Altlasten – Tatort 750 / Crimetime 166 // #Tatort #TatortStuttgart #Stuttgart #Lannert #Bootz #Altlasten #Tatort750

Crimetime 166 - Titelfoot © SWR, Stephanie Schweigert

Nach den goldenen Jahren

„Altlasten“ ist ein sehr auf die Emotionen gerichteter Tatort, das hat er mit anderen frühen Folgen des heutigen Stuttgarter Teams Lannert (Richy Müller) und Bootz (Felix Klare) gemeinsam. Der fünfte Fall für die beiden Stuttgarter, Letzteren kann man wirklich als Jungkommissar bezeichnen, war gleichzeitig der Abschluss des Tatortjahres 2009 und wird von der Kritik und den Fans gleichermaßen geschätzt.

Es gibt wundervolle Schauspielmomente, aber es wird recht wenig ermittelt. Das ist es allerdings nicht, was uns von einer ganz hohen Bewertung abhält. Was uns gestört hat, lässt sich nicht so einfach ermitteln. Selbstverständlich werden es in der Rezension versuchen.

Referenz für das Stuttgarter Team bleibt für uns weiterhin „Tödliche Tarnung“, in dem die Vergangenheit von Thorsten Lannert aufgerollt wird und man erfährt, warum er so sensibel, zurückhaltend und menschenscheu geworden ist.

Das Thema Altern in unserer Zeit ist ein komplexes, das in „Altlasten“ bewältigt wird, wenn auch innerhalb einer Familie, die alles andere als durchschnittlich ist, auch wenn man zunächst den Eindruck hat, alle haben mit höchst bekannten Alltagsproblemen zu kämpfen: Karriere, Nicht-Karriere, Vater-Sohn-Konflikt, Demenz, Behinderung – alles zusammen ist vielleicht etwas viel und dies gibt einen ersten Hinweis  darauf, warum „Altlasten“ trotz seiner unverkennbar guten Schauspielleistungen für uns zumindest nicht unter die bisher am höchsten eingestuften Tatorten (9,0/10) einzureihen ist.* Mehr in der -> Rezension.

Handlung

Der Tod des über 80-jährigen Willy Schubert kam nicht überraschend, denn er war lange schon schwer krank. Doch ein aufmerksamer Amtsarzt entdeckt, dass Schuberts Tod von einer Medikamentenvergiftung verursacht wurde. Nun müssen Thorsten Lannert und Sebastian Bootz innerhalb der trauernden Familie ermitteln. Da ist Tochter Eva, gefangen im Konflikt, sich um die Eltern zu kümmern und trotzdem ihren Beruf und ihre Kinder nicht zu vernachlässigen, ihr Mann, ihr Bruder, die Mutter – alle haben scheinbar ein Motiv.

Ihr Mann Holger, vom Schwiegervater stets gefördert, ist inzwischen zwar offiziell der Leiter der Kanzlei, war aber trotzdem abhängig von der Zustimmung des Alten. Und Peter, der Sohn, dessen Gefühl für familiäre Verbundenheit wesentlich lockerer ist, der aber sein Erbe sehr gut gebrauchen könnte. Selbst Brise, 55 Jahre lang Willys geliebte Ehefrau, die wegen beginnender Demenz immer weniger in der Realität lebt, ist nicht außer Acht zu lassen. Die Kommissare fragen sich aber auch, warum der Hausarzt der Schuberts die Lebenserwartung seines Patienten so ganz anders beurteilte als alle anderen Ärzte

Rezension

Dass ein gut verdienender Rechtsanwalt Kassenpatient ist, hat uns etwas verwirrt. Ist es seine Rolle als Opferanwalt, die ihn dazu bewogen hat, Opfer eines zunehmend morbiden und ungerechten Gesundheitssystems zu werden,  anstatt auf der Sonnenseite zu leben?

Warum hat Brise Schubert, seine Frau (Bibiana Zeller), die Polizisten Lannert und Bootz nicht darüber aufgeklärt, dass sie mit ihrem Mann in den Freitod gehen wollte und genau im falschen Moment die Enkelin auftauchte? Wollte sie testen, wie ihre Familie sich unter dem Druck verhält, den die Ermittler aufbauen, weil sich bald herausstellt, dass jeder in der Familie ein Mordmotiv gehabt hätte?

