Kaltblütig – Tatort 859 / Crimetime 145 // #Tatort #Ludwigshafen #TatortLudwigshafen #Tatort859 #TatortKaltblütig #Kaltblütig #Kopper #Odenthal #AndreasHoppe #UlrikeFolkerts

Crimetime 145 - Titelfoto © SWR, Alexander Kluge

Kaltblütiger Mord an der Glaubwürdigkeit

Was einen Tatort ausmacht, steht nicht allein in der Welt. Es bemisst sich auch an der Umgebung. Und die Umgebung hat sich zuletzt so entwickelt, dass es einige Folgen von hoher Intensität und trotz einiger Schwächen mit beherzten und schauspielerisch gut umgesetzten Konzepten gab. Frankfurt, Münchenhaben wieder einmal die Nase – nicht ganz oben, aber vorne.

Dann kommen wir nach Ludwigshafen. Das ist die Tatort-Stadt, die sich offenbar so gut wie keine andere eignet, um einen mehr oder weniger rasch verlaufenden Sonnentuntergang mit anschließender Nacht zu zeigen. Oder eine Nacht mit Sonnenaufgang.

Die Sonne geht nicht auf, dafür ist Lena Odenthal wirklich schon zu lang am Werk, und der gute Kopper hat auch schon tiefe Revierfalten in der Seele und abends geht rocken oder sogar mit Lena ins Kino. Da muss ihn etwas angefasst haben, dass er nach so vielen Jahren so einen Versuch macht. Die Revierfalten eben. Wird das doch noch was, mit der Alten (der Ausdruck stammt nicht von uns, sondern von einem der Kumpels von Mario, ehrlich)?

Man weiß es weiterhin nicht, tendenziell eher nein, tausendmal nicht berührt, nix passiert, das wird wohl auch nach mehr als 2200 Wochen– oder Jahren – so bleiben.

Dieser klassische Whodunnit namens „Kaltblütig“ ist konstruktiv so konservativ (angesägte Bremsschläuche kann man auch nach langer Zeit wieder mal bringen und dann diese Sache mit der aberratio ictus auch ganz ein traditionelles Ding, fragen Sie mal einen Jura-Zweitsemester, der wird Ihnen dann noch den Unterschied zum error in persona erklären).

Wir ahnten, es muss mal wieder ein normaler Tatort kommen, wir waren darauf vorbereitet und hatten uns fest vorgenommen, nicht diese Tatsache schon negativ zu bewerten, denn wo soll es hingehen, wenn alle nur noch Außergewöhnliches machen, und was ist dann noch außergewöhnlich? Und kaum eine andere Stadt hatte zuletzt ein solches Beharrungsvermögen wie dieser Chemiestandort am Rhein. Da lag es nahe zu erahnen, dass wir bei der Rezension wieder andere Dinge in den Vordergrund rücken werden als zuletzt. Siehe -> Rezension.

Handlung

Zusammen mit ihrem Kollegen Kopper muss Lena Odenthal den Tod einer Frau aufklären, die mit ihrem Wagen gegen einen Baum geprallt ist und auf der Stelle tot war. (Anmerkung d. Verf.: Stimmt nicht, sie ist erst im Krankenhaus gestorben. Da fängt’s schon an, mit den Ungenauigkeiten …)

Es liegt nämlich ganz schnell auf der Hand, dass der Unfall keiner war, sondern ein gezielter Mordanschlag. Der Kriminaltechniker Becker entdeckt, dass jemand hat die Bremsleitungen des Wagens durchgeschnitten hat. Roza Lanczek hatte keine Chance. Die ersten Ermittlungen von Odenthal und Kopper im Familien- und Freundeskreis bringen nur wenige Erkenntnisse und vor allem kein durchschlagendes Motiv. Die Tote hatte anscheinend keine Feinde. Alle Befragten erzählen nur Gutes über die junge Frau. Sogar die Ex-Gattin ihres Lebensgefährten, Katharina Brenner, mochte Roza gut leiden.

