Gefährliche Freundschaft – Tatort 277 / Crimetime 164 // #Tatort #TatortDüsseldorf #Düsseldorf #Flemming #Ballauf #Koch #Tatort277 #TatortGefährlicheFreundschaft #IvanDesny

Crimetime 164 - Titelfoto © WDR, H. Vogelmann

Max, der Glasreiniger – und warum Telefonieren im Auto verboten wurde

Gerade wurde bekannt, dass auch Miniterialbeamte mit hohen Besoldungsgruppen gerne mal Nebenjobs annehmen, aber ob man sie dabei beobachten könnte, wie sie in einem Reinigungskorb an einer Fassade hochfahren und plötzlich ihrem Chef und der Kollegin in die Augen schauen? In der Zeit, in welcher der Film gedreht wurde, hatte ich auch ein D-Netz-Telefon im Auto, aber ich zähle zu den Überlebenden. Das Telefonieren im Auto wurde also Anfang der 2000er verboten. Das Rauchen im Auto soll auch verboten werden. Es gibt erste Gerüchte, dass auch das Sprechen im Auto verboten werden soll. man hat sich das als Vorstufe zum in Vorbereitung befindlichen Verbot des Auto fahrens im Auto gedacht, um die Eingewöhnung zu erleichtern, heißt es. Was es sonst noch über den Fall „Gefährliche Freundschaft“ zu berichten gibt, steht in der -> Rezension.

Handlung

Erika Güstrow, eine gutsituerte Frau um die 60, wird ermordet in ihrer Wohnung aufgefunden. Die Leiche entdeckt hat ihr Nachbar und Jugendfreund Johannes Wenzel.

Tatverdächtig ist der drogenabhängige Alexander Weckwerth, ein Enkel der Toten, denn Wenzel hatte beobachtet, wie er mit dem Videorecorder seiner Großmutter fluchtartig das Haus verließ. Flemming und seine Mitarbeiter haben Mühe, den Jungen zu finden; seitdem seine Eltern ihm Hausverbot erteilt haben, lebt er mal hier, mal da. Zu Flemmings großer Bestürzung stellt sich heraus, daß sein Sohn Ingo Kontakt zu Alexander hat und auch den gestohlenen Recorder für ihn aufhebt.

Ingo ist von der Unschuld seines Freundes überzeugt; indes – Alexander gesteht die Tat. Er widerruft sie aber, nachdem sein Vater bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen ist. Alexander behauptet nun, daß Philip Weckwerth, der mit seiner Schwiegermutter Auseinandersetzungen geschäftlicher Art hatte, für die Tat verantwortlich sei. Er, Alexander, habe die Schuld auf sich genommen als Wiedergutmachung für den Kummer, den er seinen Eltern durch sein verpfuschtes Leben verursacht habe. Aber nun verliere sein Opfer jeden Sinn.

Flemming weiß nicht, was er glauben soll, bis Schönfelder, wie Wenzel ein guter Freund des Verblichenen, ins Spiel kommt und ein neues Licht auf die Ereignisse fällt.

Rezension

Im Grunde ist dieser Tatort ein Klassiker. Ohne Federlesens beginnt der Film mit einer Leiche, zu deren Besichtigung die Cops am Tatort eintreffen. Die KT ist auch da, Zeugen werden befragt. Sprung zum Ende: Derjenige, den man sowieso vermutet hatte, war auch der Täter, man freut sich darüber, dass man das so schnell erkannt hat. Jedenfalls viel schneller als die Kommissare, die erstmal in ganz andere Richtungen ermittelten. Dass man so schnell erahnen kann, wer die gutsituierte Frau Güstrow auf dem Gewissen hat, liegt allerdings nicht daran, dass das Drehbuch diese Möglichkeit ohne Weiteres als logisch erscheinen lässt, sondern daran, dass die betreffende Figur ziemlich auffällig unauffällig inszeniert wird. Auch das Motiv ist klassisch: Eifersucht. Leider wird erst sehr spät der Grund der Eifersucht gezeigt, aber man denkt doch: Typisch, zwei alte weiße Männer.

Nicht der drogenabhängige Enkel. Nicht der Sohn, der mit seiner Mutter viele Konflikte austrug. Aber das Motiv des netten älteren Herrn, der den anderen älteren Herrn als Nebenbuhler nicht ertrug und daher das Objekt der Begleitungs-Begierde umbrachte, wirkt doch arg ambitioniert und außerdem hat die Kriminaltechnik wohl schlampig gearbeitet, obwohl sie zweimal am Tatort war, denn es ist ja ein Unterschied, ob man die Spuren eines Menschen irgendwo in der Wohnung findet oder sie darauf schließen lassen, dass die betreffende Person dem Opfer vor dessen Tod ziemlich nah gekommen sein muss. Aber vielleicht war das alles in den frühen 1990ern noch nicht so trennscharf.