Man kann es auch beinahe nicht glauben, dass nach der rührenden Videobotschaft, die das alte Ehepaar an seine Nachkommen gesendet hat, irgendjemand von den Jüngeren sich zurückgesetzt gefühlt  hat oder einem dominanten Vater bzw. Schwiegervater ausgesetzt. Die beiden alten Menschen wirken so lieb und verständnisvoll. Eine Wendung und Läuterung des zum Sterben bereiten Rechtskundigen in letzter Minute?

Die Handlung wirft also Fragen auf, und die Fragwürdigkeit von Einzelelementen, von denen wir besonders das  zweite für essentiell halten, spiegelt sich gut im Verhalten der Familie, die in manchen Szenen überagiert. Wie sich Sohn und Schwiegersohn gegeneinander verhalten; der eine spuckt sogar in einer Szene den anderen an, wie sich die Tochter gegenüber ihrem Mann verhält und dieser sich über den Sohn äußert, das wirkt nicht, als ob diese Familie in Harmonie und mit souveränen Eltern großgeworden wäre, die am Ende eine solche Videobotschaft vom Stapel lassen können.

Zwischen anrührender Botschaft und tiefgehender Glaubwürdigkeit tut sich manchmal ein schmaler Spalt auf, in den eine Tatort-Höchstwertung schon einmal hineinfallen kann. Es hat uns hingegen nicht gestört, dass der Film langsam aufgebaut ist, dass die Ermittler nicht viel zu ermitteln haben (allerdings wieder: die KT rennt zwar in Schuberts Haus herum, ergebnisseitig bleibt sie aber außen vor – sonst hätte sie ja einen deutlichen Hinweis darauf finden können, wer den Anwalt Willy Schubert (Dieter Schaadt) vergiftet hat. Dafür wirkt Lannert in den Befragungen sehr druckvoll, weil er die Familienmitglieder aus der Reserve locken will – was ihm auch gelingt, soweit es ihre Ehre kitzelt oder ihre allgemein etwas schlechten Nerven, denn es stellt sich ja heraus, dass es keinen Täter gibt.

Weniger um eine Plotschwäche als um eine Haltung geht es bei einem weiteren Kritikpunkt. Die Figur des Hausarztes Doktor Riedmann (Christof Wackernagel) erläutert die Schwächen und Ungerechtigkeiten der damals jüngsten von gefühlt tausend Gesundheitssystem-Deformationen, die es in den letzten Jahrzehnten gegeben hat. Abgesehen davon, dass wir uns nach wie vor wundern, dass er bei Willy Schubert als Kassenarzt tätig war, erläutert er die Schwächen der damaligen Reform offenbar richtig, jedenfalls wirkt es sachlich so.

Dann aber kommt die allseits forsche und eloquente Staatsanwältin Emilia Álvarez (Caroline Vera) und dreht ihm einen Strick daraus und verweist auf eher dubiose Auswege aus den Kostenzwängen aufgrund von Budgetgrenzen wie homöopathische Mittel und Generika. Als ob zum Beispiel homöopathische Mittel in Deutschland so richtig toll anerkannt und verschreibungsfähig wären. Es widerspricht der Logik, dass ein Arzt die „echten“, teuren Medikamente quasi aus eigener Tasche zahlen muss, wenn er sie einem Patienten über sein Budget hinaus verschreibt, das aber bei ebensowenig durch Kassen akzeptierten alternativen Medikationen dann wohl nicht tun soll, gemäß der Meinung der Juristin. Dieser Absatz steht unter einer Prämisse: Wir bewerten das, was hier über die Lage im Gesundheitswesen ausgesagt wird, wie sie sich 2008-2009 offenbar dargestellt hat. Jedenfalls kommen die Ärzte mit ihren Sachzwängen nach dem Eingriff der Staatsanwältin wieder einmal ihr Fett weg, und das ist ja mittlerweile eine richtige Masche bei den Tatorten. Da wird auch nicht mehr differenziert, sondern ein gequälter Hausarzt als talking Head für die Erläuterung der aktuellen Zustände verwertet und dann flugs von einer moralischem Instant-Instanz bewertet, und zwar eindeutig negativ.

