Und die Musi spielt dazu – Tatort 300 / Crimetime 150 // #Tatort #TatortMünchen #Ivo #Franz #Batic #Leitmayr #Tatort300 #UnddieMusisspieltdazu #Volksmusik #DietotenHosen

Crimetime 150 - Titelfoto © BR

Die Toten Hosen als singende Matrosen

Die Rezension zu  „Und die Musi spielt dazu“ gehört zu den Beiträgen, die wir aus dem Archiv zaubern. Schon vor längerer Zeit erstellt, aber noch nie gezeigt. Daher gibt es auch keine „Altnummer“ aus der „TatortAnthologie“, sondern nur die Feststellung, dass das ansehnliche Jubiläum, Tatort Nr. 300 sein zu dürfen, sich bei uns genau auf die Hälfte reduziert: Der Beitrag kommt als „Crimetime 150“ zu den Leser_innen.

Die Vergangenheit der Münchener Ermittler Batic und Leitmayr zu ermitteln, ist so spannend wie die Reihe Tatort als Ganzes – wenn nicht spannender, zumindest die frühen Fälle betreffend. Zuletzt hatten wir „Ein Sommernachtstraum“ rezensiert, den fünften Fall der immer noch aktiven Bayern-Kommissare, „Und die Musi spielt dazu“ ist der neunte.

Wir haben bei „Ein Sommernachtstraum“ vielleicht nicht die Ironie verstanden, weil sie so sehr hinter Knallchargen-Darstellungen versteckt wurde und außerdem festgestellt, dass Ivo und Franz, besonders letzterer, in jenen jungen Jahren darstellerisch noch viel Luft nach oben hatten. Vier Fälle später sieht es schon um einiges besser aus. Die Bayern sind nicht nur gute Amigos, sondern auch stur im Festhalten an ihren Traditionen: Wenn so ein Ermittlerduo nicht von Beginn an zündet wie eine Rakete, wird einfach so lange mit ihm geübt, bis es passt. Jedenfalls ahnen wir aber langsam, warum die heute so überragend renommierten Bayern einen nicht ganz einfachen Start hatten und ihre frühen Film gemäß der Rangliste des Tatort-Fundus nicht als ihre besten gelten. Mehr über „Und die Musi spielt dazu“ in der -> Rezension.

Handlung

Die Volksmusiksendung Bunt ist die Welt soll aufgezeichnet werden. Im Vorfeld gibt es Ärger über die Abfolge der Auftritte. Als Nele Hinrichs, Aufnahmeleiterin und Assistentin des Filmproduzenten Aumann, Hermann Beck und seiner Tochter Jenny mitteilt, dass Anton Jäger, wie immer, der letzte Auftritt vorbehalten sei, reagiert vor allem Hermann Beck unwirsch. Kurz bevor der äußerst erfolgreiche Volksmusikstar Anton Jäger seinen Auftritt hat, erscheint in seiner Garderobe Jens Kühn, ein Boulevard-Journalist mit großen Einfluss in der Volksmusikbranche.

Jens Kühn hält Anton Jäger ein „Verbrechen“ aus seiner Vergangenheit vor, das er publik machen werde. Darüber kommt es zu einem heftigen Streit zwischen den beiden, der darin gipfelt, dass der Reporter sich einen Stuhl schnappt und ihn dem Sänger über den Kopf schlägt. Anton Jäger bricht tot zusammen. Jens Kühn verlässt den Ort des Geschehens, ohne zu bemerken, dass Jenny Beck sieht, wie er Anton Jägers Garderobe verlässt.

Jenny Beck will, nachdem Anton Jäger tot aufgefunden worden ist, der Polizei ihre Beobachtung mitteilen, wird von ihrem Vater aber daran gehindert. Hermann Beck plant, Kapital aus dem Wissen der Tochter zu schlagen.  

