Sturm – Tatort 1019 / Crimetime 154 // #Tatort #Dortmund #TatortDortmund #WDR #Faber #Böhnisch #Sturm #TatortSturm

Crimetime 154 - Titelfoto © WDR, Frank Dicks

Und es hat Bumm gemacht

Zwölf. Auf ein Dutzend Fälle hat es Faber mit seinem Dortmunder Team bisher gebracht. Hätte man ihm anfangs nicht zugetraut, sondern erwartet, dass er sich oder anderen etwas antut, was weitere Einsätze verunmöglicht. Aber er hat sich erstaunlich entwickelt und das sieht man auch in „Sturm“ schon, dem zehnten von zwölf Dortmund-Tatorten. Unabhängig davon, ob er von Faber ausgeht oder nicht – es riecht in diesem Film nach Terror. Mehr dazu in der -> Rezension

Handlung

Polizistenmord in Dortmund: Mitten in der Nacht werden zwei Beamte in ihrem Streifenwagen erschossen. Nur kurze Zeit später ist das Team der Mordkommission vor Ort. Von den Tätern fehlt jede Spur. Doch ganz in der Nähe brennt in einer kleinen Privatbank noch Licht. Kommissar Peter Faber versucht, Kontakt mit dem Mann aufzunehmen, der hier fieberhaft an den Rechnern des Geldinstitutes arbeitet. Aber Muhammad Hövermann ignoriert Fabers Aufforderung, die Tür zu öffnen. Kurzentschlossen schlägt der Kommissar die Fensterscheibe ein. Als er Hövermann gegenüber steht, erkennt Faber, dass der Bankangestellte einen Sprengstoffgürtel trägt.

Anni und Tom über „Sturm“.

Anni: 
Sollen wir’s den Lesern sagen? Ich meine, dass wir uns erstmal dadurch runtergekühlt haben, dass wir ein bisschen Tatort-Fundus geguckt haben.

Tom: Man kann auch sagen, wir haben uns alle bisherigen Reaktionen penibel durchgelesen. Für mich hat es das nicht besser gemacht. Ich frage mich immer mehr, was die Leute eigentlich im Kopf haben oder wo sie ihren Kopf haben. Kein Wunder, dass bei Leuten, die diesen Tatort im Moment im Durchschnitt auf Platz 39 von über 1000 Filmen setzen, gute Politik sinnlos ist und gute Parteien nicht mal auf zweistellige Werte kommen können.

Anni: Ich fand ihn krass. Mit dem jetzt schon unausweichlichen Knaller am Ende. Dieses Mal wörtlich. Für mich ist er mindestens eine 8,5/10.

Tom: Seit wann reden wir über die Punktzahlen schon am Anfang? Aber Ordnung in den Dingen ist ja eh obsolet. Logische Handlungen ebenso. Vor allem dieses eine Ding. Ich hätte dem Film allen anderen Mist darin nachgesehen, wenn nicht … sowas ist einfach nur WDR. Oder NDR. Oder Radio Bremen.

Anni: Oder alle anderen Sender.

Tom: Nee, nicht alle anderen! Wie kann man bei einem Tatort, dessen Handlung schon ein Witz ist, auch noch einen Hintergrund konstruieren, der ein noch krasserer Witz ist? Junge, verblendete Islamisten, die, Achtung, von einem dicklichen, uninspiriert wirkenden Deutschen dazu verleitet werden, dem IS vorgeblich Geld zu beschaffen, weil dem seine Firma pleite gegangen oder kurz davor ist. Mord natürlich nebenbei inklusive. Um so ein Drehbuch zu schreiben, musst du vom IS wirklich Null Ahnung haben. Das ist billigster …

Anni: Jetzt geht es mit der Diktion auch dahin. Du willst andeuten, dass die Pädagogik über die Wirklichkeit gesiegt hat. Nicht alle Anschläge laufen ab wie der vom Breitscheidtplatz.

Tom: Komm mir nicht damit. Ein Tatort wie „Sturm“ ist ein Schlag ins Gesicht für alle Opfer bzw. deren noch lebende Angehörige.

Anni: Es war aber ein Einzeltäter, am 19.12.2016. Und das reicht nicht, um einen Tatort zu füllen. Da gab’s zu wenige Wendungen.