Prinzipiell kann man auch sagen, der Film  hat eine schöne Fülle. Da gibt es innerfamiliäre Konflikte mit wohlstandsverwahrlosten Kindern, die ins Drogenmilieu abrutschen, während meiner Schulzeit, also ein paar Jahre früher, schon ein großes Thema. Dann eine ebenfalls familiäre Fassade, hinter der sich große Probleme, menschliche und finanzielle, verbergen und in der älteren Generation gibt es eine seltsame Form von Vagheit in den Beziehungen, alles zusammen wirkt, als sei man nicht in der Lage, Emotionen so zu kommunizieren und darüber zu verhandeln, dass sich funktionierende Systeme ergeben.

Auf eine ganz witzige Weise gespiegelt wird das bei der Polizei, wo alle einander sehr zugewandt sind, mit der speziellen Note, dass alle mit Max Ballauf viel Geduld haben müssen, wenn wer mal wieder neben sich, neben dem Job und im Nebenjobbusiness steht. Sein Darsteller Klaus J. Behrendt muss ganz schön aus sich herausgehen und wir meinen, diese ständige Aufgeregtheit zu spielen liegt ihm weniger als die eher ruhige Gangart, die seine Figur in ihrer Kölner Zeit angenommen hat – hier ist für die Ausbrüche eher der Kollege Freddy Schenk zuständig, während Ballauf das senible Innen durch kleinere Gesten und Worte nach außen tragen darf.

Damit haben die beiden einen hohen Grad an Authentizität erreicht, den es so in der Düsseldorfer Dienststelle nicht gab, bei der ich mich nicht nur während des Anschauens von „Gefährliche Freundschaft“ gefragt habe, sondern bei mehreren anderen Tatorten gefragt habe, wie sie bei einer solchen Fehlstelle im Team wie Ballauf funktionieren kann. Konsequenterweise allerdings trägt er nicht viel zum Ermittlungsergebnis bei und schon gar nicht etwas, das auf seine Person bezogen wäre, also seinen besonderen Fähigkeiten zu verdanken wäre. Allerdings geht es dieses Mal noch nicht so weit, dass ihm die aus situierter Familie stammende Kollegin Koch, die ihn ja erkennbar recht gerne mag, einen Scheck zukommen lässt, damit er endlich aus den finanziellen Nöten herauskommt.

Das Interessante am Dienststellenleiter Flemming wiederum ist, dass er vor allem dadurch sympathisch wirkt, dass er so viel Verständnis für sein Team hat. Er ist mal genervt, aber es folgen nie Konsequenzen aus der offensichtlich unprofessionellen Dienstauffassung von Max. Aber es gibt eine weitere Spiegelung, nämlich die von Flemming und Sohn gegenüber der Familie von Alexander. Obwohl auch der Kommissar und sein Sproß nicht gerade harmonisch miteinander wirken, kann man erkennen, dass Flemming der Jüngere eben doch das Rüstzeug mitbekommen hat, um gut auf eigenen Füßen stehen zu können. Da sind viele subtile Kleinigkeiten, die angesichts des eher durchschnittlichen Inszenierungsstils ein wenig untergehen – wie etwa, dass der Sohn beim Lernen klassische Musik hört, seiner Mutter gegenüber aber angibt, nichts für Oper übrig zu haben. Man kann die normale Abgrenzung einer Generation gegen die andere beobachten und sie gegen die Entgleisung des Familiensystems der Weckwerths stellen. Kein Wunder, dass das Entgleisen fast im wörtlichen Sinn stattfindet und seinen Höhepunkt erreicht, als Vater Weckwerth versucht, vom rasenden Auto aus sein verzwicktes Leben im Griff zu behalten und dabei von der Straße abkommt.

Das ist alles nicht schlecht ausgedacht, man merkt, dass die Komponenten, für sich genommen, Potenzial haben. Aber die recht flache Inszenierung, die keine der Tragödien richtig zur Entfaltung kommen lässt, lässt im Wesentlichen keine Identifikation, kein Mitgehen zu. Wir wissen ja, dass die Tatorte ursprünglich auch deshalb nicht im Hollywood-stil gefilmt wurden, weil sie distanziert, beobachtend, beschreibend, realistisch wirken sollten. Mithin: Sie sollten Dokumentationen mit fiktiven Personen sein. Vor allem der Stil der NDR-Krimis, der seinerseits die Stahlnetz-Tradition weiterentwicelte und z. B. den Finke-Tatorten etwas von der Kühle des Neuen Deutschen Films mitgab, war für diese Richtung prägend. Beim WDR hingegen stellte schon Zollfahnder Kressin eine andere Nummer dar, man konnte ihn mögen oder ihn furchtbar finden und in dieser Tradition ist man dort bis heute unterwegs, wobei es schwerfallen dürfte, die beiden Köln-Cops Ballauf und Schenk furchtbar zu finden.

