Blut – Tatort 1070 / Crimetime 122 // #Tatort #Bremen #TatortBremen #RB #RadioBremen #Lürsen #Stedefreund #TatortBlut #Tatort1070

Crimetime 122 - Titelfoto © Radio Bremen, Christine Schröder

Mein Gefährte Stedefreund

„8,30 Mio. Menschen sahen also am Sonntagabend “Blut”, den Vampir-“Tatort” aus Bremen. Der Marktanteil lag bei 23,0%. Die Zuschauerzahl lag damit trotz der verschärften Konkurrenz durch das Prime-Time-Rennen der Formel 1 in etwa auf dem Niveau der vergangenen Wochen. Auch die jüngsten Bremer “Tatorte” lagen nicht meilenweit über den nun erreichten Zahlen, sondern nur leicht. Bei den 14- bis 49-Jährigen war die Zuschauerzahl von 2,48 Mio. sogar die beste seit zwei Monaten und die zweitbeste seit Juni. Offenbar hat der Grusel-Vampir-Faktor also junge Menschen überdurchschnittlich stark interessiert.“ (Meedia)

Na bitte, alles richtig gemacht, Bremen, im vorletzten Tatort von Lürsen und Stedefreund, den „Blut“ ja doch darstellt. Ich dachte ursprünglich, sie hätten noch ein paar mehr Filme vorausproduziert, die dann im Lauf von 2019 noch ein Endfeuerwerk für eines der großen Teams der letzten 20 Jahre darstellen. Doch, es ist ein großes Team, obwohl ich nie ein Lürsen-Fan im engeren Sinn, also ihrer Person und ihres Stils sein werde. Sie hatten vor allem einige sehr gute Filme, exzellente Drehbücher visuell eindrucksvoll umgesetzt. Das darf man kurz vor Ende schon zusammenfassen, obwohl der Abschiedstatort noch kommt. Ja, Stedefreund überlebt, das ist die Voraussetzung und da man weiß, dass noch etwas kommt, empfinde ich diese Aussage nicht als Spoiler. Wie aber war’s denn so, mit einem der blutigsten Tatorte bisher? Das steht in der -> Rezension.

Handlung

Ein Notruf geht bei der Bremer Polizei ein, zu hören sind Hilferufe. Kurze Zeit später wird in einem Park die Leiche einer jungen Frau gefunden. Die massiven Verletzungen am Hals der Toten stellen die Bremer Hauptkommissare Inga Lürsen und Stedefreund vor ein besonderes Rätsel.

Eine traumatisierte Augenzeugin kann den Ermittlern nur den verstörenden Hinweis „Vampir“ liefern. Während Inga Lürsen Schritt für Schritt die Indizien und Hinweise zusammensetzt, gerät Stedefreund in einen fieberhaften Strudel mystischen Aberglaubens. Als die Ermittler auf Nora Harding und ihren Vater Wolf Harding treffen, überschlagen sich die Ereignisse. 

Aus der Vorschau

Es begann nicht mit ihm, das Vampirwesen, nicht einmal im Film, aber „Nosferatu“(1920) von F. W. Murnau, nach dem später die deutsche Filmstiftung für Werke bis 1945 benennt wurde, der war stilprägend, weil der Expressionismus, der gerade erfunden worden war, zu solch einem Thema nun wirklich hervorragend passt. Damals, vor fast 100 Jahren, betrat ein Vampir, von einem Schiff kommend, deutschen Boden und trieb dort sein Unwesen. Die Stadt hieß nicht Bremen, sondern Wismar, aber die Geschichte wiederholt sich bekanntlich nie exakt.

Derweil hat der Sender versichert, Bremer Tatorte wird es nach Inga und Nils geben und obwohl Bremen der kleinste ARD-Sender ist, werden es bestimmt weiterhi auch zwei pro Jahr sein.

Erst einmal wird es aber blutig und gruselig und auch diejenigen, die noch nicht miterleben durften, wie Nosferatu an Land ging, können sich gewiss an den Frankfurt-Tatort „Fürchte dich“ (Nr. 1033) erinnern, als es schon einmal supernatural zuging und komischerweise ebenfalls um Halloween herum, was bedeutet, dass innerhalb eines Jahres 38 neue Tatorte gesendet wurden. Damals waren die Meinungen recht zwiespältig, aber da „Fürchte dich“ seit der Erstausstrahlung noch nicht wiederholt wurde, gibt es hier die Rezension dazu noch nicht nachzulesen, die wir 2017 geschrieben haben und wir können nicht auf unsere eigene Meinung verweisen.