Tom: Wenn man Spannung mit möglichst vielen unmöglichen Twists verwechselt, kann ja nur eine solche Ansicht rauskommen. Ich sag dir, wie ein solcher Tatort aussehen müsste. Man befasst sich einmal mit einem wirklichen Täter wie Anis Amri, zeichnet seinen Weg nach und dann den Ablauf dieses Tages, vielleicht fängt man mit dem Klau des LKW an und dann alles in Rückblenden, wie es dazu kam, dass so jemand „Gefährder“ wurde und dann in eine Menschenmenge rast. Das kann man super spannend, bedrohlich – und realistisch machen. Und zwar inklusive der Indoktrinierung in der Moschee, die eh einschlägig als Gefährder-Treffpunkt bekannt war, wenn’s geht. Wenn ich diesen fluffigen Imam im Film aber wieder sehe … Auweia!

Anni: Wenn man dich heute hört, versteht man, warum gerade in Dortmund, denk mal, also da, wo der Fall spielt, 75 % der Türken für Erdogans Referendum gestimmt haben. Der höchste Anteil in allen deutschen Großstädten. Alles Gefährder, schon klar. Alles radikale Islamisten. Heute das Präsidialsystem, morgen der Massenmord vor Ort. Jetzt weiß  man gar nicht mehr, wo man beim Überwachen anfangen soll.

Tom: Ich muss durchatmen. Du hast es geschafft, ich bin wieder auf 180. Nein! Natürlich nicht! Aber du kannst doch nicht hingehen und eine reale Gefahr mit einem so idiotischen Hintergrund marignalisieren wie diesem Flachzangen-Konstrukt für geistig Minderbemittelte, die gar nicht merken, dass sie mit diesem Film verarscht werden!

Anni: Mich kriegst du mit deiner Wortwahl nicht auf die Palme. Ich bin nicht schuld, dass der Breitscheidtplatz nur drei Kilometer von hier ist und jetzt deine Emotionen wieder hochkommen. Und du musst bei mir nicht den Faber geben, der hat ja schon gesagt, „Ihr müsste euch mal entscheiden, ob das jetzt alles für Allah ist oder nichts mit Allah  zu tun hat, ihr nervt!“.

Tom: Der Film hat die Antwort doch gegeben – es hat alles nichts mit Allah zu tun, sondern mit einem Nerd, der in der Realität niemals diese Jugendlichen so instrumentalisieren könnte. Womit denn, er ist ja nicht einmal Moslem. Was hab ich nur getan, dass ich  mich heute nicht verständlich machen kann?

Anni: Oh doch, ich verstehe dich gut. Du regst dich auf, weil sie den Background der Verbrechen, und es sind ja einige in diesem Tatort, nicht so dargestellt haben, wie es deiner Erzählung entsprechen würde. Der Ungebildete aus dem Orient, der lebensfeindliche Koran, die bösartige Moschee, die zwangsläufige Radikalisierung, der höchst wahrscheinliche Anschlag.

Tom: Lass uns lieber über den Film an sich reden, da wird es nicht besser. Kannst du dir einen Dialog vorstellen wie den zwischen Faber und dem Bankangestellten mit dem Fake-Sprengstoffgürtel? Kein Wunder, dass die Spannungskurve zwischendurch stark abfällt, weil die einander da immer angiften, aber niemand dreht natürlich wirklich durch und natürlich macht Faber wieder, was er will und die Interaktion zwischen drinnen und draußen nimmt kein Ende und hat keinerlei innere Dramaturgie.

Anni: Und das geht gar nicht. Ich merke schon, du suchst heute wirklich nach Orientierung in der Ordnung, hier: den Dienstvorschriften. Geradezu sympathisch wieder, dass du’s wenigstens zugibst. Mann, die Welt ist nicht so einfach und natürlich werden diese jungen Menschen manipuliert, ist doch eigentlich egal, von wem. Ob es radikale Konvertiten, Imame, auswärtige Mächte oder der CIA ist, also auch eine auswärtige Macht.