Fazit

Dem Film mangelt es an Zentrierung und Dynamik, die Themen sind gemischt  zeitgemäß-traditionell, das Plus stellt sicher die Düsseldorfer Dienststelle dar, aber sie zieht auch die Aufmerksamkeit des Zuschauers auf sich und von den Episodenfiguren ab. Wenn man sich mehr für Max Ballaufs Nebenjob interessiert als für die Nöte des Fixers Alex Weckwerth, bewertet man das Geschehen eher danach, was am Ende wirklich hinter dem Durchblick steckt, um den Max so viel Wesens macht als danach, ob dieser Drogentod nun doch etwas ganz Schreckliches ist und damit alle männlichen Mitglieder der Familie W. innerhalb kurzer Zeit versterben. Insofern hatte Frau Güstrow doch Recht, als sie die Verlegung der Firma nicht erlaubte (sambolisch: dominant war und die eigenständige Entwicklung der jüngeren Generationen nicht zuließ), aber im Grunde war es doch eine selbsterfüllende Prophezeiung, oder?

Den Titel würde man zunächst auf Ingo Flemming und Alexander beziehen wollen, aber am Schluss weiß man, wie ausgefuchst mehrdeutig er ist: Mindestens die Beziehung von Frau Güstrow, die ihre vermutlich sowieso nicht vorhandenen Emotionen gegenüber ihrem schmachtenden Verehrer nie so recht ausdrücken konnte, ist ebenso gefährlich. Eigentlich ein guter Tatort über emotionale Nehmer und Geber und Defizite, die zu jenen Tragödien führen, die uns in „Gefährliche Freundschaft“ gezeigt werden. Schade, dass die Ideen nicht so ausgeführt werden, dass der Film richtig zupackt. Ivan Desny hat leider nur einen kleinen Auftritt und ist auch nicht der Böse, wie einst bei Kressin.

6,5/10 

Aus der Vorschau 

In „Gefährliche Freundschaft“ hat es Flemming nicht nur mit seinem zum finanziellen Desaster und zu unvorschriftsmäßigem Handeln im Dienst neigenden Assistenten zu tun, sondern auch noch  mit seinem eigenen Sohn.

Ob es da so empathisch auf dem Revier zugehen kann, wie man es in Düsseldorf häufiger sehen konnte? Nirgendwo im Tatortland hat es damals mehr gemenschelt als in Flemmings guter Kinderstube. Davon haben Ballauf und Schenk ja dann viel mit nach Köln genommen, aber doch eine ganz andere Note reingebracht, alles wurde stylischer und mehr gleichberechtigt.  Unser bereits geschildertes Aufzeichnungsdilemma wird uns nicht daran hindern, auch diesen Tatort anzuschauen und zu rezensieren. Innerhalb von fünf Monaten und zehn Tagen  haben wir in „Crimetime“ 160 Beiträge veröffentlicht. Das ist eine noch höhere Frequenz als beim Start des ursprünglichen Wahlberliners 2011 beim Feature „TatortAnthologie“, die es am Ende auf ca. 450 Rezensionen brachte. Aber wir werden ja auch älter, wer weiß, wie viel  Zeit noch bleibt, um dies Werk zu vollenden. Ja, die Zeit, die rennt sowas von. Auch dabei: Ivan Desny. Star der 1950er und dann des Neuen Deutschen Films. Lieblings-Gegenspieler von Kressin, dem Zollfahnder, dem ersten WDR-Ermittler ab 1971. Fast 50 Jahre ist das her und 25 Jahre  hat nun „Gefährliche Freundschaften“ auf dem Buckel oder sind ins Zelluloid eingebrannt – falls damals noch auf Zelluloid gefilmt wurde.

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Besetzung und Stab

Max Ballauf – Klaus J. Behrendt
Bernd Flemming – Martin Lüttge
Alexander Weckwerth – Sebastian Rudolph
Miriam Koch – Roswitha Schreiner
Wenzel – Rolf Illig
Ingo Flemming – Thomas Flach
Stella Weckwerth – Monika Schwarz
Schönfelder – Ivan Desny

Regie – Ulrich Stark
Musik – Birger Heymann
Szenenbild – Christoph Simons
Kamera – Manfred Ensinger
Buch – Wolfgang Mühlbauer

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