Bierkrieg – Tatort 357 / Crimetime 162 // #Tatort #TatortDresden #Dresden #Sachsen #MDR #PeterSodann #Ehrlicher #Kain #EstherSchweins #Bierkrieg

Crimetime 162 - Titelfoto © MDR / HA Kommunikation

Nur 72 Stunden

Wir hatten uns anlässlich der neuesten Tatorte aus Weimar und Erfurt generell zu den Krimis vom MDR geäußert und dabei auf Bruno Ehrlicher bezug genommen. Also passt es gut, dass wir heute wieder einen Film mit ihm zu besprechen haben. Der ist beinahe 20 Jahre alt und eines können wir vorab festhalben: Ds gibt Momente, da vermissen wir den schrulligen Echt-Ossi. Allerdings stellen hier nicht Verbrecher, sondern Behördenleiter die Ultimaten, woran man schon sieht, dass der gedeckelte Osten nicht der Wilde Westen ist.

Handlung

Im Kühlraum der Dresdner Brauerei „Dobitzer Bräu“ wird die Leiche des Verkaufsleiters Udo Schaffert gefunden – erschossen. Während die Spuren gesichert werden, taucht schon die Presse auf. Kommissar Ehrlicher schmeißt den Reporter kurzerhand raus. Das bleibt nicht ohne Folgen. Der Polizeipräsident stellt Ehrlicher vor die Wahl: Entweder wird der Fall in den nächsten drei Tagen gelöst, oder dem Hauptkommissar drohen Suspendierung vom Dienst und ein Disziplinarverfahren!

Ehrlicher und Kollege Kain machen sich an die Arbeit. Das Mordopfer war nicht nur ein erfolgreicher Geschäftsmann, sondern hatte auch viel Glück bei den Frauen. Kain nimmt die diversen Freundinnen unter die Lupe. Mit Nachbarin Rita Merz und einer gewissen Christina Born hatte Schaffert gleichzeitig ein Verhältnis – angeblich machte das den Damen nichts aus. Auch seiner Sekretärin Sylvia Lehmann war der Bierfachmann nicht abgeneigt. Doch die ist mit dem Vertriebsleiter der Brauerei verheiratet.

Ehrlicher zieht inzwischen von einer Kneipe in die nächste. Ergebnis: Die meisten Wirte haben einen Vertrag mit dem inzwischen ermordeten Verkaufsleiter abgeschlossen, schenken „Dobitzer Bräu“ aus. So auch Funke, Besitzer des Restaurants „Schloß Eichinger“, bei dem Ehrlicher ausführliche Informationen einholt. Peter Kreiling, Vertreter der Konkurrenz-Brauerei „Eichen Pils“, war Schaffert offensichtlich nicht gewachsen.

Trotz kleinerer Hinweise führen die Ermittlungsbemühungen der beiden Kriminalisten, die von einer Polizeibeamtin aus dem Sittendezernat unterstützt werden, zu keinem zufriedenstellenden Ergebnis. War nun Eifersucht oder Konkurrenzkampf das Mordmotiv?

Ehrlicher und Kain stehen vor einem weiteren Rätsel: Wo ist der Wagen des Toten? Bewaffnet mit Handys machen sie sich noch einmal auf den Weg zu ihrem Informanten. Und das Ultimatum des Polizeipräsidenten läuft langsam ab. 

Rezension 

Ob die Zahl Dreizehn Unglück bringt, ist Ansichtssache und eine Frage des rechten Aberglaubens. Dass Bruno Ehrlicher in seinem dreizehnten Fall besonders unglücklich agiert, kann man nicht sagen, dafür ist das Ende des Films ein richtiges Unglück. Und natürlich die Tatsache, dass der damals noch in Dresden (später in Leipzig) beheimatete Kommissar vom Polizeipräsidenten ein Ultimatum zur Ermittlung des Mörders an einem Biervertriebsleiter ein Ultimatum gesetzt bekommt. Ursprünglich lautete es auf 48 Stunden, aber Kollege Kain kann es um einen Tag heraufhandeln.