Tom: Ich will nicht mehr darüber sprechen. Aber das Ende ist genauso bescheuert. Schießen die Polizisten tatsächlich mitten in das Auto hinein mit Geisel, anstatt es durch Schüsse in die Reifen  zum Stehen zu bringen – ich weiß, das hat jemand im Fundus geschrieben, stimmt aber. Und dann steigt der verletzte Fanatiker in aller Ruhe aus und sprengt sich in die Luft. Und Betonstaub regnet vom Himmel wie in der Apokalypse von 9/11 und alle unsere Lieblingspolizisten haben dieselben kleinen Wunden im Gesicht und genau die gleiche graue Staubschicht obenauf, egal, wo sie gestanden haben. Quatsch! Betonstaub gibt es nur, wenn Betonhäuser zusammenfallen, und das war ja wohl bei diesem Anschlag nicht so. Neben dem idiotischen Drehbuch auch noch billigste Effektmacherei.

Anni: Mich beschleicht immer mehr das Gefühl, dass wir bei der Bewertung dieses Tatortes heute weiter, noch weiter auseinander liegen werden als manchmal eh schon. Ich trau mich ja kaum noch zu sagen, dass der Film mich berührt hat. Als Kossik verletzt wurde und Dalay das mitbekam, das war ein starker Moment. Einer der stärksten für mich in den letzten Tatorten.

Tom: Aber doch nur, wenn du die vorherigen Fabers gesehen hast, in denen deren Beziehung erläutert wurde. Wenn du davon nichts weißt, dass die beiden so eng miteinander waren, kannst du der Szene doch gar nichts beimessen. Das ist doch eher ein weiterer Schwachpunkt, dass du Hintergrundwissen brauchst, damit der Fall dich endlich emotional mitnimmt.

Anni: Dich hat er jedenfalls sehr emotionalisiert. Wenn auch in eine andere Richtung. Ja, natürlich, der Hintergrund ist etwas flach und wer mehr wissen will, soll sich „Inside IS“ oder sowas anschauen oder mal ein gutes, wissenschaftliches und ausgewogenes Buch lesen. Mich hat gestört, dass die Ursachen für den Terror nicht benannt wurden, nämlich die Kriege, zu denen wir Material liefern oder uns gar mit der Bundeswehr direkt beteiligen.

Tom: Der Bankangestellte im Sprengstoff-Outfit deutet es kurz an. Aber darum geht es ja: Auch dieser Aspekt wird mal mit einem Satz pflichtschuldig reingestreut, aber du bekommst überhaupt kein Feeling dafür, was das in den entsprechenden Ländern wirklich auslöst. Da ist nichts, was dir vor Augen führt, um was es wirklich geht, da hätte man diesen Satz besser auch noch weggelassen, er belegt bloß, dass hier nicht ernsthaft am Thema gearbeitet wird.

Anni: Aber jetzt ist Kossik tot, oder? Konarske hört ja auf, da hat man seine Figur sterben lassen. Das gab es im Tatort in über 1000 Filmen erst zweimal, wenn ich mich nicht irre. Bei Müller Zwo in  Hamburg und bei einem Frankfurter Polizisten, der von Klaus Löwitsch gespielt wurde. Alles lange her.

Tom: In Berlin zu Markowitz‘ Zeiten nicht auch mal? Also, Kossik wurde schwer verletzt ins Krankenhaus transportiert. Mehr wissen wir nicht. Kann auch sein, er kommt durch und sagt sich: Den Stress will ich nicht nochmal, ich werde Medienberater. Ich lass mich umschulen. Und nach dem Trauma kriegt er das auch bewilligt.

Anni: Ich geb dir ja in einem Recht – viel über die Hintergründe der Radikalisierung von Jugendlichen erfährst du nicht. Es ist eben ein Action-Krimi. Und darf man das, wie auch ein Nutzer beim Fundus fragt, Effekt-Unterhaltung mit diesem Thema machen? Offenbar schon, findet die weit überwiegende Mehrzahl der Leute, die sich da geäußert haben. Du musst aber sehen, dass der Film vor dem Breitscheidtplatz-Anschlag gedreht wurde. Vielleicht hätte man sich danach seriöser mit den Hintergründen von Menschen befasst, die sowas anrichten.

Tom: So? Und wieso muss erst ein Anschlag in Deutschland passieren? Es gab genug andere vorher in Europa und es gibt den Krieg in Syrien und überall. Du kannst ja genug ausdifferenzieren, zum Beispiel über biodeutsche Spinner, die konvertieren und dann die Mega-Islamisten geben, aus persönlichem Frust. Das sind diejenigen, die unerfahrene junge Menschen instrumentalisieren, die sich vielleicht auch noch die Erzählung von der allfälligen Diskriminierung einreden lassen, weil im Leben mal was nicht so läuft und sie eine niedrige Frustschwelle haben.

