Frankfurter Gold – Tatort 6 / Crimetime 134 // #Frankfurt #Tatort #Konrad #Tatort6 #HR #FrankfurterGold #TatortFrankfurterGold

Crimetime 134 - Titelfoto © HR, Kurt Bethge

Vorhang uff! Die Hesse komme!

Der sechste Tatort war zugleich der erste vom Hessischen Rundfunk und damit der Start des Kommissars Konrad, der von 1971 bis 1979 acht Fälle löste und damit das erste Tatort-Jahrzehnt für den HR bestritt.

Um es gleich zu schreiben: „Frankfurter Gold“ ist einer jener ganz besonderen Tatorte, wie sie vor allem in den ersten Jahren gedreht wurden. Wenn man so will, schließt sich beinahe ein Kreis, denn die zwischenzeitlich zum Erliegen gekommene Experimentierfreudigkeit nimmt ja nun wieder merklich zu. Und wir sehen auch: Nicht erst seit Dellwo und Sänger ist der HR bereit, etwas zu wagen, um etwas zu sagen. Wir haben uns da von der konservativen Brinkmann-Epoche zu sehr zu der Idee verleiten lassen, der HR sei vermutlich bis in die 2000er Jahre eher altväterlich gewesen und habe dann den großen Sprung gewagt. Mehr zu Konrads Auftaktfall in der -> Rezension.

Handlung

Kommissar Konrad öffnet missmutig das Archiv und öffnet für den Zuschauer eine Akte mit dem Hinweis, der Zuschauer möge an dem Fall mehr Spaß haben als er.

Dann folgt eine Rückblende mit Aktenauszügen, den Spielszenen, in denen die Betrugsserie in ihrer Historie nachgespielt wird und zwischenzeitlichen retrospektiven Aussagen von Beteiligten.

Es geht um den Betrugsfall Johannes Stein. Dieser war ein junger Banker und Angestellter eines Börsenmaklers. Er verlobte sich mit Barbara Ratzmann, einem Mädchen aus reichem Hause.

Stein schafft es, in wohlhabende Kreise vorzudringen und sich ein Image als Finanzgenie zu verschaffen. Er schlägt der Familie seiner Verlobten ein lohnendes Geschäft vor, bei dem sie Goldbarren als Sicherheit für Geschäfte beleihen lassen sollen, die in einer Schweizer Bank hinterlegt werden sollen. Allerdings lässt Stein diese Goldbarren von dem Metallarbeiter Günther Ackermann fälschen, nur die äußerste Schicht ist Gold, der Rest Blei.

Die Masche scheint zu funktionieren, da niemand die Echtheit der Goldbarren kontrollieren kann, wenn sie weggeschlossen werden. Ackermann aber fürchtet um seine Bezahlung und reduziert die Dicke der Goldbeschichtung der gefälschten Barren und unterschlägt den Rest des Goldes. Dadurch sind die Barren leichter als Fälschung zu entziffern und der Schwindel fliegt auf.

Stein versucht, die Goldbarren anderweitig zu verkaufen, doch der potentielle Käufer Teufel durchschaut den Schwindel. Stein flieht und deponiert die falschen Goldbarren in einem Schließfach am Flughafen, wo die Polizei die Goldbarren sicherstellt und als Fälschungen identifiziert.

In Paris versucht er, unter Mithilfe des Französisch sprechenden Dr. Otto, neue Betrugsopfer zu finden. (Wikipedia)

Rezension

Wir haben aus der Handlungsbeschreibung der Wikipedia  nur den letzten Satz weggelassen, aber der hat es in sich. Trocken, knackig, überraschend.

Wir halten es aber auch für möglich, dass „Frankfurter Gold“ zu jenen frühen Fällen gehört, die ursprünglich als Einzelstücke gedreht und dann in die gerade gestartete Tatort-Reihe eingegliedert wurden, denn er entspricht in beinahe keinem Belang den  Grundmustern: Es git keine Toten. Nicht einmal eine Rauferei, und beides wäre bei einem Krimi übers Geld doch so naheliegend gewesen.