Die Anspielung auf „Nur 48 Stunden“ ist witzig, dass es so viel realistischer sein soll, wenn man einen Tag mehr zur Lösung des Falles hat, ist charmant, aber der Hintergrund ist nicht skurril, sondern albern.

Der deutliche satirische Einschlag von „Bierkrieg“ verfehlt an mehr als einer Stelle das Ziel. Besonders aber gilt das fürs Finale, in der eine junge Frau im Auto in eine Mauer rast und der Wagen sofort in Flammen steht. Auch wenn das wieder eine ironische Anspielung auf amerikanische Actionfilme sein soll, quietschende Reifen und Jagd durch die Stadt eingeschlossen, wie beinahe erfreut und jedenfalls zufrieden Ehrlicher in der allerletzten Szene reagiert, das erinnert uns daran, dass wir die Reaktionen der nach DDR-geprägten Ossis in Berlin auch nicht immer nachvollziehen können. Die sind oft ganz schön krude, dafür, dass sie in einem Kuschelstaat sozialisiert wurden, dem sie mehrheitlich nachtrauern.

Von diesem Moment abgesehen, ist der Film psychologisch aber ganz ansprechend und man merkt wieder, wie sehr es einen Unterschied macht, ob Schauspieler in ihren Rollen glaubwürdig sind. Peter Sodann und Bernd Michael Lade als ungleiches Team reißen mit ihrer schrulligen Art viel heraus, was die Darsteller unserer Zeit bei ähnlich gestrickten Drehbüchern nicht mehr  können – nämlich so viel, dass man erst beim  zweiten Hinschauen erkennt, wie sehr dieses Überspielen notwendig ist. Denn die Handlung von „Bierkrieg“ ist nicht nur bezüglich der alles andere als ironisch-witzigen Schlussszene ziemlich an den Haaren herbeigezogen.

Damit hat man das an sich interessante Thema ziemlich verhunzt. Schön, dass es einmal nicht die Baubranche ist, gerade im Osten. Man erfährt auch etwas über die Bierlieferverträge, allerdings im Vergleich zum Infodropping bei ähnlichen Sujets in anderen Tatorten dann doch wieder zu wenig. Die Lösung des Falls ist ebenso verschlungen wie auf Zufällen aufgebaut, ironische Seitenhiebe wie die Drehung des in den ersten Jahren nach der Wende hingebungsvoll gepflegten Vorurteils vom bösen Wessi als Täter gehen in der wenig strukturierten Dramaturgie beinahe unter.

Dafür stimmen die Schauspielleistungen, auch bei den Nebenrollen, was wiederum heißt, die Regie hat es geschafft, das Buch wenigstens so zu verfilmen, dass noch ein akzeptables Werk draus wurde.

Nicht überdurchschnittlich, das nicht. Es wäre ungerecht, nur wegen des Humors einen wenig überzeugenden Krimi zu sehr anzuheben. Den aber fanden wir richtig gut (den Humor). Wie Ehrlicher sich durch diesen Film prügelt, pöbelt und säuft, erklärt uns endlich, warum Zuschauerreaktionen bei den Filmen mit dem alten Knaben, die wir bisher gesehen haben, oft lauten: „Wenigstens kommt Ehrlicher dieses Mal nicht so unsympathisch rüber“. Unsympathisch, vor allem für die Verdächtigen, ist Ehrlicher in „Bierkrieg“ aber ganz eindeutig.

Dadurch baut er eine Druckkulisse auf, die seine kleine, schmächtige Statur beinahe vergessen lässt. Seine Aggressivität steht ihm gut, die witzigen Szenen mit anderen Polizisten, dem Alkoholtest usw. wirken dadurch sehr lebhaft. Hinzu kommt, dass 1996/97 in Sachsen wirklich noch gesächselt wurde. Besonders der Tanzhallenbesitzer kommt dem, was wir unter einem Sachsen verstehen, recht nah – auch charakterlich. Womit wir nicht gesagt haben wollen, dass die Sachsen gerne alles etwas verbiegen, wie dieser Großgastwirt, aber sie sind keine Norddeutschen und etwas geschmeidiger als jene. Das ist in diesem Film schön karikiert worden.