Anni: Zum Beispiel, obwohl ich auch diese Wertung nicht so einfach teile, weil sie wieder ein Klischee und eine Pauschalisierung darstellt. Und weil du vor allem keine Ahnung hast, wie Geflüchtete drauf sind. Lass dir das mal erzählen von Leuten, die täglich mit ihnen arbeiten, und warum es nicht so einfach ist, diese Menschen mit Gewalterfahrungen aller Art für den hochkonzentrierten Aufstieg in diesem stressigen und dann, wenn es um die tieferen Dinge geht und nicht mehr ums Teddybären verteilen, oft sehr unfreundlichen und kalten Land fit zu machen. Und das könnte man in einem mehr auf Hintergrund angelegten Film auch zeigen, das ist schon richtig. Ich fand „Sturm“ aber sehr stark gespielt und mich hat er keine Sekunde gelangweilt. Ist mir auch egal, ob andere das ebenfalls fanden. Ich gehe runter von 8,5 auf 8, damit du nicht explodierst und es hier aussieht wie in Dortmund vor der Bank. Ich bin in der Hinsicht auch wie Faber, ich bin nicht lebensmüde. Der alte Checker, hat ja auch gleich gemerkt, dass alles eine Attrappe ist. Aber auch voll unlogisch. Denn dann hätte er den Mann ja problemlos überwinden können, hätte gewusst, dass nichts passieren kann.

Tom: Erstens: Ich bin heute nicht drauf für solche geschmacklosen Witze. Zweitens: Daran siehst du, was für ein schwacher Film das ist, wenn man etwas drüber nachdenkt. Okay, 6/10 von mir.

Anni: Doch so viel? Weil du Faber, das Arschloch, magst. Der ist so, wie du gerne wärst, macht einfach sein Ding und kommt dabei immer lebend raus und übersteht sogar seine Dienstaufsichtsbeschwerde-Verfahren. Ich mag diese Projektionsfläche, die er uns bietet, uns, die sich das nicht so trauen. Und dieses Mal haben sie sich wirklich auf den Fall konzentriert und doch durfte Faber sich austoben.

Tom: Ich sagte schon, sein Dialog mit dem Banker war voll psychologisch unglaubwürdig und ob Projektionsfläche, Psycho oder nicht, sowas kann nur ein deutscher Drehbuchschreiber abgeben, den die Leute nicht fragen, ob er was genommen hat, sondern was es war, damit wir uns einmal im Leben auch angesichts einer akuten Gefahr so verhalten können wie Faber. Uns fehlt ein Koordinatensystem für den Abgleich von Fiktion und Realität, und das macht mir wirklich Sorgen.

Anni: Die Realität kann zu Vorgängen führen, wie sie der Film gezeigt hat, so viel seht fest. Um beim Medium Film zu bleiben: Cut! Boah, ich hab so Hunger, nach dieser konfrontativen Rezension. Lass uns in unseren Lieblings-Falafelladen gehen.

7/10 

© 2018, 2017 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Peter Faber – Jörg Hartmann
Hauptkommissarin Martina Bönisch – Anna Schudt
Oberkommissarin Nora Dalay – Aylin Tezel
Oberkommissar Daniel Kossik – Stefan Konarske
Muhammad Hövermann – Felix Vörtler
Bernhard „Bernie“ Hövermann – Christian Ehrich
Hanifah Hövermann – Dorka Gryllus
Ada Hövermann – Yeliz Simsek
Pascal „Jihad“ Tauber – David Hurten
Tahir Erdem – Altamasch Noor
Bilal al-Hafdeh – Rauand Taleb
Bilas Großvater – Mohammad Ali Behboudi
Imam Mehmet Kaya – Eray Egilmez
Günsay, Leiter des SEK – Ercan Karacayli
Mikey – Tino Mewes
Felix, Polizist – Thiemo Schwarz
junger Polizist – Hajo Tuschy
Annette Rahn – Sylvana Krappatsch
Herr Kufus – Rolf Dennemann
Bankdirektor Minssen – Gerhard Mohr
u.a.

Drehbuch – Martin Eigler, Sönke Lars Neuwohner
Regie – Richard Huber
Kamera – Robert Berghoff
Schnitt – Knut Hake
Szenenbild – Ingrid Henn
Musik – Dürbeck & Dohmen

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