Kommissar Konrad nimmt sich eine Akte vor, warum auch immer, vielleicht, weil nun doch ein Prozess stattfindet, wendet sich so direkt an uns, dass wir beinahe vor Schreck vom Sofa gekippt wären und blättert das Leben auf, das in dieser Akte dokumentier ist. Selten, dass in einem Krimi so deutlich die Vierte Wand zertrümmert wird. Auch der Mann, um dessen Akte es geht, spricht als Narrator zu uns, sein ausführender Gehilfe beim Goldbarren erzeugen tut sogar das Gleiche wie Konrad und schaut uns ins Gesicht. Wenn  man ein Typ wie Hans-Christian Blech ist, hat das auch eine gewisse Wirksamkeit.

Überhaupt ist dieser Tatort glänzend besetzt. Karl Lieffen gibt den eklektizistischen Gelegenheits- und Privatschriftsteller mit einem Duktus, der irgendwo zwischen Eddi Arendt und Loriot angesiedelt ist, der vom Geld seiner Mutter lebt; Blech einen Deutsch-Polen, den es nach dem Krieg in den Westen verschlagen hat und der nur im Gefängnis immer wieder mal Fuß fassen oder seine vom Schlemihl-Tagwerk müden Füße ausruhen konnte, und, last but not least, Fritz Rasp, einer der ganz großen Schurken des deutschen Kinos, spielt noch einmal den geprellten Patriarchen, wie im ersten der Pater Brown-Filme mit Heinz Rühmann („Das schwarze Schaf“, 1960) – wobei er zwischen diesen beiden Filmen nicht als wesentlich gealtert scheint.

In „Frankfurter Gold“ babbelt er sogar Hessisch, was besonders skurril wirkt. Aber er kann auch den gescheiterten Gierigen oder an seiner Gier gescheiterten Typ so klasse geben, ohne viel rumzumachen. Seine magische Präsenz reicht dazu vollkommen aus. Wenigstens hat er dieses Mal eine Familie, die mittrauert übers verlorene Geld und ist nicht so grundseelenallein wie in „Das schwarze Schaf“.

Die Inszenierung ist stark am Dokumentarstil von „Stahlnetz“ orientiert, was ja auch logisch erscheint – schließlich war diese Reihe die einzige, der man einen Vorgängerstatus zuschreiben kann. Aber die herrlichen Figuren, die sind schon deutlich an der neuen, fantasievolleren Spielart orientiert, die der Tatort bis heute in guten Fällen zeigt und die ihn so unvergleichlich und über Jahrzehnte erfolgreich gemacht hat.

Wir kommen dem Wesen, vor allem dem Urwesen, des Tatorts immer näher, denn es schließen sich immer mehr Lücken aus der Steinzeit oder dem, was kurz nach der Ursuppe kam. Wir haben den 2. Tatort, „Saarbrücken, an einem Montag“, rezensiert, den 4. Tatort ebenfalls („Auf offener Straße“), nun also die Nr. 6. Auch der erste bayerische Tatort, ebenfalls ohne Mord, der die laufende Nr. 14 trägt, bekam schon eine Wahlberliner-Kritik verpasst („Münchener Kindl“). Die ungeraden Zahlen fehlen noch, aber wenn weitere Sender ihre Schatztruhen öffnen, wie zuletzt der SWR die des SDR oder jetzt der HR die seine, werden wir da gewiss weiter vorankommen. Vor allem muss der NDR dann mal seinen kompletten Finke rausgeben, und nicht nur immer „Die Reifeprüfung“ zeigen, auch wenn dies ein großartiger Film ist.