Bei Bruno Ehrlichers Darsteller Peter Sodann kommt hinzu, dass man dessen politische Einstellung kennt und diese genau mit derjenigen übereinstimmt, die er in seinen Tatorten zeigt, wenn er über die „freie Marktwirtschaft“ herzieht.

Früher hätten wir entrüstet dagegen argumentiert und gesagt, die soziale Marktwirtschaft ist eben gerade dies nicht, dermaßen dem Wildwuchs zugetan. Und heute, nachdem das Soziale in der Marktwirtschaft immer mehr reduziert wird und die Freiheit, die man  einem sozialistisch-diktatorischen System entgegenhalten könnte, immer mehr aus Gründen der vorgeblichen Sicherheit des Staates eingeschränkt wird? Die Stasi kommt zwar im Film nicht vor, aber Ehrlichers Ansichten, so platt und klischeehaft sie manchmal klingen, sind von unseren nicht mehr so weit entfernt – abzüglich Ostalgie, versteht sich, denn für eine solche haben wir doch zu sehr eine kritische Distanz zur DDR, räumlich und inhaltlich.

Fazit

Je länger Ehrlicher außer Dienst ist, desto mehr bemerkt man den Verlust, den sein Abgang darstellt. Seine Tatorte haben wir ja ein wenig vernachlässigt, als es darum ging, die TatortAnthologie aufzubauen und neben allen aktuellen Erstausstrahlungen ältere Filme in sie aufzunehmen. Kapazitäten sind eben immer begrenzt.

Wenn es die Alternative zwischen einem Ehrlicher-Tatort und einem anderen gab, vor allem in der Anfangszeit des Wahberliners, als wir noch nicht mehrere Filme gleichzeitig aufzeichnen konnten bzw. einen aufzeichnen und einen weiteren anschauen konnten, da fiel der Ehrlicher meist hinten runter.

Seine Fälle sind in der Regel keine Meisterkrimis, das hat sich bestätigt – und diesen Mangel haben MDR-Tatorte bis heute.* Aber die Kante, die Ehrlicher und auch Kain hatten, die gefällt uns immer besser. Sicher hält sich der Sympathiewert für den kleinen Kommissar mit der hellen Windjacke in Grenzen, aber er biedert sich ja auch nicht an. Identifikation ist nicht die Welle, auf der Bruno surft, er will das beifällige Nicken bei Menschen erzeugen, die sich nach der Wende unbehaust fühlten, und das gelingt ihm hervorragend. Wenn man so will, ist dies eine eigene Qualität, die ein Quantum Trost für alle von der Neuzeit Geplagten mit sich bringt.

Wir wissen nicht, wie hoch die Improvisationsanteile an Ehrlichers Dialogen sind und ob es sie überhaupt gibt, aber manchmal tut‘ schon die Betonung, verbunden mit der passenden Mimik und Gestik, dass man einen der echtesten Typen vor sich sieht, den es je am Tatort gab.

6,5/10

© 2018, 2015 Der Wahlberliner, Alexander Platz

*Bezogen auf das Jahr 2015, in dem die Rezension entstand, die heute erstmalig veröffentlicht wird. Mittlerweile haben wir einem Dresden-Tatort 9/10 gegeben.

Hauptkommissar Bruno Ehrlicher – Peter Sodann
Hauptkommissar Kain – Bernd Michael Lade
Miriam Kreiling – Laura Tonke
Peter Kreiling – Herbert Olschok
Peter Funke – Hilmar Eichhorn
Beamtin – Esther Schweins
Marta Kreiling – Ines Dalchau
u.a.

Drehbuch – Claudia Sontheim, Peter Zender
Regie – Wolfgang Panzer
Kamera – Edwin Horak

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