Rezension (enthält weitere Angaben zur Aufllösung)

Dafür aber können wir nun ein paar Zeilen über „Blut“ online stellen. Eines vorweg: Oliver Mommsen als Stedefreund gibt hier seine beste Leistung, seit er 2001 an die Seite von Inga Lürsen alias Sabine Postel gestellt wurde. Ja, er heißt Nils und er könnte ein Gefährte sein. Oft ist es ja so, dass vor dem Abschied eines Teams der Zweite im Glied eine Art von Extra bekommt, dann darf er zeigen, was er drauf hat und sich austoben – oder eine Möchtegern-Vampirin darf sich an ihm austoben. Der Umgang mit der Waffe ist schwach, wie so häufig bei Tatort-Kommissaren, aber sie sind ja auch keine echten Cops und irgendwie findet das dann doch Eingang in die Skripte, ebenso wie die olle Kamelle, dass es Polizisten nie gelingt, Personenschutz zu gewährleisten. Wenn im Tatort Personenschutz kommt, weiß man, das geht schief. Ist es schlimm? Man weiß ja auch, egal, wie gefährlich es für die Polizisten wird, sie müssen überleben, sonst fände diese Schiene ein – ähm – totes Ende.

Aber das wär’s doch auch mal: Dass ein Sender und alle Beteiligten so lange dicht halten, bis ein Team wirklich in einem Film draufgeht und das Publikum mal echt schockiert vor den Bildschirmen sitzt. Einen so grandiosen Abgang würde ich mir beispielsweise für die Münchener wünschen, wenn es mal in einigen Jahrzehnten so weit sein sollte, dass sie aufhören müssen. Kalli, dann mittleren Alters, darf aber nicht mit den anderen in Action gekillt werden, sondern muss die Übergangsteamleitung machen. Schade, dass das so unrealistisch ist, weil die Sender ja immer den Medien Informationen darüber geben, was gerade gedreht wird. Und wenn da nichts mehr ommt – nun ja, dann müsste man es sehr aufwendig faken.

Wir haben also festgestellt, dass Mommsen hier gut performt. Er hat dazu auch alle Möglichkeitn, weil Kollegin Postel das Gegenteil tut. Hat sie sich zurückgenommen, weil sie ihrem langjährigen Mitdarsteller das Feld überlassen wollte oder weil sie auf diese Art von Film, in dem sie außerdem nicht die meiste Spielzeit hatte, keinen Bock hatte? Die Szene, in der sie im Revier sitzt und in aller Ruhe darüber mit dem Stedefreund in Nöten darüber parliert, ob sie doch mal vielleicht bei ihm vorbeischauen könnte, falls er es für nötig hält, sie anzurufen und genau das zu wollen, da wirkt sie schon echt sehr weit heruntergefahren. Aber bei diesen Norddeutschen weiß man ja nie – ich meine die Macher, aber Postel stamm ja auch immerhin aus Niedersachsen. Es könnte sich nämlich auch um Ironie handeln.

Die würde dann etwa so gehen: Wir machen die dicke Blutwelle und zeigen mal, wie wir einen Krimi drehen täten, wenn wir ein Privatsender wären oder eine amerikanische Filmfirma, die sich auf B-Schocker spezialisiert hat – und, schwupps, von einem Moment auf den anderen holen wir wieder alles auf staubtrockenes ÖR-Niveau zurück und gehen dabei ein gutes Stück hinter die heute doch oft recht sämigen Inszenierungen zurück. Die Realität ist die Realität, und die heißt Inga Lürsen. Was Stedefreund hingegen widerfährt, das sind a.) Träume und b.) unwahrscheinliche Begebenheiten, wie zum Beispiel, dass anstatt Knoblauch ein abgebrochener Besenstil zur Befriedung der Situation und der Scheinvampirin verwendet werden soll. Da hat’s ihn schon ziemlich erwischt und es ist leider die cool-autistische BKA-Frau nicht mehr da, die ihn da raushauen könnte. Nun ja, am Ende schaut Inga doch noch vorbei.

Dass eine junge Frau, die einfach nur krank ist und kein Licht verträgt, sich in einen Blutrausch hineinsteigert wie eine echte Vampirin das angeblich tut, weil sie diese Rolle immer mehr annimmt, ist riesiger Humbug, aber: Achtung, Ironie! Wir sind im Schein-Splatter-Modus. So ist auch zu verstehen, dass diese Person in der Nacht Riesenkräfte entwickelt, aber Blut ist vielleicht auch ein besonderer Saft und schon gar, wenn es von glücklichen Kühen kommt.