Es ist so faszinierend wie die Geschichte des Mediums selbst, den Zeiten nachzuspüren, in denen diese frühen Tatorte entstanden sind. Und mit ebenso großem Amüsement wie Entsetzen festzustellen, dass ein Tatort wie „Frankfurter Gold“ heute aktueller ist als zur Zeit seiner Entstehung. Damals nämlich war die Börse, die selbstverständlich in einem Frankfurt-Erstling eine Rolle spielen muss, noch eine ziemlich geschlossene Welt der Profis und Großkapitalisten. Der Normalbürger hatte eher selten mit Aktien zu tun – und schon gar nicht mit Geschäften, die ums Gold gingen oder mit Gold abgesichert wurden. Uns hat das ein wenig an den Goldstandard erinnert, den es für Währungen schon lange nicht mehr gibt, und was dies alles für Folgen hat.

Dieser ganz junge Jungbroker und –banker namens Johannes Stein ist eine grandiose Figur unserer Tage, ein Spieler und Trickser, der 1971 beinahe wie ein Alien gewirkt haben muss. Heute kennen wir ihn alle, wie er das Geld der Bankkunden direkt verzockt oder indirekt dafür sorgt, dass die „systemrelevanten“ Institute gerettet werden müssen, sogar mit dem Geld von Steuerzahlern, die niemals selbst den Fehler gemacht haben, sich zu verspekulieren.

Wobei genau das mittlerweile auch eine Volkssportart geworden ist. Wir zu vielen Tatort-Themen haben wir auch hier einen persönlichen Bezug. Wir erwähnen vorsichtshalber nur einen Aspekt: Nämlich, wie unbesonnene Bankberater eines im Grunde ziemlich konservativen Genosenschaftsinstituts ein Mitglied unserer Familie Anfang der 2000er Jahre überredet haben, nach einer langen Hausse bei 8000 Punkten noch in DAX-Werte einzusteigen. Wir hatten damals von diesem Engagement abgeraten – umsonst. Trotz Haltezeit der Papiere durch die folgende Baisse hindurch und ohne vorschnelle Notverkäufe ging vom eingesetzten Vermögen real schätzungsweise die Hälfte verloren. Außerdem kennen wir Typen aus dem Finanzberater-Milieu, die sind aber um keinen Deut moralischer als dieser Johannes Stein.

Vielleicht haben sie aber auch die gleiche narzisstische Persönlichkeit. Wir wissen, dass Narzissten sich sehr gut darstellen können und in bestimmten Momenten Größenwahn pflegen, wie Stein, als er nach Paris einrückt und die Finanzaristokratie der französischen Hauptstadt ähnlich überrumpeln will, wie es die deutsche Wehrmacht 1940 gemacht hat. Wenn man genau hinschaut, könnte da sogar ein subtiler Konnex stecken: Dem größenwahnsinnigen GröFaz folgen einzelne Hasardeure mehr als 25 Jahre später, um die Franzosen weiter zu piesacken. Die Wirklichkeit ist etwas differenzierter, aber es macht schon Spaß, diesen Spuren zu folgen.

Kennzeichnend für Typen wie Stein, und von denen gibt es bei den Investmentbankern, bei den Bankern, bei den Finanzstrategen, den Immobilien und wo noch überall, wo großes Geld ohne Rohstoffe bewegt wird, unzählige. Auch die virtuelle Internetwirtschaft basiert hochgradig auf der Faszination für Persönlichkeiten, die nie einen Nagel in die Wand geklopft oder wenigstens etwas Warenwirtschaftliches hervorgebracht haben. Und was Menschen wie der Familienchef Jean Wimper wohl über Generationen erwirtschafteten, das vernichten sie, ohne mit der Wimper zu zucken, in Sekunden. Viel schneller noch, in unserer Epoche des Computer-Sekundenhandels, als es in „Frankfurter Gold“ gezeigt wird.

Übrigens kommt auch der Vorname „Jean“ für die Figur, die Fritz Rasp spielt, nicht von ungefähr. Sie ist ein Verweis auf Jean Buddenbrook, den Mann, der den Abstieg des von Thomas Mann beschriebenen Kaufmannshauses einleitet. Sein Sohn Gert ist demnach Thomas Buddenbrook, der als erster in der Familie mit Weizen am Halm spekuliert und damit alte Grundsätze über Bord wirft. Prompt verhagelt es die Ernte und der Untergang rückt näher. Steins naive Verlobte, ebenfalls herrlich gespielt Ilona Grübel, kommt etwas auf Tony Buddenbrook, auch wenn sie nicht selbst zu den Opfern ihres Burschi zählt.