„Altlasten“ ist ein sehr ambitionierter Tatort, dem die Ambitionen stellenweise etwas aus dem Ruder gegangen sind und sich zulasten einer stimmigen Komposition von Motiven und Sachverhalten ausgewirkt haben. Sowas passiert im deutschen Fernsehfilm sehr häufig und es gibt weitaus schlimmere Beispiele dafür als diesen Whodunit, bei dem es am Ende heißt: keiner war’s, es waren die Umstände.

Und genau das ist und bleibt dann doch die Stärke von „Altlasten“. Viele, viele Elemente vereinigen sich zu einer Atmosphäre, in der sich alte Menschen überflüssig und lästig fühlen, schlecht behandelt und beiseite geschoben. Mögen viele Details fragwürdig sein, es ergibt sich ein überraschend dichtes und stimmiges Gesamtbild vom Altern in unserer Zeit, in der – zumindest statistisch scheint es so – die Menschen durchschnittlich immer älter werden und in der die  Fragen der Pflege, der medizinischen Versorgung und der Lebensstellung im Allgemeinen, die alte Menschen haben, immer drängender werden. Im Grunde ist aber das Ehepaar Schubert in Würde alt geworden, immer selbstständig geblieben, und als es merkt, dass es die Selbstbestimmung durch zunehmende körperliche oder geistige Gebrechen verliert, bestimmt es sein eigenes Ende.

Die Kraft von „Altlasten“ liegt in der humanitären Grundhaltung, die sich als roter Faden durch den Film zieht. Auch das romantische Prinzip der unbedingten Liebe und Treue bis in den Tod wird thematisiert und anhand des Ehepaars  Schubert erläutert; dem steht aber die wesentlich stärker mit Konflikten belastete Ehe der Tochter (Inka Friedrich) und ihres Mannes gegenüber und die Frage, ob diese große Bindung erst durch den frühen Tod eines dritten Kindes durch Mord und sexuellen Missbrauch entstanden ist oder einfach aus einer großen Liebe heraus.

Es ist Torsten Lannert, ebenfalls romantisch veranlagt, der dazu tendiert, dass dieser Mädchentod eher durch eine Liebe gemeinsam zu verwinden war, als dass er zusammengeschweißt hätte. Dieser Ansicht schließen wir uns an, denn wir meinen, wenn eine Beziehung schon Risse hat, ist ein erschütterndes Ereignis nicht gerade der Kitt dafür, sondern eher geeignet, die Gräben zu vertiefen, weil dann auch schnell Schuldvorwürfe ins Spiel kommen, die vielleicht wenig mit dem konkreten Ereignis, aber viel mit über Jahre angestauten Frustrationen zu tun haben. Die Anfangssequenz, in der Szenen mit einem in Panik rennenden Mädchen mit denen eines älteren Paares, das miteinander tanzt, wechseln, lässt die beiden erwähnten Deutungen zu.

Fazit

Da wir uns nicht entschließen können, „Altlasten“ zu den ganz großen Tatorten zu stellen, die wir bisher rezensiert haben, ihn aber auch trotz seiner deutlichen Schwächen nicht verreißen wollen, weil wir viel Berührendes darin fanden, auf eine überdurchschnittliche Bewertung hinaus wollen, machen wir’s so: Wir zählen ihn zu  den wichtigen Tatorten. Zu denen, die man gesehen haben sollte und die eine intensive, humanitäre Botschaft haben. Die wird zwar ziemlich dick aufgetragen, aber sie ist wirklich von Relevanz für uns alle und wird darüber hinaus mit viel schauspielerischer Verve ans Publikum gesendet.

Daher geben wir 8,0/10.

© 2018, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

*Angaben beziehen sich auf das Feature „TatortAnthologie“ des „Ersten Wahlberliners“ von 2011 bis 2016, die Rezensionen werden hier vorerst im Wesentlichen unverändert übernommen.

Thorsten Lannert – Richy Müller
Sebastian Bootz – Felix Klare
Staatsanwältin Emilia Alvarez – Carolina Vera
Peter – Andreas Schmidt
Gerichtsmediziner Daniel Vogt – Jürgen Hartmann
Kriminaltechnikerin Nika Banovic – Miranda Leonhardt
Holger – Steffen Münster
Eva [Brises Schwester] – Inka Friedrich
Brise Schubert – Bibiana Zeller

Regie – Eoin Moore
Buch – Katrin Brühlig
Kamera – Conny Wiederhold

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