Rezension – passts auf, irgendwann kommt was zur Auflösung drin vor

Der Tatort 300 ist also einer der gelungeneren frühen Fälle von Ivo und Franz. Der besondere Humor der beiden Kommissare ist bereits in Ansätzen zu bemerken, Wachtveitl hat sich schauspielerisch seinem Co Nemec ein wenig mehr angenähert und vor allem ist der Film als solcher eine herrliche Satire auf ein Milieu, das wir zwar nicht besonders gut kennen, bei dem wir uns aber immer wieder fragen, wie es möglich ist, dass die Anhänger der Volksmusik nicht alle werden.

Das waren sie 1994 nicht, als der Film herauskam. Da gab es noch viele Traditionalisten. Aber wie schafft die Szene es, immer neue Generationen zu begeistern? Wenn man mal kurz in Volksmusik-Sendungen hineinschaut: Die Alten schleppen die Jungen schon mit zu solchen Veranstaltungen, da sind sie noch gar nicht in der Lage, eigene Entscheidungen zu treffen. Da werden sie schon mit dem Schmarrn infiziert.

Wir können uns über den Heile-Welt-Kitsch köstlich amüsieren, wir Städter, wir Nicht-Bayern und überhaupt anders gestrickten Menschen. Vor allem, wenn der Hintergrund so ein Hauen und Stechen ist wie hier, wo die Szene als gar nicht glücklich dargestellt wird.

Andererseits, und das wollen wir nicht unerwähnt lassen: Es wird einen Grund haben, dass die Bayern als die zufriedensten Menschen in Deutschland gelten. Schunkeln macht erwiesenermaßen selig, das könnte einer der Gründe sein, Denken hingegen kann zu permanenter Unzufriedenheit führen.

Der Bayerische Rundfunk, der sich diese Satire im Jubiläumstatort Nr. 300 erlaubt, ist bekanntlich auch am Schunkelbetrieb erheblich beteiligt.

Wie auch immer, die Satire ist super geworden. Schon der Liedtext mit dem Platz für zwei in der Kammer, aber nur einem Platz im Herzen, das musikalische Kernstück des Films, gewiss eigenes für ihn komponiert, ist so übel ironisch, das hat uns mehr als ein Schmunzeln abgerungen.

Dass das Publikum im Film nicht merkt, wie hier schon die heile Welt aufs Korn genommen wird, ist nicht unrealistisch. Auch die Dekors, Kostüme, die feisten Sängerinnen – im Grunde soll man keine optischen Bewertungen in eine Rezension schreiben, aber hier gehört der Typus Frau, den es zu bestaunen gilt, zur Satire. Auch dieser Typ, sofern das Übergewicht nicht gefährliche Dimensionen erreicht, ist eben ein Teil des schönen Lebens, das keine zähen Diskussionen mit hageren Feministinnen kennt.

Und ist es nicht reizend, wie die beiden Polizistinnen mittendrin sind statt nur dabei? Ivo darf ein wenig mit Veronica Ferres flirten, die damals noch nicht so bekannt war wie heute, aber nicht so schlecht ins Szenario passt – andererseits mit ihrer sympathischen Frische als beflissene Managerin deutlich von den ausgelaugten übrigen Persönlichkeiten des Volksmusik-Business absticht und dem Ivo, repektive dem Zuschauer, manches Detail der Branche erklären darf.

Wie hoch der Realitätsgrad des hier Gezeigten ist, können wir nicht aus eigener Anschauung beurteilen, aber die Mechanismen, die gezeigt werden, gelten nicht nur für die Volksmusik-Branche und kamen uns recht authentisch vor, außerdem wird viel echte Musik-Prominenz eingesetzt, an vorderster Stelle die Toten Hosen als singende Matrosen mit falschen Bärten, die einen erheblichen Spaßfaktor reinbringen und den satirischen Charakter des Films unterstreichen.

