Das erste Opfer – Tatort 813 / Crimetime 129 // #Tatort #Stuttgart #TatortStuttgart #Lannert #Bootz #SWR #Tatort813 #DasersteOpfer

Crimetime 129 - Titelfoto © SWR, Stephanie Schweigert

Tapferes Jubiläum*

Nach den ersten Sätzen der Polizei am Ort, an dem der Radlader stand, dachten wir, das werden die idiotischsten und hölzernsten Dialoge, die wir seit langem in einem Tatort gesehen haben. „Da bekommt das Wort Gewalt eine ganz neue Bedeutung“, oder „Sowas hab ich noch  nieee gesehen!“ Wer von uns hat schon jemals einen Radlader-Mord gesehen?

Aber dann hat sich das Ganze eingespielt und wurde zu einem routinierten Fall. Wir hätten zum Jubiläum der Tatort-Anthologie* trotzdem lieber eine Folge gehabt, bei der wir richtig hätten mitgehen können, denn trotz sehr grausamer Mordausführungen ist uns das heute Abend nicht gelungen.

Wir hatten inzwischen Gelegenheit, mit Leuten, die sich mit der Polizeiarbeit etwas auskennen und die meinten, diese sei in „Das erste Opfer“ recht gut dargestellt gewesen. Hingegen wäre es wohl kaum möglich gewesen, einen Mann in die Aktenauswertung einzuschleusen, der Auffälligkeiten in der Vergangenheit hat – wer solch eine Arbeit an sensiblen Akten ausführt, muss normalerweise ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vorlegen, auch wenn er nicht direkt bei der Polizei beschäftigt ist. Und in diesem sind auch längere Klinikaufenthalte in der Psychiatrie vermerkt.

Außerdem war es doch etwas sehr seltsam, dass der Staatsanwalt, der den Fall ausgesessen und geschlossen hat, das so einfach tun konnte, aber nicht das Foto der drei Täter im Auto aus der Akte genommen hat, das als Beweismaterial so hohen Wert hat.

Handlung

Bauunternehmer Detlef Börner wird nachts im Baucontainer seiner Großbaustelle auf ungewöhnliche Weise getötet: Er wird erst von der Schaufel eines Radladers außer Gefecht gesetzt und dann mit einer blutverdünnenden Injektion seinem Schicksal überlassen. Kurz darauf geschieht in Marbach ein zweiter Mord.

Restaurantbetreiberin Sigrun Karrenbrock wird mithilfe eines gestohlenen Geländewagens überfahren und verblutet ebenfalls. Ein Foto und die Mordmethode bringen die Kommissare darauf, dass die beiden Fälle zusammenhängen. Sie entdecken tatsächlich, dass Börner und Karrenbrock früher ein Paar waren. Der letzte Anruf, den Börner entgegennahm, kam von Michael Joswig, einen ehemaligen Studienkollegen. Er scheint der einzige Überlebende eines Freundeskreises zu sein, der vor vielen Jahren zerbrach.

Die Stuttgarter Kommissare Lannert und Bootz glauben, dass das Motiv für die Morde in diesem Freundeskreis zu finden ist, doch Joswig sagt nichts dazu aus. Je tiefer die Einblicke von Lannert und Bootz in das Leben der Mordopfer werden, desto überzeugter sind die beiden, dass der Mörder seine Opfer bestrafen wollte. Damit ist jedoch auch Joswig und seine Familie in Lebensgefahr. 

Rezension

Porsche vs. Mädchen. Wenn man böswillig ist, könnte man sagen, Kommissar Thorsten Lannert (Richy Müller) hat sich im Verlauf der Folge 813 mehr darüber aufgeregt, dass jemand abwaschbare Verschmutzungen auf seinem Porsche hinterlässt als über zwei bestialische Morde nebst zugehöriger Vorgeschichte. Bei Sebastian Bootz ist es ähnlich im Verhältnis zwischen seinen kleinen Problemen als Strohwitwer mit zwei Kindern und Fall, den er zu lösen hat.

Man kann es auch andersherum sehen und die für Stuttgarter Verhältnisse frappierende Symbolik ins Feld führen: Die Schmierereien auf dem Porsche von Lannert sind das verkleinerte Spiegelbild des großen Falles: eines Doppel- und beinahe Dreifachmordes. In beiden Angelegenheiten sorgt ein Foto für erhebliche Fortschritte bei der Ermittlung – und in beiden Fällen bleiben Rätsel. Beim Porsche: Was treibt die beiden Mädchen zu solchem Schabernack? Beim eigentlichen Fall: Was hat diese enorm starke Motivation des Freundes des durch Fahrerflucht getöteten Mädchens über eine so lange Zeit aufrecht erhalten?