Aber vor allem in den ersten Minuten hat der Tatort 1070 mir wirlich Gänsehaut gemacht, momentweise jedenfalls. Das wird wohl daher komme, dass ich nicht durch tägliches Horrorfilme schauen abgestumpft bin – und dann war da noch diese Nora. So viel Zeit hatte Lilith Stangenberg gar nicht, der Person eine Individualität zu verleihen, die sie trotz oder vielleicht wegen ihres Wahns und obwohl sie Menschen totbeißt, anziehend macht, aber es gab schon hin und wieder so einen Gedanken: Ach wär ich doch der Gefährte Stedefreund. Nee, wirklich jetzt. Dass ich mich in einen Film hinein und an die Stelle einer Figur setzen kann, ist mir zwar nicht ganz neu, vermutlich würde ich sonst auch nicht über das Medium schreiben, aber dieses Morbide und doch Anrührende an der Person lässt mich verstehen, warum so viele Menschen Geschichten dieser Art lieben. Zur Beruhigung der Berliner_innen, die das hier möglicherweise lesen: Ich hatte während „Blut“ nicht das Bedürfnis, in die Haut von Nora zu schlüpfen. Ich glaube, auch mal die passive, die Opferrolle zu übernehmen, das taugt uns Männern doch heute eh besser. Und Liebe auf den ersten Biss, das wär‘ soch auch mal wieder was Nettes.

Fazit

Ob man den Tatort gut findet, hängt, wie bei jedem Film, von vielen Faktoren ab, aber es ist dieses Mal besonders viel Subjektives dabei. Akzeptiert man die im Grunde logische, aber doch nicht sehr wahrscheinliche Auflösung und damit auch die Klarstellung, dass Vampire ja nicht durch Genickbruch sterben können, findet man diesen Dualismus zwischen leicht drögen Polizeimonenten und den viel emotionaleren Szenen um Nora cool und will man auch diese Ironie unbedingt reininterpretieren, wie ich das zumindest als Möglichkeit angerissen habe?

Mir haben viele der jüngeren Bremen-Tatorte recht gut gefallen. Wie es zu Beginn meiner Rezensionstätigkeit 2011 war, kann man nachvollziehen, wenn Wiederholungen von Ingas und Nilsens Tatorten aus der Zeit laufen und die Rezensionen dazu hier sukzessive veröffentlicht werden. Damals nervte mich die Lürsen fast so wie die Lindholm – aber dann ging es auseinander, bei der Li. hin zur bisher einzigen Abrechnung mit einer Tatortfigur und bei der Lü. zu einem Annehmen, weil sie annehmbarer wurde – weniger prätentiös und belehrend.

Dieses Mal ist sie mir zu wenig engagiert, aber Stedefreund gleicht es aus und es gibt diese wunderbare Episodenrolle der Nora. Spannend fand ich den Film, obwoh mir recht früh der Verdacht kam, dass am Ende dieses Wesen wohl den Tod finden würde, Stedefreund hingegen nicht. Dass seine schlimmen Träume aus einer verdorbenen Blutkonserve stammen, nicht vom Biss, der Nichtvampirin – naja. Irgendwo muss die Schnittstelle zwischen Old-School-Tatort und Gruselfilm ja sein – und wo besser, bei dem Titel, als wenn es um Blut geht. Und mal nicht um ein großes gesellschaftliches Thema.

8/10

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Hauptkommissarin Inga Lürsen – Sabine Postel
Hauptkommissar Nils Stedefreund – Oliver Mommsen
Kommissarin vom Dienst Helen Reinders – Camilla Renschke
Rechtsmediziner Dr. Katzmann – Matthias Brenner
Wolf Harding – Cornelius Obonya
Nora Harding – Lilith Stangenberg
Professor Syberberg – Stephan Bissmeier
Julia Franzen – Lena Kalisch
Anna Welter – Lilly Menke
Katrin Hermann – Helen Barke
Claas Liemann – Peter Meinhard
Frank – Christian Maximilian Neuhof
Ärztin in der Notaufnahme – Ulrike Knospe
Krankenschwester – Pauline Kästner
Krankenschwester – Stephanie Schadeweg
Pfleger – Julian Simon
Laborchef – Christoph Jacobi
Schutzpolizist – Henning Hartmann
Polizei-Techniker – Thomas Ziesch
Lieferant – Alexander Swoboda
u.a.

Drehbuch – Philip Koch
Regie – Philip Koch
Kamera – Jonas Schmager
Schnitt – Friederike Weymar
Szenenbild – Petra Albert
Musik – Michael Kadelbach

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