Die Parallele zu dem Goldgeschäft, das ja auch in gewisser Weise nur ein Derivat darstellt oder eine Sicherung sein soll, ist auffällig. Die Handlungsparallelen sind selbstverständlich nur angedeutet, zumal „Frankfurter Gold“ weitere Kunden von Stein zeigen muss und wie der Betrug angezettelt wird, das spielt auch eine wichtige und vergnügliche Rolle.

Letztlich sind die Menschen aber gar nicht so dumm. Auch die Wimpers kommen dem Stein auf die Schliche, leider zu spät. Andere potenzielle Opfer aber, wie Günter Strack, kratzen gleich mal an der dünnen Goldschicht über dem Blei und wer eine so guten Riecher hat, der kriegt natürlich eine eine Belohnung – im Fall Strack eine der beiden Titelrollen in der später so beliebten Serie „Ein Fall für zwei“.

Fazit

Wie hier aus Biografien Ansätze für das Verhalten von Menschen herausgearbeitet werden, wie ungeheuer exakt Psychologisches aus Faktischem abgeleitet wird, das ist klasse, aber auch modellhaft.

Schließlich hat dieser Film, ob ernst gemeint oder nicht, Aufklärungscharakter. Ironie mag schon drin liegen, dass auch das Schlusswor von der Orientierung an kapitalistischen Leitfiguren der damaligen Zeit spricht, dem griechischen Reeder Aristoteles Onassis, dem Großspekulanten Berny Kornfeld. Der Kommerz beherrscht alles, das Hirn schaltet sich aus, die Weltwahrnehmung wird nebulös und die Summen, um die es geht, liegen weit jenseits dessen, über was im persönlichen Umfeld bisher verahdnelt wurde. Und würde man heute nicht eher fragen, ob Onassis auch mal Steuern zahlt und damit seinem Land hilft, aus der Scheiße zu kommen?

Vielleicht. Aber die Faszination fürs schnelle Geld ist nicht erloschen. Und wer weiß, was sich alles abspielt, was niemand erfährt, weil heutzutage jeder für sich im Internet zocken kann.

In einem System, das auf Geld beruht, liegt es in der Logik, Geld aus Geld machen zu wollen. Das Problem ist die Schädigung Dritter und letztlich aller. Im Film erwähnt der schlaue Stein am Ende gegenüber seinem Psychiater, dass auch Staatsanleihen, die jener als Beispiel für sichere und seriöse Geldanlage ins Spiel bringt, genau das nicht sein müssen. Deutschland konnte, sagt Stein, 1918 und 1945 seine Anleiheschulden nicht mehr bedienen. Alles futsch, für die Gläubiger derselben. Und heute? Wer ein wenig Rendite haben will, der muss zu Staatsanleihen von Ländern greifen, die bereits am Tropf anderer Länder oder / und gewisser Zentralbanken hängen und alle zusammen sind im selben Kreislauf verortet und schlabbern vom selben vergifteten Blut, das in den maroden Kreislauf einer hypertrophen Finanzwirtschaft gepumpt wird, als gebe es kein Morgen. Vermutlich gibt es für dieses System kein Übermorgen.

Unsere Wertung: 8/10

© 2018, 2015 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kriminalkommissar Konrad – Klaus Höhne
Günther Ackermann – Hans-Christian Blech
Dr. Achim Otto – Karl Lieffen
Käthe Wimper – Doris Masjos
Johannes Stein – Michael Gruner
Jean Wimper – Fritz Rasp

Drehbuch – Eberhard Fechner
Regie – Eberhard Fechner
Kamera – Rudolf Korösi
Musik – Henry Purcel

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