Beides werden wir nie erfahren. Dafür sind wir beeindruckt von der abgezockten Routine, welche die beiden noch recht jungen oder zumindest recht frischen Kommissare hier angesichts der gesamten Fallkonstellation an den Tag legen. Ja, es gibt einige Tränen gegen Ende im Umfeld des Verdächtigen Herrn Joswig, der das Mädchen Tina Rosendorf angefahren und dann hat verbluten lassen, aber das alles ist sehr dezent.

Wie überhaupt die Emotionen in diesem Fall. Da kommt schon wieder die Bienzlesche Gemütlichkeit auf, der Schwabe regt sich eben nicht so auf, egal, was Schreckliches passiert. Dabei haben Richy Müller und Felix Klare so gut angefangen, im Jahr 2008 – der dritte Tatort der beiden („Tödliche Tarnung“) ist einer von bislang nur zweien, die von uns die Wertung von 9,0 bekamen; auch „In eigener Sache“ muss wohl ein guter gewesen sein, den haben wir bisher noch nicht gesehen.

Das Baumuster und die emotionale Skala. Zudem ist das Baumuster des Falles wirklich nicht originell oder gar innovativ. Unfälle aus der Vergangenheit, bei denen jemand Schuld auf sich geladen hat, sind ein Standard in Tatorten und dieses Mal fehlen sogar die aufwühlenden Rückblenden, die in ähnlich gelagerten Fällen für Thrill gesorgt haben.

Wir haben es schon mehrfach geschrieben – Lannert und Bootz müssen aufpassen, dass sie nicht an Boden verlieren, weil ihre Fälle zu schematisch werden. Dass aber das Spiel der beiden nur dann emotionale Farbe gewinnt, wenn sie miteinander privat agieren, zum Beispiel beim gemeinsamen Wäsche zusammenlegen in Bootz‘ Wohnung, das ist wirklich ein Verlust, denn die beiden haben schon gezeigt, dass sie mehr drauf haben.

Allerdings gibt es bei jeder Betrachtung einen Haken. Wir sind nicht selten genervt von den norddeutschen Befindlichkeitsaussagen und Übertreibungen, an Statements zu allen möglichen Dingen in der Welt, kurzum an Involviertheit, die sich vor allem die Kommissarinnen aus Bremen und aus Hannover (in der Reihenfolge) leisten, und das, was Lannert und Bootz hier vorführen, ist nichts anderes als das genaue Gegenteil – sie enthalten sich jedweden moralischen Kommentars und deuten ihre Haltung auch nicht durch die Blume an. Schwäbische Sachlichkeit, dann doch. Wir wollen aber nicht schreiben, dass andere Tatortteams es vormachen, denn Lannert und Bootz selbst haben es schon gezeigt, dass sie es können, den Zuschauer mitzunehmen, ohne die moralische Keule zu schwingen.

Einige Fragwürdigkeiten. Im Verlauf des Falles entsteht nicht die fiebrige Atmosphäre, die auch das Verhalten des Rico (Johannes Allmayer) etwas unterstützen könnte. Man erfährt gegen Ende in Talking-Head-Form, wie er den Tod seiner Freundin nicht verwinden konnte, aber wie es nach fünfzehn Jahren ohne zusätzliches, auslösendes Ereignis zu einer brutalstmöglichen Mordserie gereicht hat, das wird nicht schlüssig. Dass jemand mit einer so schwer gestörten Persönlichkeit in eine Position kommt, in welcher er vertrauliche Polizeiakten in aller Gemütlichkeit durchsuchen kann, ist eine weitere Sache, die uns nicht schlüssig erklärt wird.

Dazu kommt die Figur des leitenden Staatsanwaltes, der sich vom Bauunternehmer Börner bestechen lässt, indem dieser ihm sein Haus günstig baut. Nicht, dass es das nicht gäbe, aber reicht es aus, um einen so wichtigen Fall versickern zu lassen, ist das glaubwürdig? Und ist es, falls jemand doch so gestrickt ist, realistisch, dass er dann das einzige Beweisstück von Wert einfach in der geschlossenen Akte belässt? Und hätte dieses Beweisstück nicht schon von den damals ermittelnden Kriminalbeamten einbezogen werden müssen, bevor der Staatsanwalt Gelegenheit bekam, den Fall zu schließen? Im Grunde müsste es so gewesen sein, dass er dieses Foto als erster in die Hände bekommt, es gleich verschwinden lässt – aber würde er es dann brav in die Akte legen, nach Abschluss des Falles? So einfach ist das nicht, etwas versickern zu lassen. Es sind aktive, strafwürdige Handlungen dazu erforderlich.

