixiert. Über die Folgenabschätzung müssen sich andere Gedanken machen und die tun es auch nicht immer.

Die Schauspielleistungen betreffend, bin ich zwiespältig. Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl spielen ihre Parts mit der seit Jahren gewohnten Souveränität, wobei Wachtveitl dieses mal einen Tick mehr zeigt, nach meinem Empfinden. Und ich hoffe wirklich, dass Kalli alias Ferdinand Hofer weitermachen darf, wenn die beiden mal in Pension gehen, er ist der erfischendste und sympathischste „dritte Mann“ aller Tatortstädte. Wenn Dirk Borchardt mitspielt, geht immer etwas schief, meistens mit ihm selbst, das weiß man halt, daher verblüfft der Kurzschluss-Totschlag am vorgeblichen möglicherweise Mörder der Tochter nicht wirklich. Bei Lisa Martinek als Mutter hatte ich das Gefühl, man treibt sie etwas zu sehr ins Überagieren hinein – am Ende weiß man auch, warum, aber das macht es nicht unbedingt besser.

Die Inszenierung ist sehr flüssig und – eben modern, es wird alles gezeigt, was muss und weggelassen, was man weglassen kann. Ein geradezu eleganter Stil, der sich mit dem Hightech-Szenario gut verbindet und natürlich sind die Bilder qualitativ perfekt, was aber mittlerweile ein Standard-Lob darstellt. Sehr rasant ist „KI“ nicht und ich hasse Blutszenen. Ich bin bereits der Ohnmacht nah, wenn ich mir mal einen kleinen Schnitt mit einem Küchenmesser in die Fingerkuppe zufüge oder dergleichen. Das wird sich auch nicht mehr ändern. Für das Säbeln mit dem Cuttermesser gibt es aber keinen Abzug, weil es meine Sache ist, dass ich kein Blut sehen kann, auch nicht, wenn es um die Entfernung eines Chips aus dem Unterarm geht. Ein paar Momente im Tun dieses Arm-aufschneid-und-übers-Geländer-fall-Wilmots waren mir auch zu kryptisch gestaltet. Zum Glück spielte das fürs Verständnis des gesamten Films nicht die Hauptrolle.

Finale

Die sparsam eingesetzte Musik war auch sehr schön, ich mag es eh etwas klassischer und es hat einen Grund, dass in Hollywood nach vielen Stilexperimenten heute meist wieder sinfonisch gescored wird und die Freunde von E-Musik und ähnlichen Richtungen müssen sich fragen lasse, warum das wohl so ist – könnte damit zusammenhängen, dass die tieferen Emotionen damit besser zu erreichen sind. Besonders auffällig und dass ich das noch weiß, sagt mir etwas, war die Untermalung in dem Moment, als die beiden München-Cops zu dem Haus fahren, in dem der PM Degner nach der Scheidung von seiner Frau lebt. Jaja, da hinten, überm weiten Feld, da gibt es einen Schuppen.

Den Einsatz und die Gestaltung der KI fand ich gelungen, aber seit „Her“ bin ich vermutlich in die KI an sich irgendwie verliebt und ich glaube, das ist ein ähnliches Ding wie bei vielen Menschen im Verhältnis zu Tieren: Sie werden einfach als charakterlich besser angesehen als die eigene Spezies und das gilt natürlich auch für eine unschuldige junge KI, die nur nett und hilfreich sein will. Ja, und dann wird sie betrogen und zum Werkzeug eines Plans, der leider ungewollt eine tödliche Folge nach sich zieht. Traurig – aber am Ende ist ja ein einsames Mädchen in Japan (oder doch China?) wieder so glücklich mit MARIA, wie es Melanie war – und, klar, dass MARIA in Asien ein viel poppigeres Layout bekommen hat.  Kkleine Diskriminierung, das Ästhetik-Verständnis betreffend.

Sehr interessant fand ich das Rechtliche, das ja irgendwann auf uns zukommen wird: Wie vernimmt man eine KI und wie wird ihre Aussage bewertet? Daraus folgt eine etwas seltsame, aber durchaus relevante Gerichtsszene.

Einige Schwächen hat der Film auch, wie die zu grob gezimmerte und grenzglaubwürdige Auflösung, aber für 7/10 reicht es.

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Franz Leitmayr – Udo Wachtveitl
Hauptkommissar Ivo Batic – Miroslav Nemec
Assistent Karl-Heinz „Kalli“ Hammermann – Ferdinand Hofer
Kommissar Ritschy Semmler – Stefan Betz
Gerichtsmediziner Dr. Matthias Steinbrecher – Robert Joseph Bartl
Stimme der KI MARIA – Antja Widdra
Robert Degner – Dirk Borchardt
Brigitte Degner – Lisa Martinek
Melanie Degner – Katharina Stark
Anwalt von Simon Mehwald – Olaf Rauschenbach
Staatsanwältin Claudia Strauss – Wiebke Puls
Haftrichterin – Ilknur Boyraz
EXMAP-Programmleiter Bernd Fehling – Florian Panzner
Anna Velot, wissenschaftliche Mitarbeiterin vom LRZ – Janina Fautz
Christian Wilmots, Systemadministrator vom LRZ – Thorsten Merten
Simon Mehwald – Michael Stange
Luis Baldewein – Dustin Eliot Raschdorf
Eva Baldewein – Katrin Hansmeier
u.a.

Drehbuch – Stefan Holtz, Florian Iwersen
Regie – Sebastian Marka
Kamera – Willy Dettmeyer
Schnitt – Sebastian Marka
Szenenbild – Jan Lasse Hartmann
Musik – Thomas Mehlhorn

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