Rozas Freundin Claudia und andere Personen sagen aus, dass Roza schwanger war. Sie und der angehende Vater des Kindes, Frank Brenner, wollten angeblich heiraten und woanders ein neues Leben anfangen. Katharina Brenner behauptet allerdings beharrlich, dass der Bauunternehmer gar nicht heiraten und auch das Kind nicht haben wollte. Laut ihrer Aussage scheute er die Verantwortung und plante, Roza irgendwie loszuwerden.

Als Odenthal und Kopper herausfinden, dass Brenner einen Tag vor dem fatalen Unfall an Rozas Wagen herumgeschraubt hat, ist er im Tatort „Kaltblütig“ natürlich der Verdächtige Nummer Eins. Brenner unternimmt einen Fluchtversuch, wird aber kurze Zeit später verhaftet. Die Lösung des Falls scheint klar auf der Hand zu liegen, aber Lena findet es sehr seltsam, dass der Beschuldigte keinerlei Anstalten macht, sich zu verteidigen. Im Gegenteil legt er ein Geständnis ab, wenn auch nur halbherzig und nicht wirklich glaubwürdig. Lena kann und will auch nicht glauben, dass Brenner seine Liebe zu Roza nur gespielt hat. Also ermittelt sie auf ihre bekannt akribische Art weiter.

Sie vermutet bald, dass Brenners Schwester Anne, seine Ex-Frau Katharina und auch sein Angestellter Szymon etwas Wichtiges verschweigen. Ihrer Meinung nach werden sich der Täter und das Motiv für den Mord im Tatort „Kaltblütig“ innerhalb des familiären Geflechts aus Abhängigkeiten, Verlustangst, und Eifersucht finden. Es ist offensichtlich, dass Anne und Szyman sich gegen Katharina verbündet haben. Und wie kommt es, dass Anne schon sehr konkrete Ideen und Vorstellungen davon hat, wie es mit Brenners Firma weiterlaufen soll? 

Rezension

Die Frankfurter hatten uns beeindruckt (Folge 855, „Im Namen des Vaters“), die Münchener wieder mal überzeugt (Folge 856, „Der tiefe Schlaf“), die Kölner zumindest nicht enttäuscht (Folge 857, „Scheinwelten“), die Berliner zum zweiten Mal hintereinander positiv überrascht (Folge 858, „Machtlos“). Die „großen“ Tatort-Städte haben dafür gesorgt, dass 2012 passabel endete und 2013 respektabel begann.

Ludwigshafen zählt dank Lena Odenthals unermüdlichem, schon legendäre 23 Jahre währendem Einsatz ebenfalls zu den großen Städten der Tatortgeschichte. Das wollen wir nicht vergessen, holen jetzt aber tief Luft und lassen es raus: Es hat wieder mal die BASF-Stadt am Rhein getroffen, mit der ersten durchwachsenen Kritik für eine Erstausstrahlung seit längerer Zeit.

Nein, es liegt nicht am Whodunnit. Wir finden’s ja gerade gut, wenn man ein traditonelles Konzept auch heut noch überzeugend verkauft. Wir hätten dafür sogar einen Extrapunkt gegeben, denn die Kammerspiele sind nun einmal per se packend – wenn man sie mag und sie nicht zu schlecht gespielt sind. Und da hatten wir zuletzt viel Überdurchschnittliches zu beschreiben.

Aber bei diesem Rätselkrimi, auch wenn das Ende nicht unbedingt vorhersehbar ist, funktioniert alles so lala. Es ist dieses Mal wieder die Zeichnung der Figuren und deren Handeln, was starke Zweifel in uns zurücklässt.

Achtung, jetzt kommt auch was zur Auflösung!