Hätte es diese Vernichtung von Beweismitteln wirklich gegeben, dann hätte die immer mit Bootz und Lannert gleichberechtigt mitermittelnde Staatsanwältin Álvarez (Caroline Vera) ein Delikt gegen ihren Exkollegen Horsch (Peter Kremer) ins Feld führen können, das vielleicht nicht so schnell verjährt wie Vorteilsannahme, die man vielleicht auf Umwegen doch noch gegen ihn verwenden kann, weil sie sozusagen andauert; das günstig gebaute Haus besteht ja noch und Horsch wohnt noch darin.

Technische Details wie die Rekonstruktion einer gelöschten Nachricht auf einem digitalen Anrufbeantworter hinterfragen wir nicht – bei einem analogen Gerät wäre diese Löschung jedenfalls nicht reversibel gewesen und es bleibt nur zu konstatieren, das digitale Zeitalter ist tükisch und Spuren vergehen und verwehen niemals ganz.

Formal ist der Film gelungen, es gibt einige schöne Bilder, Stuttgart von oben zu verschiedenen Tageszeiten, und ein wenig mehr an Symbolik als oben erwähnt gibt es auch – zum Beispiel in Form der beiden Opfer in der Rechtsmedizin, wie sie da nebeneinander aufgefahren werden, mit ähnlichen Verletzungen und gleichermaßen blass, der Bauunternehmer und die Kneipenwirtin, die ehemals Liebenden, deren Verhältnis durch eine betrunkene Nacht im Auto getrennt wurde. Der Bauunternehmer Börner hat dann eine Frau genommen, die nicht mehr als ein Teampartner ist, die Wirtin blieb einsam. Im Tod wiedervereint, Himmel oder Hölle? Wäre ein Tatort mit diesen Elementen zum Beispiel aus Frankfurt gekommen, hätte man all das sicher ganz anders ausgespielt, hier wird es zaghaft, um nicht zu sagen verzagt – nur angedeutet; so, als ob die heutigen Zuschauer immer noch keinen Sinn für Stilisierungen hätten und nach altbackener Hausmannskost verlangen würden.

Fazit

Traut euch wieder was, wie in den ersten Lannert / Bootz-Tatorten, möchte man den Stuttgarter Tatortmachern zurufen. Sonst kommt es, dass es schrittweise abwärts geht – mit dem Niveau und folgerichtig mit den Bewertungen der Kritik und der Tatortfans. Fälle, die Mängel haben wie „Das erste Opfer“, die emotional schwach sind, Handlungselemente, welche die Möglichkeiten des Plots nur andeuten, anstatt sie auszuspielen, werden auch der gegenwärtig noch hohen Beliebtheit des Ermittlerteams schaden – und wir mögen die beiden zu sehr, erinnern uns zu gerne an die unglaublich gute Interaktion der beiden in „Tödliche Tarnung“, dem Fall, in dem sie zu Freunden gemacht hat, als dass wir zusehen  möchten, wie sie durch halbherzige Fälle an Format verlieren. Diese Interakton funktioniert auch in „Das erste Opfer“, als der Single Lannert jedes Verständnis für den leicht überforderten Familienvater Bootz zeigt – aber auch das ist wieder nur eine Andeutung von dem, was die beiden wirklich miteinander rüberbringen können.

Leider die bisher schwächste Bewertung für einen Bootz-Lannert-Fall. Dabei ist ein halber Punkt Hoffnungsbonus enthalten, dass es wieder besser wird: 6,5/10.

*Die Rezension zu „Das erste Opfer war die 100. Rezension im Rahmen der „TatortAnthologie“ des ersten Wahlberliners. Um diese Zahl zu erreichen, waren damals etwa 6 Monate notwendig – jetzt haben wir 129 Kritiken, fast ausschließlich der Tatort-Reihe für „Crimetime“, innerhalb von viereinahlb Monaten veröffentlicht – allerdings war das nur möglich, weil wir dabei auf die früheren Artikel zurückgreifen können.

© 2018, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Thorsten Lannert – Richy Müller
Hauptkommissar Sebastian Bootz – Felix Klare
Staatsanwältin Emilia Álvarez – Carolina Vera
Kriminaltechnikerin Nika Banovic – Miranda Leonhardt
Daniel Voigt [Gerichtsmediziner] – Jürgen Hartmann
Michael Joswig – Hans-Werner Meyer
Nadine Joswig – Julika Jenkins
Hanna Joswig – Nina Gummich
Karin Börner – Alexandra von Schwerin
Heiner Horsch – Peter Kremer
Heike Rosendorf – Irene Rindje

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