Generell, nicht nur die beiden mittlerweile eisgrauen Cops betreffend, sind die Schauspielleistungen besser als in Frühtatorten der beiden, zudem dürfte dieser Tatort nicht nur beim BR einer der ersten im 16:9-Format gewesen sein. „Ein Sommernachtstraum“ war noch in 4:3 gedreht, der WDR hat erst mit dem Einsatz von Schenk und Ballauf im Jahr 1997 auf das heutige Format umgestellt. Das breitere Bild lässt sich selbstverständlich gut nutzen, um schöne Bühnenbilder abzulichten.

Das Filming im Ganzen ist konservativ, was zum Sujet aber auch gut passt. Das Finale findet im Dekor einer Studioproduktion statt. Eine kleine Extra-Spitze: Hinter dem falschen Pflanzengeranke und den Glücklich-Parolen auf der Bühne (da darf man schon mal über ein Schild „Bunt ist die Welt“ stolpern, wenn das Licht aus und alle Schatten grau sind) werden die realen Tatbestände aufgedeckt und der Täter gefasst.

Auch Szenen wie die des chinesischen Trampolinspringers mit ihrer vorgeblich peniblen Choreografie nach dem Willen der Volksmusikkünstlerin Jenny und wie, als dann vom Balkon gefilmt wird, immer wieder sein Kopf ins Bild springt, sind halb verdeckter Slapstick.

Den Täter kennt das Publikum übrigens sehr schnell, denn die Tat an sich, die eher eine Körperverletzung mit Todesfolge denn ein Mord war, die sehen wir live und so plump-direkt, dass sie eindeutig mit zum Ironie-Konzept gehört – im Stil einer Wirtshausschlägerei wird ein Mensch, der leider nicht mehr bei bester Gesundheit ist, ins Jenseits befördert. Prinzipiell ist also „Und die Musi spielt dazu“ ein Howcatchem oder Howcatchhim, allerdings tritt die Jagd auf den Mörder hinter der Darstellung der Volksmusikszene zurück.

Der Zuschauer kann entspannt das Geschehen genießen, denn dass der Journalist am Ende gefasst wird, versteht sich von selbst. Bis dahin aber wird noch ein wenig intrigiert und gesungen und geklatscht und die Ermittlungen ziehen sich gemächlich dahin, obwohl das Opfer so prominent ist und Batic meint, man solle doch per Gesetz Opferklassen einführen, wenn man wolle, dass einem Volksmusiksänger, der gewaltsam ins Jenseits befördert wird, mehr Aufmerksamkeit zukommen soll als einem Obdachlosen, den das gleiche Schicksal ereilt.

Die Dynamik unseres Systems will es ohnehin, dass genau solche Unterschiede gemacht werden, aber der frühe Seitenhieb auf selektive Gerechtigkeit und Aufmerksamkeit im Fall des Verbrechens eignet den Münchenern und gibt einen Hinweis auf jene Dialoge, die wir in neueren Fällen häufig von ihnen hören.

Fazit

Sicher ist „Und die Musi spielt dazu“ kein extravaganter Krimi, sondern als solcher eher biedere  Hausmannskost. Aber diese passt zu jener Musik, zu der man am besten Knödel und Würstel serviert, um das Glück im fidelen Freistaat perfekt zu machen. Ob man heute die Musikszenen noch so penibel und in langen Einstellungen filmen würde, haben wir uns beim Abgleich des Filmstils mit aktueller Übung schon gefragt, aber im Grunde ist es richtig so: Das Redundante und aufgrund häufiger Wiederholungen immer gleich belangloser Textzeilen im Grunde todlangweilige, auch melodisch sehr eintönige Liedgut wird dadurch auch  zum Kabarett.

Und wie im Studio ein eher mittelmäßiger Gesang dank Tontechnik so aufgeblasen wird, dass er ein beachtliches Volumen erreicht und so untermalt wird, dass man die Musik gut für ländliche Partys in der Scheune verwenden kann, das sieht man bei der Gelegenheit auch. Das Hochjubeln stimmlich dünner Darbietungen per Mischpult gibt es allerdings nicht nur in der Volksmusik, es unterstreicht hier nur das Falsche an der gesamten Fassade und die Karikatur.

7/10

© 2018, 2015 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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