Liebe ist ein starkes Motiv. Dem würden wir zustimmen. Da hat uns aber die Handlungsbeschreibung, welche die ARD uns vorab geliefert hat, reingelegt. Das Motiv für den Mord war eben genau dies nicht. Sondern es ging um Geld. Es ging darum, dass Frau B. die Firma nicht verkaufen wollte, um B. zu binden, nicht etwa, weil es ökonomisch noch sinnvoll gewesen wäre, das Weitermachen mit der Autowerkstatt. Da sie die Mehrheit hält, musste B. sie umbringen wollen, um frei zu sein.

Dass Frau B. die Mehrheit hält, wird uns natürlich erst sehr spät verraten. Das ist einer von mehreren billigen Tricks in diesem Film. Außerdem, war es nicht so, dass auch die Rosa (R.) sogar mit der Frau B. an einem Strang gezogen hat, ebenfalls nicht aus sehr logischen Erwägungen, und wollte, dass B. die Firma behält, weil sie ihm doch so wichtig ist? Wieso sollte er eine der Frauen umbringen wollen, wenn die andere eh in die gleiche Richtung tendiert und ihm nicht etwa dazu rät, für einen Neuanfang mit ihr alles aufzugeben? Obwohl sie doch so einen fröhlichen Mann aus ihm gemacht hat und – tut ein so fröhlicher Mann, der so sozial ist sowas, so einen kaltblütigen Mord inszenieren?

Frank B. war frisch verliebt, guter Dinge, anderer Ansicht als frühere und baldige Ehefrau, hat eine Schwester, die beiden haben ein gemeinsames Kindheitstrauma. Dieses Kindheitstrauma muss es am Ende rausreißen. Deswegen rastet B. immer wieder aus, flieht, rennt im Gefängnis gegen die Wand, versucht, sich und seine Ex anzuzünden und scheitert dabei kläglich blubbernd in einem alten Wohnwagen. Auweia. Dass der Mann, der nicht mal ein Streichholz anzünden kann, auch noch Brenner heißt, und so schon hieß, bevor er als Kind in einen Brand verwickelt war, gibt der unfreiwilligen Komik zusätzlich Nahrung.

Angesichts der Schauspielleistungen der letzten Wochen mussten wir beinahe lachen während der Schlussszene, die ja den dramatischen Höhepunkt darstellen wollte. Dabei können die Schauspieler gar nichts dafür, das sieht man auch in anderen Momenten. Sie machen ihre Sachen recht gut, aber sie haben ein unglaubwürdiges Drehbuch abzuarbeiten und ein solches lässt bekanntlich die Akteure   unbeholfen wirken. Es ist nicht das erste Mal, dass derlei vorkommt, jedoch nach den nicht perfekten, aber mit einigem Mut und großer Verve durchgezogenen Tatorten der letzten Zeit ist die Landung auf dem Boden der Tatsache, dass es eben auch noch solche Schmalkost wie „Kaltblütig“ gibt, für den geneigten Zuschauer besonders hart.

Da hilft es nicht weiter, dass Ulrike Folkerts ihre Lena-Figur nach einer Krise wieder ins Herz geschlossen hat, sie ist auch nicht das Problem der Folge 859. Nach dem Experiment mit dem Schweigen im Walde, das wir auch nicht berauschend fanden, ist dieser Tatort aus der Ecke „Keine Experimente“ aber auch keine handwerklich solide Offenbarung.

Was uns weiterhin gestört hat, ist, dass man nicht gleich konsequent nach dem Tatwerkzeug (dem Messer, der Feile) gesucht, es gefunden und dann untersucht hat, weil es doch im Umfeld der Werkstatt zu finden sein musste. Lieber lässt man Bilder sprechen, so, man glaubt es nicht, ein Cuttermesser ganz und gar auffällig unauffällig in Nähe der verrückten Galeristin Anna B. postiert ist.  Die ist überall dabei, was die Neue von Frank wiederum nervt, aber letztlich klammert sie halt nur und mordet nicht, alles nicht so schlimm.

Dass der Verkehrsunfall sich so schön zum Todesfall entwickelt, so im flachen Land, wie schön und wie unsicher. Darauf kann man doch keine neue Welt bauen, auf so einer sandigen Wahrscheinlichkeit des Ablaufs. Das wird aber bei all diesen Automorden immer mal wieder suggeriert, dass die Präparierung eines Kfz wirklich die probate Ausführungsform für einen Mord ist. Ihn zu kaschieren, war ja hier nicht so wichtig, insofern alles klar – aber dass jemand tatsächlich zu Tode kommt, ist eben bei weitem nicht sicher. Und wenn nach einer Verletzung ebenfalls ermittelt wird – wegen Mordversuchs, gestaltet sich die Inszenierung eines weiteren Mordanschlag, der dann ja kommen muss … schwierig.

Fazit

Wie das Verhalten der K. (Katharina Brenner) zu bewerten ist, lassen wir mal außen vor. Sie nahm es   billigend in Kauf, dass die Neue mit dem Auto davonfuhr, das der B. ihretwegen präpariert hat. Sie hat der R. sogar den Schlüssel gegeben, ohne sie zu warnen. Seufz. Doch ein Biest. Genau wie ihr Mann, der Scheingeständnisableger (in Wirklichkeit war es ein echtes), der angeblich weiß, dass er damit unglaubwürdig rüberkommt. Da hat er aber zwischendurch viel Glück gehabt, dass Lena ermittelt hat und nicht nur der rockige Mario, der hätte nämlich das Dienstrollo geschlossen und beim Rock mit Freunden und einem Pils abgeschaltet. Nicht, wie Lena, nachts bei einem Glas Rotwein Fotos geguckt, die eh ein falsches Bild vermitteln, wie wir jetzt wissen. B. wäre angeschmiert gewesen, denn die StA erhebt bei einem Geständnis natürlich Anklage. Da können die Indizien noch so scheinbar schwach sein.

Aber dass jemand alles so berechnet, auch das Verhalten anderer, die während seiner U-Haft draußen agieren, glauben wir nicht, das ist viel zu spekulativ, zumal der B. ja sonst im Leben so gar kühl nicht berechnend ist, sondern leicht in Panik gerät (das Kindheitstrauma!).

Ach ja, Figuren konsistent zu zeichnen und authentisch wirken zu lassen, das üben wir dann nach 57 Fällen doch nochmal, Ludwigshafen. Schwamm drüber.

Jetzt ist Pause, nach einer tatortintensiven Zeit. Es kommt am nächsten Sonntag ein Polizeiruf und aus Kapazitätsgründen verfolgen wir diese Serie ja nicht (obwohl mancher und zuraunt, in diesem Format würden die knackigeren, realistischeren Krimis entwickelt).

In zwei Wochen gibt es dann die Premiere des neuen Ermittlerduos Stellbrink / Marx (Devid Striesow, Elisabeht Brück) im Nachbar-Bundesland, an der Saar. Es bleibt ja doch spannend, im Südwesten.

Unsere Wertung für „Kaltblütig“: 6/10. Beinahe hätten wir nur 5,5 geschafft, es war echt knapp.

© 2018, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissarin Lena Odenthal – Ulrike Folkerts
Hauptkommissar Mario Kopper – Andreas Hoppe
Peter Becker [Kriminaltechniker] – Peter Espeloer
Edith Keller – Annalena Schmidt
Frank Brenner – Götz Schubert
Katharina Brenner – Anna Loos
Anne Brenner – Sandra Borgmann
Claudia – Nadja Bobyleva
Szymon – Tomek Nowicki
Moni – Stefanie Höner
Roza – Karolina Lodyga
Arzt – Christian Schaefer

Drehbuch: Christoph Darnstädt
Regie: Andreas Senn

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